High Society

Bei der Geburt vertauscht: So ergeht es den beiden Hauptfiguren in HIGH SOCIETY, von denen die Eine in Luxus und die Andere am Rande der Armutsgrenze aufgewachsen ist. Was passiert, wenn das herauskommt, inszeniert Anika Decker als beschwingte Komödie – wie die geworden ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Anabel von Schlacht (Emilia Schüle) ist die wohlstandsverwahrloste Party­tochter einer schwerreichen Industriellenfamilie, die geführt wird von Mutter Trixi von Schlacht (Iris Berben). Das dachten zumindest alle, doch ein handfester Skandal in Anabels Geburtsklinik enthüllt die Vertauschung diverser Babys und auch Anabels wahre Herkunft: Ihre leibliche Mutter Carmen Schlonz (Katja Riemann) lebt mit ihren beiden anderen Kindern und einem illegalen Untermieter in einer Plattenbau­WG. Als Anabel in ihrem neuen Zuhause eintrifft, gerät sie sich direkt mit dem attraktiven Polizisten Yann (Jannis Niewöhner) in die Haare. Auch ihr weiterer Weg ist gepflastert mit skurrilen Begegnungen, familiären Konflikten und Liebesverwirrungen, führt sie jedoch zur Besinnung auf die wirklich wichtigen Werte des Lebens sowie zur Suche nach ihrer wahren Identität, dem ersten richtigen Job und zur Frage, was Familie eigentlich bedeutet.

Kritik

Was genau macht eine familiäre Bindung eigentlich aus? Ist es ausschließlich die Blutsverwandtschaft? Oder eher das gemeinsame Aufwachsen? Irgendwie wohl beides, denn immer mal wieder gibt es Meldungen über in Kliniken vertauschte Babys, womit noch Jahre später große Konflikte verbunden sind. Was tun, wenn man einen Menschen – im wahrsten Sinne des Wortes – von Kindesbeinen an begleitet hat, um dann zu erfahren, dass es gar nicht der eigene ist und dass dieser nämlich in der Zeit ganz woanders, bei „Fremden“, aufgewachsen ist? In so einer Thematik steckt Potenzial für Filme sämtliche Genres, „Traumfrauen“-Regisseurin Anika Decker hat sie sich genommen, um eine Komödie daraus zu spinnen. Denn seien wir einmal ehrlich: So tragisch ein solcher Vorfall für die Betroffenen auch sein mag, die darin enthaltene Absurdität ist kaum von der Hand zu weisen. Lustig macht sich die Filmemacherin und begnadete Comedy-Autorin (sie schrieb nicht bloß die Skripte zu Til Schweigers Kassenschlagern „KeinOhrHasen“ und „ZweiOhrKüken“, sondern steuerte ihre Ideen auch zur wahrscheinlich besten deutschen RomCom aller Zeiten bei: „SMS für Dich“) trotzdem nie. Und so zeichnet sie ein überhöhtes Bild von Familie, ebenso wie für unterschiedliche Klientel, denen sie jedoch immer mit dem nötigen Respekt entgegen tritt. Das Ergebnis ist eine zeitlos-amüsante Familienkomödie, die trotz kleinerer Schwächen in der Figurenzeichnung das Herz am rechten Fleck hat.

Iris Berben hat an ihrer Rolle der exzentrischen Trixi von Schlacht sichtlich Spaß.

Wenn in der Eröffnungsszene die beiden Babys vertauscht werden, da sich die zuständigen Krankenschwestern lieber beschwipst über die Investition in ein „total sicheres“ Geschäft austauschen, anstatt sich um die ihnen anvertrauten Zöglinge zu kümmern, ist der Weg vorgezeichnet: „High Society“ nimmt sich noch weniger ernst, als der ebenfalls schon recht augenzwinkernde „Traumfrauen“, der sich 2015 zum überraschenden Kinohit mauserte. Deckers Nachfolgewerk zelebriert eine angenehme Überdrehtheit, auch wenn das noch lange nicht bedeutet, dass der Regisseurin und Autorin ihre Figuren egal wären. Manchmal kollidiert das Bemühen um Authentizität mit der am Rande zur Karikatur befindlichen Charakterzeichnung: Die einmal mehr überragende Iris Berben („Eddie the Eagle: Alles ist möglich“) sowie Kollegin Katja Riemann („Fack ju Göhte“) treten innerhalb des Casts nämlich deutlich abgehobener auf, als die – für Filmverhältnisse – zurückhaltender aufspielenden Jungdarsteller, sodass manchmal der Eindruck entsteht, die beiden Grande Dames agierten in ihrem ganz eigenen Filmuniversum. Andererseits ergibt sich hieraus aber auch eine hübsche Dynamik: Die zwar den Luxus genießende, jedoch auch ein Familiengefühl vermissende Anabel von Schlacht steht dem Geschehen nämlich schon mal ziemlich ratlos gegenüber – etwa wenn ihre exzentrische „Mutter“ mithilfe ihres PR-Experten (Rick Kavanian in einer grandiosen Nebenrolle) abwägen will, für wen sie nun ihr Vermögen spenden soll.

Doch nicht nur die Szenen im Anwesen der Von Schlachts machen Laune (spielt Anika Decker doch wunderbar damit, wie sich die neidisch-verklärten Normalos die abgehobene Oberschicht vorstellen), auch die Szenen in der ärmeren Hochhaussiedlung der Familie Schlonz sind trotz des Aufgreifens einiger Klischees jederzeit liebenswürdig inszeniert. Dafür verantwortlich ist in erster Linie die Zeichnung der Familie: Zwar mangelt es Carmen und ihren Kindern hier an Platz, doch sie alle haben etwas im Kopf, gehen für die Rechte der Tiere auf die Straße und strahlen trotz eines Mangels an Geld eine hohe Zufriedenheit aus. Dasselbe gilt für das reiche Pendant, das zwar Geld im Überfluss hat, das jedoch nicht etwa mit einem Mangel an Intelligenz „ausgleicht“ (in den Neunzigern hätte ein Film dieses Kalibers an dieser Stelle versucht, möglichst viel Humor aus diesem Szenario zu ziehen), sondern schlicht mit ihren vielen Möglichkeiten überfordert ist. In „High Society“ mag es einen Gegensatz zwischen Arm und Reich geben, doch es sind erstaunlich wenige Faktoren vom Kontostand abhängig. Anika Decker spielt stattdessen viel lieber mit dem sozialen Umfeld ihrer Figuren und damit, was diese hierdurch in ihrem bisherigen Leben gelernt haben. Passend dazu bleibt ein allzu eindeutiges Happy End aus: Am (leider mit dem einen oder anderen erzählerischer Schlenker zu viel ausgestatteten) Ende geht weder die eine, noch die andere Klientel klar als Sieger aus diesem Klassenkampf hervor, sondern – so kitschig das auch klingen mag – die Liebe.

Jannis Niewöhner und Emilia Schüle mimen nach „Jugend ohne Gott“ ein weiteres Mal ein Liebespaar.

„High Society“ ist eine reinrassige Liebeskomödie und obwohl Anika Decker auf ihrem Weg vom Vorspann hin zum Finale manch einen Haken schlägt, den es nur bedingt gebraucht hätte (Stichwort: „Fifty Shades of Grey“), fängt sie die einzelnen Stationen ihrer verliebten Protagonisten authentisch ein. Die vor allem in die ruhigen Momenten am Sterbebett ihres Vaters zusätzlich überzeugende Emilia Schüle und der charmante Jannis Niewöhner mimen nach „Jugend ohne Gott“ zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen ein Liebespaar und überzeugen auch hier einmal mehr. Den beiden bei ihrer aufkeimenden, mit allerlei Neckereien versehenen Liebelei zuzuschauen, macht in seiner Herzlichkeit einfach Laune und gleichzeitig auch schnell vergessend, dass Caro Cult („Fucking Berlin“) als Aura Schlonz deutlich zu kurz kommt. Das ist schade, denn in den Momenten ihres Auftretens überzeugt sie als vom plötzlichen Luxus vollkommen übermannte Jugendliche, der es hervorragend gelingt, die Oberflächlichkeit aus der High Society herauszukitzeln (in einem der besten Dialoge des Films beschließt Trixi von Schlacht kurzerhand, dass Aura Schlonz nun doch einfach auch Anabel von Schlacht heißen soll – schließlich sei sie ja ihre leibliche Tochter). Ein weiterer Pluspunkt ist Jannik Schümann, der ebenfalls eine tragende Rolle in „Jugend ohne Gott“ besaß: Seine Flirtereien mit seiner eigentlichen Schwester (!) sind so völlig absurd, dass man als Zuschauer gern wüsste, wie es mit den beiden nach dem Abspann weitergeht.

Fazit: Zwischen Klamauk und Romantik gelingt Anika Decker mit „High Society“ eine niemals urteilende RomCom über Familie und die Unwichtigkeit von Reichtümern. Obwohl kleine Unebenheiten den Erzählrhythmus hier und da ins Stolpern bringen, reichen die vielen amüsanten Momente, treffsichere Pointen und ein leidenschaftlich aufspielender Cast locker aus, um einen Ticketkauf zu rechtfertigen.

„High Society“ ist ab dem 14. September bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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