Malignant

Dass ein Filmemacher einen derartigen Freifahrtschein erhält wie James Wan für MALIGNANT kennt man heutzutage fast nur noch von Streamingdiensten wie Netflix. Trotzdem hat es die Giallo-Hommage des „Conjuring“- und „Saw“-Schöpfers nun unter Warner-Flagge ins Kino geschafft. Und schon dafür sollten wir dankbar sein – trotz kleiner Schwächen. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Malignant (USA/CHN/ROU 2021)

Der Plot

Als hätte die hochschwangere Madison (Annabelle Wallis) nach drei Fehlgeburten nicht schon genug mit ihrer werdenden Mutterrolle zu tun, muss sie sich auch noch gegen die körperlichen und physischen Attacken ihres gewalttätigen Ehemanns zur Wehr setzen. Eines Abends gipfelt diese toxische Beziehung in einen handfesten Streit; Doch noch bevor die junge Frau Hilfe rufen kann, wird ihr Peiniger von einem unheimlichen Killer brutal niedergemeuchelt. Madison, die diesen Vorfall mit ansehen musste, trägt nicht nur ein schweres Trauma davon, sondern verliert dabei auch ihr ungeborenes Kind. Fortan depressiv lässt Madison nur noch ihre Schwester (Maddie Hasson) an sich heran, der sie auch von ihren furchtbaren Visionen erzählt. Immer wieder erlebt sie die Morde an ihr fremden Menschen vor ihrem eigenen Auge mit – und fühlt sich auch von dem Killer selbst verfolgt. Gemeinsam mit zwei zunächst misstrauischen Cops (George Young, Michole Briana White) versuchen die beiden Frauen, den unheimlichen Albträumen auf den Grund zu gehen…

Kritik

Eine der größten Stärken von Autor und Regisseur James Wan ist es, dass er die Ansprüche jener Zielgruppe, die er mit seinen Filmen bedient, ganz genau kennt und diese trotzdem nicht einfach nur bedient, sondern zu jedem Zeitpunkt sein Bestes gibt. Beispiel: „Conjuring“: Als der mittlerweile im Big-Budget-Hollywoodkino angekommene Filmemacher mit dem Haunted-House-Grusler eine der erfolgreichsten Horrormarken der Geschichte auf den Weg brachte, zeigte er eigentlich nur das, was seine Zuschauer:innen durch Filme wie „Amityville Horror“ längst kannten: Doch die üblichen Motive – unerklärliche Bewegungen von Gegenständen, flackernde Lichter und unheimliche Schatten – bereitete Wan auf eine derart intensive, das Horrorkino an sich zelebrierende Weise auf, dass „Conjuring“ trotzdem zu einem der gruseligsten Filme seines Jahrgangs avancierte; was Wan mit dem direkten Nachfolger sogar noch einmal zu unterstreichen wusste. All das gilt auch für seine weiteren Genrefilme. Und mit „Saw“, seinem Langfilmdebüt, legte er sogar den Grundstein für ein neues Subgenre. Dass es für ihn dank seiner Kassenerfolge „Fast & Furious 7“ sowie „Aquaman“ offenbar ein Leichtes war, von einem Hollywoodstudio wie Warner Bros. eine nicht unansehnliche Summe von Produktionsgeldern zusammenzukratzen, um einen kleinen, dreckigen Horrorbastard (als der er in frühen Produktionsphasen zumindest verkauft wurde) mit großer Vermarktungsgrundlage zu inszenieren, ist an sich schon ein ähnlicher Triumph wie die Existenz von James Gunns Version von „The Suicide Squad“. Mit dem kleinen Unterschied, dass Wan – zumindest in der Anfangsphase seines Films – eben doch ebenjene Zugeständnisse an ein Mainstreampublikum macht, die wir von „Malignant“ eigentlich nicht erwartet hätten. Das muss allerdings nicht zwingend Schlechtes bedeuten…

Madison (Annabelle Wallis) weiß nicht mehr, was echt ist und was Einbildung… 

James Wan ist Horrorfan durch und durch. Wer da bisher dran zweifelte, weil er abseits von „Saw“ vorwiegend genrekonforme (wie erwähnt nichtsdestotrotz extrem stark inszenierte) Filme gemacht hat, der wird nun mit „Malignant“ eines Besseren belehrt. Dabei sieht es zunächst gar nicht so sehr danach aus. Zwar verzichtet er zu Gunsten eines verwaschenen, betont farbreduzierten Looks, den man so allerdings bereits aus dem Prolog aus „Conjuring“ kennt, auf gefällige Hochglanzbilder; Erst im weiteren Verlauf gesellen sich klassische Giallo-Farbspielereien und visuelle Akzente dieser von Dario Argento und Mario Brava geprägten, italienischen Horrorfilm-Spielart dazu. So lässt sich der Film alsbald in zwei Hälften, beziehungsweise mehr noch sogar in drei Drittel aufteilen. In der ersten spult er routiniert das große Haunted-House-Einmaleins ab, wenn die Hauptfigur Madison zum ersten Mal mit dem Bösewicht – einem schlitzenden Boogeyman wie er im Buche steht – konfrontiert wird und die Einordung in irdische oder eben übernatürliche Gefilde noch nicht ganz klar ist. Mithilfe von sich wie von Geisterhand öffnender Haustüren oder sich von allein einschaltenden, technischen Geräten (was in „Annabelle“ noch eine Nähmaschine war ist in „Malignant“ eben ein Food-Pocessor) erschaffen Wan und sein Kameramann Michael Burgess („Conjuring 3: Im Bann des Teufels“) die altbewährte Paranoia vom „Sich selbst in seinen eigenen vier Wänden nicht sicher Fühlens“. Doch dank Akela Coopers („Hell Fest“) Skript, das sich in der Anfangsphase intensiv mit dem emotionalen Ausnahmezustand seiner von Fehlgeburten geplagten, vom Ehemann gepeinigten und schließlich auch noch von einem mysteriösen Killer heimgesuchten Protagonistin (stark: „Annabelle“-Hauptdarstellerin Annabelle Wallis) beschäftigt, ist einem all das zumindest nicht egal; Obwohl der erste Abschnitt von „Malignant“ klar der schwächste ist.

„Im ersten Drittel spult Wan routiniert das große Haunted-House-Einmaleins ab, wenn die Hauptfigur Madison zum ersten Mal mit dem Bösewicht – einem schlitzenden Boogeyman wie er im Buche steht – konfrontiert wird und die Einordung in irdische oder eben übernatürliche Gefilde noch nicht ganz klar ist.

Im zweiten beginnt schließlich der Wandel: James Wan lässt das Haunted-House-Kino im weiteren Verlauf weitestgehend hinter sich (für seine Verhältnisse drosselt er sogar die Jumpscare-Anzahl stark), um sich ganz dem Übergang hin zum Giallo-Kino zu widmen. Nun macht die extreme Fokussierung auf die Farben blau und rot noch nicht automatisch aus einem Horrorfilm einen Giallofilm. Doch auch auf erzählerischer Ebene besinnt sich der gebürtige Malaysier mehr und mehr auf die Versatzstücke des Giallos, indem er abseits von Madison vor allem die Ermittlungen zweier Cops in den Mittelpunkt rückt. Reduziert man den Giallo auf sein Grundgerüst, so ist das Genre vor allem für seine Krimiplots, die exzessiven Gewaltspitzen und zumeist krude-absurde Stories und Twists bekannt. Und vor allem im freidrehenden dritten Part von „Malignant“ kostet er aus, dass insbesondere die letzten beiden Bestandteile heute so kaum mehr im Hollywoodhorrorkino vorkommen. Damit macht er „Malignant“ für ein Publikum, das genau das erwartet und als dass sich der Film auch zu Beginn noch ausgibt, alsbald wahlweise unzugänglich oder aber er vermittelt den Eindruck, eine Wundertüte zu sein. Denn auch wenn längst nicht alles an der Inszenierung fruchtet, so lässt sich Wan weder ein fehlender Mut zur Konsequenz noch das Eingehen von Kompromissen vorwerfen. Etwas, was wir uns allerdings für den ganzen Film erhofft hätten…

Madison und ihre Schwester (Maddie Hasson) versuchen, herauszufinden, was hinter den Visionen steckt.

Denn apropos „Freidrehen“: Wenn Wan dies erst einmal tut, ist es schier unmöglich, die weiteren Abläufe von „Malignant“ vorherzusehen. Wenngleich er die Hinweise auf die Existenz des Killers zunächst ein wenig zu deutlich streut und es nicht wundern würde (kleiner Tipp: Verzichtet unbedingt im Vorfeld darauf, den Filmtitel durch den Google-Übersetzer zu jagen, denn hinter einem der Vorschläge versteckt sich ein massiver Spoiler!), sollten Teile des Publikums da draußen mehr oder weniger genau vorhersagen können, wohin die Reise gehen wird. Uns kam dabei übrigens der Vergleich mit dem ersten „Harry Potter“-Film in den Sinn, aber keine Sorge: Diese Parallele wird sich euch erst erschließen, wenn ihr „Malignant“ gesehen habt. Doch die Story definiert sich hier ohnehin weniger über das Was als vielmehr über das Wie. Und so geht es weniger darum, mitzuknobeln, wer da eigentlich in dem Killerkostüm steckt (die Auflösung ist prädestiniert dafür, die Gemüter zu spalten!), als vielmehr um den Spaß, Wan dabei zu beobachten, wie er mit seinen Figuren immer genau das anstellt, worauf er gerade Bock hat. Vor allem die an den Tag gelegte Gewalt, die allerdings längst nicht so hart ist wie erwartet, spiegelt seinen Mut wider, hier mehr und mehr auf das verzichten zu dürfen, was man sonst von ihm erwartet als auch gewohnt ist. Das findet seinen Gipfel in einer wilden Schießerei auf einer Polizeiwache, die in ihrer Stilistik an ein Videospiel erinnert, aufgrund der Rückwärts-Bewegungen (!) des Killers gleichzeitig, aber auch massive Mindfuck-Qualitäten besitzt. Da verzeiht man es „Malignant“ auch, dass er gen Ende hin einfach kein Ende findet.

„Die Story definiert sich weniger über das Was als vielmehr über das Wie. Und so geht es weniger darum, mitzuknobeln, wer da eigentlich in dem Killerkostüm steckt, als vielmehr um den Spaß, Wan dabei zu beobachten, wie er mit seinen Figuren immer genau das anstellt, worauf er gerade Bock hat.“

Inwiefern „Malignant“ eine Fortsetzung ereilt, können wir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht beurteilen. Abgesehen vom Einspielergebnis besitzt die Killerfigur schon ein Stückweit das Potenzial, ein Franchise auf seinen Schultern zu tragen. Dafür sorgt im Alleingang das Design. Gleichwohl ist die Story rund um die eigentliche Hauptfigur Madison nach diesem Film auserzählt. Doch Wan wäre nicht Wan (oder eben Warner Bros. nicht Warner Bros.), würde man sich nicht doch eine Art Hintertürchen offenlassen. Mal sehen, wie „Malignant“ beim Publikum ankommt…

Fazit: „Malignant“ hat als Giallo-Hommage immer dann Schwächen, wenn James Wan sich doch zu sehr auf sein bewährtes Hollywoodhandwerk besinnt. Dreht er allerdings erstmal frei, entwickelt sich der Horrorschocker in eine Wundertüte, der man alles, aber auch wirklich alles zutraut.

„Malignant“ ist seit dem 2. September 2021 in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Mir gefällt die Kritik, nicht der Film. Auch wenn ich mich der Kritik nicht anschließen kann. Im Gegensatz zu dem hervorragenden Conjuring kann ich überhaupt nichts mit dem Film anfangen. Allerdings halte ich auch die Giallo Filme für stark überbewertet.
    Dachte auch direkt bei der ersten Szene das es wohl eine Film im Film Szene sein müsste 😂
    Super langweilig und schlecht (auch wenn vermutlich absichtlich so) inszeniert (Spannungsaufbau, Einsatz von Musik, Schauspiel, etc.)
    Zumindest war er recht konsequent, das kann man nicht abstreiten.

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