Selma

Nominiert für zwei Oscars erzählt SELMA unter angenehm zurückhaltenden Bedingungen von Martin Luther King und seinem unermüdlichen Willen, sich gegen den Rassismus in den USA aufzulehnen. Insbesondere David Oyelowo begeistert in einem Film, der beweist, das geschichtsträchtiger Stoff nicht automatisch in die Kategorie „Oscar-Baiting“ gehört. Lest in meiner Kritik, weshalb der Streifen alles andere als scheinheilig ist.

Selma

Der Plot

Sommer, 1965. Das formal bestehende Wahlrecht für Afroamerikaner in den USA wird in der Realität des rassistischen Südens ad absurdum geführt. Schwarze sind Bürger zweiter Klasse und täglich Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt. Die Stadt Selma, Alabama, ist einer der Orte, in denen sich der Widerstand formt. Dr. Martin Luther King (David Oyelowo), jüngst mit dem Friedensnobelpreis geehrt, schließt sich den lokalen Aktivisten an und zieht damit nicht nur den Unwillen der örtlichen Polizei und des Gouverneurs von Alabama auf sich. Auch Kings Verhältnis zu Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) gerät unter Spannung. Zudem droht die Ehe zwischen King und seiner Frau Coretta (Carmen Ejogo) unter dem Druck und der ständigen Bedrohung zu zerbrechen. Der Kampf um Gleichberechtigung und Gerechtigkeit schlägt Wellen, die bald das ganze Land in Aufruhr versetzen.

Kritik

Ein Aufschrei ging durch Hollywood, als Regisseurin Ava DuVernay („Middle of Nowhere“) Anfang des Jahres nicht bei den Oscar-Nominierten für den Preis als „Beste Regie“ auftauchte. Viele sahen in diesem Umstand sofort einen Skandal und sich selbst in der Annahme bestätigt, dass die Academy ebenso frauenfeindlich wie rassistisch sei. Dabei muss die fehlende Berücksichtigung der aufstrebenden Filmemacherin damit gar nicht zwingend etwas zu tun haben. Wenngleich DuVernay mit „Selma“ ein eindrucksvolles Biopic über den mit 39 Jahren ermordeten Menschenrechtler Martin Luther King gelungen ist, so beeindruckt ihre Arbeit doch vorzugsweise als Gesamtwerk und ist dabei weniger das Ergebnis einer überbordend kreativen Regieleistung. Damit sei das Können der Filmemacherin nicht in Abrede gestellt, sondern ihr ebenso ästhetisches wie künstlerisches Verständnis davon betont, wie man das cineastische Portrait einer bedeutungsvollen Persönlichkeit inszeniert, ohne sich dabei dem Oscar-Baiting zu unterwerfen. Mit „Selma“ will Ava DuVernay aufrütteln, ohne dem Publikum die Bedeutung des stillen Helden zwingend mit dem Holzhammer einzutrichtern. Sie verzichtet auf Effekthascherei und lässt den Verlauf der Geschichte für sich sprechen. Dies reicht vollkommen, um den Wert ihres Films zu unterstreichen; eine Überbetonung der Regieleistung wäre da nur hinderlich. Was hingegen schade ist, ist das Fehlen von  David Oyelowo („Interstellar“) in der Award-Sparte „Bester Hauptdarsteller“. Dem durch die TV-Serie „Spooks“ bekannt gewordenen Mimen ist es zu verdanken, dass „Selma“ über seine stattlichen 128 Minuten eine solche Sogwirkung entfaltet, dass man sich den Ansprachen Kings im Kino ebenso wenig entziehen kann, wie es seine Anhänger vor Jahrzehnten bei dessen Kundgebungen taten.

David Oyelowo

Ava DuVernay konzentriert sich in „Selma“ auf ihre große Stärke, die in einer geerdeten Besonnenheit im Geschichtenerzählen zu finden ist. Die Regisseurin vereint zwei grundsätzliche Faktoren, die bei der Betrachtung von Martin Luther Kings Lebenswerk unumgänglich sind. So ist „Selma“ sowohl als aufwühlendes Rassendrama, zu verstehen, das jedoch ganz bewusst nicht auf die brachiale Durchschlagskraft eines Films wie „12 Years a Slave“ setzt, sondern den Alltagsrassismus der damaligen Zeit hervorkehrt. Als zweiten Gesichtspunkt nutzt das Skript von Debütant Paul Webb das aufkommende Interesse an der Privatperson Martin Luther King und zeichnet den passionierten Menschenrechtskämpfer als liebenden Ehemann und Vater, dessen familiärer Alltag nicht minder von den geschichtlichen Ereignissen beeinflusst wird. Besonderes das lose umrissene Familienleben Kings sorgt in „Selma“ für besonders rührende Momente und spricht die Hauptfigur zu keinem Zeitpunkt heilig. So findet die filmische Biographie zu einem angenehm ehrlichen Grundton, mithilfe dessen der Streifen ebenso als Geschichtsstunde wie Drama funktioniert. Neben David Oyelowo, dessen Stärken in den großen Gesten liegen, der jedoch auch in den stillen Momenten durch eine zu Herzen gehende Authentizität und Verletzlichkeit beeindruckt, fällt insbesondere Carmen Ejogo („The Purge: Anarchy“) ins Auge. In der Rolle von Coretta Scott King vereint sie ein zerbrechliches Äußeres mit einem resoluten Auftreten und hat zusammen mit ihrem Film-Ehemann sehr subtile, zugleich jedoch aufbrausende Momente auf ihrer Seite, welche die interessante Ambivalenz in ihrer Rolle hervorheben.

Selma

Wie es der Titel bereits ankündigt, steht in „Selma“ der ereignisreiche Marsch von der Stadt Selma nach Montgomery im Mittelpunkt. Ebenjene Protestaktion funktioniert dabei als narrativer Höhepunkt, in welchem sich all jene Emotionen entladen, welche in den Stunden zuvor mühsam aufgebaut wurden. Ava DuVernay verlässt sich jedoch bewusst nicht auf dieses Highlight als einziges, um auf direkten Konfrontationskurs mit dem Publikum zu gehen, sondern nimmt in ihrer Erzählung eine äußerst interessante Sichtweise ein; vermutlich genau jene, mit welcher auch King die Ereignisse rückblickend betrachtet hätte. Die von steten Fortschritten und Rückschlägen geprägten Geschehnisse stellen zu jedem Zeitpunkt einzig und allein einen Teilerfolg im Kampf gegen den Rassismus dar. Da ist es nur konsequent, dass DuVerney auf das In-Szene-Setzen eines furiosen Schlussakts verzichtet und den Weg – in diesem Falle den Marsch – als das Ziel, nicht jedoch als den Selbstzweck ihrer Geschichte versteht. So besitzt „Selma“ zwangsläufig weder ein zufriedenstellendes Happy End, noch ein bewusst auf Niedergeschlagenheit setzendes Sad End. Einzig der aufgrund seiner aufbrausenden RnB-Herkunft reichlich fehlplatzierte Abschlusssong („Glory“ von John Legend & Common) stellt ebenjenen Inszenierungsziel der vergangenen zwei Stunden kurz infrage und verkauft uns „Selma“ eben doch als Unterstreichung des Aufbegehrens, die dem Film zwar innewohnt, nicht jedoch als Alleinstellungsmerkmal funktioniert.

Inszenatorisch setzt Ava DuVernay zu jedem Zeitpunkt auf das größtmögliche Maß an Distanz und verzichtet gleichsam auf Effekthascherei wie das bewusste in Szene setzen dramatischer Ereignisse. Die Regisseurin weiß um die Zugkraft der Thematik und hält sich angenehm kurz an diversen Rückschlägen innerhalb der Rassenpolitik auf. Dabei legt sie ein besonderes Augenmerk auf die Beiläufigkeit, mit welcher der Hass auf Schwarze einst in den Alltag der US-Amerikaner integriert wurde. Die Wortgefechte im Weißen Haus, in denen sich ein großartig-widerlich aufspielender Tim Roth („Lie to Me“) als Highlight erweist, tragen dabei nicht minder zur Unterstreichung der fehlgeleiteten Politik bei, wie die, im wahrsten Sinne des Wortes, Machtkämpfe auf der Straße, die in der Ermordung eines Weißen, der sich den schwarzen Protestmärschen anschloss, ihren tragischen Höhepunkt finden. Einzig die Zeitlupen, die „Selma“ zeitweise deutlicher in den Länge ziehen als nötig, hätte es im Anbetracht der sonst so unverfälschten Bildsprache schlicht nicht gebraucht.

David Oyelowo und Carmen Ejogo mimen das sich liebende Ehepaar King, deren Liebe unter den politischen Ereignissen zu leiden hat.

Fazit: Ava DuVernay inszeniert „Selma“ als ein Zeitdokument der zurückhaltenden, dadurch aber umso eindringlicheren Art. Mit einem begeisternden David Oyelowo in der Hauptrolle wird ihr Film zu einem cineastischen Akt der Völkerverständigung, der aktueller kaum sein könnte und die Brisanz eines Themas hinterfragt, das heutzutage eigentlich gar keines mehr sein dürfte.

„Selma“ ist ab dem 19. Februar in ausgewählten, deutschen Kinos zu sehen.

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