Oslo Stories: Liebe | Träume | Sehnsucht
Im April und Mai erscheint in den deutschen Kinos eine der besten Filmtrilogien aller Zeiten. OSLO STORIES erzählt in seinen drei Teilen LIEBE, TRÄUME und SEHNSUCHT von einer emotional und sexuell offenen Gesellschaft in der Gegenwart. Dabei legt der Regisseur und Autor Dag Johan Haugerud eine solche Klarheit an den Tag, dass sich der eigene Horizont nach dem Filmgenuss um ein Vielfaches erweitert anfühlt. Grandiose Dialoge und die perfekte Nutzung des Drehorts Oslo machen aus diesem filmischen Dreiklang eine einmalige Kinoreise.
Darum geht’s
Im Zentrum von „Liebe“ stehen Marianne (Andrea Bræin Hovig) und Tor (Tayo Cittadella Jacobsen). Beide arbeiten in einem Osloer Krankenhaus und treffen sich eines Abends zufällig auf eine Fähre. An Bord entspinnt sich ein intimer Dialog über ihre Wünsche an das eigene Sex- und Liebesleben, dessen Inhalt sich auch auf die Leben einiger ihrer Weggefährt:innen auswirkt. Mariannes beste Freundin Heidi (Marte Engebrigtsen) gibt sich zwar sexuell offen, sieht Mariannes sehr freigeistiger Herangehensweise an das Thema Dating allerdings sehr kritisch gegenüber. Der sympathische, alleinerziehende Vater Geologe Ole Harald (Thomas Gullestad) hofft derweil, bei Marianne landen zu können, doch weiß die selbst noch nicht so ganz, ob sie sich auf eine Patchwork-Beziehung einlassen möchte.
Johanne (Ella Øverbye) weiß dagegen ganz genau, was sie will: ihre sympathische Lehrerin Johanna (Selome Emnetu), in die sie sich Hals über Kopf verliebt hat. Doch anstatt in „Träume“ einfach nur aus der Ferne zu schwärmen, sucht Johanne den Kontakt und trifft sich fortan regelmäßig bei ihrer Angebeteten zuhause, um gemeinsam mit ihr zu stricken. Nach einer längeren gemeinsamen Zeit, bricht der Kontakt der beiden Frauen ab – und Johanne macht aus den Geschehnissen einen Roman, den sie anschließend ihrer Mutter (Ane Dahl Torp) und ihrer Großmutter (Anne Marit Jacobsen) zum Lesen gibt. Die beiden sind von den durchaus erotischen Schilderungen ihrer Tochter zunächst irritiert, befinden den Inhalt jedoch für so stark, dass sie Johanne raten, das Buch zu veröffentlichen…
Etwas, was die beiden namenlosen Protagonisten (Jan Gunnar Røise und Thorbjørn Harr) in „Sehnsucht“ vermutlich nicht tun würden. Die zwei als Schornsteinfeger über den Dächern von Oslo arbeitenden Kollegen schildern einander ihre tiefsten Geheimnisse. Doch die Erzählung einer homosexuellen Erfahrung bringt nicht etwa die Freundschaft der beiden ins Wanken, sondern eine eigentlich so perfekt scheinende Ehe…
Kritik
Dass man die „Oslo Stories“-Trilogie des norwegischen Autorenfilmers Dag Johan Haugerud („Barn“) auch hierzulande im Filmtheater zu sehen bekommt, grenzt schon an ein kleines Wunder. Denn der tragikomische Filmereigen geht durchaus als Experiment durch. Drei Filme, die innerhalb von gerade einmal sechs Wochen in die Kinos kommen, und das auch noch in einer anderen Reihenfolge als vom Filmemacher ursprünglich angedacht: Was erwartet das Publikum da bloß? So viel vorab: Haugerud gab selbst zu verstehen, dass es völlig egal ist, welchen Teil man zuerst und welchen man zuletzt schaut. Hierzulande erscheinen die „Oslo Stories“ wie folgt: Zunächst „Liebe“ (am 17. April), zwei Wochen später „Träume“ (8. Mai), noch einmal zwei Wochen später der Abschluss mit „Sehnsucht“ (22. Mai). Und es ist tatsächlich gleich, in welcher Reihenfolge man sich diese Filme ansieht. Inhaltlich hängen sie nicht zusammen. Nur in winzigen Momenten ergeben sich kleine Querverweise, wenn beispielsweise in einer unwichtigen Nebenrolle eine Figur auftaucht, deren Schicksal in einem der anderen Filme von wesentlich größerer Wichtigkeit ist. Doch eigentlich könnte man „Liebe“, „Träume“ und „Sehnsucht“ auch völlig losgelöst voneinander schauen, wenngleich die „Oslo Stories“ ihre volle Pracht tatsächlich erst im Dreiklang – und am besten kurz hintereinander – so richtig entfalten.
Im Auftakt „Liebe“ ist die Masse an Figuren klar am größten. Zwar stehen hier vor allem die beiden Arbeitskolleg:innen Marianne und Tor im Zentrum, die sich auf einer Fährfahrt (freundschaftlich) näherkommen, indem sie sich gegenseitig von den Ansprüchen an ihr Sexleben erzählen. Doch um die beiden herum öffnet sich nach und nach ein großer Blumenstrauß weiterer Schicksale, von denen keines wirklich hervorsticht. Das ist aber auch nicht der Anspruch der „Oslo Stories“. Das, was den Figuren hier passiert, ist letztlich „nur“ Alltag. Aber er bildet das Leben respektive verschiedene Lebensrealitäten in einer Großstadt der Gegenwart kongenial ab. Es geht um das Verlangen nach schnellem Sex, um den Wunsch nach romantischer Geborgenheit, um die Unterschiede zwischen hetero- und homosexuellem Dating und noch um so viel mehr. Doch wo Charaktere mit unterschiedlichen Beziehungsansprüchen oftmals nur Stichwortgeber, wenn nicht gar Stereotypen sind, ergeben sich hier aus den konträren Ansichten tiefgründige, ausladende Gespräche über die Liebe (oder das Leben?) an sich. Das öffnet einem als Zuschauer:in nicht nur sukzessive den eigenen Horizont, sondern bringt uns auch die Figuren näher und näher, die sich so gar nicht in bestimmte Schubladen pressen lassen wollen.
In einem besonders starken Dialog zwischen Marianne und ihrer Freundin Heidi (Marte Engebrigtsen) kristallisiert sich plötzlich heraus, dass selbst so etwas wie sexuelle Aufgeschlossenheit verschiedene Nuancen und Facetten besitzt. Zwischen Frivolität und Prüderie finden sich zahlreiche Abstufungen – und selbst als einzelner Mensch kann man sich mehrfach auf diesem Spektrum einordnen, ohne sich in Widersprüchlichkeiten zu verstricken. Überhaupt sind die „Oslo Stories“ eine erotisch immer wieder stark aufgeladene Trilogie, ganz ohne überhaupt etwas Explizites zu zeigen. Das trifft vor allem auf „Sehnsucht“ zu, der im Original dann auch den Titel „Sex“ trägt und in Norwegen den Auftakt der Reihe darstellt. Im Anbetracht des Inhalts könnte man fast vermuten, dass „Liebe“ im Deutschen deshalb als erster Teil veröffentlicht wird, weil es in diesem Film – aus sexueller Sicht – längst noch nicht so ins Detail geht. Vielleicht möchte man das Publikum langsam darauf vorbereiten, was Dag Johan Haugerud später noch an erotisch bis pornografisch aufgeladenem Dialog von seinen Darstellerinnen und Darstellern vortragen lässt. Wenn im dritten Teil ein Familienvater explizit von seinem ersten Sex mit einem Mann erzählt – inklusive der Antwort auf die Frage, ob danach nicht sein Hintern wehgetan haben muss – dann könnte sich manch unvorbereitetes Publikum vielleicht überfordert fühlen. Dabei gelingt es den Macher:innen stets so hervorragend, die Gespräche in den „Oslo Stories“ nicht plump provokativ zu gestalten, sondern sie wie alltägliche Dialoge aussehen zu lassen.
„In einem besonders starken Dialog kristallisiert sich plötzlich heraus, dass selbst so etwas wie sexuelle Aufgeschlossenheit verschiedene Nuancen und Facetten besitzt. Zwischen Frivolität und Prüderie finden sich zahlreiche Abstufungen – und selbst als einzelner Mensch kann man sich mehrfach auf diesem Spektrum einordnen, ohne sich in Widersprüchlichkeiten zu verstricken.“
Das hat bisweilen etwas von einer Utopie. Von einer Welt, in der sich selbst zwei heteronormative (Handwerker-)Männer ganz offen und verletzlich zeigen dürfen, ohne die Angst haben zu müssen, dass es am gesellschaftlich vorgeschriebenen „Männerbild“ rütteln könnte. In „Sehnsucht“ sprechen aber nicht nur zwei Arbeitskollegen ohne Scham über homosexuelle Sexabenteuer oder abstrakte, möglicherweise ebenfalls homoerotische Träume. Auch die heterosexuellen Ehepaare besprechen ihr Sexleben ganz selbstverständlich vor ihren Kindern – unangenehm ist das hier niemandem. Dabei geht „Oslo Stories“ so etwas wie ein „Anspruch an sexuelle Aufklärung“ ab. Nichts in „Liebe“, „Sehnsucht“ und „Träume“ wohnt etwas Pädagogisches inne. Stattdessen wirkt es vielmehr so, als ließe Haugerud seine Charaktere so sprechen, wie er es sich wünschen würde, sobald jedwede Form von sexueller und geschlechtlicher Identität als „normal“ anerkannt wird. Beim Schauen aller drei Filme hat man fast das Gefühl, in einem Safe Space zu sein – und dieser Safe Space ist in diesem Fall Oslo.
Für seine drei Filme hat sich Dag Johan Haugerud verschiedene Orte in Oslo und Umgebung ausgesucht, um das schlagende Herz seines Films abzubilden. Doch „Oslo Stories“ ist kein oberflächlicher Reise-Werbespot. Stattdessen passt sich Haugerud mit seinen Motiven den inhaltlichen Schwerpunkten seiner Filme an. In „Liebe“ spielt ein Großteil der Handlung auf einer Fähre, was das emotionale Hin-und-Her-Gerissen-Sein der Figuren unterstreicht. In „Sehnsucht“, einem Film, der von sexueller Identitätsfindung erzählt, liegt der visuelle Schwerpunkt auf den zahlreichen Baustellen in Oslos Straßen. In „Träume“, dem wohl intimsten Teil der Reihe, muss die Hauptfigur für den Besuch ihrer Lehrerin immer in ein Viertel von Oslo wechseln, deren Regeln und Demografie sich ihr nicht erschließen – genauso wenig wie die Person, die sie besucht. Während in den anderen beiden Filmen immer gleich mehrere Schicksale verhandelt werden, steht in „Träume“ lediglich ein junges Mädchen im Mittelpunkt, die den Film zudem mit einem Voice-Over begleitet (die anderen beiden Teile haben keines). Nachdem diese sich in ihre Lehrerin verliebt, sucht sie den Kontakt, beginnt eine freundschaftliche Beziehung und verarbeitet sie später in einem Roman, der mit sexuellen Untertönen aufgeladen ist. Inwiefern diese nur ihrer Fantasie entsprungen sind, sich so tatsächlich abgespielt haben oder gar lediglich von Außenstehenden hineininterpretiert werden, bleibt offen.
„Für seine drei Filme hat sich Dag Johan Haugerud verschiedene Orte in Oslo und Umgebung ausgesucht, um das schlagende Herz seines Films abzubilden. Doch ‚Oslo Stories‘ ist kein oberflächlicher Reise-Werbespot. Stattdessen passt sich Haugerud mit seinen Motiven den inhaltlichen Schwerpunkten seiner Filme an.“
Während „Liebe“ und „Sehnsucht“ vor allem als episodenhafte Ensemblestücke funktionieren, unterliegt „Träume“ noch am ehesten einer klassischen Filmdramaturgie und ließe sich auch losgelöst vom Rest der Trilogie genießen. Und „genießen“ ist hier absolut wörtlich zu verstehen. „Träume“ erzählt auf der einen Seite ungeschönt (und wieder einmal ohne falsche Prüderie) von einer Jugendschwärmerei, aber es geht auch um die Aneignung einer solchen durch fremde Personen. Kaum schreibt die Protagonistin Johanne ihre Geschichte auf, gehören ihre Gedanken der Welt. Daran erinnern sie auch ihre Mutter und Großmutter immer wieder, die den Stoff für so gut halten, dass sie über eine Veröffentlichung nachdenken. Um das Innere der von Johanne angehimmelten Lehrerin geht es dabei nie: „Träume“ ist eine ganz und gar subjektive Abhandlung einer ersten Liebe, die vollends aus der Perspektive der liebenden Person erzählt wird; mit all ihrem Cringe und viel, viel Verletzlichkeit.
Dass man sich bei allen drei Teilen auf sehr redselige Filme einlassen muss, versteht sich von selbst. „Oslo Stories“ hangelt sich von einem Dialog zum nächsten. Immer kurz unterbrochen von verschiedenen Oslo-Panoramen, die die emotionale Verfassung der Charaktere widerspiegeln, die den Geschichten aber auch zu einer ungeahnten Größe verhelfen. Dag Johan Haugerud sind solch starke, authentische Wortwechsel gelungen, dass man am Ende eines jeden Films glaubt, die Figuren wirklich zu kennen. Genau diese Figuren sind es schließlich, durch die Oslo zum Leben erwacht. Irgendwann sieht man auf den Straßen nicht mehr einfach nur Statistinnen und Statisten lang spazieren, sondern fragt sich bei jedem und jeder Einzelnen von ihnen, was für ein Schicksal wohl hinter ihrem Leben steckt. „Oslo Stories“ schafft es wie kaum eine andere Filmreihe zuvor, eine Abhandlung über das Leben und die Liebe zu sein, die sich nicht kalkuliert anfühlt. Egal ob „Liebe“, „Träume“ oder „Sehnsucht“: In ihrer Unaufgeregtheit, mit, für einen selbst oft fremden, Themen umzugehen, erweitert Dag Johan Haugerud den Horizont seines Publikums. Das ist in seiner Einfachheit wunderschön poetisch, nie verschämt, immer offen und ehrlich – und am Ende möchte man am liebsten von Jetzt auf Gleich nach Oslo ziehen, um Teil dieser Lebensart zu werden.
Fazit: Die „Oslo Stories“-Trilogie von Dag Johan Haugerud ist eine der besten Trilogien aller Zeiten. Diesen Status erarbeitet sich die tragikomische Abhandlung der Liebe mit seinen herausragenden Dialogen, durch und durch nahbaren Figuren, mit ihren Ecken und Kanten und einem hervorragenden Gespür für den Raum, in dem hier die vielen einzelnen Geschichten erzählt werden. „Liebe“, „Träume“ und „Sehnsucht“ mögen für sich genommen nur Filme sein, im Dreiklang werden sie zu einer epischen Kinoreise.
„Oslo Stories: Liebe“ ist ab dem 17. April 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.
„Oslo Stories: Träume“ ist ab dem 8. Mai 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.
„Oslo Stories: Sehnsucht“ ist ab dem 22. Mai 2025 in den deutschen Kinos zu sehen.


