3 Türken & ein Baby

Schon viele Nicht-Schauspieler, besonders aus deutschen Landen, drängten in den vergangenen Jahren immer mal wieder ins Kino. So auch in der deutsch-türkischen Komödie 3 TÜRKEN & EIN BABY, in welcher Rapper Eko Fresh sein Schauspieldebüt feiert. Und das gelungener als gedacht, dafür sucht man die Probleme an ganz anderen Stellen. Mehr dazu in meiner Kritik zum Film.

3 Türken & ein Baby

Der Plot

Das ist die irrste WG von ganz Frankfurt: Obwohl sie längst erwachsen sind, haben es die drei deutschtürkischen Brüder Celal (Kostja Ullmann), Sami (Kida Khodr Ramadan) und Mesut (Ekrem Bora aka Eko Fresh) immer noch nicht auf die Reihe gebracht, aus der Wohnung ihrer Eltern auszuziehen. Tagsüber kümmern sie sich um das Brautmodengeschäft, das sie von ihren Eltern geerbt haben. Mehr schlecht als recht: Der Vermieter droht mit Zwangsräumung, wenn sie die nötige Kohle nicht aufbringen.
Blöderweise aber verzockt Celal das letzte bisschen ihres gemeinsamen Erbes und versucht nun verzweifelt, Geld aufzutreiben. Was schwieriger ist als gedacht, weil er sich völlig unerwartet auch noch um das süße Baby seiner Ex Anna kümmern muss, die nach einem Unfall im Krankenhaus gelandet ist. Seine Brüder sind ihm auch keine große Hilfe: Vom Windeln wechseln und Kleinkinder füttern hat keiner der drei Chaoten einen blassen Schimmer. Celal, Sami und Mesut brauchen dringend eine zündende Idee. Sonst läuft ihr Leben am Ende noch vollends aus dem Ruder…

Kritik

In Zeiten von Pegida, Islamophobie und IS-Terror ist das Thema der interkulturellen Verständigung allgegenwärtig. Das haben auch Filmemacher aus aller Welt begriffen. Allein hierzulande erscheint dieser Tage nicht nur die deutsch-türkische Komödie „3 Türken & ein Baby“, sondern auch Züli Aladags Einwanderungsgroteske „300 Worte Deutsch“, die sich explizit mit den unterschiedlichen Auffassungen gelungener Integration befasst. International erzählt die mexikanisch-deutsche Ko-Produktion „Guten Tag, Rámon“ die Geschichte eines jungen, mittellosen Migranten sowie dessen Schicksal innerhalb der Bundesrepublik und greift somit ebenfalls eine ebenso aktuelle wie brisante Thematik auf. Ob als gezielter Versuch, in gesellschaftspolitisch brisanten Zeiten das Medium Film als Form der Vermittlung zu nutzen, oder zur reinen Unterhaltung: Das Kino an sich funktioniert seit jeher als Bindeglied verschiedenster Kulturen. Dem neuesten Werk von Regisseur Sinan Akkus („Evet, ich will!“) anzudichten, aktiv etwas für die interkulturelle Gesellschaftsformierung tun zu wollen, ist angesichts der überdeutlichen Ausrichtung in Richtung Brachialcomedy vermutlich ein wenig dick aufgetragen. Doch selbst Stand-Up-Komikern wie Kaya Yanar oder Bülent Ceylan gelingt es mit einer Mischung aus dem gezielten Schüren von Klischees, augenzwinkernder Provokation und jeder Menge Selbstironie, fast beiläufig gewisse Grenzen zu überwinden und Hemmungen abzubauen. Lässt man diesen lohnenswerten Ansatz einmal beiseite, bleibt von „3 Türken & ein Baby“ jedoch nicht mehr viel übrig. Ist man nämlich einmal ehrlich, so hat die Komödie allenfalls TV-Unterhaltungswert, ist dabei jedoch weitaus professioneller produziert als vorab erwartet und punktet immerhin auf Seiten der Darsteller. Aber der Reihe nach…

Kostja Ullmann

Das Interessanteste an „3 Türken & ein Baby“ ist zweifelsfrei die gelungene, wenn auch nicht ganz unkalkulierte Besetzung. In den Hauptrollen ebenjener drei Einwanderer aus dem Land am Bosporus finden sich zum einen Kostja Ullmann („Coming In“), der hier mehr als einmal damit kokettiert, nicht unbedingt deutsch auszusehen, der auch international gefragte Kida Khodr Ramadan („Unknown Identity“) sowie Rapper Eko Fresh, dessen Schauspieldebüt vorab am lautesten diskutiert wurde. So mag man es glauben, oder nicht, doch der immer ein wenig belächelte Musiker steht seinen Schauspielkollegen in Nichts nach und punktet sogar zusätzlich ob seiner unbedarft zwanglosen Spielweise. Zusammen mit seinen beiden Mitstreitern Ullmann und Ramadan entwickelt sich alsbald eine sympathische Chemie, die bis zu einem gewissen Grad auch in der Lage ist, das Publikum über die Schwächen des Drehbuchs hinwegzutrösten. Wann immer das Skript von Sinan Akkus Anarchie walten lässt oder im besten Fall die türkischen Klischees unterwandert, funktioniert „3 Türken & ein Baby“ nämlich überraschend gut. Wenn sich ausgerechnet Eko Fresh in der Eröffnungsszene über die Ausdrucksweise deutscher Gangsterrapper echauffiert, hat dies durchaus einen gewissen Unterhaltungswert. Auch die Tatsache, dass das Team einen großen Spaß an den Dreharbeiten gehabt haben muss, ist angesichts des ohnehin sehr leichtfüßigen Tonfalls kaum zu übersehen. Leider halten diese Vorzüge nicht lange an. Irgendwann mischt sich schließlich auch das ein, worum es selbst in einer Komödie bevorzugt gehen sollte: die Handlung.

Als alleinige Sketchparade legt Sinan Akkus seinen Streifen nämlich ganz bewusst nicht an. Auch er lässt in seiner Komödie eine Klischeehandlung über Selbstfindung und das Erwachsenwerden auf eine auf den ersten Blick gar nicht so hanebüchene Prämisse treffen. In diesem Fall heißt diese Clara und ist das Baby, von dessen Existenz der eigentlich so erwachsene Celal bislang gar nichts wusste. Als dieser das kleine Mädchen wider Willen bei sich aufnimmt, da dessen Mutter bei einem Autounfall verletzt und ins Krankenhaus eingeliefert wird, überschlagen sich erwartungsgemäß die Ereignisse. Doch das geschieht nicht etwa gewitzt oder auf Basis halbwegs durchdachter Pointen, sondern ziemlich vorhersagbar und vollkommen entgegen jedweder Logik. Besonders zu leiden haben darunter die Charaktere. Wenngleich man die drei Brüder zwar von Beginn an ein eine missliche Ausgangslage steckt und es die nahende Schließung des Familiengeschäfts für Brautmoden bereits andeutet, dass die Geschwister möglicherweise nicht die aller hellsten Köpfe sind, so scheint man Celal, Sami und Mesut sukzessive immer weniger Gehirnzellen zugestehen zu wollen. Dass Celal das gesamte Vermögen schließlich blind im Casino verzockt, ist da nur der Gipfel der Naivität, die das Drehbuch für die Protagonisten bereithält. Da ändert es auch nichts daran, dass Akkus immer wieder bemüht nachdenkliche Momente innerhalb der Handlung platziert, die in den meisten Fällen nicht einmal zu Ende gedacht werden. So möchte der grobschlächtige Sami endlich seine Aggressivitätsprobleme in Angriff nehmen, doch der angerissene Nebenplot um einen Antiaggressionskurs dient allenfalls dazu, die vermeintliche Gagdichte weiter zu erhöhen.

3 Türken & ein Baby

Wie lustig „3 Türken & ein Baby“ schlussendlich geworden ist, liegt in den aller meisten Fällen im Auge des Betrachters. An Vorlagen für eventuell zündende Pointen mangelt es zwar nicht, doch während Timing und Genauigkeit nicht immer stimmen, ist vor allem die Originalität das vorherrschende Problem. Babykotze und frivole Songtexte alberner Straßenbands mögen einer gewissen Zielgruppe vielleicht das eine oder andere Schmunzeln abringen, im Großen und Ganzen ist Sinan Akkus‘ Komödie jedoch erschreckend einfallslos. Dafür präsentiert sich der angestrebte Produktionsstandard allerdings als weitaus höher, als man es von derartigen Streifen gewohnt ist. Hinter „3 Türken & ein Baby“ steckt eine klare Linie, viel Liebe zum Detail und eine Menge Augenzwinkern. Auch die sehr pointiert gewählten Cameo-Auftritte mehrerer deutscher Komiker haben Stil. Mit lieblosem Comedy-Schund wie die diversen Leinwandauftritte deutscher Comedians hat Akkus‘ Streifen entsprechend überhaupt nichts zu tun; mit einer kreativen Komödie in den meisten Momenten allerdings ebenso wenig.

Fazit: „3 Türken & ein Baby“ überrascht vor allem dann, wenn man es dem Film am wenigsten zutraut. Eko Fresh gibt ein erstaunlich gelungenes Debüt und auch aus technischer Sicht kommt die Komödie sehr professionell daher. Derweil laufen die Gags auf Sparflamme – nichts Halbes und nichts Ganzes eben.

„3 Türken & ein Baby“ ist ab dem 22. Januar bundesweit in den Kinos zu sehen.

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