Every Thing Will Be Fine

Nach seiner preisgekrönten Tanzdoku „Pina“ greift der deutsche Filmemacher Wim Wenders auch für sein namhaft besetztes Charakterdrama EVERY THING WILL BE FINE auf die Dreidimensionalität zurück, um das äußerst unspektakuläre Leinwandgeschehen lebensecht und publikumsnah zu gestalten. Weshalb sich sein Film dennoch der Masse verschließt und was das Besondere an der Geschichte ist, verrate ich in meiner Kritik.

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Der Plot

Ein Winterabend. Eine Landstraße. Es schneit, die Sicht ist schlecht. Aus dem Nichts kommt ein Schlitten einen Hügel herunter geglitten. Eine Vollbremsung, der Wagen kommt zum Stand. Stille. Den Schriftsteller Tomas (James Franco) trifft keine Schuld an diesem tragischen Unfall, ebenso wie den kleinen Christopher, der besser auf seinen Bruder hätte aufpassen können, oder Kate (Charlotte Gainsbourg), die Mutter der beiden, die die Kinder früher hätte ins Haus rufen sollen. Tomas fällt in ein tiefes Loch. Die Beziehung zu seiner Freundin Sara (Rachel McAdams) zerbricht an der Belastung. Tomas rettet sich in sein Schreiben. Aber darf er dazu Erfahrungen verarbeiten, die das Leiden anderer einbeziehen? Der Film folgt seinem Versuch, dem Leben wieder einen Sinn zu geben und eine eigene Familie aufzubauen. Genau so folgt er auch Kate und Christopher, bis der 17 Jahre alt ist und sich entschließt, diesen Fremden wiederzusehen, den er nur einmal, an jenem verhängnisvollen Abend, getroffen hat.

Kritik

Wim Wenders‘ vielschichtige Charakterstudie „Every Thing Will Be Fine“ ist ein Film der Kontraste. Wo der 3D-Effekt normalerweise dem großen Blockbusterkino vorbehalten ist, nutzt der deutsche Filmemacher ihn nach seiner preisgekrönten Tanzdoku „Pina“ hier ein zweites Mal und nimmt seinem Film mithilfe der dritten Dimension im wahrsten Sinne des Wortes die Eindimensionalität. Auch sein Starensemble steht und fällt mit einer Handvoll Hollywoodstars, die sich mit Ausnahme der französischen Edelaktrice Charlotte Gainsbourg („Heute bin ich Samba“) gegen ihr von Hollywood aufgezwungenes Image stemmen. Teilzeitcomedian James Franco („The Interview“), der ohnehin für seine schauspielerische Wandelbarkeit bekannt ist, gibt einen von der Melancholie zerfressenen Autor zum Besten. Die kaum als sie selbst zu erkennende Rachel McAdams gefällt in ihrer äußerst zurückhaltenden Rolle, Peter Stormare („Hänsel & Gretel: Hexenjäger“) wird zum senilen Alten und einzig Charlotte Gainsbourg bleibt ihres scheu-verhuschten Rollenschemas treu und begeistert doch ein weiteres Mal. Genau wie das 3D, das die Geschichte wie eine zusätzliche Farbe umhüllt, hat Wenders auch seinen Cast hervorragend im Griff. Sie alle sind Teil eines Films, dessen Ausdrucksstärke nicht von irgendwelcher Effekthascherei herrührt, sondern von seinen Dialogen und nuanciert gewählten Details im Spannungsverlauf lebt. „Everything Will Be Fine“ setzt alles auf eine Karte, die in diesem Fall mit dem Gemütszustand der Figuren gleichzusetzen ist und stellt existenzielle Fragen über unser aller Vergänglichkeit, aber auch über Schuld, Sühne und differenziert zwischen Vergeben und Vergessen.

In „Everything Will Be Fine“, zu Deutsch: „Alles wird gut“, ist der Name Programm. Schon früh im Handlungsverlauf konfrontiert uns der Regisseur mit einem ganz und gar furchtbaren Ereignis, dem man als Zuschauer wohl kaum neutral gegenüber stehen kann. Wim Wenders fordert sein Publikum mit simplen Mitteln zu einer persönlichen Stellungnahme auf, von der nach und nach der emotionale Verlauf des Streifens abhängig ist.  Je nachdem, wie man das Verhalten von Hauptfigur Tomas für sich selbst beurteilt, ob man seine Taten für richtig befindet oder der Protagonist in den eigenen Augen zum perspektivlosen Egomanen verkommt, nimmt auch der Film vollkommen unterschiedliche Positionen ein. Wenders erzählt dabei ebenso aus der Sicht von Tomas, aber auch aus der seiner Angehörigen und jongliert nebenher gekonnt mit verschiedenen Genreeinflüssen. Durch die moralisch zwiespältige Thematik, aber auch aufgrund der technisch äußerst visierten Ausstattung in Bild und Ton hat sein Film die atmosphärische Dichte eines Thrillers. Aus Plotsicht erzählt „Every Thing Will Be Fine“ jedoch astreinen Dramastoff, der nie darauf aus ist, die Erwartungen des Publikums aktiv zu unterwandern. Wenngleich Wenders‘ Inszenierung wenig vorhersagbar daherkommt, so muss der Zuschauer die harsche Brechung der wabernden Atmosphäre, geschweige denn Abwandlung des im Horrorfilm so beliebten Jump-Scares nicht fürchten. Darüber hinaus schreitet die Geschichte in einer Langsamkeit voran, dass sich „Every Thing Will Be Fine“ durch den fast schon lethargischen Stimmungsaufbau automatisch dem Mainstream verschließt und vom Publikum viel Sitzfleisch fordert.

Lange Zeit lassen uns Regisseur Wenders und Drehbuchautor Bjørn Olaf Johannessen darüber im Unklaren, wie sie selbst zu der Aussage, dass am Ende alles gut wird, stehen. Überhaupt forciert „Every Thing Will Be Fine“ diese Frage nicht einmal und nimmt diese Aussage allenfalls zum Dreh- und Angelpunkt, um anhand dieser ein emotionales Konstrukt zu entwerfen, das beschreibt, auf welch unterschiedliche Weise Tragödien verarbeitet werden können. Im Grunde ließe sich die doppeldeutige Aussage des Titels ebenso gut mit dem geläufigen Sprichwort „Zeit heilt alle Wunden“ umschreiben, denn genau wie die Hoffnung auf eine psychologische Heilung jedweder in den tragischen Unfall involvierter Personen steht über allem doch auch der Appell an Tomas, trotz dieser emotionalen Ausnahmesituation die Belange seiner Umwelt nicht aus den Augen zu verlieren. Dass es besonders darum geht, macht ein Gespräch zwischen Francos und Gainsbourgs Figuren deutlich, in dessen Ablauf von Schuldzuweisungen nicht die Rede ist. Der Zuschauer betrachtet das Geschehen von außen, maßt sich die Bewertungen des Verhaltens an und bekommt durch das betörend simple Spiel von Gainsbourgs Figur doch vor Augen geführt, dass es für menschliche Tragödien kein Allheilmittel gibt. So ist es vor allem die Erkenntnis über die eigene Vergänglichkeit, die bleibt, wenn man all die versuchten Schuldzuweisungen komplett außer Acht lässt.

Every Thing Will Be Fine

„Every Thing Will Be Fine“ ist ein Film, bei dem trotz 3D-Effekt wenig auf der Leinwand passiert. Der dialoglastige Streifen lebt vom Beobachten der Szenerie und von der verhältnismäßigen Einordnungen der ganz unterschiedlichen Gespräche der verschiedenen Charaktere, was sich bis zuletzt auch auf die inhaltliche Intensität auswirkt. Die Dreidimensionalität, die hier insbesondere durch einen enormen Tiefeneffekt besticht, betont den Gemütszustand der Figuren kraftvoll und unterstreicht die Herkunft des Films als akribische Charakterstudie. Kameramann Benoît Debie („Spring Breakers“), der für seine psychedelisch-paralysierenden Bildgewalten bekannt ist, fährt seine exzentrische Arbeit hier ganz bewusst auf ein Minimum herunter und ist mit seiner Kamera immer ganz nah an den Figuren. Er setzt viel auf Detailarbeit und nutzt die Räume seiner Charaktere optimal aus. Gerade durch das 3D entsteht zusätzlich immer wieder der Eindruck von Leere, was den Ton von „Everything Will Be Fine“ immer dann unterstreicht, wenn sich Wenders erneut ganz simpel auf seine Figuren konzentrieren will. Der kürzlich mit einem Oscar ausgezeichnete Komponist Alexandre Desplat („Grand Budapest Hotel“) liefert dazu einen schwelgerischen Score, der in seiner Mischung aus aufbrausender Wucht und zurückhaltendem Minimalismus zu den besten seiner bisherigen Karriere gehört.

Fazit: Lange hat man Hollywoodstar James Franco und seine namhaften Kollegen nicht mehr so konzentriert gesehen. Für die europäische Produktion „Every Thing Will Be Fine“ kreiert Regisseur Wim Wenders ein Szenario, das man als Zuschauer entweder für richtig, oder falsch befinden kann. Mit diesem konsequenten Verweigern einer emotionalen Grauzone wird das Publikum aktiv zum Mitdenken aufgefordert und mit einem Film belohnt, dessen Plot sich an der eigenen Einstellung entwickelt und somit aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden kann. Ummantelt von einem technisch herausragenden Erscheinungsbild ist „Every Thing Will Be Fine“ kein Film für die Masse, aber ein Geschenk für Cineasten.

„Everything Will Be Fine“ ist ab dem 02. April in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen – auch in 3D!

Erschienen bei Quotenmeter.de

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