The Kids are all Right

Weitestgehend unbeachtet lief die 2011 mit zwei Golden Globes ausgezeichnete Komödie THE KIDS ARE ALL RIGHT in den deutschen Kinos. Von der Kritikerzunft gefeiert und von den Zuschauern geachtet, präsentiert sich das dramatisch angehauchte Charakterstück von Film ungeheuer gefühlvoll, voller Dialogwitz und Tiefgang. Warum der Streifen auch seine Oscars verdient hätte und weshalb „The Kids are all Right“ eine Perle ist, lest Ihr in meiner heutigen Kritik. 

Der Plot

Das lesbische Ehepaar Jules (Julianne Moore) und Nic (Annette Bening) lebt mit seinen beiden Kindern Joni (Mia Wasikowska) und Laser (Josh Hutcherson) in einer trauten Familienidylle. Die 18-jährige Tochter steht kurz vor dem Wechsel auf’s College und ihr kleiner Bruder durchlebt die ganz normalen Höhen und Tiefen eines Teenagers. Bis Laser eines Tages auf die Idee kommt, seinen Erzeuger kennenzulernen. Vor 15 Jahren kam er, genau wie seine Schwester Joni durch eine künstliche Befruchtung zur Welt und sieht sich nun bereit, den Mann kennenzulernen, dem Laser durch seine Samenspende seine Existenz zu verdanken hat. Anfänglich skeptisch, kann sich auch Joni schließlich mit dem Gedanken anfreunden und so machen sie ihren leiblichen Vater ausfindig. Dieser entpuppt sich als Strahlemann Paul (Mark Ruffalo). Verwundert, aber ebenso stolz freundet er sich mit seinen beiden Kindern an, was Jules und Nic allerdings ein Dorn im Auge ist. Als Jules auch noch eine heiße Affäre mit Paul beginnt, gerät die Idylle mächtig ins Wanken.

„Ich wünschte, du wärst schwul. Dann wärst du um vieles sensibler.“

Kritik

In diesem Film ist kein Platz für negative Schwingungen. Kein Platz für Tränen, für Wut oder jedwede Art von Frust. Dafür ist es viel zu schön in diesem, nicht näher erläuterten, jedoch umso sonnenverwöhnteren Teil von Amerika, in dem diese harmonische Protagonistenfamilie lebt. Der ein oder andere mag durch die hervorstechende Harmonie sicherlich misstrauisch werden. Eine augenscheinlich rundum perfekte Familie, die vor lauter Idylle bald zu implodieren droht. Kennt man ja: zum Beispiel aus Sam Mendes‘ Meisterwerk „American Beauty“ aus den späten Neunzigern. Doch dieser Streifen hier ist anders. Harmonie ja – jede Art von Überschwänglichkeit nein. Man liebt sich, man hat sich und man liebt, dass man sich hat. Als Stütze, als Weggefährte und zur Erfüllung der tiefsten Sehnsüchte. Das (un)gleiche Paar Jules und Nic gibt sich als vollkommen normales Ehepaar. Nach einigen Jahren in einen gewissen Trott gekommen, versuchen die beiden durch gemeinsame Bäder oder Schwulenpornos, ihren Alltag und ihr Liebesleben aufzupeppen. Doch man ist nicht verzweifelt. Man hat akzeptiert, dass die Liebe einschläft, wenn man sie nicht auf Trab hält.

Julianne Moore („Hannibal“, „Crazy, Stupid, Love“) gibt den sanftmütigeren Teil des Gespanns. Sie gibt sich nicht bemüht rau (wenngleich buchstäblich raubeinig), aber auch nicht gewollt sensibel. Annette Bening („American Beauty“, „Being Julia) gibt hierzu das Gegenstück. Bereits äußerlich um einiges maskuliner angelegt, schafft sie es dennoch, zwar auf eine Weise eine Art Gegenteil von Moore darzustellen, andererseits zeigt sich in vielen Szenen eine noch deutlicher ausgeprägte Sensibilität denn bei Moore. Diese perfekte Mischung aus Gegensätzen und Gemeinsamkeiten macht aus dem Protagonistenduo eines der wohl herzlichsten Liebespaare der jüngeren Filmgeschichte.

Die zwei Kinder, tiefgründig gespielt von den beiden Youngsters Mia Wasikowska („Alice im Wunderland“, „Jane Eyre“) und Josh Hutcherson („Die Reise zum Mittelpunkt der Erde, „Die Reise zur geheimnisvollen Insel“) passen hervorragend in diese Szenerie. Sie geben sich unauffällig, haben aber in vielerlei Hinsicht eine ungeheure Ausdrucksstärke. In sämtlicher Gestik und Mimik geben sich die beiden präsent, ihre Artikulation ist zum Niederknien und die augenscheinliche Reife beider rundet ihre absolut gelungene Darstellung ab. Mark Ruffalo („30 über Nacht“, „Marvels The Avengers“), gibt entgegen seiner Kollegen den unauffälligsten Part ab, macht jedoch das Beste daraus. Er zeigt sich weniger präsent als seine beiden jüngsten Schauspielkollegen, spielt jedoch vollkommen solide und geizt nicht mit augenzwinkernder Gestik. Man hat durchgehend den Eindruck, dass er das liebt, was er tut. Vor allem in solch einer Art von Film braucht es eine derartige Ausstrahlung, womit sich Ruffalo vortrefflich in das restliche Ensemble eingliedert.

Neben dem perfekt besetzten Ensemble trumpft „The Kids are All Right“ ganz klar mit seiner einzigartigen Mischung aus Detailverliebtheit und Minimalismus auf. Tut es an der einen Stelle ein einfaches „Fick dich!“, braucht man im nächsten Moment für dieselbe Thematik eine theatergleiche Diskussion. Wie im wahren Leben, möchte man sagen, wenn man hadert, ob eine Beleidigung tut, oder ob man besser über seine Probleme spricht. Hieraus zieht die Komödie, die ab und an dramatische Züge annimmt, ihren Charme und vor allem ihre Humor.

Sie spielt mit Alltäglichkeiten und untermalt diese mit der richtigen Prise (Hollywood-)Wahnsinn. Das rührt teilweise zu Tränen, lässt einen auf die Knie gehen vor Lachen und hält und zeigt uns schlussendlich, wie wir selbst ticken. Schließlich verabschiedet uns die Komödie mit einem ungeheuer erquickten Gefühl. Sie macht zufrieden und lässt uns zu dem Schluss kommen, dass es für die meisten unserer Probleme doch eine Lösung gibt. Eine „Feelgood-Komödie“ nach Maß.

Das dachte sich 2011 auch die Jury des Golden Globe, die „The Kids are All Right“ mit dem goldenen Globus für den besten Film in der Kategorie Komödie/Musical auszeichnete. Ebenso, wie Annette Bening in selbiger Sparte einen Globe für die beste Hauptdarstellerin erhielt. Damit triumphierte sie über Kollegin Moore, die zwar ebenfalls nominiert wurde, allerdings leer ausging. So, wie es der ganze Film bei der Oscar-Verleihung tat. In vier Kategorien nominiert (unter anderem als „Bester Film“ von Tom Hoopers „The Kings Speech“ ausgeknockt), ging „The Kids are All Right“ zum Unmut vieler leer aus.