Anomalisa

Animationsfilme haben leider den Ruf, sich ausschließlich auf Kinder- und Familienunterhaltung zu beschränken. Nach Filmen wie „Watership Down“, „Waltz with Bashir“ und „Akira“ steuert nun auch Charlie Kaufman seinen Beitrag zum Segment der gezeichneten Erwachsenenunterhaltung bei. Sein Drama ANOMALISA zeigt nicht nur zwei in Stop-Motion-Technik animierte Menschen beim Sex, sondern thematisiert mit der zwischenmenschlichen Entfremdung und dem Wunsch nach emotionaler Runderneuerung obendrein Dinge, die sich für ein junges Publikum gar nicht erst erschließen. Mehr zu diesem beeindruckenden Film lest Ihr in meiner Kritik.

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Der Plot

Der erfolgreiche Motivationstrainer und Bestsellerautor Michael Stone (David Thewlis) reist durch Amerika und begeistert mit seinen Vorträgen unzählige Menschen. Viele hoffnungslose Fälle hat er durch sein Buch erlöst, doch nun scheint er selbst in eine große Krise zu geraten. Während er anderen Menschen hilft, wird sein Leben immer leerer und bedeutungsloser. Müde vom vielen Reisen, lustlos über sein Leben als Familienvater, kommen ihm alle Menschen gleich vor. Als plötzlich in einer weiteren einsamen Nacht die schöne und lebhafte Stimme einer Frau in sein Hotelzimmer dringt, schöpft er neue Hoffnung. Die unwiderstehliche Stimme gehört Lisa (Jennifer Jason Leigh), die in einem Call-Center arbeitet und extra für Michaels Vortrag von weit her angereist ist. Michael ist überzeugt: Mit Lisa kann er einen Neustart wagen…

Kritik

Es ist fast müßig, in Diskussionen immer wieder erklären zu müssen, dass sich das Segment des Animationsfilms mitnichten ausschließlich auf die Kinder- und Familienbespaßung beschränkt. Allen, die sich ab und an dafür rechtfertigen müssen, auch im Erwachsenenalter noch Filme zu konsumieren, die vollständig am Computer entstanden sind, liefert der Regie-Exzentriker Charlie Kaufman („Synecdoche, New York“) mit seinem erst zweiten Werk „Anomalisa“ nun das endgültige Totschlagargument. Der Autor von solch verschrobenen Meilensteinen wie „Being John Malkovich“, „Adaption“ und „Vergiss mein nicht“ taucht in seinem melancholischen Selbstfindungstrip in die Welt der Puppenanimation ein und beweist, dass sich auch ein Intellektuellendrama hervorragend mit der Stilistik eines Stop-Motion-Films vereinbaren lässt. Die Geschichte eines Mannes, der in der Einsamkeit zu sich selbst und seiner Umgebung zu finden versucht, ist bei aller personenbezogenen Abwesenheit ein durch und durch menschlicher Film, der das Publikum manchmal mehr zum Nachdenken zu bringen vermag, als ähnlich gestrickte Pendants des Realfilms.

Anomalisa

Trotz seiner FSK-Freigabe ab zwölf wird sich „Anomalisa“ vermutlich erst dann voll und ganz seinem Zuschauer erschließen, wenn dieser die Volljährigkeit längst überschritten hat. Der Grund dafür ist die Tiefe jener Gedanken, von der sich Hauptfigur Michael in seiner Lethargie durch die Nacht treiben lässt, denn je mehr Lebenserfahrung das Publikum mitbringt, desto eher lassen sich die einzelnen Gedankengänge des Protagonisten nachvollziehen. Inszenatorisch ist „Anomalisa“ ein Kammerspiel: Mit Ausnahmen kurzer Sequenzen in Flugzeug, Taxi und Bar spielt sich das Gros der Laufzeit in den vier Wänden von Michaels Hotelzimmer ab, wo die Hauptfigur die meiste Zeit damit verbringt, über sich, sein Leben, vor allem aber über seine doch eigentlich so unbegründete Traurigkeit zu sinnieren. Das Skript von „Anomalisa“, für das ebenfalls Charlie Kaufman verantwortlich zeichnet, skizziert Michael als erfolgreichen Geschäftsmann mit Frau und Kind, doch dass die Schwermut seiner selbst auch gerade darin begründet sein könnte, offenbart sich dem Zuschauer erst nach und nach. Die Geschichte möchte nicht zwingend Lösungsansätze bieten, geschweige denn den Hauptcharakter von Punkt A nach Punkt B – also an ein gewisses Ziel – führen. Stattdessen versteht sich der Film als Beobachtung einer einzigen Nacht, die alles ändern könnte und die letztendlich doch nur den Stillstand unterstreicht.

Subtil ist „Anomalisa“ innerhalb seiner Inszenierung nicht. Der Kniff, dass sämtliche Figuren (mit einer Ausnahme) ein und dieselbe Stimme besitzen, was Gleichschaltung und die ausnahmsweise Abkehr davon unterstreichen soll, ist auch dann verständlich, ohne dass besonders viel Anstrengung der Interpretation angewandt werden muss. Darüber hinaus haben alle Figuren eine nahezu identische, maskenhafte Visage; dreimal dürfen Sie raten, welche Symbolik dahintersteckt. Und wem das Fregoli-Syndrom bekannt ist, der wird auch verstehen, weshalb Kaufman seinen Film unter dem Pseudonym Francis Fregoli verfasste und dem Hotel in seinem Film den Namen Al Fregoli gab. Doch all das bildet in „Anomalisa“ lediglich Staffage für eine Erzählung, bei der es um das gesprochene Wort und weniger um die visuelle Aufmachung geht. Darüber hinaus unterstreicht eine so fast schon grobmotorisch anmutende Animation, welch emotionale Tiefe in diesem Film steckt: Wenn sich Michael und seine neue Bekanntschaft Lisa näherkommen, entsteht aufgrund der berührenden Interaktion beider „Menschen“ eine körperliche Nähe, die sich auch aufbaut, obwohl wir es hier lediglich mit dreidimensionalen Puppenanimationen zu tun haben. Es erweist sich als absolut sinnig, dass wir weder von Michael, noch von Lisa, die ab der zweiten Hälfte eine tragende Rolle in „Anomalisa“ spielt, möglichst wenige Hintergrundinformationen an die Hand geliefert bekommen. Wir wissen um die Unzufriedenheit von Michael und wir erfahren, dass Lisa von einer unschönen Vergangenheit beeinflusst wurde, die für ein stark ausgeprägtes Misstrauen gegenüber ihrer Mitmenschen sorgt. Charlie Kaufman macht sich ausschließlich diese Vorlagen zunutze, um den Ist-Zustand für das Aufbauen emotionaler Bindungen zu sorgen – vollkommen unabhängig von den Stunden, Tagen und Jahren zuvor.

Anomalisa

Trotzdem ist „Anomalisa“ keine Liebesgeschichte. Der Film erzählt zwar vom sukzessiven Entstehen zwischenmenschlicher Gefühle, die sich gar in explizit vor der Kamera gezeigtem Sex entladen, doch über den Willen, so etwas wie ein leises Knistern zwischen Michael und Lisa wahrzunehmen, wird man als Zuschauer nicht hinauskommen. Beide Figuren hegen den Wunsch nach einer liebevollen Beziehung; vielleicht sogar einer gemeinsamen Zukunft. Doch Charlie Kaufman wählt den unbequemen Weg der Erkenntnis, dass auf ein einmaliges Abenteuer eben auch die große Ernüchterung folgen kann. Trotzdem geht es dem Regisseur und seinem Film nicht um das Thema der Desillusion. Bei aller Interaktion zwischen den Protagonisten bleibt „Anomalisa“ ein Film über Michael. Schlussendlich symbolisiert Michael nämlich uns alle und die Frage, wer wir sind, ob wir das bleiben, was wir jetzt gerade zu sein glauben und ob es überhaupt möglich ist, daran etwas zu ändern, sich von dem Ist-Zustand zu lösen und neu anzufangen. Dass wir uns genau davor fürchten, auch darauf geht Charlie Kaufman in einer Filmsequenz ein, von der keiner im ersten Moment so genau weiß, ob sie nun Realität oder Albtraum ist. Eines aber ist ganz sicher: „Anomalisa“ ist ein Meisterwerk, das uns den Menschen selbst, und damit uns, so nahe bringt wie kein anderer Film zuvor.

Fazit: Eine Ode an die Menschlichkeit: In „Anomalisa“ erhebt Regievirtuose Charlie Kaufman die Melancholie an sich zur Kunstform – und seinen Film zu einem tragischen Meisterwerk!

„Anomalisa“ ist ab dem 21. Januar in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen.

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