Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück

Viggo Mortensen wird in CAPTAIN FANTASTIC – EINMAL WILDNIS UND ZURÜCK zum Aussteiger, der mit Frau und Kindern zurückgezogen im Wald lebt und die Zivilisation scheut. Der Film von Matt Ross zeigt, was passiert, wenn ebendiese Familie plötzlich auf die Welt trifft, die für uns alle selbstverständlich ist. Mehr dazu in meiner Kritik.Captain_Fantastic__Einmal_Wildnis_und_zurueck_Hauptplakat_01

Der Plot

Der hochgebildete Ben (Viggo Mortensen) lebt aus Überzeugung mit seinen sechs Kindern in der Einsamkeit der Berge im Nordwesten Amerikas. Er unterrichtet sie selbst und bringt ihnen nicht nur ein überdurchschnittliches Wissen bei, sondern auch wie man jagt und in der Wildnis überlebt. Als seine Frau stirbt, ist er gezwungen, mitsamt den Sprösslingen seine selbst geschaffene Aussteigeridylle zu verlassen und der realen Welt entgegenzutreten. In ihrem alten, klapprigen Bus macht sich die Familie auf den Weg quer durch die USA zur Beerdigung, die bei den Großeltern stattfinden soll. Ihre Reise ist voller komischer wie berührender Momente, die Bens Freiheitsideale und seine Vorstellungen von Erziehung nachhaltig infrage stellen…

Kritik

Autorenfilmer Matt Ross („28 Hotel Rooms“) liefert mit „Captain Fantasic – Einmal Wildnis und zurück“ erst seine vierte Regiearbeit ab. Noch dazu liefen seine drei vorherigen Produktionen international weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dass seine Filme trotzdem nie den Eindruck erwecken, Erstlings- oder Frühwerke zu sein, liegt daran, dass Ross neben seiner Tätigkeit als Regisseur selbst Schauspieler ist und schon vor dem Einschlagen seines zweiten Karrierewegs unter vielen namhaften Regie-Kollegen wie Terry Gilliam, John Woo und Martin Scorsese gedreht hat. Auch die Liste seiner Schauspielkollegen kann sich mit Leonardo DiCaprio, Nicholas Caige oder Christian Bale mehr als sehen lassen, sodass es überhaupt nicht verwundert, dass es zu Matt Ross‘ großen Stärken gehört, Akteure und Aktricen ins rechte Licht zu rücken. Auch in „Captain Fantastic“ entsteht das Gros an emotionaler Zuschauerinvolvierung durch die packende Darbietung von Hauptdarsteller Viggo Mortensen („Die zwei Gesichter des Januars“). Der von ihm mit viel Esprit, Charme aber auch einer gehörigen Portion Engstirnigkeit verkörperte Ben ist das Herzstück dieses ungewöhnlichen Aussteigerdramas, das abseits des passioniert aufspielenden Schauspiel-Grandseigneurs aber ein anderes Problem hat: Das Drehbuch von Matt Ross ruht sich an vielerlei Stellen auf der Zugkraft des 57-jährigen New Yorkers aus, sodass „Captain Fantastic“ im Großen und Ganzen durchschnittlicher ist, als er sein könnte.

Captain Fantastic

Im Prolog von „Captain Fantastic“ wird der Zuschauer Zeuge eines regelrechten Horrorszenarios: Matt Ross inszeniert eine Wildjagd ohne Schuss- oder Stichwaffen. Stattdessen pirscht sich Familienoberhaupt Ben zunächst an den anvisierten Vierbeiner an, um schließlich ganz Jump-Scare-like aus dem Unterholz zu springen und dem Reh den Hals umzudrehen. Was an dieser Szenerie am meisten verstört, ist weniger der kalkulierte Schock aufgrund Bens Attacke, es ist vielmehr die Selbstverständlichkeit der heranwachsenden Dreikäsehochs, beim anschließenden Ausweiden des Abendbrots mitzuhelfen. In dieser Eröffnung kommen nicht bloß sämtliche Stärken von Matt Ross‘ zynisch betiteltem „Captain Fantastic“ zum Tragen, sie ist in ihrer Selbstverständlichkeit so echt und authentisch, wie es der Film in den kommenden eineinhalb Stunden nie wieder sein wird. Ohne sich bereits näher mit den Figuren beschäftigt zu haben, begreift der Zuschauer auch ohne ausführliche Erklärung den dieser Szene innewohnenden Surrealismus; Kinder hantieren mit Waffen, setzen sich wie selbstverständlich mit den dampfenden Innereien des toten Tieres auseinander und die Eltern stehen anerkennend daneben und lesen ihren Kindern in der freien Zeit nicht etwa Geschichten vor, sondern klären sie darüber auf, welches Messer sich für welchen Zweck besonders gut eignet oder treiben sie in schweißtreibenden Natur-Workouts zu Höchstleistungen an. Da „Captain Fantastic“ hier noch weitestgehend ohne Dialog auskommt, können die Szenen obendrein verstärkt durch die Optik wirken. Erst, als die Story so richtig ins Rollen kommt, begibt sich Matt Ross inszenatorisch und erzählerisch auf gewohntes und leider auch einseitiges Terrain.

Matt Ross kommt nicht umher, seine auch so schon mit den Gepflogenheiten der modernen Gesellschaft kokettierende Aussteigerfamilie mit der „echten Welt“ zu konfrontieren, indem er den Tod von Bens Frau zum Anlass nimmt, den fortan allein erziehenden Vater mitsamt Kindern in die Großstadt zu schicken. Dabei spickt der Filmemacher den Weg von der Einöde in die Zivilisation mit allerhand amüsanten, mitunter aber auch ziemlich klischeehaften Etappen. Wenn Bens beachtlich intelligente Kinder auf die tumben Zöglinge seiner Verwandten treffen, ein Cop sich vom vorab einstudierten Regionsgeschwafel der Ältesten in die Flucht schlagen lässt oder Bens Sohn Bo (George MacKay) nach einer flüchtigen Flirterei mit einer Unbekannten direkt den Casanova spielt und einen Heiratsantrag unter dem Sternenhimmel einem langsamen Kennenlernen vorzieht, dann nimmt Matt Ross den Blick eines Außenstehenden an, der bei den Vorstellungen an eine solche Familie auf Plattitüden zurückgreift, um Unwissenheit zu kaschieren. Die rohe Anarchie des Prologs kann in Ermangelung authentischer Szenerien so kaum noch zum Tragen kommen. Stattdessen wird aus „Captain Fantastic“ ein durchschnittlicher Culture-Clash-Film mit mal mehr, mal weniger plakativen Einzelszenen, wovon einige wiederum hervorragend gelingen. Besonders im Blick auf die jüngsten Familienmitglieder bewahrt sich Matt Ross eine unbedarfte Neugier, indem er das Hinterfragen noch so verlockend wirkender Vorzüge eines solchen Aussteigerlebens erlaubt. Getreu dem Motto: Nur Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit.

Captain Fantastic

Je weiter die Story von „Captain Fantastic“ voranschreitet, desto mehr tritt nicht bloß das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Wertevorstellungen in den Fokus, sondern auch die Belanglosigkeit in der Inszenierung. Je stärker Ben mit seiner mitunter äußerst nachlässigen Art der Kindererziehung konfrontiert wird – schwerwiegende Verletzungen erklärt er einfach zu Nichtigkeiten –, desto weniger lässt sich Matt Ross darauf ein, eine klare Position zu beziehen. Herrscht zunächst noch eine provokante, aber doch aussagekräftige „Jeder so, wie er will!“-Botschaft vor, lässt er seine Figuren gen Ende immer häufiger Kompromisse eingehen. Dass das schlussendlich gar in Verrat an seinem Protagonisten mündet, begründet der Film mit einer sukzessiven Läuterung. Glaubhaft ist dieser vor allem deshalb nicht, weil sie wie ein Nachklapp wirkt und sich so vielmehr wie ein allzu zuckriges Finale anfühlt, das es auf Biegen und Brechen allen recht machen will. Es ist einzig und allein Viggo Mortenses passioniertem Spiel zu verdanken, dass „Captain Fantastic“ seine authentische Identität beibehält, die all die noch so unglaubwürdigen Ent- und Verwicklungen der Familie immer noch weitestgehend glaubhaft machen. Selbst ein noch so absurd ausuferndes Familienessen erscheint uns in dieser Konstellation irgendwie möglich. Wie gut, dass die unaufgeregte Inszenierung in Bild und Ton nicht von den schauspielerischen Stärken des Films ablenkt.

Fazit: Obwohl es sich Regisseur Matt Ross in „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ nicht selten nur allzu bequem macht, ist sein immer mal wieder brüllend komisches Familiendrama über weite Strecken authentisch und dank eines toll aufspielenden Casts leidenschaftlicher, als die Geschichte selbst.

„Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ ist ab dem 18. August in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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