Tschiller: Off Duty

Hardcore-Fans des „Tatort“ werden bei TSCHILLER: OFF DUTY ihr blaues Wunder erleben. Nichts erinnert mehr an das bisweilen ein wenig angestaubte Image der ARD-Institution. Stattdessen liefern Regisseur Christian Alvart und Hauptdarsteller Til Schweiger einen Actionkracher ab, der sich mit internationalen Blockbustern messen kann. Mehr zu dieser faustdicken Überraschung lest Ihr in meiner Kritik.
Tschiller: Off Duty

Der Plot

Nick Tschillers (Til Schweiger) persönlichster Fall führt den überaus erfolgreichen Kriminalhauptkommissar aus Hamburg auf eine atemlose Odyssee durch halb Europa. Seine Tochter Lenny (Luna Schweiger) ist durch den gewaltsamen Tod ihrer Mutter traumatisiert. Da Nick derzeit vom Dienst suspendiert ist, möchte er sich intensiver um sie kümmern. Dennoch verschwindet Lenny plötzlich – bis es Yalcin Gümer (Fahri Yardim) gelingt, ihr Handy in Istanbul zu lokalisieren. Als Nick dann erfährt, dass sein Erzfeind Firat Astan (Erdal Yildiz) aus türkischer Haft entkommen ist, weiß er: Lenny schwebt in höchster Lebensgefahr – Nick nimmt den nächsten Flug nach Istanbul und macht sich auf die gefährliche Suche nach ihr…

Kritik

Normalerweise sind Werbekampagnen dazu da, um für ein Produkt genau das zu machen: Werbung. In letzter Zeit gehen im Kinosegment jedoch immer mehr dieser Aktionen nach hinten los. Man erinnere sich nur an den absoluten Minion-Overkill im Sommer des vergangenen Jahres, das vollkommen fehlgeleitete Trailer-Design der smarten Komödie „Coming In“, oder die billigen Versuche, den Zuschauer im Rahmen der „Spectre“– sowie „Star Trek Into Darkness“-Kampagnen an der Nase herumzuführen, was die Existenz von Christoph Waltz‘ respektive Benedict Cumberbatchs Figur betrifft, die kundige Fans schon nach der ersten Ankündigung meilenweit gegen den Wind zu riechen vermochten. Ganz ähnlich verhielt es sich auch mit dem zweiten Kino-„Tatort“ in der Geschichte des öffentlich rechtlichen Fernsehens. Nach der aufwendigen Produktion einer Doppelfolge, für die der neue Star-Ermittler der ARD, Til Schweiger („Honig im Kopf“), vorab mit viel Tamtam Werbung machte, sollte das Finale dazu schließlich der großen Kinoleinwand vorbehalten sein und nicht auf dem regulären „Tatort“-Slot ausgestrahlt werden. Doch auch die Verpflichtung von Schlagerqueen Helene Fischer, das höchste Budget, das je für eine Episode des Krimiklassikers ausgegeben wurde und das Engagement des bereits international tätigen Regisseurs Christian Alvart („Banklady“) konnten die Zuschauer nicht davon abhalten, zur Fernbedienung zu greifen, und sich für ein anderes Programm zu entscheiden. Schalteten bei Schweigers „Tatort“-Debüt im Frühjahr 2013 noch über zwölfeinhalb Millionen Zuschauer ein, brachte es Teil zwei des vor wenigen Wochen ausgestrahlten Zweiteilers nur noch auf rund siebeneinhalb Millionen. Ein nicht zu leugnender Rückschritt.

Til Schweiger

Da leider auch die Kritiken nicht berauschend, sondern zu weiten Teilen „nur“ passabel ausfielen, ließ es sich Til Schweiger nicht nehmen, auf seiner Facebook-Seite gegen all jene Kritiker zu wettern, die seiner Ansicht nach nicht dazu in der Lage waren, die wahren Qualitäten von Regisseur Christian Alvarts Arbeit (der auch den Fernseh-Zweiteiler inszenierte) zu erkennen. So wunderte es kaum noch, dass „Tschiller: Off Duty“ dasselbe Schicksal traf, wie sämtliche Schweiger-Regiearbeiten zuvor. Der Film wurde vorab nicht der gesamten Fachpresse vorgestellt, sondern einmal mehr nur jener, mit der der deutsche Filmstar seit Jahren bereits ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Zuschauer, die sich vorab eine ehrliche Berichterstattung über den Film gewünscht hätten, hatten also das Nachsehen. Stattdessen speiste der Verleih Warner Bros. das Publikum mit Trailern und Werbekampagnen ab, die eine jubelnde Journaille abbilden sollten (Zitat: „Mehr Action wäre Körperverletzung“), doch wer auch nur einen Funken Medienverständnis besitzt, der weiß: Ein wirkliches Bild macht man sich aus jenen Rezensionen, die nicht vorab das Okay von Til Schweiger bekamen, um den Film vor seinem Start mit Lobeshymnen auszustatten.

Wir halten also fest: Die aus Sicht der Macher „richtige“ Presse findet den Film geil (oder gibt es zumindest vor), die Macher sowieso und alle, die anderer Meinung sind, dürfen sich schon jetzt darüber freuen, demnächst in bester Schweiger-Manier von ihm als „unfähig“ und „ahnungslos“ abgewatscht zu werden. Doch Zuschauer wie Kritiker haben die Rechnung ohne das gemacht, worauf es auch im Falle von „Tschiller: Off Duty“ einzig und allein ankommt: den Film selbst. Zugegeben: Die Fallhöhe ist bei einer solch selbstsicheren Art der PR-Arbeit enorm, doch im Falle dieses Kino-„Tatorts“ muss man sich als fachkundiger Zuschauer einmal mehr mit der Frage auseinandersetzen, was passiert, wenn sich vorab so sicher scheinende Vorahnungen nicht bewahrheiten. Insbesondere jenes Publikum, das sich zur Kategorie der „Hater“ zählt, wird an „Tschiller: Off Duty“ schwer zu knabbern haben, denn man muss neidlos anerkennen, dass Regisseur Christian Alvart mit seinem Krimi-Actioner einen Film abliefert, der selbst das letzte „Bond“-Abenteuer alt aussehen lässt.

Tschiller: Off Duty

Gewiss war „Spectre“ kein Meilenstein innerhalb der „Bond“-Vita. Das spannungsarme Drehbuch, die blassen Figuren und die lieblose Action ließen das 24. Abenteuer des berühmtesten Geheimagenten der Welt trotz der Einhaltung gängiger Genre-Produktionsstandards zu einem Tiefpunkt des Franchises werden. Nun zeigt ausgerechnet eine deutsche Action-Produktion, wie man es richtig macht. Und das, wo wir doch alle wissen, dass das Krawumm-Genre nicht so fest in der deutschen Filmproduktionsgeschichte verwurzelt ist, wie beispielsweise in den USA. Ganze acht Millionen Euro hat der Dreh von „Tschiller: Off Duty“ gekostet. Im Vergleich zu ähnlich gelagerter Ware aus Übersee sind das noch nicht einmal Peanuts – sondern allenfalls das Budget für das Catering. Doch schon an dieser Stelle fällt auf: Für Regisseur Christian Alvart scheint sich hieraus kein Hindernis zu ergeben. Visuell und aus tricktechnischer Sicht macht der Filmemacher aus dieser Not eine Tugend. Anstatt das Budget für spektakuläre Explosionen auszugeben, setzt sich das Gros der Actionszenen aus chic arrangierten Nahkämpfen und Schießereien zusammen. Das In-die-Luft-Jagen von Vehikeln aller Art hält sich in engen Grenzen und kommt an zwei Stellen doch mal Feuer ins Spiel, stammt dieses für den Moment aus dem Computer, ohne das dies sonderlich negativ ins Gewicht fallen würde. Natürlich besteht bei solch schmalem Taler gerade im Hinblick auf die CGI-Effekte Luft nach oben. Doch anstatt sich in die Schranken weisen zu lassen, machen die Verantwortlichen das Beste aus ihren beschränkten Produktionsmöglichkeiten: 1:0 für Tschiller.

Selbstverständlich gehört zu den technischen Qualitäten mehr als nur der Wert der Effekte. Es liegt allen voran an Kameramann Christof Wahl („Fack ju Göhte“), diese auch ausdrucksstark in Szene zu setzen. Da sich ein Großteil der Actionsequenzen über direkte Duelle definiert, muss er die richtige Mischung aus spritzig und übersichtlich finden, um die Energie auf das Publikum zu übertragen. Das gelingt Wahl leider nur in Teilen. Gerade bei den Verfolgungsjagden über die Dächer von Istanbul oder durch die Straßen von Moskau bleibt die Kamera stets fokussiert. Begibt sich der Kameramann allerdings direkt zwischen die Fronten, kann es für den Zuschauer schon mal anstrengend werden. Auch der insgesamt sehr aufgeräumte Schnitt macht dem Seherlebnis ein ums andere Mal einen Strich durch die Rechnung, blendet zu früh ab und sorgt so dafür, dass sich dem Publikum das ganze Ausmaß der Situation nicht immer erschließt. So bleibt festzuhalten: Je größer die Szenerie, desto angenehmer sind die Bilder, auch wenn der Sepia-Filter manchmal ein wenig zurückhaltender hätte eingesetzt werden dürfen. So richtig „dreckig“ steht einem „Tatort“-Blockbuster dann wohl doch nicht. Dafür weiß der Score von Martin Todsharow („Honig im Kopf“) umso uneingeschränkter zu gefallen. Er kombiniert große Orchester-Klänge mit einer Handvoll ausgewählter Elektro-Songs, die sich nie so sehr in den Vordergrund drängen, wie man es von Til-Schweiger-Produktionen zuletzt gewöhnt war.  2:0 für Tschiller.

Tschiller: Off Duty

Bei einer Laufzeit von rund 140 Minuten (die leider einen Tick zu lang geraten sind) kann man sich natürlich nicht ausschließlich auf die technischen Qualitäten verlassen. Auch ein Film wie „Tschiller: Off Duty“ hat eine Story und Figuren, die immerhin halbwegs funktionieren müssen, damit aus dem Prädikat „Style Over Substance“ keine negative Assoziation wird. Auf dieser Ebene muss sich Autor Christoph Darnstädt (schrieb auch die vorherigen „Tatort“-Episoden mit Til Schweiger) keineswegs verstecken. Zwar verzichtet auch „Off Duty“ nicht auf das Anreißen einiger Klischees. Insbesondere die Zeichnung der Bösewichte ist mit „dem bösen Russen“ alles andere als originell, Organhandel und Anschläge auf Landesoberhäupter sind es ebenso wenig. Doch Darnstädt bleibt konsequent, versucht sich gar nicht erst an Gesellschaftskritik und belässt es bei der oberflächlichen Betrachtung von Gut gegen Böse. Für einen Film dieses Genres ist das völlig ausreichend, solange das Gesamtkonstrukt weder in sich zusammenfällt, noch sich über Wert verkauft. „Tschiller: Off Duty“ schreibt sich adrenalingeladenes Action-Entertainment auf die Fahnen und liefert das schlussendlich nicht bloß über seinen Bleigehalt, sondern auch über seinen überraschend hohen Humoranteil.

Schon in den TV-„Tatorten“ erwies sich Tschillers Kumpan Yalcin Gümer als großer Publikumsliebling. Der von Fahri Yardim („8 Sekunden“) mit einem breiten Hamburger Akzent ausgestattete Polizist und Hacker wirkt auf den ersten Blick wie ein ausschließlicher Stichwortgeber für Tschiller, sagt sich mit der Zeit jedoch immer mehr davon los und ergreift mit fortschreitender Laufzeit immer öfter Eigeninitiative. Ganz klar: Ohne Yardims Figur wäre „Tschiller: Off Duty“ oft verloren. Seine süffisanten, durchaus selbstreferenziellen Kommentare verhelfen dem Film zu einem Tonfall, der sich deshalb als sehr angenehm erweist, weil er es sich zu jedem Zeitpunkt vorbehält, aus seinem Ernst herauszukommen und das Geschehen augenzwinkernd zu kommentieren. „Tschiller: Off Duty“ ist zwar weit weg von der „Tatort“-Satire, aber dank Yardim ist es dem Drehbuchautor möglich, immer wieder mit den Absurditäten der Story zu kokettieren. Wenn dieser ein Verlies als Klischee-Folterkeller des KGB bezeichnet, ist das nicht billig. Stattdessen unterstreicht es die Mentalität des Charakters, denn eine Figur wie Yalcin würde in einer solchen Situation genau so reagieren. Tschiller selbst definiert sich leider hauptsächlich darüber, dass er um alles in der Welt seine Tochter wiederfinden will. Trotzdem gelingt es Til Schweiger, sowohl diesen Gedankengang glaubhaft zu bekräftigen, als auch authentisch mit seinem Buddy herumzualbern. 3:0 für Tschiller.

Auf seiner Odyssee durch Istanbul muss sich Nick Tschiller auch aus einem Gefängnis freikämpfen.

Auf seiner Odyssee durch Istanbul muss sich Nick Tschiller auch aus einem Gefängnis freikämpfen.

Fazit: Auch wenn viele es vermutlich nicht wahrhaben möchten, so erweist sich der vorab schon irgendwie verschriene Action-„Tatort“ „Tschiller: Off Duty“ als deutsches Action-Kino, das trotz kleiner Schönheitsfehler auf internationalem Niveau besticht, Spaß macht und gegen den der „Bond“ aus dem vergangenen Jahr deutlich den Kürzeren zieht. Natürlich erfinden weder Christian Alvart, noch Til Schweiger irgendein Genre-Rad neu, aber sie setzen ein Ausrufezeichen hinter gutes deutsches Action-Kino, das mit pfiffigen Figuren, visuellem Bombast und toughen Stunts daherkommt und sich dankenswerterweise nie allzu ernst nimmt. Da wäre der Konfrontationskurs, den Til Schweiger schon vorm Start dieses Films gefahren ist, überhaupt nicht nötig gewesen.

„Tschiller: Off Duty“ ist ab dem 4. Februar bundesweit in den Kinos zu sehen.

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