Nur Gott kann mich richten

Nach „Chiko“, „Blutzbrüdaz“ und „Boy 7“ erreicht das grimmige Gangsterepos NUR GOTT KANN MICH RICHTEN die deutschen Kinos und damit der bisher beste Film von Regisseur Özgür Yildirim. Weshalb das so ist und was Moritz Bleibtreu damit zu tun hat, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Vor fünf Jahren hat Ricky (Moritz Bleibtreu) nach einem missglückten Überfall für seinen Bruder Rafael (Edin Hasanovic) und seinen Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) den Kopf hingehalten. Jetzt ist er raus aus dem Knast, und Latif möchte sich erkenntlich zeigen: er hat ein scheinbar sicheres Ding in Aussicht. Ricky könnte sich mit dem Geld, das dabei herausspringt, eine neue Existenz aufbauen. Nach anfänglichem Zögern stimmt Ricky zu, aber sobald die Vorbereitungen stehen, beginnen auch schon die Komplikationen. Ricky ist gezwungen, Rafael an Bord zu holen, den er eigentlich nie mehr in Schwierigkeiten bringen wollte, und auch sonst scheint sich die Welt gegen ihn zu verschwören. Vor allem in Form von Diana (Birgit Minichmayr), einer Polizistin in Geldnot, die plötzlich kriminelle Energie entwickelt, um die Pläne der Jungs auf ganz unvorhergesehene Weise zu durchkreuzen. Ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel setzt ein, das sie alle in den Abgrund zu reißen droht.

Kritik

Normalerweise beginnen unsere Reviews immer mit einem Absatz spannender Hintergrundinformationen; sei es nun über die Darsteller, Regisseure oder die Entstehungsgeschichte des Films. Manchmal kann eine persönliche Anekdote zu einer Sichtung aber noch viel mehr dazu beitragen, ein Gefühl für die zu besprechende Produktion zu entwickeln. So geschehen im Falle von Özgür Yildirims Thrillerdrama „Nur Gott kann mich richten“, das am Tage seines Pressescreenings direkt mit vier (!) weiteren Filmen konkurrieren musste. Am Ende des Tages – und damit nach erwähnenswertem Oscar-Material, hübsch drapierten Hollywood-Lovestorys, gefälligem US-Feelgood-Kino und dem neuesten Marvelabenteuer – blieb bei uns allerdings vorwiegend eines hängen: Die Performance von Moritz Bleibtreu in besagtem Gangsterepos. Da mag manch einer nun anfügen, die Rolle des knallharten Proletengangsters würde dem gebürtigen Münchner ja kaum noch etwas abverlangen. Doch die Rollen des auch als Anwalt („Schuld“), harmloser Drogendealer („Lommbock“) oder Joseph Goebbels („Jud Süß“) überzeugenden Mimen gleichen sich oft nur auf den ersten Blick. In „Nur Gott kann mich richten“ ist er einmal mehr nicht bloß als Klischeegauner zu sehen. Hinter dem Protagonisten Ricky steckt immer noch so viel gute Seele, dass man ihm das permanente Abdriften auf die schiefe Bahn einfach nicht wünscht, obwohl man ganz genau erkennt, dass sich das nicht mehr rückgängig machen lässt. Dadurch wird „Nur Gott kann mich richten“ zu einer tragischen, jedoch nicht minder intensiven Charakterstudie mit hochdramatischem Ausgang, denn in dem hier porträtieren Milieu sucht man weit und breit vergebens nach Gewinnern.

In einem von wenigen stillen Momenten lässt sich Ricky (Moritz Bleibtreu) sogar zu einem Gebet hinreißen.

Der titelgebende Gott ist in „Nur Gott kann mich richten“ eher symbolisch zu verstehen. Der gerade aus dem Gefängnis entlassene Ricky hat irgendwann einen entscheidenden Schritt in die falsche Richtung gemacht und lebt sein Leben seither auf der Seite der Kriminellen. Selbst vermeintlich geläutert, kommt er aus dem Teufelskreis aus Kriminalität, Wiedergutmachung durch Kriminalität und dem Wunsch, durch einen letzten Coup endlich alles hinter sich zu lassen, nicht mehr aus diesem Milieu heraus; wenn ihm einer helfen kann, dann allenfalls Gott (ergo: eine glückliche Fügung) – auch wenn es im Film nicht besonders christlich zugeht. Stattdessen wirft uns Özgür Yildirim („Boy 7“) mitten hinein in Frankfurts kriminelle Unterwelt, wenngleich „Nur Gott kann mich richten“ letztlich überall spielen könnte. Die versifften Bars, die dunklen Gassen und die schmierigen Hinterhöfe geben keinerlei Aufschluss darüber, dass diese Art der Kriminalität ausschließlich einer Stadt zuzuordnen ist. Das Leinwandgeschehen steht stellvertretend für sämtliches zwielichtige Milieu und rückt den Fokus damit gezielt auf die darin agierenden Figuren, angeführt von Moritz Bleibtreus Ricky. Doch auch sein jüngerer Bruder Rafael und sein bester Freund Latif sind wichtige Schräubchen im funktionierenden Getriebe, das sein Geld mit der Bewirtschaftung von zwielichtigen Stripschuppen, dem Verkauf von Drogen oder Überfällen verdient. Alles greift erschreckend routiniert ineinander – wer da rauskommen will, dem gelingt das kaum lebend.

Özgür Yildirim dokumentiert allerdings nicht bloß die innere Zerrissenheit seines (Anti-)Helden zwischen Aufbruch in ein neues Leben und einer damit einhergehenden, „letzten“ kriminellen Tat; auf der anderen Seite gibt er uns mit Polizistin Diana eine Figur aus dem vermeintlich entgegengesetzten Milieu an die Hand, die sich vor einer ähnlichen Fragestellung wiederfindet, als ein einmaliges, kriminelles Vergehen (wodurch im besten Falle noch nicht einmal Jemand direkt zu Schaden kommt) dafür sorgen könnte, dass diese ein Menschenleben rettet. Yildirim, der auch das Drehbuch zum Film selbst verfasste, gelingt es hervorragend, das eine Leid dem anderen gegenüberzustellen und den Zuschauer mit einfachen Fragen zu konfrontieren: Werden wir durch eine schlechte Tat automatisch zu einem schlechten Menschen? Wer bestimmt, wann eine Tat gut, und wann sie schlecht ist? Und heiligt der Zweck letztlich vielleicht doch die Mittel? Doch anstatt all das zu verkopfen, zieht er es an simplen Beispielen auf; so fernab der Betrachter den auf der Leinwand abgebildeten Situationen auch sein mag, so sehr appellieren sie an menschliche Urinstinkte wie den Willen an ein freies Leben oder an Gesundheit für sein eigenes Kind. Und mitten in diesem moralischen Dilemma liefern sich Moritz Bleibtreu und Birgit Minichmayr („Animals – Stadt Land Tier“) ein Duell, das vor allem aufgrund der Schauspielintensität beeindruckt.

An Rickys Seite: sein Bruder Rafael (Edin Hasanovic).

Eigentlich sind die beiden Charakterdarsteller nur wenig gemeinsam vor der Kamera zu sehen. Die meiste Zeit über verbringen sie beide in ihrem jeweiligen Milieu und werden so zum Spiegelbild des jeweils anderen. Vereinzelte Szenen aus dem Privatleben ergänzen die zwei um ihr notwendiges, privates Profil; darunter auch die beste Szene des Films: die lautstarke Auseinandersetzung zwischen Ricky und seinem dementen Vater (Peter Simonischek), die für einige Minuten zum Katalysator für sämtliche emotionale Facetten des gleichermaßen stolzen wie gekränkten, verzweifelten wie selbstsicheren, traurigen wie aggressiven Mannes wird. Bleibtreu wird zu einem regelrechten Berserker; einem solchen, wie man ihn früher auf Schulhöfen mied, weil er jeden, der ihm zu nah kam, verprügelte – und den man trotzdem in den Arm nehmen wollte, weil man genau wusste, dass dahinter Ursachen wie das Elternhaus oder schlimme Erlebnisse liegen. Birgit Minichmayrs Diana ist zu Beginn fast unscheinbar. Mit fortschreitender Spieldauer wird aus ihrer Polizistin immer mehr eine stille Rächerin, die sich – nichts zu verlieren habend – an Orte vorwagt, wohin sie nur die Liebe zu ihrer Tochter treiben könnte. Im finalen Showdown, den längst nicht alle Darsteller in „Nur Gott kann mich richten“ erreichen, duellieren sich letztlich nicht Gut und Böse, sondern ausschließlich arme Seelen, die dem Leid um sie herum nicht gewachsen waren. Es wird brutal, blutig und als es schließlich still wird, ist auch dem letzten Betrachter klar, dass vermutlich nur Gott über sie hätte richten können. Wenn überhaupt.

Fazit: „Nur Gott kann mich richten“ ist trotz seiner Brachialität ein eleganter Clash aus harter Milieustudie, intensivem Charakterdrama und spannendem Crimethriller, in dem Özgür Yildirim seine Darsteller brillieren lässt.

„Nur Gott kann mich richten“ ist ab dem 25. Januar in den deutschen Kinos zu sehen.

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