Little Joe – Glück ist ein Geschäft

Jessica Hausners Science-Fiction-Drama LITTLE JOE – GLÜCK IST EIN GESCHÄFT wirft einen dystopischen Blick auf die Pflanzenzucht der Zukunft. Das ist weniger sperrig als erwartet aber längst nicht so geglückt wie es sein könnte. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Die alleinerziehende Mutter und Wissenschaftlerin Alice (Emily Beecham) hat sich voll und ganz ihrem Beruf verschrieben. Als Botanikerin hat sie eine purpurrote Blume erschaffen, die eine ganz einzigartige Wirkung hat – bei idealer Raumtemperatur und ausreichender Zuwendung macht ihr Duft die Menschen glücklich! Heimlich nimmt Alice eine der Pflanzen für ihren 13-jährigen Sohn Joe mit nach Hause, sie nennen sie „Little Joe“. Doch je weiter die geheimnisvolle Blume wächst, desto mehr verändern sich die Menschen in Alices Umfeld. Ihr Verdacht wird zunehmend stärker, dass ihre Schöpfung womöglich nicht so harmlos und glückverheißend ist, wie es ursprünglich geplant war…

Kritik

Die Netflix-Serie „Black Mirror“ hat sich mit ihren dystopischen Kurzgeschichten über die düsteren Aussichten im Zusammenleben zwischen Mensch und Technik zu einem der Aushängeschilder des Streamingdienstes entwickelt. Kein Wunder also, dass „Black Mirror“ auch im Zusammenhang mit Filmen immer wieder als Vergleich herangezogen wird, wenn ein Science-Fiction-Stoff irgendwie grob an das Konzept des Anthologieformats erinnert. Nun muss das aber nicht immer automatisch etwas Positives bedeuten; so auch im Falle von Jessica Hausners „Little Joe – Glück ist ein Geschäft“. Die Zutaten erinnern deutlich an eine „Black Mirror“-Episode: Hauptfigur Alice züchtet Pflanzen, die ihrem Käufer Glück bringen sollen. Doch die im Rahmen der Pflanzenzucht angewandten Methoden wenden sich schleichend gegen sie und ihre Kollegen. Am Ende steht die Moral, dass man als Mensch niemals allzu sehr in der Natur herumpfuschen, ergo: Gott spielen sollte. Die Schlussfolgerung daraus liegt auf der Hand: „Little Joe – Glück ist ein Geschäft“ wäre, zumindest bei nur der Hälfte der Laufzeit, eine gelungene, wenngleich nur wenig innovative „Black Mirror“-Episode, besitzt als doppelt so langer Spielfilm jedoch einfach nicht genügend erzählerische Zugkraft, um nicht die meiste Zeit über vor allem zu langweilen. Eines hat „Little Joe“ aber sehr wohl: Style.

Alice (Emily Beecham) und ihr Sohn Joe (Kit Connor) beim gemeinsamen Abendessen.

Um zu verschleiern, dass die Handlung von „Little Joe“ von Anfang bis Ende in absolut schnörkellosen Bahnen verläuft, man somit jedwede Entwicklung weit im Voraus erahnen kann und sich dadurch kaum bis kein Gefühl von Spannung oder Überraschung einstellt, greift Jessica Hausner („Amour fou“) auf zwei Kniffe zurück. Da wäre zum einen die konsequente Reduktion der Erzählgeschwindigkeit. „Little Joe“ besticht (oder wahlweise nervt) mit einem regelrecht schleichenden Tempo. Egal ob Dialoge, Aufnahmen, in denen Figuren von A nach B laufen oder die Kamera wieder einmal die Pflanzen bei ihrem Wachstumsprozess sowie die Wissenschaftler beim Erstaunen darüber einfängt: Jede Bewegung, jede Tat in „Little Joe“ wird zelebriert und ausgekostet. Das verhilft dem Film zwar zu seiner ganz eigenen Atmosphäre, doch spätestens nach der fünften unnötigen Atempause in einem Dialog, der eigentlich nur einem kurzen Austausch von Fakten dient, fragt man sich auch ein wenig nach dem Sinn dahinter. „Little Joe – Glück ist ein Geschäft“ legt überdeutlich den Fokus auf den Inszenierungsstil und weniger auf die Handlung. Ganz so, als wisse Jessica Hausner ganz genau, dass diese den Film niemals alleine tragen könne. So ist es zum anderen immerhin die ihre Ausdrucksstärke aus der Kühle der sterilen Setpieces schöpfende Kameraarbeit von Martin Gschlacht („Stille Reserven“), die einen gebannt an der Leinwand kleben lässt; gepaart mit einem experimentellen, von scharfen Streichern dominierten Score, der akustisch Jump-Scares heraufbeschwört, wo das Szenario auf der Leinwand eigentlich gerade gar keine hergibt.

Generell ist gegen eine geradlinige Erzählweise natürlich nichts einzuwenden. Es ist im Genrekino von heute sogar mal recht entspannt, dabei zuzusehen, wie eine Autorin (Jessica Hausner schrieb auch das Skript selbst) nicht auf einen alles bisher Gesehene umstoßenden Twist setzt, sondern ihre Vision vom beißenden Zukunfts- und Wissenschaftskommentar konsequent und ohne jedwede Form der erzählerischen Effekthascherei umsetzt. Gleichzeitig ist „Little Joe – Glück ein Geschäft“ aber auch einfach nur ein munteres Sammelsurium von Genreversatzstücken, die den Film in seiner Gesamtheit eklektisch wirken lassen. Ein wenig „The Happening“ hier, eine große Prise „Die Körperfresser kommen“ dort und eben eine Message, wie man sie in besagter Netflix-Serie mit dem schwarzen Spiegel im Titel antreffen würde: Am Ende ist „Little Joe“ von vielem ein bisschen, kann aber abgesehen von der inszenatorischen Eigenständigkeit (die man, wenn man es einmal ganz genau nimmt, auch Jemandem wie „The Favourite“-Regisseur Yorgos Lanthimos zuschreiben könnte) kaum Alleinstellungsmerkmale vorweisen.

Alices Kollege Chris (Ben Whishaw) bei der Arbeit.

Auch die in „Little Joe“ im Mittelpunkt stehende Hauptfigur der alleinerziehenden Mutter und Forscherin Alice kommt insgesamt zu kurz. Ihre zunehmende Faszination für die Pflanze steht der auf dem Filmfestival von Cannes ausgezeichneten Emily Beecham („Hail, Caesar!“) jederzeit ins Gesicht geschrieben. Auch ihren inneren Zwiespalt zwischen aufopferungsvollem Muttersein und ihrer leidenschaftlichen Arbeit als Wissenschaftlerin bringt die britische Aktrice hervorragend glaubhaft zum Ausdruck. Doch durch die überstilisierten Dialoge sowie den im Rahmen der Inszenierung besonders affektiert wirkenden Gestus ihrer Figur wirkt ihre Alice nie wie eine echte Figur, sondern wie ein forciert filmischer Charakter. Dasselbe gilt vor allem für Kit Connor („Rocketman“) als Filmsohn Joe. Noch lange bevor die Handlung vorschreibt, dass einige der handelnden Figuren in „Little Joe“ frappierende Änderungen in ihrer Attitüde aufweisen, agieren sowohl das Mutter-Sohn-Gespann als auch viele von Alices Kollegen unterkühlt und unemotional. Lediglich Ben Whishaw („James Bond 007: Spectre“) sticht als einzig halbwegs menschelnde Figur heraus – und wirkt in einem ansonsten perfekt durchdesignten Film regelrecht fehl am Platz. Am Ende wirkt „Little Joe – Glück ist ein Geschäft“ mehr wie eine Versuchsanordnung denn wie ein Film. Und so etwas können Regisseure wie Yorgos Lanthimos dann einfach besser…

Fazit: „Little Joe – Glück ist ein Geschäft“ zelebriert einen ansehnlichen Style, hat erzählerisch allerdings kaum mehr zu bieten als die Aneinanderreihung von „Die Körperfresser kommen“-Versatzstücken. Als halb so lange „Black Mirror“-Episode wäre das Sci-Fi-Drama besser aufgehoben.

„Little Joe – Glück ist ein Geschäft“ ist ab dem 9. Januar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

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