Asphaltgorillas

Nach vier „Bibi & Tina“-Filmen adaptiert Detlev Buck die Kurzgeschichte „Der Schlüssel“ des gefeierten Schriftstellers Ferdinand von Schirach und kreiert daraus einen irren Trip durch das Berliner Milieu. Weshalb ASPHALTGORILLAS trotz vielen Einflüssen von außen verdammt viel Spaß macht, dass verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Atris (Samuel Schneider) und Franky (Jannis Niewöhner) haben sich schon als Kinder mit allerhand krummen Dingern durchs Leben geschlagen. Die beiden sind immer noch Freunde, haben sich durch ihre verschiedenen Lebenswege allerdings aus den Augen verloren. Also Franky eines Tages im fetten Lamborghini vor Atris‘ Tür auftaucht, könnte den beiden viel Geld winken. Franky will einen Falschgelddeal durchziehen und braucht dafür die Hilfe seines alten Kumpels. Der ist allerdings nicht nur gerade schwer in die Teilzeitgaunerin Bettina (Ella Rumpf) verknallt, sondern hat obendrein kaum Erfahrung mit größeren Deals. Noch dazu sitzt ihm sein Boss El Keitar (Kida Khodr Ramadan) im Nacken, bei dem Atris hohe Schulden hat. Als der Deal über die Bühne geht, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse und nicht nur die Freundschaft der beiden Männer steht auf dem Spiel, sondern auch das Leben aller Beteiligter…

Kritik

Ferdinand von Schirachs auf wahren Gerichtsfällen beruhende Kurzgeschichtensammlungen „Verbrechen“ und „Schuld“ wurden in den vergangenen Jahren hocherfolgreich für das deutsche Fernsehen verfilmt. Insbesondere die neuen Folgen, allesamt mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle des Anwalts Friedrich Kronberg, setzten sich einmal mehr komplex mit der Frage auseinander, ab wann Jemand für eine Tat zur Rechenschaft gezogen werden kann; wann er also – getreu dem Titel – die Schuld für etwas trägt. Die Short Story „Der Schlüssel“ stammt ebenfalls aus dem „Schuld“-Sammelband, doch Detlev Buck („Die Vermessung der Welt“) lag es ganz offensichtlich fern, sich ähnlich seiner TV-Kollegen Hannu Salonen und Maris Pfeiffer in inszenatorisch schweres Gebiet zu wagen. Am Ende von seiner „Asphaltgorillas“ betitelten Neo-Noir-Milieustudie steht nicht weniger die Frage nach der Schuld im Mittelpunkt, der Weg dorthin verläuft allerdings nicht beklemmend-dramatisch, sondern sukzessive völlig hanebüchen. Das ist allerdings zu keinem Zeitpunkt negativ zu verstehen. „Asphaltgorillas“ ist eine irrwitzige Erfahrung, ein hochambitionierter Genreclash und ein Sammelsurium herausragender inszenatorischer Ideen, die zu keinem Zeitpunkt etwas damit zu tun hat, was man hierzulande gern unter „deutschem (Jugend-)Kino“ versteht.

Atris (Samuel Schneider) und Marie (Ella Rumpf) sind Teil eines Vorhabens, bei dem auch Hund Platon eine Rolle spielt.

„Asphaltgorillas“ geizt nicht mit Anleihen an bekannte Genre-Vertreter: Darin steckt ein wenig „Nur Gott kann mich richten“, „John Wick“ ist auch dabei und über allem schwebt – nicht zuletzt dank der einnehmenden Performance von Jannis Niewöhner („Jugend ohne Gott“) als Jordan-Belfort-Verschnitt – immer auch ein Hauch von „Wolf of Wall Street“. Ein inszenatorischer Flickenteppich ist „Asphaltgorillas“ dennoch nicht geworden. Der Film trägt auf der einen Seite unübersehbar die extravagant-visionäre Handschrift eines Detlev Buck, auf der anderen Seite gelingt einfach auch der Spagat zwischen den Referenzen sehr gut. In stylisch choreographierten Actionszenen werden nicht einfach die Performances eines Keanu Reeves oder einer Charlize „Atomic Blonde“ Theron kopiert. Sie dienen lediglich als Vorbild, dem sich Buck selbstbewusst mit einer „Das kann ich auch!“-Attitüde nähert. Bebildert wird die sich nach und nach immer weiter zuspitzende Ansammlung an Skurrilitäten, die mal zum Brüllen komisch, mal wirklich bedrohlich sind, von Bucks Stammkameramann Marc Achenbach („Bibi & Tina – Tohuwabohu total“), der einen Neo-Noir-Look kreiert, wie man ihn aus den besten Werken eines Nicholas Winding Refn kennt. Es wird übrigens langsam Zeit für die Bezeichnung Neon-Noir!

Die von Anfang an unter Hochspannung stehende Situation spitzt sich mit jedem Auftauchen weiterer karikaturesk anmutender Zeitgenossen zu, bis „Asphaltgorillas“ auf der Zielgeraden schließlich ein abnormales Tempo fährt. Leerlauf gibt es hier nicht. Stattdessen ist das ebenfalls von Detlev Buck konzipierte Skript vollgestopft mit aberwitzigen Hindernissen, die es für die Protagonisten zu bestreiten gilt. Dazu gehören mit Abführmittel vollgestopfte Hunde ebenso wie exzentrisch im Leopardenmantel herumstolzierende Vollproleten; erzählerisch Sinn ergibt das alles trotzdem immer, da jede noch so absurd anmutende Figur gleichermaßen ihren festen Platz in der Geschichte hat und nicht nur ihrer Figur selbst wegen im Film vorkommt. Erzählerisch läuft es letztlich übrigens nicht bloß auf die Frage hinaus, wann die Szenerie eigentlich eskaliert ist und wer infolge dessen die Schuld daran trägt, dass nicht jede Figur lebendig den Film beendet. Es geht auf der anderen Seite auch einfach nur darum, wie unter den gegebenen Voraussetzungen der Coup abgeschlossen werden kann – oder eben nicht. Diese komplexe Aufbereitung wird dem Stoff, der Vorlage entsprechend, zu jedem Zeitpunkt gerecht und dass man am Ende nicht weiß, ob man nun Lachen oder schockiert sein soll, passt haargenau zum Konzept der stets auf widersprüchliche Gefühle abzielenden „Schuld“-Geschichten.

Franky (Jannis Niewöhner) hat eine ganz andere Vorstellung davon, wie Oxana (Stefanie Giesinger) das Geld ihres Vaters anlegen sollte.

Das Ensemble, das Detlev Buck für „Asphaltgorillas“ verpflichten konnte, ist in seiner Ansammlung an Stars und solchen, die auf dem besten Wege sind, solche zu werden, bemerkenswert gut bestückt. Während der sich im Schauspiel längst etablierte Jannis Niewöhner hier die exzentrischste und gleichermaßen beste Leistung seiner noch jungen Karriere abliefert, überzeugt auch Samuel Schneider („Exit Marrakech“) als betont ruhiger Gegenpol, genauso wie „Tiger Girl“-Star Ella Rumpf als selbstbewusst-aufmüpfige Ladendiebin. Unter den alteingesessenen Darstellern wie Georg Friedrich („Helle Nächte“) als selbstbewusster Klischee-Dealer, Kida Khodr Ramadan („Nur Gott kann mich richten“) als nicht mit seinem Gewaltpotenzial geizender Gang-Anführer El Kaitar und der heimliche Szenendieb Octay Özdemir („Bibi & Tina – Tohuwabohu total“) als El Kaitars völlig verplanter Handlanger ist hier jeder voller Elan dabei; lediglich unter den Newcomern gibt es kleine Ausfälle. Model und Instagram-Star Stefanie Giesinger müht sich beispielsweise sichtbar mit einem aufgesetzten Russinnen-Akzent ab und gibt damit ein in erster Linie hölzernes Debüt, das möglicherweise gar nicht so hölzern wäre, würde Giesingers Figur nicht aus Osteuropa stammen. Dafür hätte man die von vielen belächelte Vollzeitpoetin Julia Engelmann in der Rolle einer schwangeren Rapper-Gattin so gar nicht erkannt. Trotz ihres winzigen Auftritts empfiehlt sie sich bereits in diesen wenigen Sekunden für größere Aufgaben in der Schauspielerei. Kleine Schönheitsfehler im Detail gleicht Detlev Buck also direkt immer wieder aus, was „Asphaltgorillas“ zu schönen Ecken und Kanten verhilft, die einige lieben, andere wiederum hassen werden.

Fazit: Detlev Buck bedient sich für seine Interpretation von Ferdinand von Schirachs „Der Schlüssel“ zwar an diversen Motiven des aktuellen Filmgeschehens, doch gleichzeitig verpasst er ihnen immer auch seine eigene Note und macht daraus eine hochunterhaltsame Milieustudie, irgendwo zwischen „John Wick“, „The Wolf of Wall Street“ und „Nur Gott kann mich richten“.

„Asphaltgorillas“ ist ab dem 30. August bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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