Bob, der Streuner

Ihre Geschichte ging um die Welt: Als dem drogenabhängigen, obdachlosen James eines Tages ein Straßenkater über den Weg läuft, soll sich sein Leben radikal ändern. Nun hat ein ehemaliger „Bond“-Regisseur die Story zu einem Film gemacht. Wie gut BOB, DER STREUNER geworden ist, das verrate ich in meiner Kritik.Bob, der Streuner

Der Plot

Das Letzte, was James (Luke Treadaway) gebrauchen kann, ist ein Haustier! Er schlägt sich von Tag zu Tag als Straßenmusiker durch, und sein mageres Einkommen reicht gerade, um sich selbst über Wasser zu halten. Und jetzt auch noch das: Als es eines Abends in seiner Wohnung scheppert, steht da nicht wie vermutet ein Einbrecher in der Küche, sondern ein roter ausgehungerter Kater. Obwohl knapp bei Kasse beschließt James, den aufgeweckten Kater aufzupäppeln, um ihn dann wieder seines Weges ziehen zu lassen. Doch Bob hat seinen eigenen Kopf und denkt gar nicht daran, sein neues Herrchen zu verlassen. Er folgt ihm auf Schritt und Tritt. Für James ist nichts mehr, wie es war. Bob und er werden unzertrennliche Freunde, und James findet dank Bob nach und nach den Weg zurück ins Leben…

Kritik

Katzen. Irgendetwas haben diese putzigen Vierbeiner an sich, das es ihnen ermöglicht, uns Menschen mit einem Augenaufschlag um den Finger zu wickeln. Entsprechend schnell hat die Filmindustrie die Tiere für sich entdeckt. Damit meinen wir nicht die Abermillionen Minuten an niedlichem Katzenvideomaterial auf YouTube, sondern die steigende Anzahl an Filmproduktionen, in denen ein Stubentiger eine tragende Rolle spielt. In ihrer Anwesenheit wird selbst ein knallharter Drogenbaron brav wie ein Lamm (gesehen in der plüschigen Actioncomedy „Keanu“), „House of Cards“-Fiesling Kevin Spacey macht sich für die hierzulande nun im April startende Komödie „Voll verkatert“ zum Affen (oder eben zum Kater) und auf den roten Teppichen dieser Welt taucht immer öfter die mittlerweile mit einem Kultstatus versehene Grumpy Cat auf. Dass Katzen uns jedoch nicht bloß bespaßen, sondern tatsächlich Leben retten können, erfuhr der drogenabhängige Brite James Bowen im Jahr 2008 am eigenen Leib. Der obdachlose Straßenmusiker war zum damaligen Zeitpunkt das, was man wohl eine gescheiterte Existenz nennt. Erst, als sich eines Abends ein von ihm später Bob getaufter Straßenkater an seine Fersen heftet, nahm sein Leben eine Wendung. Das Besondere: Diese Geschichte ist trotz ihres Weihnachtsmärchen-Charmes so tatsächlich passiert. Der ehemalige „Bond“-Regisseur („Der Morgen stirbt nie“) Roger Spottiswoode hat den dazugehörigen Tatsachenroman „Bob, der Streuner“ nun für die Leinwand adaptiert. Dabei herausgekommen ist ein herausragend authentisches Porträt über einen Menschen und seinen Kater, das die niederschmetternden Momente aus Drogenentzug und Obdachlosigkeit ebenso wenig ausspart, wie die innige Liebe zwischen Mensch und Tier.

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James (Luke Treadaway) bringt den verletzten Straßenkater zum Tierarzt – und opfert dort sein letztes Hemd.

Sich an die Kombination aus zwei  ganz unterschiedlichen Genres zu wagen, verleiht einem Film ja oftmals erst die richtige Würze. Roger Spottiswoode lässt in „Bob, der Streuner“ allerdings derart konträre Töne aufeinander prallen, dass dieses Experiment unter weniger fähiger Hand auch so richtig hätte in die Hose gehen können. Der Filmemacher fängt die Abgründe von James‘ „Drogenkarriere“ so brutal-ungeschönt ein, dass die heftig anzusehenden Szenen gar an den Klassiker „Trainspotting“ erinnern. Auch die Aufeinandertreffen zwischen James und seinem ihn abweisenden Vater sind in ihrer herzlosen Radikalität absolut verstörend.  Dass „Bob, der Streuner“ auf der anderen Seite so liebevoll, sanft und subtil romantisch gerät, verleiht den niederschmetternden Drama-Szenen eine umso stärker nachwirkende Bedeutung. Trotzdem sorgt das Skript von Tom John („Dr. Jekyll und Ms. Hyde“) und Maria Nation zu jedem Zeitpunkt für einen alles andere als verklärenden Ausgleich zwischen menschlichem Drama und optimistischer Story-Entwicklung. Auf einen Schritt nach vorn folgen für James nämlich zunächst immer zwei zurück. Erst mit der Zeit beginnen sich die Fortschritte und Rückschläge auszugleichen; nicht, weil aus dem einstigen Pechvogel plötzlich ein Glückspilz wird, sondern weil das Drehbuch die Charakterentwicklung des Protagonisten äußerst genau und absolut authentisch nachzeichnet. Da wird das ansonsten so inflationär gebrauchte „Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt“ plötzlich zu einer absolut greifbaren Versinnbildlichung von James‘ Gefühlslagen.

Bemängelten wir erst vor Kurzem noch den fehlenden Mut, mit echten Katzen zu drehen und stattdessen lieber auf Computeranimation zurückzugreifen („Voll verkatert“), spielt in „Bob, der Streuner“ nicht einfach nur eine echte Katze mit. Bob spielt sich sogar selbst. Dabei mussten die Filmemacher ihn gar nicht zu besonderen Verrenkungen animieren. Bobs Anwesenheit allein sorgt selbst in den dunkelsten Stunden für allgemeine Behaglichkeit. Spottiswoode lässt sich immer wieder Zeit, um das Geschehen direkt an der Seite des Katers beobachten. Mit der Idee, einige Szenen sogar direkt aus der Sicht des Vierbeiners zu filmen, gewinnt „Bob, der Streuner“ dann auch noch zusätzlich an Nähe zu den Figuren. Ob der rote Stubentiger nun schnurrend auf einer Couch liegt, mit seinem Menschen durch die Fußgängerzone tapst oder einfach nur seine Umgebung beäugt: Bob wird zur stillen Triebfeder der Ereignisse, ohne dass er das Geschehen direkt beeinflusst. Damit gelingt es ihm sogar, sämtlichen anderen Darstellern die Show zu stehlen, auch wenn eine Ruta Gedmintas („The Strain“) als James‘ On-Off-Freundin (und Katzenhaarallergikerin!) Belle ebenso beeindruckend ungekünstelt spielt, wie Luke Treadaway („Unbroken“), der nicht bloß Bob, sondern auch den ganzen Film mühelos auf seinen Schultern trägt.

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James und Bob verzaubern als Straßenmusiker ihr Publikum.

In einer Sache überrascht Spottiswoodes inszenatorischer Ansatz dann aber doch so sehr, dass wir dem Zuschauer zuliebe an dieser Stelle darauf hinweisen müssen, um böse Überraschungen vorzubeugen. Wenngleich „Bob, der Streuner“ hierzulande durchaus als eine Art Wintermärchen vermarktet wird (und der Ausgang der bekannten Geschichte auch definitiv dazu einlädt, das Geschehen so aufzubereiten), schreckt der Regisseur auch vor äußerst drastischen Bildern nicht zurück. Die Bilder von James‘ kaltem Entzug sind selbst für Erwachsene nur schwer zu ertragen. Die von der FSK festgelegte Altersfreigabe von 12 Jahren ist daher definitiv zu beachten. „Bob, der Streuner“ ist weitaus beklemmender, als man es ihm zunächst zutraut, denn auf der gesamten Klaviatur des Gefühlskinos zu spielen, wie es der Regisseur hier unternimmt, gehört eben auch die Berücksichtigung der tiefsten von ihnen. Visuell kann Spottiswoode beide Extreme hervorragend vereinen. Dominiert in den niederschmetternden Szenen eine Tristesse die Szenerie, die sich wie Blei auf das Gemüt legt, kommt es dem Film an anderer Stelle zugute, dass sich der Hauptteil der Handlung zur Weihnachtszeit abspielt. In den beschwingteren Filmminuten verzaubert das Flair der verschneiten und geschmückten Londoner Innenstadt das Publikum genau so, wie es wohl jeder Weihnachtsfilm irgendwann tut.

Fazit: Man stelle sich vor, John Carney hätte ein Weihnachtsmärchen wie „Paddington“ inszenieren wollen, parallel dazu aber „Trainspotting“ gesehen und würde beide Filme nun miteinander kombinieren – herauskommt ein ungeschöntes Drogendrama, das bei aller Traurigkeit immer noch einen beachtlichen Optimismus ausstrahlt und auf die Sehgewohnheiten des Publikums keinerlei Rücksicht nimmt.

„Bob, der Streuner“ ist ab dem 12. Januar in den deutschen Kinos zu sehen.

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