Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Martin McDonaghs Tragikomödie THREE BILLBOARS OUTSIDE EBBING, MISSOURI ist ein Film, für den es so viele und eigentlich keine Worte braucht. Ein Film über die Komplexität dieser Welt, über den Menschen. Über alles. Meine Review – vielleicht die persönlichste überhaupt – verrät mehr.

Der Plot

Nachdem Monate vergangen sind, ohne dass der Mörder ihrer Tochter ermittelt wurde, greift Mildred Hayes (Frances McDormand) zu einer aufsehenerregenden Maßnahme. Sie lässt drei Reklametafeln an der Stadteinfahrt von Ebbing mit provozierenden Sprüchen bedrucken, die an den städtischen Polizeichef, den ehrenwerten William Willoughby (Woody Harrelson), gerichtet sind, um ihn zu zwingen, sich um den Fall zu kümmern. Als sich dessen rechte Hand, Polizist Dixon (Sam Rockwell), ein Muttersöhnchen mit Hang zur Gewalt, einmischt, nimmt der Konflikt zwischen Mildred und den Ordnungshütern des Städtchens schockierende Ausmaße an.

Kritik

Stell Dir vor, Dir widerfährt Leid. Nicht irgendein Leid. Nicht dieses „Dein Dich ohnehin kaum noch beachtender Ehemann verlässt Dich nach drei Jahren Ehe für seine Ex-Freundin“-Leid. Und auch nicht das „Du reißt Dir jahrelang in Deiner Firma den Arsch auf und anstatt einer Würdigung erhältst Du Deine Kündigung“-Leid. Und erst recht kein „Alle in Deiner Umgebung machen ihr Ding, nur Du kriegst Dein Leben einfach nicht auf die Reihe“-Leid. Sondern richtiges Leid. Ein Leid, das Dich in Deinen Grundfesten erschüttert. Dich aus der Bahn wirft. Dich an den Rand dessen treibt, wofür es sich zu leben lohnt. Ein Verbrechen. Ein Verbrechen von so unvorstellbarer Grausamkeit, dass selbst gestandene, rassistische Polizistenärsche beim Anblick der Tatortfotos kotzen müssen. Und es widerfährt nicht Dir. Würde es Dir widerfahren, wärst Du tot und hättest das Martyrium längst überstanden. Nein, es widerfuhr Deinem Kind. Deinem eigen Fleisch und Blut. Es wurde vergewaltigt. Während es im Sterben lag. Und das Einzige, was Du von der Polizei hörst, ist nichts. Sie hat die Tat zu den Akten gelegt. Den Täter nicht gefunden, in der Datenbank für Schwerverbrecher. Für sie ist der Fall erledigt – im wahrsten Sinne des Wortes. Stattdessen foltert sie lieber Schwarze, jagt Trickbetrüger. Tut Dinge, an denen sie nicht scheitern kann, denn die Kleinen, die wehren sich nicht. Was würdest Du tun? Würdest Du zu verarbeiten versuchen, was nicht zu verarbeiten ist? Darauf vertrauen, dass Zeit die Wunden heilt? Nein, würdest Du nicht – selbst wenn Du noch so oft behauptest, Dinge wie Selbstjustiz seien moralisch falsch: Du würdest zumindest drüber nachdenken, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Und behaupte nicht, Du wärst die einzige Person, die in einer Ausnahmesituation den Kopf dem Bauch vorziehst!

Frances McDormand gewann für ihre Performance in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ den Golden Globe.

Nur mit Nachdenken gibt sich Mildred Hayes nicht zufrieden. Das in den vorherigen Zeilen geschilderte Leid ist nämlich keine Hypothese. Es ist die Ausgangslage eines (zugegebenermaßen fiktiven) Films mit dem Titel „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“. Dem besten von Martin McDonagh, Regisseur von „Brügge sehen… und sterben“ und „7 Psychos“. Dem besten der meisten darin involvierten Schauspieler wie Sam Rockwell („Moon“), Woody Harrelson („Planet der Affen: Survival“) oder Frances McDormand („Hail, Caesar!“). Dem besten dieser Oscar-Saison. Und vielleicht dem einzigen, der so etwas kann, wie „die Welt ein wenig besser machen“. Weil er wie kaum ein zweiter in die sich häutende Welt im Jahre 2018 passt. Denn er ist ein Film über Dummheit. Nicht diese „Du hast Dich in einen Mann verliebt und versuchst immer und immer wieder, ihn von Dir zu beeindrucken, obwohl Du weißt, dass er Dich nicht will“-Dummheit. Und auch nicht die „Du bist schwer krank, verzichtest aber auf notwendige Behandlungsmaßnahmen“-Dummheit. Und erst recht keine „Um in Deinem Leben weiterzukommen, müsstest Du irrationale Ängste überwinden, tust es aber einfach nicht“-Dummheit. Sondern über richtige Dummheit. Dummheit, die damit verbunden ist, dass es in Deiner beschränkten Weltsicht lebenswertere Menschen gibt, als andere – und Du dafür Hautfarbe, Ethnie und Sprache verantwortlich machst. Damit, dass Du das eine Geschlecht über das andere stellst, dass Du Gewalt anwendest, weil Du verbal unbewaffnet bist. Weil es Dir nicht passt, dass Menschen anders leben, lieben, denken als Du. Weil Du einfach nicht raffst, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist. Und die Menschen, die in ihr Leben, erst recht nicht.

Stell Dir vor, da ist diese Dummheit, die Du nur von Weitem siehst. Du erkennst sie daran, wie diese Leute sprechen. Wie sie andere abwerten. Wie sie sich gut fühlen in ihrer Blase aus Hass und Gewalt. Doch um etwas zu ändern, musst Du hinein in diese Blase. So wie Mildred Hayes. Ihre Tochter Angela wurde vergewaltigt und ermordet. Angezündet, um genau zu sein. Alles was Mildred möchte, ist Gerechtigkeit. Der oder die Täter sollen bezahlen. Wenn es nach ihr geht, vermutlich mit dem Leben. Doch Mildred ist nicht dumm. Sie ist schlau. Nicht dieses „Ich kann einigermaßen geradeaus sprechen und gaukele mit möglichst vielen Fremdworten so etwas wie Intellektualität vor“-schlau. Und auch nicht das „Ich finde an allem etwas auszusetzen, um meine Umwelt in ihrem Unwissen bloßzustellen“-schlau. Und erst recht kein „Ich plappere einfach die Klugheit anderer Leute nach“-schlau. Sondern so richtig schlau, womit sich Leute entwaffnen lassen. Mildred Hayes hat ihre Umwelt durchschaut. Sie kennt die Zusammenhänge. Weiß, dass Menschen nicht nur gut und nicht nur böse sind. Sie weiß, dass sich mit Vorwürfen allein nichts erreichen lässt. Dass sie die Menschen aus der Reserve locken muss, damit sich endlich etwas ändert. Doch sie weiß auch, dass die letzten Worte an ihre Tochter damals nicht die besten waren. „Ich hoffe, Du wirst vergewaltigt!“ schrie sie ihr noch nach. Ein Spaß. Eine Provokation. Eine Dummheit. Auch schlaue Menschen begehen Dummheiten.

Sam Rockwell und Frances McDormand spielen sich die Seele aus dem Leib.

Doch diese Dummheit muss Mildred für eine Weile hinter sich lassen. Als schlauer Mensch wird sie ohnehin noch lange genug von ihr verfolgt. Mildred muss kämpfen, nimmt das Schicksal selbst in die Hand. Sie stellt Billboards auf; genau an der Straße, an der ihre Tochter getötet wurde. Darauf zu lesen: Anschuldigungen. Doch damit richtet sie sich nicht an den Täter. Mit ein paar auf grelles Orange gedruckten schwarzen Lettern lässt sich weder die Tat rückgängig machen, noch dem Mörder ins Gewissen reden. Stattdessen will Mildred etwas am Status Quo ändern, die Polizisten dazu bewegen, ihre Arbeit zu machen. Zur Not mit Gewalt. Verbaler Gewalt. Bloßstellung, um genau zu sein. Eine Dummheit? Vielleicht. Notwendig? Definitiv. Doch wie kann eine Handlung gleichzeitig dumm und notwendig sein? Und hieß es nicht eben noch, Mildred Hayes ist nicht dumm, sondern schlau? Gibt es Unterschiede in Sachen Dummheit? Womöglich Abstufungen, wodurch die eine Dummheit weniger schwer wiegt, als die andere? Darf man vielleicht doch Gewalt anwenden, solange sie den Richtigen trifft? Aber widerspräche das nicht der eingangs getätigten Abwertung all jener Menschen, in deren Augen die einen Menschen weniger wert sind, als die anderen? Vielleicht beginnst Du es langsam zu erkennen: All die vorgefertigten Schubladen für Mildred Hayes, für Dixon und Willoughby, sind ein Teil des Problems. Ein Teil der Dummheit innerhalb der sich häutenden Welt, in der Gut und Böse, Recht und Unrecht seit Langem verschwimmen – und vielleicht doch genau das müssen. Diese Schubladen – es gibt sie nicht. Und auch, wenn es Dir leicht fällt, Mildred als die Gute im Spiel zu sehen – die gute, leidende Mutter mit dem ehrenwerten Ziel –, Dixon als das rassistische, homophobe Arschloch und Willoughby als verabscheuungswürdigen Feigling: Vielleicht bist Du, vielleicht sind wir mit genau dieser schwarz-weiß gedachten Welt Teil des Problems.

Stell Dir vor, Du würdest diese Schubladen öffnen. Stell Dir vor, Du würdest anfangen, die Menschen nicht mehr in ihre Einzelteile zu zerlegen, sondern sie als Ganzes zu betrachten. Stell Dir vor, du würdest aufhören, auf der einen Seite ihre Taten und auf der anderen Seite ihre Gedanken zu sehen. Mit großer Wahrscheinlichkeit blieben immer noch eine ganze Menge Menschen zurück, die Dinge täten, die sich nicht mit einem friedlichen Miteinander vereinbaren ließen. Du erinnerst Dich: die Dummheit des Hasses, der Gewalt, des Rassismus. Doch vielleicht würden Grenzen aufbrechen. Vielleicht würden Hürden kleiner, an deren Überwindung schon viele gescheitert sind. Vielleicht würdest Du, würden wir aufhören, verbittert in Gut und Böse zu unterteilen. Wie Mildred Hayes. Vielleicht ist sie schlau. Doch vielleicht tut auch ein guter Mensch mal etwas Böses. Ein böser etwas Gutes. Wenn der größte Rassist für eine Minute aufmerksam ist und dadurch ein Verbrechen verhindert: Vielleicht ist das die Komplexität des Lebens, die wir noch nicht verarbeiten können. Nicht die „Eigentlich gönne ich meinem Feind keinen Erfolg, doch leider hat er ihn verdient“-Komplexität. Und auch nicht die „Ich habe monatelang unter einem gebrochenen Herzen gelitten und plötzlich hasse ich ihn“-Komplexität. Und erst recht nicht diese „Ich weiß, was richtig ist und trotzdem tue ich das Falsche“-Komplexität. Sondern die Komplexität, die Dich unwohl fühlen lässt. Von der Du eben nicht weißt, ob dahinter etwas Gutes oder etwas Schlechtes steckt. Die Dich weder weinen, noch lachen lässt. Die, von der Du vielleicht sogar angewidert bist. Die, die Dich alle Deine Prinzipien über Bord werfen lässt. Die, die Dich Billboards an einer Landstraße aufstellen lässt, obwohl Du weißt, dass sie Dein Leid nicht mindern können.

Mildred wird zum Feind in ihrem Dorf.

Fazit: Martin McDonaghs Tragikomödie „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist alles. Sie ist Liebe, sie ist Hass. Sie ist Lachen, sie ist Weinen. Sie ist Hoffnung, sie ist Resignation. Sie ist Vergebung, sie ist Rache. Vor allem aber ist sie wohl die Erkenntnis, dass das Eine manchmal nicht ohne das Andere geht.

„Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist ab dem 25. Januar in den deutschen Kinos zu sehen.

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