Boston

Dem Vorzeige-Patrioten Peter Berg gelingt ausgerechnet mit einem US-amerikanischen Anti-Terror-Film sein bislang bestes Projekt. Weshalb sein auf wahren Ereignissen beruhendes Drama BOSTON trotzdem die DNA des Regisseurs trägt, verrate ich in meiner Kritik.boston_plaklat_dina4_rgb

Der Plot

Boston, 15. April 2013 – Wie jedes Jahr zieht es tausende Läufer und Zuschauer aus aller Welt an die Strecke des beliebten Bostoner Marathons. Doch die Feierlichkeiten verstummen schlagartig, als zwei Sprengsätze an der Zielgeraden detonieren. Noch ist unklar, ob den Explosionen weitere folgen werden. Aber Police Sergeant Tommy Saunders (Mark Wahlberg) versucht einen klaren Kopf zu bewahren und die ersten Rettungseinsätze zu koordinieren – obwohl seine Frau Carol (Michelle Monaghan) beinahe selbst den Detonationen zum Opfer gefallen wäre. Für die Ermittler beginnt ein packender Wettlauf gegen die Zeit und eine der nervenaufreibendsten Großfahndungen in der Geschichte Amerikas nimmt seinen Lauf…

Kritik

Aus filmischer Sicht war Regisseur Peter Berg schon immer so ein wenig der kleine Bruder von Michael Bay. Mit dem feinen Unterschied, dass sich Berg in seinen Arbeiten häufig eine Spur zu ernst nimmt, sodass Filme wie „Battleship“, „Lone Survivor“ oder „Deepwater Horizon“ nicht etwa als abgedrehtes Over-the-Top-Massenspektakel durchgehen, sondern der fahle Beigeschmack des versuchten Patriotismus-Anspruchs bleibt. Kurzum: Bergs Filme funktionieren zwar nach einem ähnlich simplen Konzept wie jene des „Transformers“-Regisseurs, doch sie wären gern mehr. Und damit fährt sich der 52-jährige New Yorker sehr häufig selbst in die Parade. Da ist auf der einen Seite das mainstream-taugliche, kostspielige Effektspektakel (die zwei Oscar-Nominierungen für „Deepwater Horizon“ sind in diesem Jahr definitiv gerechtfertigt), doch um auf der anderen Seite auch noch eine emotionale Geschichte zu erzählen, die über oberflächliche Heldenverehrung hinaus geht, fehlt es Peter Berg ganz einfach an Fingerspitzengefühl. Das ist bei Michael Bay nicht anders, doch dieser kann diesen Umstand immerhin mit einer gehörigen Portion Wahnsinn wieder ausgleichen – und versteht sich selbst ohnehin nicht als anspruchsvoller Storyteller. Mit der intensiven Inszenierung des vollkommen auf Action und Spektakel verzichtenden Thrillerdramas „Boston“ überrascht Peter Berg nun allerdings umso mehr. Auch wenn er die für seine Verhältnisse gedrosselte Verehrung von Land und Leuten nicht bis zum Ende durchhält.

15. April 2013 - Wie jeden Morgen verabschiedet sich Sgt. Tommy Saunders (Mark Wahlberg) vor Dienstbeginn von seiner Frau Carol (Michelle Monaghan).

15. April 2013 – Wie jeden Morgen verabschiedet sich Sgt. Tommy Saunders (Mark Wahlberg) vor Dienstbeginn von seiner Frau Carol (Michelle Monaghan).

Für Peter Berg ist „Boston“ nicht der erste Film, dessen Handlung auf wahren Ereignissen beruht. Sowohl die Blowout-Katastrophe „Deepwater Horizon“, als auch der Kriegsfilm „Lone Survivor“ hatten echte Geschehnisse zum Vorbild; und beide Male schlüpfte Mark Wahlberg („Ted 2“) in die Hauptrolle des unkaputtbaren Helden. Das ist in „Boston“ nicht anders. Der Film erzählt von den Anschlägen auf den Bostoner Marathon im Frühjahr 2013, die der Regisseur auf Basis des Skripts von Joshua Zetumer („RoboCop“), Matt Cook („Triple 9“) und seiner selbst überraschend ruhig und besonnen inszeniert. Missfiel an den bisherigen Filmen vor allem die unangebrachte Konzentration auf den Unterhaltungsfaktor, die die ernsten Hintergründe der Geschehnisse immer auf recht merkwürdige Weise auszuklammern versuchte, bleibt „Boston“ von Anfang an einer gediegen-überlegten Erzählweise treu. Berg schildert die Ereignisse aus der Sicht vieler verschiedener Personen, deren Sinn und Zweck nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich ist. Zu Beginn des Films kann die hohe Anzahl an Charakteren sogar erschlagend wirken. Vor allem, weil sich der Film immer nur für wenige Minuten an einer Szenerie aufhält, um wenig später schon zur nächsten zu springen. So aber ergibt sich ein komplexes Abbild möglichst vieler Betroffener, das zugleich auch die Vielfältigkeit der mit der Katastrophe einhergehenden Schicksale unterstreicht. Ob bloßer Augenzeuge, späteres Entführungsopfer, Ermittler oder Terrorist: Peter Bergs Werk wird zu einer Art Filmcollage, die sich mit fortlaufender Spieldauer zu einem Gesamtkonstrukt zusammensetzt, zu dessen Gelingen alle beitragen.

Wirkt „Boston“ aufgrund der diversen Erzählperspektiven zu Beginn noch ein wenig ausgefranst, konzentriert sich Peter Berg nach dem fast beiläufig inszenierten Terrorakt immer mehr auf zwei Parteien: Im Mittelpunkt stehen sowohl die ermittelnde Polizei, die penibel den Spuren vom Tatort nachgeht, als auch die Terroristen, an deren Planungen der Film das Publikum parallel dazu teilhaben lässt. Berg lässt das Geschehen vorzugsweise für sich sprechen, stattet weder die Terroristen, noch die Ermittler mit allzu viel Profil aus und konzentriert sich ganz auf die Ereignisse im Hier und Jetzt. Wie viel von dem Gezeigten so tatsächlich der Wahrheit entspricht, lässt sich insbesondere im Fall der Bombenleger nur schwer erahnen. Doch ausgerechnet nach Bergs fragwürdigem Kriegsactioner „Lone Survivor“ hätte man eine derart nüchterne Zeichnung der Islamisten wohl kaum erwartet. Peter Berg macht keinen Hehl daraus, wer hier gut und wer böse ist. Doch zusätzlich Öl ins Feuer einer Hetzjagd gießt er ebenso wenig, wie sein Film zu keinem Zeitpunkt Menschen einer bestimmten Ethnie unter Generalverdacht stellt. Was bleibt, ist ein seinen Thrill hauptsächlich aus der Puzzle-Arbeit der Cops ziehender Spannungsfilm, bei dem der Zuschauer in seinem Wissen immer einen Stück weiter ist, als die Protagonisten. Gleichzeitig geraten ausgerechnet jene Momente hochspannend, in denen das Publikum direkt an der Seite der flüchtenden Terroristen Platz nimmt. Die Entführung eines Zivilisten, um an ein fahrtüchtiges Auto zu gelangen, treibt den Puls ordentlich in die Höhe – schließlich waren die Bombenattentäter damals tatsächlich mit allen Wassern gewaschen. Wer aus diesem Katz-und-Maus-Spiel lebend und wer möglicherweise tot hervorgeht, bleibt bis zum bitteren Ende offen. Und wenn Peter Berg dann doch einmal Effekthascherei betreibt, ist diese so dreckig-geerdet (Stichwort: Schießerei), dass an das typische Spektakelkino des Blockbuster-Regisseurs nichts mehr erinnert.

In detektivischer Kleinarbeit rekonstruiert ein Team aus Forensiker und Analytikern den Tatort, um die Spur der Attentäter aufnehmen zu können.

In detektivischer Kleinarbeit rekonstruiert ein Team aus Forensiker und Analytikern den Tatort, um die Spur der Attentäter aufnehmen zu können.

Der fast schon dokumentarische Inszenierungsstil wird zum großen Pluspunkt von „Boston“, den Berg immer wieder damit unterstreicht, nicht auf den typischen Hochglanz-Look seiner bisherigen Filme zu setzen, sondern unaufgeregt das Geschehen abzubilden. Dazu gehört auch die gezielte Platzierung von Aufnahmen aus Überwachungskameras, die dem Zuschauer zusätzlich das Gefühl geben, hautnah am Geschehen zu sein. Tatsächlich funktioniert dieser Ansatz so lange, bis Peter Berg in der letzten halben Stunde in alte Muster zurückfällt. Wenngleich seine von Mark Wahlberg absolut souverän verkörperte Hauptfigur Tommy Saunders bis zuletzt verwundbar und gebrochen bleiben darf, nimmt die Schlagzahl patriotischer Ausrufe so lange zu, bis „Boston“ selbst vor einer öffentlichen Zelebration der beteiligten Cops nicht zurückschreckt. Mehr noch: Aus mehreren Tagen intensiver Ermittlungsarbeit macht Berg einen Triumph für den gesamten Bundesstart – nicht umsonst verweist der von J.K. Simmons („La La Land“) verkörperte Sergeant Jeffrey Pugliese in einer Ansprache darauf, dass all das ohne die Einwohner von Boston niemals möglich gewesen wäre. Spätestens, als das Skript Mark Wahlberg einen vor Vaterlandsliebe nur so triefenden Monolog halten lässt, den er über Umwege dann auch noch ungelenk und aufgesetzt wirkend mit seinem privaten Schicksal verknüpft, ist klar, weshalb „Boston“ im Original „Patriot’s Day“ heißt – sicher nicht nur, weil die Ereignisse von damals an genau diesem Tag stattfanden.

Fazit: „Boston“ ist vor allem deshalb der bislang beste Film von Peter Berg, weil er sich echt anfühlt. Über weite Teile seiner sich äußerst kurzweilig anfühlenden 133 Minuten ist der Crime-Thriller ein hochspannendes Puzzle-Spiel, das viele verschiedene Sichtweisen auf die Ereignisse des Bostoner Terrorakts berücksichtigt. Erst in der letzten halben Stunde verfällt Berg leider in alte „Amerika ist geil!“-Muster.

„Boston“ ist ab dem 23. Februar in den deutschen Kinos zu sehen.

Und was sagt Ihr dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s