Pain & Gain

Unter Rücksichtnahme auf die künstlerische Freiheit des Regisseurs kann man diese Inszenierungsform für genial befinden. Die Respektlosigkeit, Brutalität und Menschenverachtung der wahren Täter laden zu einer Satire auf den American Way of Life, den Fitnesswahn und den Lifestyle der Reichen regelrecht ein. Andere mögen über den respektlosen Umgang mit den einst Betroffenen wohl den Kopf schütteln, wenngleich unbegründet. Michael Bay hielt sich an die Vorlage und erzählt die Story so, wie sie in der Realität geschah und sparte somit auch nicht das schlussendlich gerechte Schicksal der drei Verbrecher aus. Wohl einer der Gründe, weshalb die zur Schau Stellung von Gewalt und Drogenkonsum bislang noch nicht für einen Aufschrei seitens der FSK sorgten. So konsequent sich Bay des Irrsinns annahm, so geradlinig vollführt er bis zum Ende hin seinen Realismus und sparte die harte Wahrheit über die drei Hauptfiguren nicht aus. Dass er dabei darauf verzichtet, in den ernsteren Momenten auch stilistisch einen bodenständigeren Ton anzuschlagen, steht auf einem anderen Blatt, hätte jedoch kaum funktioniert. Zu sehr hätten Stilwechsel das gesamte Projekt „Pain & Gain“ wohl aus dem Takt gebracht. Gleichzeitig zelebriert der Film seine Genre-Herkunft und führt dem Publikum satirisch seine immer weiter steigende Erwartungshaltung vor Augen. Heutzutage lacht man eben auch über Schwerverbrecher.

Im Vordergrund des Blockbusters steht zweifelsohne der morbide Spaß. Während sich die Handlung Bay-untypisch in der ersten halben Stunde erstaunlich viel Zeit für Einführung und Zeichnung der Figuren lässt, nimmt das Drehbuch mit der Vorbereitung auf die Entführung ein rasantes Tempo auf. Von nun an reiht sich ein absurder Einfall an den nächsten, ohne dass dabei das Gefühl aufkommt, der rote Handlungsfaden diene lediglich als Verbindungselement zwischen einzelnen Sketchen. Auch wenn mehrere Szenen, so unter anderem eine aus dem Ruder laufende Nachbarschaftsversammlung, die Handlung nicht voranbringen und lediglich den Anschein erwecken, um des Gags willen in die Story eingebaut worden zu sein, sind diese treffsicher in den Ablauf eingebunden und untermalen die Absurdität der Prämisse.

Lässt gekonnt seine Muskeln spielen: Mark Wahlberg

Gleiches gilt für kleine, im „Crank“-Stil gehaltene Spielereien im künstlerischen Bereich, die einen netten Kontrast zum aufgeblasenen Pomp der Bay-typischen Bildsprache liefern. Nicht umsonst zeichnete «Pain & Gain»-Kameramann Ben Seresin bereits für Actionspektakel wie zuletzt „World War Z“ und – wenig verwunderlich – „Transformers – Die Rache“ verantwortlich. Obwohl er es mit der Detailverliebtheit wieder einmal ein wenig zu gut meint und der Einsatz von Zeitlupen den Zuschauer fast schon unangenehm penetriert, schafft er es, die einladende Kulisse Miamis in über-ästhetischen Bildern einzufangen. Die Sonnenöl-durchtränkten Körper schimmern unangenehm aufdringlich im Sonnenlicht, während sich gertenschlanke Bikini-Schönheiten, perfekt ausgeleuchtet, am Pool räkeln. Jede dieser Einstellung fängt ein bisschen zu viel des Guten ein, doch der fitnessaffinen High Society soll es Recht sein. Das weniger künstliche Pendant zu derartigen Aufnahmen bietet «Monk»-Liebling Tony Shalhoub, der sich ohne vorteilhaften Sonnenlicht- oder Scheinwerfereinsatz, für eine durchtrainierte Figur abmüht und es sich doch nicht nehmen lässt, über seine weniger gut gebauten Mitstreiter herzuziehen.

Neben Shalhoub, der seine Figur eines unsympathischen Millionärs mit passionierter Abartigkeit verkörpert, stechen vor allem Mark Wahlberg („Ted“) und Dwayne Johnson („Snitch – Ein riskanter Deal“) hervor. Während Wahlberg die psychisch gestörte Seite seiner Figur durch die Selbstverständlichkeit, mit welcher er die Taten begeht, hervorkehrt, stielt ihm (und allen anderen) Dwayne Johnson mit einem ungeahnten Comedy-Talent die Show. Als geläuterter Christ beweist der ehemalige Extremsportler ein herrliches Geschick in der Mimikwahl und zelebriert jede seiner Pointen, dass es eine wahre Freude ist. Anthony Mackie („Abraham Lincoln – Vampirjäger“) kann da schlicht nicht mithalten, reiht sich jedoch harmonisch in das Gaunertrio ein. Wenig auffällig bleibt dagegen „Hangover“-Star Ken Jeong, dessen Auftritt nicht größer ausfällt, als es der Trailer bereits andeutet. Gleiches gilt für Rebel Wilson („Die Hochzeit unserer dicksten Freundin“), die zwar ihre Momente hat, deren Verpflichtung wohl jedoch ausschließlich ihrem momentanen Boom geschuldet ist.

Ebenfalls um einiges auffälliger hätte die Musikuntermalung ausfallen können, denn mit der Wahl eines „Gangster‘s Paradise“-Covers als Soundtrack-Grundlage hat der Blockbuster-erfahrene Steve Jablonsky („Battleship“) zwar per se nichts verkehrt gemacht, dem überdrehten „Pain & Gain“ hätte jedoch ein ähnlich abgefahrener Score gut zu Gesicht gestanden. Somit fehlt in manchen Momenten eine treibende Kraft, die das Geschehen der Absurdität entsprechend untermalt. Auch wenn es unverkennbar ist, dass eine derart oberflächliche Musikuntermalung wie der thematisch passende 90er-Song von Coolio mit einem überdeutlichen Augenzwinkern erfolgte, um die Einfachheit des Genres zu unterstreichen. Nicht umsonst versucht sich „Pain & Gain“ vielerorts daran, mit den Sehgewohnheiten des Publikums zu spielen.

„Pain & Gain“ spricht mit seiner abgedrehten, dabei jedoch nicht unklugen und teils selbstironischen Handlung in etwa die Zielgruppe an, die am Stil eines „Crank“ Gefallen fand. Auch wenn Michael Bays Bodybuilder-Eskapaden ein deutlich ruhigeres Tempo fahren und sich die Actionsequenzen in Grenzen halten, ist aus „Pain & Gain“ ein typischer Michael Bay-Film geworden, dessen aufgeblasene Bilder zu den aufgeblasenen Muskeln der Fitnessfreaks passen. Ab und zu lässt uns der Regisseur im Unklaren darüber, ob die satirische Ader den Streifen mehr ungewollt denn gezielt durchzieht. Doch ungeachtet dessen ist „Pain & Gain“ ein Sommerspektakel der etwas anderen Art – und Michael Bays bester Film der letzten Jahre.

„Pain & Gain“ ist ab dem 22. August in den deutschen Kinos zu sehen.

Erschienen bei Quotenmeter.de