Eddington
Ari Aster meldet sich mit EDDINGTON zurück und diesmal zielt er mitten ins brodelnde Herz unserer Gegenwart. Zwischen Pandemie-Paranoia, Populismus und digitalem Wahnsinn entfacht er ein Genre-Gemisch, das ebenso provokant wie unberechenbar ist. Ein Film, der keine Antworten geben will – und dadurch hin und wieder auch frustriert.
Darum geht’s
Mai 2020: Wie auch im Rest der Welt dominiert in der fiktiven Kleinstadt Eddington, New Mexico, die Corona-Pandemie das Geschehen. Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix) lehnt staatliche Vorgaben wie die Maskenpflicht ab, da er seine persönliche Freiheit gefährdet sieht. Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal) plant gleichzeitig den Bau eines Rechenzentrums als Teil seines Wahlkampfs. Joe lebt zusammen mit seiner emotional instabilen Frau Louise (Emma Stone) und deren Mutter Dawn (Deirdre O’Connell), die Verschwörungstheorien anhängt und den radikalen Kultführer Vernon Jefferson Peak (Austin Butler) verehrt. Um als potenzieller Bürgermeister gegen Ted anzutreten, holt Joe die Polizisten Guy (Luke Grimes) und Michael (Micheal Ward) als Wahlkampfhelfer ins Boot. Doch die Lage in Eddington verschärft sich und die Stadt gerät zunehmend ins Chaos.
Kritik
Nachdem Ari Aster mit seinen ersten beiden Filmen „Hereditary“ und „Midsommar“ gleich zwei der besten Horrorfilme der Nach-Nullerjahre vorgelegt hatte, überraschte er mit seiner dritten Regiearbeit „Beau is Afraid“ umso mehr – und blieb mit dem wahnwitzigen Joaquin-Phoenix-Vehikel auch ein Stückweit hinter den Erwartungen zurück. Denn trotz seiner erneut überbordend-fantastischen Inszenierung konnte die dreistündige Sinnsuche eines Außenseiters mit Hang zu Paranoia nicht an die Brillanz bisheriger Aster-Werke anknüpfen. Vor allem das letzte, viel zu lange Drittel enttäuschte nach einem erinnerungswürdigen Auftakt mit überdeutlichen Anleihen an so abgefuckte Filmwelten wie etwa jene aus „Hobo with a Shotgun“. Umso gespannter durfte man sein, welche Genregefilde Aster als Nächstes betreten würde. Denn allein fürs Horrorkino scheinen seine geistigen Ergüsse schließlich nicht reserviert zu sein. Und so kommt es nun auch: Mit „Eddington“ wagt sich Aster in ein Gebiet vor, irgendwo zwischen Western, morbider Satire und Verschwörungsdrama – angesiedelt zu Hochzeiten der Corona-Pandemie. Wie Aster mehrmals in Interviews zu Protokoll gab, ist „Eddington“ allerdings mitnichten eine Reaktion auf die Zeit, in der das Covid-Virus die ganze Welt um den Verstand brachte. Stattdessen stellte er das Drehbuch zum Film bereits fünf Jahre vor der Entstehung von „Hereditary“ fertig und kramte es 2020 wieder hervor, um den „Zustand von Angst und Sorge über die Welt“ in sein Skript miteinfließen zu lassen.
Genau das ist Ari Aster gelungen. Anstatt einfach nur einen „Corona-Film“ zu inszenieren, geht es in „Eddington“ um noch vieles mehr, was die gegenwärtige Gesellschaft rund um den Globus so beschäftigt. Vor allem Themen wie Spaltung und digitale Entfremdung werden in „Eddington“ aufgegriffen, um die allgegenwärtige Angst vor der Gegenwart zu reflektieren. In den zweieinhalb Stunden Laufzeit bürdet sich Ari Aster ganz schön viel auf. Schließlich gab es während der Corona-Hochphase längst nicht nur so einfache Satire-Opfer wie Menschen, die ihre Maske nicht ordentlich über Mund und Nase trugen. Vor allem der (Online-)Mob, der sich in „Eddington“ nach und nach formiert und sich von abstrusen Verschwörungstheorien nähert, greift auf erschreckend-realistische Weise um sich und wird so zum heimlichen Hauptthema des Films. Dadurch funktioniert „Eddington“ allen voran als Warnung vor dem Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Dafür kreiert Ari Aster immer wieder Motive von erschreckender Aktualität. Wenn sich die von Joaquin Phoenix („Joker: Folie à Deux“) gespielte Hauptfigur des konservativen Sheriffs in seinem Wahlkampf um die Position als Bürgermeister dazu hinreißen lässt, seinem Kontrahenten Ted Garcia mittels imageschädigender Schmutzkampagne massiv zu schaden, dann erinnert das unweigerlich an die Wahlkämpfe aktueller Zeit, in denen die Wähler:innen nicht mehr auf fachliche Inhalte anspringen, sondern über Brachialpopulismus für sich zu gewinnen sind.
„Dominierte bei ‚Eddington‘ bis dato noch der satirisch-überhöhte Blick auf eine Gesellschaft, die – mit einer Pandemie als Brandbeschleuniger – sukzessive in den Wahnsinn abzugleiten scheint, macht die Story auf der Zielgeraden Platz für einen ‚Rambo‘-ähnlichen Showdown.“
Eine innerhalb des Films perfekt platzierte Ohrfeige, die sich – im wahrsten Sinne des Wortes – wie ein Befreiungsschlag für die Gerechtigkeit anfühlt, wird schließlich zum Wendepunkt für Sheriff Joe Cross, der ganz plötzlich Konsequenzen für sein Handeln fürchten muss. Parallel dazu begibt dieser sich im Wahlkampf-Wahn immer weiter in zwielichtige Gefilde, bis er schließlich auch vor einer brutalen Gewalttat nicht zurückschreckt. Dominierte bei „Eddington“ bis dato noch der satirisch-überhöhte Blick auf eine Gesellschaft, die – mit einer Pandemie als Brandbeschleuniger – sukzessive in den Wahnsinn abzugleiten scheint (selbst Joes bei ihm wohnende Schwiegermutter hat sich längst in reichlich zwielichtigen Internet-Foren und YouTube-Videos verloren), macht die Story auf der Zielgeraden Platz für einen „Rambo“-ähnlichen Showdown – mit einem zwar angemessen zynischen, aber doch auch viel zu langen Epilog als Ausklang. Man kann Ari Aster definitiv nicht vorwerfen, in „Eddington“ nicht wieder alles zu riskieren. Damit steht der Neo Western am ehesten noch in der Tradition von „Beau is Afraid“. Seine Horrorwurzeln finden sich eher in der Präzision, mit der Aster kollektive Verdummung, das Schüren von Hass und gesellschaftliche Spaltung veranschaulicht.
Die angerissenen Thematiken rauschen wie ein Dauerfeuer über die Köpfe des Publikums hinweg. Dass da nicht jedes gleichermaßen seine Wirkung entfalten kann, ist selbstverständlich. Gleichwohl hat jedes von ihnen seinen Reiz. Und Ari Aster gelingt es, auf wirklich jede Position des aktuellen weltpolitischen Diskurses einzudreschen. Selbst die Black Lives Matter-Bewegung wird hier irgendwann zur Zielscheibe, mit deren Hilfe der Filmemacher die ideologischen Gräben noch einmal ganz bewusst unterstreicht. Rassismus, Ungleichheit, Frust auf das Establishment und das Misstrauen gegenüber Institutionen – all das findet sich in der Beobachtung der außer Kontrolle geratenen Ereignisse wieder. Dafür müsste es übrigens gar nicht zwingend um Black Lives Matter gehen, es täte auch jede andere (fiktive) Protestbewegung. Doch mit dieser Wahl gießt Ari Aster noch einmal Öl ins ohnehin schon hoch auflodernde Feuer. Dass er mit „Eddington“ Gefahr läuft, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen, scheint Aster ohnehin einkalkuliert zu haben. Oder wie er es in einem Interview so treffend formulierte: Es ging ihm darum, die „radikalen Partikel“ in der fiktiven Stadt Eddington freizusetzen – und dann zu schauen, was passiert. Und anstatt nur die eine Seite anzuprangern, war es ihm wichtig, vor allem die Dynamik abzubilden, mit der sich Menschen in unterschiedlichen Blasen verlieren können.
„Dabei kann sich Ari Aster nicht so ganz von dem Vorwurf lossagen, mit seiner Gedanken anregenden Satire durchaus auch plumpe Motive zu kreieren. Vor allem die Charakterzeichnungen sämtlicher Figuren ist zweckdienlich für ihren Platz im Diskurs geschrieben.“
Dabei kann sich Ari Aster nicht so ganz von dem Vorwurf lossagen, mit seiner Gedanken anregenden Satire durchaus auch plumpe Motive zu kreieren. Vor allem die Charakterzeichnungen sämtlicher Figuren ist zweckdienlich für ihren Platz im Diskurs geschrieben. Der konservative Joe Cross, der nichts von Maskenpflicht oder Ausgangssperren hält. Sein liberaler Gegner Ted Garcia, der sich lösungsorientiert und volksnah gibt. Joes depressive, leicht vom Internet verführbare Frau Louise samt Mutter. Und schließlich der sicher nicht zufällig an Charles Manson erinnernde, radikale Prediger Vernon Jefferson Peak, gespielt von Austin Butler („Caught Stealing“), der seine privaten Erzählungen geschickt mit gängigem Verschwörungssprech verwebt, um damit neue Mitglieder zu gewinnen. Ari Aster profitiert hier klar von seinem spielfreudigen Ensemble. Vor allem Pedro Pascal („Fantastic Four: First Steps“) gelingt es, seiner in diesem exzentrischen Charakterreigen eher unauffälligen Figur Charisma und Wiedererkennungswert abzugewinnen. Joaquin Phoenix hat dagegen erneut viel Freude daran, nach „Beau is Afraid“ ein weiteres Mal für Ari Aster den Verstand zu verlieren. Bis zuletzt eindimensional bleibt indes Joes von Emma Stone („Bugonia“) gespielte Gattin, die sich allzu leicht von Vernon Peak umgarnen lässt – und es damit nicht nur ihm, sondern auch dem Publikum in der Betrachtung viel zu leicht macht. Hier hätte „Eddington“ ausnahmsweise mal noch unbequemer ausfallen dürfen.

Im Internet geraten Louise (Emma Stone) und ihre Mutter Dawn (Deirdre O’Connell) immer tiefer in den Sog von Verschwörungstheorien.
Fazit: Ari Aster liefert mit „Eddington“ ein ebenso wuchtiges wie widersprüchliches Werk, das seine Ambition ebenso deutlich zeigt wie seine erzählerischen Überladungen. Trotz eindringlicher Motive und starker Ensembleleistungen verliert sich der Film immer wieder in groben Zuspitzungen, die seine satirische Schärfe verwässern. Gleichwohl beeindruckt Asters kompromissloser Blick auf gesellschaftliche Spaltungen und digitale Radikalisierung, der nachhaltig verstört. Am Ende bleibt „Eddington“ ein mutiges, aber auch unausgewogenes Experiment, das mehr durch seine Ideen als durch seine Form überzeugt.
„Eddington“ ist ab dem 20. November 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.


