Minari – Wo wir Wurzeln schlagen

Im diesjährigen Awardrennen genießt Lee Isaac Chung autobiographisch eingefärbtes Einwandererdrama MINARI – WO WIR WURZELN SCHLAGEN Favoritenstatus. Grund genug, sich die US-amerikanische Produktion, die in diesem Jahr den Golden Globe als „Bester fremdsprachiger Film“ gewann, einmal genauer anzusehen. Mehr über ihn erfahrt ihr in unserer Kritik.

OT: Minari (USA 2020)

Der Plot

Jacob (Steven Yeun) beschließt, mit seiner koreanisch-amerikanischen Familie aus Los Angeles auf eine kleine Farm in Arkansas zu ziehen. Während er die wilden Ozarks als das gelobte Land ansieht, fühlen sich seine Frau Monica (Ye-Ri Han) und die Kinder David (Alan Kim) und Anne (Noel Kate Cho) fremd in der neuen Heimat. Das Zusammenleben der Familie wird urplötzlich auf den Kopf gestellt, als die schlaue, schlagfertige und unglaublich liebevolle Großmutter Soon-Ja (Yuh-Jung Youn) ihre Heimat Korea verlässt und zu ihnen in die USA zieht. In ihrem neugierigen, aufmüpfigen Enkelsohn David findet Soon-Ja mit der Zeit einen Verbündeten. Zusammen gelingt es ihnen, das magische Band zwischen den Familienmitgliedern trotz aller Rückschläge und Schwierigkeiten immer wieder neu zu knüpfen und ihnen dadurch den Weg in eine hoffnungsvolle gemeinsame Zukunft zu ebnen.

Kritik

Lange bevor sich „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ durch seine unzähligen Nominierungen (allein sechs für den Oscar) langsam ins Bewusstsein der breiten Wahrnehmung vorarbeitete, war Lee Isaac Chungs Einwandererdrama kontroverser Bestandteil filmischer Berichterstattung. Der Grund: Das Projekt erhielt Anfang des Jahres eine Nominierung als „Bester fremdsprachiger Film“ bei den Golden Globe Awards – obwohl ein nicht unerheblicher Anteil der in „Minari“ gesprochenen Sprache Englisch ist. Die von den Golden-Globe-Statuten festgesetzte Grenze liegt hier bei 50 Prozent. Filme, deren Fremdsprachenanteil unter dieser Marke liegen, werden in dieser Kategorie nicht berücksichtigt. Und da „Minari“ diese Anforderung erfüllt, durfte er um den Fremdsprachen-Globus kämpfen – übrigens auch, obwohl der Film zu 100 Prozent mit US-amerikanischen Mitteln finanziert und daher eine (unter anderem von Brad Pitts Firma Plan B. mitbeaufsichtigte) US-Produktion ist. Doch da liegt der Teufel eben im Detail: Es heißt schließlich „Bester fremdsprachiger Film“ und nicht „Bester ausländischer Film“, wie etwa bei den Oscars. Hier wurde „Minari“ derweil direkt als „Bester Film“ nominiert. Dieses Ringen um richtige und falsche Kategorisierungen bei Filmpreisen hat zwar letztlich keinerlei Auswirkungen auf die eigentliche Qualität des Films, der zusätzliche Aufmerksamkeitsschub durch die Presseberichte dagegen dürfte Autor und Regisseur Lee Isaac Chung („Lucky Life“) derweil gelegen gekommen sein. Genauso wie der Umstand, dass die Academy seit der vergangenen Awardsaison offiziell empfänglich für asiatische Preisträger ist – war „Parasite“ 2020 noch der erste koreanische Film, dem der Sieg als „Bester Film“ gelang, könnten die ebenfalls nominierten Hauptdarsteller Steven Yeun und Nebendarstellerin Yoon Yeo-jeong nun die ersten südkoreanischen Preisträger:innen in ihrer jeweiligen Kategorie sein.

In der Kirche ihres neuen Wohnorts in Kalifornien wird die Familie freundlich empfangen.

Zwang „Parasite“ die Academy-Mitglieder:innen im vergangenen Jahr noch dazu, sich aktiv mit ihren bestehenden Sehgewohnheiten auseinanderzusetzen, macht es ihnen Lee Isaac Chung diesmal verhältnismäßig leicht, sich auf „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ einzulassen. Wenngleich in den Hauptrollen ausschließlich mit südkoreanischen Darsteller:innen bekleidet, erinnert von der Inszenierung her nichts daran, dass auch der Kopf hinter dem Projekt koreanischen Ursprungs ist und in seinem Film die Erfahrungen seiner in die Staaten immigrierten Familie hat miteinfließen lassen. Diese Nähe zur Materie ist „Minari“ genauso anzumerken, wie die Tatsache, dass der Film primär für einen US-amerikanischen Markt inszeniert wurde (wenngleich es für das lesefaule US-Publikum gewiss eine Herausforderung sein wird, rund die Hälfte der Filmlaufzeit auf Untertitel zurückgreifen zu müssen, um auch die koreanischen Parts verstehen zu können). Zu den großen Stärken gehört allen voran die präzise Beobachtungsgabe im Hinblick auf den Alltag südkoreanischer Einwander:innen in den Vereinigten Staaten sowie die im Film ununterbrochen thematisierte, innere Zerrissenheit der hier porträtierten Familie, wenn es darum geht, seinen Ursprüngen treu zu bleiben und sich dennoch nicht vor den Chancen zu verschließen, die ihnen ihre neue Heimat eröffnet. Darüber hinaus verzichtet Lee Isaac Chung gleich an mehreren Stellen darauf, „Minari“ der (zugegebenermaßen ja leider naheliegenden) Rassismusthematik zu öffnen. Wann immer die Familie auf US-amerikanische Einwohner trifft, begegnet man ihr freundlich und zuvorkommend. „Minari“ ist daher keine Abrechnung mit dem Amerikanischen Traum, sondern befasst sich vor allem damit, wie komplex das Streben nach ebendiesem für die Menschen sein kann, die sich von einem Leben in den USA ein besseres erhoffen, als in ihrer Heimat.

„Zwang „Parasite“ die Academy-Mitglieder:innen im vergangenen Jahr noch dazu, sich aktiv mit ihren bestehenden Sehgewohnheiten auseinanderzusetzen, macht es ihnen Lee Isaac Chung diesmal verhältnismäßig leicht, sich auf „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ einzulassen.“

Allen voran das hier veranschaulichte, mehrere Generationen umspannende Zusammenleben unter einem Dach bietet dem Filmemacher zahlreiche Möglichkeiten, sein Wissen um das mannigfaltige Gefühlsleben koreanischer Einwandererfamilien auf die Leinwand zu bringen. Das reicht von urkomischen Anekdoten wie dieser, dass der kleine Sohn David seiner von ihm (zunächst) verhassten Oma seinen eigenen Urin zu trinken gibt, bis hin zu sehr rührenden Momenten, zum Beispiel wenn die Kids verzweifelt versuchen, ihre Eltern vom lautstarken Streiten abzuhalten. Doch nicht allen Momenten in „Minari“ wohnt etwas derart Wahrhaftiges inne. Insbesondere die offen ausgetragenen Konflikte zwischen Jacob und seiner Frau Monica erfüllen ein wenig zu deutlich ihren Zweck, die unterschiedlichen Herangehensweisen an einen Neuanfang in der Fremde im Stile einer verschleierten Pro-Contra-Debatte herauszuarbeiten. Überhaupt scheint in „Minari“ jedes noch so kleine Drehbuchdetail seinen Zweck zu besitzen. Das kann man stark finden, weil sich die Verantwortlichen dadurch nie an Nichtigkeiten aufhalten. Gleichzeitig büßt der Film durch diese akkurate Vorausplanung, wann welche Kleinigkeit warum wieder aufgegriffen wird, ein Stückweit auch Authentizität ein. Die in „Minari“ geschilderten Abläufe sind einfach ein klein wenig zu perfekt, als dass sie am Ende als allgemeingültig durchgingen. Dadurch wirkt die Handlung bisweilen konstruierter, als es der Atmosphäre guttut.

Steven Yeun, Alan S. Kim, Yuh-Jung Youn, Ye-ri Han und Noel Cho sind der preisgekrönte Cast von „Minari“.

Symptomatisch dafür steht eine siebenminütige Szene, in der die Großmutter Soon-Ja in einem Monolog die Bedeutung des Filmtitels erklärt. „Minari“ trägt diesen in Anlehnung an die gleichnamige Pflanze, deren Besonderheit es ist, dass sie so ziemlich überall Wurzeln schlagen und sich unkrautartig ausbreiten kann. Lee Isaac Chung lässt Darstellerin Yuh-Jung Youn dieses eigentlich für sich sprechende, symbolische Bild von der koreanischen Familie, der es auch in der Fremde gelingen kann, „Wurzeln zu schlagen“, nicht bloß detailliert und mehrfach ausformulieren, sondern bebildert die Szene obendrein damit, dass Soon-Ja Samen der Minari-Pflanze an einem Bach aussät, woraufhin ebendieser Bach in der aller letzten Einstellung des Films über und über mit Minari-Ranken übersät ist. Es mag gekonnt geschrieben und inszeniert sein, wie Chung diesen Final Shot im ersten Filmdrittel vorbereitet, um in den letzten Filmsekunden den Kreis zu schließen. Und doch unterstreicht auch diese Entscheidung – erst recht in Kombination mit der penetrant vorgekauten Bedeutsamkeit des Titels – wie stark „Minari“ die Sehgewohnheiten eines breiten (und primär US-amerikanischen) Publikums bedient. Im Endeindruck kann man sich kaum der Annahme verwehren, manch eine Dialog- und/oder Filmentscheidung existiere einzig und allein, um Unausgesprochenes (aber in seiner Bedeutung für den Inhalt ohnehin deutlich Durchscheinendes) für all jene auszuformulieren, denen subtil gestreute, nonverbale Hinweise nicht genügen. Es hätte uns nicht gewundert, hätte Lee Isaac Chung im Finale auf so etwas wie einen erklärenden Voice-Over gesetzt, um die Moral der Geschichte noch einmal zusammenzufassen – ganz unabhängig davon, wie viel von diesem Plan seine kreative, und wie viel eine kalkulierte Produzentenentscheidung gewesen wäre.

„Im Endeindruck kann man sich kaum der Annahme verwehren, manch eine Dialog- und/oder Filmentscheidung existiere einzig und allein, um Unausgesprochenes (aber in seiner Bedeutung für den Inhalt deutlich Durchscheinendes) für all jene auszuformulieren, denen subtil gestreute nonverbale Hinweise nicht genügen.“

Derart grobmotorische „Tell, don’t Show!“-Entscheidungen beißen sich stark damit, wie sensibel dagegen Chungs Anleitung der Darsteller:innen gerät. Steven Yeun („Okja“) und Ye-Ri Han („Rettet den Zoo“) überzeugen nie durch viel Spiel, sondern durch ein nuanciertes Ausloten ihrer unterschwelligen Gefühlsregungen, wodurch das zwischenmenschliche Miteinander der Familie besonders glaubhaft gerät. Im Anbetracht des stets durchschimmernden Respekts für die von ihr getroffenen Entscheidungen wundert es umso mehr, wie Chung auf der Zielgeraden einen weiteren seiner unzähligen Erzählkreise schließt (Stichwort: Wünschelrute). Die bis dato so smart gezeichneten Protagonist:innen werden da plötzlich in ein derart naives Licht gerückt, dass ein sanft-bitterer Nachgeschmack zurückbleibt.

Fazit: „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ ist im Großen und Ganzen eine stark beobachtete, behutsame Auseinandersetzung mit dem Leben südkoreanischer Einwandererfamilien in den USA. Doch gerade weil Regisseur und Autor Lee Isaac Chung in vielen seiner Beobachtungen so subtil und genau ist, irritieren einige künstlerischere Entscheidungen umso mehr, die den Film plakativer und konstruierter wirken lassen als er es zumeist ist.

„Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ ist demnächst in den deutschen Kinos zu sehen.

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