Spielmacher

Für sein Spielfilmdebüt SPIELMACHER hat sich Regisseur Timon Modersohn das Milieu illegaler Sportwetten ausgesucht, um in diesem Umfeld von der Läuterung eines auf die schiefe Bahn geratenen Fußballers zu erzählen, der kurz davor steht, alles zu verlieren. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Der vorbestrafte Ex-Fußballer Ivo (Frederick Lau) lernt den hoch talentierten Nachwuchsspieler Lukas (Mateo Wansing Lorrio) kennen. Ivo unterstützt den Jungen bei dessen Traum von der Profi-Karriere – auch um den Schmerz seines eigenen Scheiterns zu lindern. Als sich Ivo in Lukas’ Mutter Vera (Antje Traue) verliebt, scheint sich ihm tatsächlich ein neues Leben zu eröffnen. Doch seine kriminelle Vergangenheit holt ihn ein: Der charismatische Dejan (Oliver Masucci) wird auf Ivo aufmerksam und verwickelt ihn immer weiter in illegale Machenschaften abseits des Fußballsports, als er seine Empfänglichkeit für Sportwetten erkennt. Zu spät merkt Ivo, dass auch Lukas längst Teil von Dejans Plänen ist. Um den Jungen vor dem gleichen Schicksal wie dem eigenen zu bewahren, setzt Ivo alles auf eine Karte.

Kritik

Wenn es im große Summen geht, sind faule Tricks nicht weit. Das ist im Hochleistungssport nicht anders. Der Fußball an sich hat sich bislang aber immerhin aus so ziemlich jeder Imagekrise wieder befreit. Selbst als bekannt wurde, dass es bei der Auswahl der Austragungsstätte der Weltmeisterschaften 2006 nicht mit rechten Dingen zuging, konnte Jemand den Deutschen ihre Sommermärchen-Euphorie nehmen. Und auch sonst dürfte kaum einer ein schlechtes Gewissen haben, wenn er am Wochenende seine Mannschaft im Stadion anfeuert, selbst wenn immer mal wieder (und auf internationaler Ebene sowieso) Vermutungen und Fälle von Bestechung und mafiöse Strukturen bekannt werden. Für sein Spielfilmdebüt „Spielmacher“ taucht Regisseur Timon Modersohn (drehte zuvor zwei Kurzfilme) tief ein in das schmutzige Geschäft illegaler Sportwetten. Nicht in der ersten, zweiten oder dritten Bundesliga, sondern vor allem im Jugend- und Amateursport. Das ist zu weiten Teilen der Realität entlehnt. Die Zusammenhänge, die das Drehbuch von Christian Brecht hier erläutert, sind durchaus im Hier und Jetzt verwurzelt, auch die erwähnten Sportvereine gibt es wirklich. Die Story hinter „Spielmacher“ ist dagegen fiktional und das merkt man auch. Denn so spannend und „anders“ das erzählerische Umfeld ist, so wenig holt Modersohn letztlich aus seinem Film heraus. Es fehlt ihm an Höhepunkten und wenn’s atmosphärisch wird, dann liegt das vor allem an der (immerhin sehr intensiven) Wiederverwertung altbekannter Versatzstücke.

Dejan (Oliver Masucci) entdeckt Ivo (Frederick Lau) in einer Sportsbar und schlägt ihm ein Geschäft vor…

Es ist wirklich löblich, dass Timon Modersohn seine Geschichte im wenig prestigeträchtigen Bereich des Amateur- und Jugendsports spielen lässt. Dadurch erhält man als Zuschauer nämlich erst recht einen Eindruck davon, wie komplex das international handelnde Netz aus Wettbetrügern ist. Da sitzen die Hintermänner auch schon mal in Übersee und wetten im entfernten China darauf, dass Spieler XY einer bestimmten Mannschaft in der deutschen Kreisliga zehn Minuten vor dem Schlusspfiff eine rote Karte kassiert, wovon letztlich nicht bloß die Bieter, sondern vor allem diejenigen profitieren, die dafür sorgen, dass ebenjener Platzverweis erteilt wird. Zu „denjenigen“ gehört in erster Linie der von Oliver Masucci („Er ist wieder da“) verkörperte Dejan, ein gleichermaßen charismatischer wie abgrundtief böser Kerl, der mit seiner Rhetorik Ivo für seine Pläne zu begeistern weiß und ihn damit schnell in seinen Bann aus verbrecherischen Machenschaften zieht. Masuccis Charakter ist zweifelsfrei das Abziehbild des über Leichen gehenden, leicht exzentrischen Gangsters mit Hang zu ausufernden (und leider eher pseudocoolen denn coolen) Dialogen. Doch wo die Figurenzeichnung stark an der Karikatur kratzt, macht der demnächst auch in der Oskar-Roehler-Groteske „HERRliche Zeiten“ zu sehende Masucci die fehlende Tiefe mit engagiertem Spiel weitgehend wieder wett. Am Ende wird sein Dejan zu einer Person, mit der man sich auf keinen Fall anlegen will – Soll erfüllt!

Im Gegenüber steht mit Frederick Lau („Victoria“) alias Ivo nicht unbedingt eine Figur mit facettenreicherem Profil. Die Story vom (vermeintlich) geläuterten Ex-Knacki, der sein Leben nach der Zeit im Gefängnis wieder in die richtigen Bahnen lenken will, konzentriert sich ganz auf ihre simpelsten Eckpfeiler: Da ist auf der einen Seite die Verlockung des schnellen Geldes (die Sportwetten) und auf der anderen Seite der Weg in eine sichere Zukunft (die Freundin und der potenzielle Stiefsohn). Während die Faszination zwischen Ivo und Vera von Anfang an nur Behauptung bleibt, ist Ivos Empfänglichkeit für Dejans Pläne durchaus nachzuvollziehen. Timon Modersohn zeichnet die Mechanismen innerhalb der Wettmafia als derart simpel und nahezu wasserdicht, dass sie selbst auf den das Geschehen distanziert betrachtenden Zuschauer anziehend wirken; getreu dem Motto: Wenn das wirklich alles so reibungslos funktioniert („Bei diesem Spiel gibt es nur Gewinner!“), wieso sollte man sich dann nicht auch einfach all das Geld in die eigene Tasche stecken? Daraus, dass (Anti-)Held Ivo dabei nie Böses im Sinn hat, macht „Spielmacher“ nie einen Hehl und doch zieht Ivo erst spät die notwendigen Konsequenzen. Am reizvollsten ist der Crime-Thriller daher immer, wenn der einmal mehr bärenstarke Frederick Lau den inneren Zwiespalt seiner Figur zum Ausdruck bringt. Es ist zwar nicht so, dass wir das alles noch nie irgendwo gesehen hätten, doch dank der Darsteller hat das Gezeigte hier emotionale Hand und Fuß.

Ivo mit seiner neuen Freundin Vera (Antje Traue) und ihrem Sohn Lukas (Mateo Wansing Lorrio).

Inszenatorisch ist „Spielmacher“ ein zweischneidiges Schwert. Kameramann Christian Rein („How To Be Single“) hat das Einmaleins des internationalen Gangsterthrillers verinnerlicht und taucht den Film in ein düster-elegantes Gewand. Es hat heutzutage nichts Innovatives mehr, wenn elegante Autos zum Sound dröhnender Elektrobeats durch nächtliche Straßen cruisen, in deren Fensterscheiben sich die Skyline der Stadt spiegeln. Aber es ist effektiv und verleiht „Spielmacher“ bisweilen einen Hauch von Film-Noir-Flair. Im Kontrast zu alles andere als prestigeträchtigen Fußballplätzen von Dorfjugend und Amateurvereinen wirkt so viel internationale Extravaganz fast überfordernd – ein ganz eigener Charme, den man dem Film zugestehen muss, der hier so vortrefflich die verschiedenen Dimensionen des illegalen Glücksspiels vereint. So viel inszenatorisches Fingerspitzengefühl legt Timon Modersohn leider nicht immer an den Tag. Dass er für vereinzelte Szenen auf solch klischeehafte Setpieces wie schmuddelige Hafenecken oder einen alten Steinbruch verwendet, um seine ohnehin plakativen Charaktere noch plakativere Dinge zu tun, dämpft den guten Eindruck direkt wieder. Irgendwie steckt in „Spielmacher“ ein richtig guter Film, doch es fühlt sich so an, als hätten die Macher ihren eigenen Visionen nicht getraut.

Fazit: In Timon Modersohns Regiedebüt „Spielmacher“ folgt auf jedes Pro ein Contra – das macht den stylischen Glücksspiel-Thriller zu einem zwar interessanten, aber nie so ganz runden Kinoerlebnis.

„Spielmacher“ ist ab dem 12. April in den deutschen Kinos zu sehen. 

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