Klassentreffen 1.0 – Die unglaubliche Reise der Silberrücken

Til Schweigers neueste Komödie und Auftakt zu einer Trilogie KLASSENTREFFEN 1.0 – DIE UNGLAUBLICHE REISE DER SILBERRÜCKEN ist in jeder Hinsicht ein haarsträubendes Ereignis. Weshalb? Das verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Für die Freunde Nils (Samuel Finzi), Andreas (Milan Peschel) und Thomas (Til Schweiger) steht das 30-jährige Klassentreffen bevor. Und der Zeitpunkt könnte nicht schlechter für sie sein. Denn der frustrierte Redakteur Nils hat Hämorrhoiden und leidet unter Alterssichtigkeit, weshalb er zu einem stets jammernden Knurrhahn von einem Mann geworden ist. Andreas hingegen ist geschieden und hat kürzlich erfahren, dass seine Ex ihren früheren Paartherapeuten vögelt. Und Star-DJ Thomas, der große Frauenheld, hat seiner Neuen versprochen, monogam zu werden. Schreck lass nach! Um wieder Lust und Laune am Leben zu verspüren, machen die Drei eine muntere Reise zum großen Klassentreffen, auf der sie es nochmal so richtig krachen lassen wollen. Dabei gibt es allerdings ein Problem: Lili (Lilli Schweiger), die Tochter von Thomas‘ nun fester Freundin, hat sich als  Aufpasserin mit auf die Gästeliste gesetzt. Also geht es als Quartett auf Reise …

Kritik

In Talkshowauftritten schert Til Schweiger häufig (wohlgemerkt nicht immer!) den ganzen Kritikerberuf über einen Kamm. In einem öffentlich-rechtlichen Talk erläuterte er einst, dass er deshalb auch beschlossen habe, seine Filme nicht mehr für reguläre Pressevorführungen freizugeben: Wieso hohe Kosten blechen, wenn die Kritiker ja eh schon wissen, den Film mies zu finden? Und so wahr es leider auch ist, dass es in der deutschen Kritikerbranche einige Einzelpersonen gibt, die den „Keinohrhasen“-Regisseur gefressen haben und jedes seiner neuen Projekte wutschnaubend und abfällig begrüßen: Der Kritiker-Berufsstand besteht nicht allein aus nachtragenden, vorverurteilenden schwarzen Schafen. Zum Glück. Denn der Wahl-Hamburger verantwortete bereits mehrere sehenswerte Filme. Der von Schweiger produzierte Kino-„Tatort“ „Tschiller: Off Duty“ etwa, in dem er zudem die Hauptrolle übernommen hat, ist als kerniger Actionfilm besser als der jüngste Bond-Film „Spectre“. Die Schweiger-Produktion „Unsere Zeit ist jetzt“ ist ein goldiger Genremix und seine frühen Regiearbeiten „Eisbär“ und „Barfuss“ präsentierten Schweiger als Regisseur, den man im Blick behalten sollte. Nach seiner schwarzhumorigen Tarantino-Hommage und seinem keuchen Road-Trip-Romantikmärchen überzeugten auch die Romantikkomödie „Keinohrhasen“ und die gleichzeitig derb-komischere wie auch dramatischere Fortsetzung „Zweiohrküken“. Aber allmählich darf die Frage erlaubt sein: Wo ist dieser Til Schweiger nur hin?

Andreas (Milan Peschel) und Nils (Samuel Finzi) staunen nicht schlecht, als Lilli (Lilli Schweiger) auf der Matte steht.

Im Falle von „Honig im Kopf“ kann sich der Regisseur, Produzent, Hauptdarsteller, Autor und Cutter auf dem immensen Erfolg der Demenz-Dramödie ausruhen. Annähernd 7,3 Millionen Kinokarten wurden für den Film verkauft – und das, obwohl er nicht nur eine ebenso melodramatische wie unsensible Tonalität aufwies (was natürlich zu einem gewissen Grad reine Geschmacksfrage ist), sondern sich auch einige Patzer im Schnitt leistete, die Schweiger als bekennender Filmliebhaber doch bemerken müsste. Aber so sehr der von ihm inszenierte Kinderfilm „Conni & Co 2 – Das Geheimnis des T-Rex“ danach Besserung versprach, reißt Schweigers neuste Regiearbeit diese Hoffnung mit voller Wucht und einem unter Hämorrhoiden leidenden Hintern wieder ein: „Klassentreffen 1.0 – Die unglaubliche Reise der Silberrücken“ ist ein Schnittdesaster für das Lehrbuch. Und da darf sich niemand mehr in die Argumentation „Ja, ihr versnobten Kritiker achtet darauf, doch das normale Publikum merkt sowas gar nicht!“ flüchten! Wer jemals Probleme versucht hat, die im Suff geschriebene Textnachricht einer vertrauten Person zu entziffern oder im Restaurant eine Speise gegessen hat, die irgendwie „falsch“ geschmeckt hat, sollte das Phänomen kennen: Man weiß nicht zwingend, was da nicht stimmt. Wie müsste die Nachricht lauten geht man nach dem Duden? Welche Gewürze wurden da vertauscht?

Man muss kein Germanistikstudium absolviert haben und auf keine Gastro-Ausbildung zurückblicken, um die Folgen schludriger Arbeit zu spüren zu bekommen. Und selbst wer kein geschultes Auge hat wird noch immer vom Filmhandwerk berührt – oder eben kalt gelassen. Nicht umsonst haben sich einige cineastische Grundregeln herausgebildet, die Filmschaffende im Idealfall nur dann über Bord werfen, wenn es Methode hat. „Klassentreffen 1.0“ führt derweil über zwei Stunden lang vor, was passiert, wenn ein Teil der cineastischen Grammatik mit Füßen getreten wird. Der Schnitt. Zu Beginn des Films sehen wir, wie Samuel Finzis erschöpfter, dauergenervter Familienvater Nils ein misslungenes Frühstück erlebt. Und der verbale Schlagabtausch zwischen Nils, seiner Gattin, seinem Sohn, seiner Tochter und deren Freund wird von den Cuttern Schweiger und Robert Kummer im Stakkatoschnitt abgehandelt. Eine Figur sagt einen Halbsatz, Umschnitt auf einen der Zuhörer, Umschnitt auf einen anderen Zuhörer, Umschnitt auf die noch immer sprechende Figur, Umschnitt, Umschnitt, Umschnitt… Teils vergehen zwischen den verschiedenen Einstellungen nur Sekundenbruchteile, und so lässt Schweiger seinem Publikum keine Gelegenheit, die Darbietungen des Ensembles zu lesen. Das führt etwa dazu, dass die Figur Nils in ihrer Einfühungsszene ein unbeschriebenes Blatt bleibt. Er lässt einen homophoben Spruch ab, jammert über das Älterwerden und mault den Lover seiner Tochter an. Aber aus den paar aufblitzenden Bildern Finzis lässt sich nicht herauslesen: Ist Nils nun ein spießiger Mistkerl, ein Altherrenwitze reißender Scherzkeks mit politisch unkorrektem Humor oder ein bemitleidenswerter Hanswurst mit ein paar Charakterfehlern? Ist er vielleicht etwas völlig anderes?

Das Auto der Freunde ist nur noch Schrott…

So zieht es sich nahezu durch die gesamte Laufzeit dieser Komödie, die Kameramann Adrian Cranage im markanten Schweiger-Look einfängt, der mit erdiger Farbpalette und aufgedrehtem Kontrast, aber auch mit Weichzeichner, beim „Kokowääh“-Macher einfach dazu gehört: Til Schweiger schneidet Dialogszenen so, wie Michael Bay in seinen hektischsten Filmen Action schneiden lässt. Und wenn es zu Slapstick und anderem Tumult kommt, wird es sogar noch konfuser. Gegen «Klassentreffen 1.0» ist «Ein Quantum Trost» ein filigranes Paradebeispiel zurückhaltender Schnittarbeit – und so macht sich Schweiger eine Filmpassage nach der nächsten kaputt. Das betrifft Gags oder auch launige Charaktermomente. Wenn sich Nils, Andreas und Thomas zum Beginn ihres geplanten Erlebnistrips ochschaukeln, was für eine geile Sause sie feiern wollen, spaziert Lilli Schweiger mit selbstgefälligem Spielverderberblick ins Bild hinein und schleckt gelassen an ihrem Eis. Ein Moment, der viel über Lilli Schweigers Figur als schelmische Moralhüterin aussagt und gleichzeitig humorvoll ist, da er die Diskrepanz im zentralen Personal des Films bildlich zuspitzt. Zumindest in der Theorie. Denn im Schnittgewitter dieser Filmsequenz ist Lilli Schweigers kühles Daherspazieren nur einen Sekundenbruchteil lang zu erblicken und geht daher völlig unter. Ähnlich verhält es sich mit einer der raren dramatischen Szenen, in denen die drei Schulfreunde in ihrer Hotelsuite urplötzlich über ihre Sorgen und verstorbene Bekannte sinnieren. Regisseur Schweiger lässt uns, das Publikum, aber gar nicht an die gerade hochkochende Trauer und Sorge der Figuren heran. Während Schweiger, Peschel und Finzi, so weit es sich erahnen lässt, mimisch einen soliden bis guten Job machen, reißt der Schnitt diese Leistung grobmotorisch auseinander. Jeder sich bewegende Mundwinkel wird unmittelbar von einer neuen Bildeinstellung erschlagen – wie soll da Gefühl aufkommen?

Und wenn der Schnitt allein eine Filmsequenz nicht niedermäht, kommt die Tonspur zur Hilfe: Ob comichafter Slapstick, lebensnahe Situationskomik, derbhumoriger Dialog oder ruhiges Gespräch zwischen mehreren Figuren, immer wieder kleistert eine hoch aufgedrehte Suppe aus Elektropop, Score im Elektropopstil oder auch mal ein alter Chartstürmer das Geschehen zu. Zuweilen brummt ein Song auch minutenlang von Szene zu Szene, so als wäre gerade eine Montage zu sehen – nur, dass Schweiger stattdessen mehrere Einzelszenen mit einem Lied in starrer Lautstärkeeinstellung zusammenrücken lässt, was ihnen ihre eigene, innere Dramaturgie nimmt. Streitgespräch, Autofahrt, Slapstickmoment, Ankunft, alles klanglich dasselbe. Nicht, dass „Klassentreffen 1.0“ auf Dramaturgie großen Wert legen würde: Zu Filmbeginn erfahren wir von den Problemen der drei Freunde. Thomas alias Til Schweiger ist einfach zu cool und geil für diese Welt und hat nun seine erste monogame Beziehung, obwohl ihm andauernd willige Frauen zufliegen. Nils bemitleidet sich andauernd und erkennt gar nicht, was er an seiner Familie hat. Und Andreas will mal endlich wieder poppen, um über seine Ex-Frau hinwegzukommen. Es folgt eine abendfüllende Kette an pubertären Witzchen und kalauernden Missgeschicken, aber nie etwas, das wirklich einen charakterbildenden Einfluss auf unsere dauernd zwischen unverdientem Selbstmitleid und Partystimmung schwankenden Helden hätte.

Thomas (Til Schweiger) und seine beiden Freunde kennen sich seit über dreißig Jahren.

Wer aber auf den letzten Metern dieser Reise denkt, dass Schweiger und Ko-Autor Lo Malinke („Hot Dog“) sich die Figurenentwicklung halt einfach für die bereits angekündigten Fortsetzungen aufheben (die nach aktuellen Planungen im Oktober 2019 und im September 2020 anlaufen sollen), irrt sich. Im Finalakt schütteln die Drehbuchautoren drei Monologe aus dem Ärmel, in denen die Hauptfiguren zelebrieren, wie sehr sie ja nun gewachsen sind. Wären die charakterbezogenen Handlungsbögen eine Grafik, so wären sie, allem Rummel um die Protagonisten zum Trotz, eine horizontale Linie, die kurz vor Filmende einen 90°-Winkel verpasst bekommt. Huch, zack, was haben wir nicht alles gelernt! Die affektierten Tränenziehermomente verdient sich „Klassentreffen 1.0“ also kein Stück. So sehr Samuel Finzi gegen die dünne, Charakterzeichnung und den ebenso monotonen wie angestaubten Hau-drauf-Humor ankämpft ähnlich wie schon in „Affenkönig“, können auch sein Talent und seine Ausstrahlung aus Nils keine Rolle formen, die über ihre Egomanie und ihre Angst vorm Älterwerden hinaus nennenswerte, geschweige denn charismatische Züge hätte.

Auf dem Klassentreffen angekommen, geht es drunter und drüber!

Der genauso fähige Milan Peschel bekommt vom Skript den schwarzen Peter zugeschoben und darf kaum mehr als Rumkeifen und auch wenn Til Schweiger als Frauenheld, der seine familienfreundliche Seite entdeckt, durchaus überzeugt, täuscht dies nicht über zwei Dinge hinweg: Schweigers Tendenz, sich in seinen Filmen als den tollsten Hecht von allen zu besetzen, wird hier fast schon zur Selbstparodie (nur ohne den dazu nötigen, ironischen Biss). Und: Schweiger verkauft im ersten Akt den Willen seiner Figur, nun den lieben Ersatzpapa zu spielen, so gut, dass für den Rest des Films kein Spannungspotential mehr bleibt, ob er sich an sein Versprechen halten wird. Immerhin: Lilli Schweiger liefert in „Klassentreffen 1.0“ die bislang beste Leinwand-Performance eines Schweiger-Kindes ab. Sie findet genau den richtigen, spröde-frechen Tonfall, um ihre Figur als Unruhestifterin zu positionieren, deren Plan es ist, durch vermeintliche moralische Strenge den Trip der drei ‚Silberrücken‘ aus der Bahn zu lenken. Umso ärgerlicher, dass das Drehbuch sie im Mittelteil ganz platt zur verschwenderischen Göre verkommen lässt – aber wenigstens zu einer, die für Nachsicht auch Dankbarkeit äußert. Somit ist sie die Frauenfigur in «Klassentreffen 1.0», der die meisten Nuancen zugeschrieben werden. Alle anderen Frauen sind hysterisch, notgeil, notgeil und hysterisch oder das Heimchen am Herd. Aber, gut, das ist auch eine Form der Gleichberechtigung. Denn die Männer in diesem Film sind mindestens genauso platt. Da ist selbst Schweigers Bild der Kritikerbranche nuancierter …

Fazit: Ein desaströser Schnitt und eine penetrante Musikspur erdrosseln die paar stimmigen Szenen, die diese anstrengende Komödie zu bieten hat, bis nur noch ein unlustiger Einheitsbrei über bleibt. Aber kinematografisch ist „Klassentreffen 1.0“ immerhin auf dem gewohnten, hübschen Schweiger-Niveau.

„Klassentreffen 1.0 – Die unglaubliche Reise der Silberrücken“ ist ab dem 20. September bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Der Film war obszön und ordinär in Wort und Bild. Schweiger ist so selbstverliebt, daß man schon erbrechen könnte. Ab wieviel Jahre ist der Film freigegeben? Im Kino vor mir saßen Eltern mit Kindern, die noch nicht das Schulalter erreicht haben.!!!!??
    Was vermitteln wir unseren Kindern an Werten, wenn es immer nur ums Ficken usw. geht?

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