Manifesto

Julian Rosefeldts macht aus seiner Kunstinstallation MANIFESTO ein filmisches Kunstwerk und lässt Cate Blanchett in 13 verschiedenen Rollen brillieren, in der sie teilweise kaum wiederzuerkennen ist. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Darum geht’s

Von der Nachrichtensprecherin bis zum Obdachlosen, von der Pop-Art bis hin zu Dogma 95: In „Manifesto“ ist die zweifache Oscar-Gewinnerin Cate Blanchett in dreizehn unvergesslichen Episoden zu sehen, die allesamt Manifeste verschiedener Kunstströmungen des 20. Jahrhunderts behandeln. Der renommierte Film- und Videokünstlers Julian Rosefeldt verwebt in diesem zeitgemäßen Weckruf geschickt die leidenschaftlichsten Statements der Kunstgeschichte und bettet sie in unterschiedliche Alltagssituation einen – von der Trauerrede bis hin zum Tischgebet.

Kritik

Rudimentär ausgedrückt versteht man unter einem Manifest eine Aussage, auf deren Richtigkeit sich grundlegend festgelegt wurde. Das kann das Programm einer Partei sein, oder aber die Bestimmung einer besonderen Kunstgattung. Zu genau diesen verschiedenen Strömungen existieren solche Manifeste; und der Filmkünstler und –Installateur Julian Rosefeldt hat sich genau derer angenommen, um sein „Manifesto“ sowohl als Filmprojekt, als auch als klassische Museumsinstallation damit zu bestücken. Darin greift er auf Manifeste zum Situationismus, Futurismus, zur Architektur, zum Vortizismus, zum Blauen Reiter, abstrakten Expressionismus, Estridentismus, Kreationismus, Suprematismus, Konstructivismus, Dadaismus, Surrealismus, Spatialismus, zur Pop-Art, zum Fluxus, Merz, zur Performancekunst, Konzeptkunst, zum Minimalismus und zum Film an sich zurück. Vorgetragen werden diese allesamt von Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett (aktuell auch in „Thor: Tag der Entscheidung“ zu sehen), die in „Manifesto“ in sage und schreibe 13 verschiedenen Rollen zu sehen ist und sich hier so wandlungsfähig gibt wie ein Chamäleon. Für gänzlich uninformierte wirkt diese Filminstallation mit Sicherheit suspekt: Hier wird weder eine Geschichte erzählt, noch hängen die Monologe inhaltlich zusammen. Stattdessen sind sie eben das, was man im besten Sinne unter „Kunst“ versteht und so wird „Manifesto“ nach einer gewissen Eingewöhnungszeit zu einem inspirierenden, lange nachwirkenden Erlebnis.

Cate Blanchett als Obdachloser (Situationismus)

Um das Prinzip von „Manifesto“ zu erklären, zeigen wir den Aufbau einer Szene stellvertretend am Beispiel von Cate Blanchett als konservative Hausfrau und Mutter (alle Figuren in „Manifesto“ bleiben übrigens namenlos): Nachdem sie ihren Gatten sowie ihre zwei Kindern zu Tisch gerufen hat, falten alle vier ihre Hände zum nun offenbar anstehenden Tischgebet. Doch anstatt sich beim lieben Gott für die Speisen und das gemeinsame Glück zu bedanken, lässt Blanchett den Monolog „I am for an Art…“ von Claes Oldenburg aus dem Jahr 1961 folgen; ein im Kontext zu den anderen Texten fast schon feuriges Manifest über die Kunstrichtung Pop-Art, mit Zeilen wie „Ich bin für eine Kunst, die sich entwickelt, ohne zu wissen, dass sie überhaupt Kunst ist.“, oder „Ich bin für jede Kunst, die ihre Form von den Linien des Lebens nimmt.“ Das wirkt höchst abstrakt, denn mit den Sehgewohnheiten eines nach einer Dramaturgie, einer Story, eines Spannungsbogen verlangenden Publikums hat „Manifesto“ zu keinem Zeitpunkt etwas zu tun. Julian Rosefeldt inszeniert die verschiedenen Vorträge seiner Hauptdarstellerin zwar detailreich und in jeweils völlig verschiedenen Settings; von der Beerdigung über ein Nachrichtenstudio bis hin zur liebevoll ausgestatteten Puppenstube. Doch im Fokus stehen ganz die Monologe, die für „Manifesto“ nicht etwa umgeschrieben wurden, sondern 1:1 – teils nur in Auszügen – vorgetragen werden. Das bedeutet also: Selbst wenn Blanchett etwa im Rahmen einer Trauerrede die Grundsätze des Dadaismus erklärt, geht sie mit dem Gesagten nicht automatisch auf die Szenerie ein. Ob sie nun vor einer weißen Wand stünde, oder auf einem Friedhof, spielt zumindest für das Vortragen des Inhalts erst einmal keine Rolle. Nur manchmal ergänzen sich der Inhalt der Manifeste und die Umgebung, in der sie vorgetragen werden.

Die Kunstinstallation „Manifesto“ ließ es zu, dass sich sämtliche Episoden des Films in einem Raum und parallel zueinander abspielten, wodurch sich vor allem durch das teilweise Überlappen einzelner Passagen faszinierende Dopplungen ergeben konnten. Darüber hinaus ließ sich die durch mehrere deutsche Museen tourende Installation auch deutlich individueller erleben, als der Film, der vorgibt, welche Episode wann zu sehen ist, wenngleich Julian Rosefeldt davon absieht, einfach ein Manifest an das nächste zu reihen. Stattdessen geht er wie bei einem Episodenfilm vor und springt munter zwischen den verschiedenen Monologen hin- und her, was es für den, mit derlei Projekten bislang nicht in Berührung gekommenen Zuschauer deutlich leichter machen dürfte, das Experiment zu begreifen, als hätte Rosefeldt einfach stur einen Kurzfilm an den anderen gereiht. Trotzdem versucht er gen Ende für einen kurzen Moment, den Effekt der Installation auch im Kino erlebbar zu machen, wenn er kurz vor Einsetzen des Abspannes noch einmal Ausschnitte sämtlicher Monologe nebeneinander aufreiht, sodass die Leinwand in zwölf verschiedene (Blanchett spielt zwar 13 Rollen, in einer Episode kommen allerdings direkt zwei davon vor) Abschnitte gegliedert ist. Darum, jedes Manifest im Detail zu verstehen, geht es an dieser Stelle kaum noch. Vielmehr fasziniert das Spiel mit Sprache und Sound; im Falle von Letzterem ist es regelrecht schade, dass Rosefeldt nur für Vor- und Abspann auf den hochgradig pulsierenden, minimalistischen Score von Nils Frahm und Ben Lukas Boysen zurückgreift. Wenn dieser ertönt, erfüllt er den Kinosaal wie ein deftiger Herzschlag.

Cate Blanchett als Grundschullehrerin (Film)

Die Texte, auf die Rosefeldt für „Manifesto“ zurückgreift, stammen unter anderem von Jim Jarmusch, Lars von Trier und Werner Herzog. Mit der Ausnahme des Pop-Art-Monologs setzen sich sämtliche Vorträge aus verschiedenen Manifesten zusammen und werden so arrangiert, dass sie in sich zu einer stimmigen Dramaturgie finden. Trotzdem ist es keine Schande, bei der ersten Konfrontation mit dem Filmexperiment gerade einmal einen Bruchteil des Gezeigten zu verstehen und einzuordnen. „Manifesto“ zeigt in erster Linie, was sich mit Sprache anstellen lässt und wie es sich leidenschaftlich mit Worten über einzelne Begrifflichkeiten, Kunstgattungen oder vermeintlich festgelegte Standard auseinandersetzen lässt. Für Cate Blanchett wird „Manifesto“ indes weniger zu einem schauspielerischen Triumph (denn obwohl sie für ihre Performances massig Text lernen musste, hat sie zum Spielen wiederum recht wenig Material), als vielmehr zu einem emotionalen. Sie beweist nicht bloß eine chamäleonhafte Wandelbarkeit und gibt es überraschend uneitel. Im Rahmen der 95 Minuten steht sie mit Leib und Seele hinter jedem der Manifeste und verleiht dem Projekt an sich somit noch mehr Würze. Denn so passioniert wie es eine einzelne Frau (wenn auch in verschiedenen Rollen) hier ihr Verständnis von Kunst vorträgt, dürfte sie es im Anbetracht der vielen Widersprüche zueinander ja eigentlich gar nicht. Doch wie fällt es im Rahmen des Kreationismus-Monologs: Die Logik ist ein Fehler!

Fazit: Wer nicht die Gelegenheit hatte, „Manifesto“ als Kunstinstallation zu erleben, für den liefert Julian Rosefeldt nun die Leinwandversion einer faszinierenden Ansammlung von Monologen mit einer noch faszinierenderen Hauptdarstellerin.

„Manifesto“ ist ab dem 23. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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