Unsere Zeit ist jetzt

Erste Pressemeldungen ließen vor Monaten verlauten, Til Schweiger würde jetzt mit Cro drehen. Irreführend, wenn man bedenkt, dass die Regie zu UNSERE ZEIT IST JETZT jemand ganz anderes geführt hat. Doch so konfus sich diese Meldungen lesen, so präsentiert sich auch das Endergebnis. Ein wilder Mix verschiedener Genres, der vor allem aufgrund seiner ziellosen Amüsanz blendend unterhält. Mehr dazu in meiner Kritik.Unsere Zeit ist jetzt

Der Plot

Der erfolgreiche deutsche Rapper CRO fordert Fans und Profis auf, in einem offenen Wettbewerb Ideen zum geplanten CRO-Kinofilm vorzustellen. Drei völlig gegensätzliche Konzepte überzeugen das Filmteam, und bei den Vorbereitungen lernen die drei jungen Nachwuchsfilmer nicht nur handfeste Lektionen in der Kinopraxis, sondern kommen auch einander näher: Plötzlich wird die scheue Asperger-Patientin Vanessa (Peri Baumeister) von Männern umschwärmt: CRO selbst lernt ihre kreative Professionalität schätzen, während sich der in den Tag hineinlebende Drehbuchautor Dawid (David Schütter) und der in seinem Brotjob frustrierte Comic-Zeichner Ludwig (Marc Benjamin) Hals über Kopf in die unnahbare Vanessa verlieben. So werden die schicksalhaften Begegnungen bei der Arbeit am CRO-Film selbst zum Film – ein verrückter, vielschichtiger Stilmix, der das Leben aller Beteiligten durch die unvergessliche Dreherfahrung nachhaltig verändert.

Kritik

Langweilen wir den Leser an dieser Stelle gar nicht lang mit aufwändig recherchierten Trivia-Fakten, sondern lassen unseren ersten Eindruck nach der Sichtung von Martin Schreiers Episodenkomödie „Unsere Zeit ist jetzt“ einmal für sich sprechen: What the Fuck!? Dieser zugegebenermaßen ein wenig zu vulgäre Ausruf sei überhaupt nicht negativ zu verstehen; vielmehr sind wir nachhaltig beeindruckt davon, wie der „Zahltag“-Regisseur das stilistische Kuddelmuddel auf der Leinwand nicht nur mit der Zeit hat entwirren, sondern irgendwie auch unter einen (wenn auch ziemlich großen) Hut hat bringen können. Schreier, der Autor Arend Remmers (schrieb auch das Skript zur CRO-Dokumentation „Unplugged“) beim Verfassen des Drehbuchs unterstützte, versucht sich in drei verschiedenen Ansätzen an einer Entmystifizierung der Kunstfigur CRO, indem er das Konzept dazu direkt auf seinen Spielfilm überträgt. CRO himself ruft einen Filmwettbewerb zu seiner Person aus, den drei Nachwuchsfilmemacher auf ganz unterschiedliche Weise (Doku, Comicstrip, fiktive Zukunftsvision) umsetzen wollen. Von einer Metaebene überbaut wird das Ganze schließlich dadurch, dass die Dreharbeiten zu den jeweiligen Filmen vor laufender Kamera im Film selbst stattfinden, der sich schließlich als Endergebnis des Wettbewerbs entpuppt; der Zuschauer schaut also dem Siegerbeitrag gerade bei seiner Entstehung zu. Das klingt fast abstrakt genug, um daraus einen Programmkino-Arthousehit zu basteln, doch Schreier nimmt sein ganzes Projekt derart herzlich selbst aufs Korn und reichert es darüber hinaus mit einer zuckersüßen Liebesgeschichte an, dass „Unsere Zeit ist jetzt“ gekonnt die Waage zwischen oberflächlich unterhaltsamem Popcorn-Entertainment und einer ernst zu nehmenden, bisweilen überraschend tiefsinnigen Geschichte hält. Angesichts dieser wilden Mischung ist die Frage, wer sich das anschauen soll, zwar durchaus erlaubt. Doch wir sind uns sicher: Diejenigen, die es schauen, haben jede Menge Spaß, ohne am Ende so genau zu wissen, warum dem eigentlich so ist.

Til Schweiger

Zu Beginn seines 118 Minuten langen Mammutwerks wirkt Martin Schreier in seiner Vision vom episodenhaften Genreclash noch etwas unbeholfen. So fokussiert der Regisseur zwar von Anfang an die Figur der von Peri Baumeister („Irre sind männlich“) wunderbar leichtfüßig und natürlich verkörperten Vanessa, die mit ihrer Asperger-Erkrankung nicht hinterm Berg hält und ihre Umwelt damit mehr als einmal vor den Kopf stößt. Gleichwohl wirken gerade durch diesen erzählerischen Mittelpunkt die zwischendrin eingeschobenen Szenen um den Drehbuchautor Dawid und den Comic-Zeichner Ludwig nicht immer ganz schlüssig in ihrer Platzierung. Darüber hinaus hat der Arbeitsprozess beider Projekte nur indirekt etwas mit der Haupthandlung zu tun. Das Voranschreiten von Dawids Skript, in dem ein herrlich entfesselt aufspielender Til Schweiger („Tschiller: Off Duty“) einen in die Jahre gekommenen CRO verkörpert, ist ebenso nur marginal an der Entwicklung des Hauptplots beteiligt, wie die als Comic aufgezogene, superheldengleiche Entstehungsgeschichte des Rappers, die visuell kreativ ist, dramaturgisch aber bis zuletzt die schwächste Episode der Geschichte darstellt. In der buchstäblich letzten Szene führt Martin Schreier all die kleinen Geschichten dann aber doch noch zusammen. Ein wenig aufgesetzt und holprig an der einen (Drehbuch), im großen Stil und emotional mitreißend an der anderen Stelle (Comic).

Dass „Unsere Zeit ist jetzt“ satte zwei Stunden geht, hat einen Grund: Während sich die einzelnen Episoden in ihrer Relevanz unterscheiden, sind die Macher versucht, sämtlichen Figuren so viel Background wie möglich zuzugestehen. Manchmal reichen dafür gezielt inszenierte Einzelszenen wie Ludwigs urkomisches Aufeinandertreffen mit seinen steifen Eltern oder die sukzessiv voranschreitende Eskalation am Arbeitsplatz. Im Falle von Dawid, fein und sensibel gespielt von David Schütter („Das kalte Herz“), geht das Skript sogar so weit, die bisweilen tragische Familiengeschichte zur Triebfeder seines Handelns zu machen, was sich ganz subtil in die zarte Romanze zwischen ihm und Vanessa einfügt, sodass sich der gesamte Lovestory-Nebenplot nie aufdringlich in den Vordergrund dieser eigentlich alles andere als sentimental aufgezogenen Komödie schiebt. Im Großen und Ganzen bleibt „Unsere Zeit ist jetzt“ nämlich ein Film über die Figur CRO (eine gewisse Affinität zu seiner Musik kann also nur von Vorteil sein), wenngleich die visuell äußerst stark inszenierten, halbdokumentarischen Konzertszenen nur einen Bruchteil des Films ausmachen. Vielmehr ist der Pandamasken-Rapper die Figur, die in ihrer Unnahbarkeit das Geschehen zusammen hält, sodass sich auch in den wirrsten Momenten immer noch eine Richtung erkennen lässt. Wirr geht es in „Unsere Zeit ist jetzt“ nämlich häufig zu, da sich der rote Faden hier erst ganz zum Schluss offenbart.

Peri Baumeister

Das alles tut dem Spaß am Filmerlebnis allerdings nur in Teilen einen Abbruch. Im Kern offenbart sich „Unsere Zeit ist jetzt“ nämlich als hochamüsantes Filmexperiment, das mehr und mehr die Frage aufzuwerfen scheint, wie viele einzelne Erzählstränge und Inszenierungsebenen sich in einem einzelnen Film unterbringen lassen. Auf die Antwort auf diese Frage muss der Zuschauer hier zwar vergeblich warten, doch nicht nur mit der gewitzten Schlussszene, auf der sich das Publikum schließlich auf der Premiere dieses Films wiederfindet (!), schlägt der Regisseur jenen Skeptikern ein Schnippchen, die hier tatsächlich immer noch nach dem Sinn und Zweck dieses Projekts fragen sollten; auch auf dem Weg dorthin ist „Unsere Zeit ist jetzt“ mit so viele skurrilen Ideen versehen, dass man sich nach der Hälfte der Laufzeit einfach nicht mehr bloß in Peri Baumeister, sondern auch in das gesamte Filmkonzept verliebt haben muss. Dass Til Schweiger (als er selbst) hier seinen Drehbuchautor (nicht er selbst) anpöbelt, weil dieser es nicht fertig bringt, eine Handlung zu schreiben, in der – Zitat! – „mehr los wäre, als in der ‘Lindenstrasse‘“, wirkt in seiner karikierten Überspitzung hier genau so passend und das Geschehen akzentuierend, wie die ruhigen Momente zwischen Vanessa und Dawid, die sich lediglich einmal zu oft mit einer typischen RomCom-Dramaturgie herumschlagen müssen. Am Ende ist es dann fast schon egal, ob uns nun CRO oder irgendein anderer Rapper hier an seinem Tourleben teilhaben lässt und Teile seines Lebens für die Filmhandlung zur Verfügung stellte: „Unsere Zeit ist jetzt“ ist ein irres Tohuwabohu voller Widersprüche, mit viel Herz und technisch absolut stimmiger Umsetzung, das vielleicht nicht immer Sinn, aber jede Menge Spaß macht.

Fazit: „Unsere Zeit ist jetzt“ wirkt bisweilen konfus, macht nicht immer Sinn und widerspricht sich tonal so oft selber, dass man es gar nicht recht glauben kann, dass Regisseur Martin Schreier und sein top aufgelegtes Ensemble das Kuddelmuddel letztlich doch noch zu einem absolut stimmig-amüsanten Endergebnis bringen.

„Unsere Zeit ist jetzt“ ist ab dem 6. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen.

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