Tulpenfieber

Vor dem Hintergrund des blühenden Tulpenhandels im Amsterdam des 17 Jahrhunderts entspinnt Regisseur Justin Chadwick in TULPENFIEBER eine dramatische Liebesgeschichte mit ganz viel Herzschmerz. Mehr dazu in meiner Kritik zum Film.

Der Plot

Das Amsterdam des Goldenen Zeitalters ist besessen von einer botanischen Sensation: der Tulpe. An den Grachten floriert der Handel mit den kostbaren Zwiebeln, die schon bald mehr wert sind als Diamanten. Die Spekulanten an der Börse bieten horrende Summen für Exemplare, die sie noch nie zu Gesicht bekommen haben. Allerorten lässt eine fiebrige Goldgräberstimmung die Gefühle hochkochen. In diesen hitzigen Zeiten verliebt sich der Maler Jan van Loos (Dane DeHaan) in Sophia (Alicia Vikander), die bildschöne Frau seines reichen Auftraggebers Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz). Schon bei ihrer ersten Begegnung ist es um Jan und Sophie geschehen, die sich immer mehr in eine leidenschaftliche Affäre verstricken. Um gemeinsam in ein neues Leben aufzubrechen, schmieden sie mit Hilfe von Sophias Magd Maria (Holliday Grainger) einen überaus riskanten Plan. Neben einem bestechlichen Arzt fehlen nur noch die nötigen Gulden für die Überfahrt in die neue Welt. Am Ende hängt alles von einem kühnen Geschäft an der Tulpenbörse ab. Mit der teuersten Zwiebel überhaupt – der Admiral Maria…

Kritik

Im Amsterdam des 17. Jahrhunderts florierte der Tulpenhandel so sehr, dass von einer regelrechten „Tulpenmanie“ die Rede war. Gleichzeitig folgte auf das im wahrsten Sinne des Wortes blühende Geschäft mit der kostbaren Blume der radikale Wertabsturz – „die Mutter aller Börsenblasen“, wie dieses Ereignis noch heute genannt wird, wart geboren. Kaum vorstellbar: Zwar sind gerade die Niederlande, das Tulpenexportland Nummer eins, noch heute verrückt nach ihrem rund 150 verschiedenen Arten umfassenden Liliengewächs, dessen Blüte unser Nachbarland von Ende März bis Ende Mai erstrahlen lässt (was sich übrigens nach auch auf die Reisezahlen niederschlägt – zur Tulpenblüte haben Hotels in Amsterdam und Umgebung Hochsaison), doch die fanatische Gier nach immer neuen, immer teureren Pflanzengattungen gehört seit 1637 der Vergangenheit an. Die Jahre zwischen 1634 und 1637 bilden daher das perfekte Anschauungsobjekt für den beispielhaften Verlauf einer wirtschaftlichen Spekulationsblase; doch auch, wenn sich Filmprojekte über den Börsenhandel und die damit verbundenen Schicksalsschläge nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen, ist Justin Chadwicks „Tulpenfieber“ weniger ein Börsenthriller der Marke „Wolf of Wall Street“, denn viel mehr ein dramatisches Liebesepos. Wo sich beinharter Realismus und schnulzige Liebesreigen beizeiten ausschließen (erst kürzlich gesehen in dem ungelenk inszenierten Kriegsdrama „The Promise“), funktioniert die Verschmelzung beider Thematiken hier überraschend gut. Die Passion für die Tulpe bildet einen pulsierenden Rahmen für eine leidenschaftliche Tragödie, in der nicht bloß der namhafte Starcast zur Höchstform aufläuft.

Der Porträtmaler Jan Van Loos (Dane DeHaan) im Haus von Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) und Sophia (Alicia Vikander).

Zu genau diesem Ensemble gehört in erster Linie das Protagonistenpaar aus Alicia Vikander („The Light Between Oceans“) und Tarantino-Liebling Christoph Waltz („Legend of Tarzan“). Die beiden bilden eine zwischen ehrlicher Zuneigung und gegenseitiger Verpflichtung chargierendes Ehepaar, das nur auf den ersten Blick dem Bild einer Zweckgemeinschaft entspricht. Während man dem hier erstmals vollkommen losgelöst von sämtlichen Bösewicht-Rollen aufspielenden Waltz die Liebe zu seiner deutlich jüngeren, einst aus einem Waisenhaus geretteten Ehefrau in ausgewählten Szenen abnimmt, es jedoch ein anderes Mal wiederum so scheint, als wären ihm die Gefühle der wunderschönen Brünetten vollkommen gleichgültig (solange diese ihm nur endlich einen Nachkommen schenkt), ist die emotionale Verfassung Sophias ähnlich ambivalent. Tiefe Dankbarkeit empfindend, fühlt sie sich von ihrem Ehemann – insbesondere körperlich – unter Druck gesetzt. Trotzdem verbindet die beiden selbst in solchen Momenten eine innige Vertrautheit, wenn sich längst abzeichnet, dass beide für jeweils andere Schicksalswege bestimmt sind. Dem Ehepaar dabei zuzusehen, wie sie sich und ihre Bedürfnisse entdecken und zeitgleich weder sich, noch den Anderen vor den Kopf stoßen wollen, ist nicht bloß hochinteressant sondern in seiner emotionalen Komplexität immer wieder äußerst ergreifend. Das Skript von Tom Stoppard („Anna Karenina“) verlässt sich nicht auf simple Allgemeinplätze und umschifft so auch die größten Stolperfallen von Kitsch. Visuell schwelgt „Tulpenfieber“ zwar definitiv in triefender Romantik im Stile großer Liebesepen, doch erzählerisch steckt hinter der auf dem gleichnamigen Roman von Deborah Moggach weitaus mehr als eine klassische Dreiecks-Liebesgeschichte.

Zu dieser stößt schließlich der von Dane DeHaan („Valerien – Die Stadt der tausend Planeten“) fast schon schelmenhaft verkörperte Porträtmaler Jan van Loos, der sich auf den ersten Blick in Sophia verliebt. Dass dieser Umstand auf Gegenseitigkeit beruht, erscheint in den Augen des Zuschauers absolut logisch; die Natürlichkeit und Leichtfüßigkeit, mit welcher der an der Böse spekulierende van Loos mit Sophia interagiert, macht aus dem jungen Mann einen hochattraktiven Charmeur, womit DeHaan selbst seine knallharte Geschäftsmann-Rolle aus Gore Verbinskis „A Cure for Wellness“ noch einmal in Reife und Überlegtheit überbietet. In einigen äußerst freizügigen Szenen geben sich Sophia und Jan der körperlichen Liebe hin, was letztlich den Nährboden für reichlich heikle Momente im bislang so ruhigen Leben des Ehepaares Sandvoort bildet. So befasst sich „Tulpenfieber“ auf der einen Seite mit dem Versteckspiel, das sich Sophia und Jan vor ihrem Ehemann Cornelis liefern, auf der anderen Seite zieht genau dieser Akt auch noch wesentlich größere Kreise, sodass vorab als fast schon störend empfundene Subplots plötzlich in einem ganz anderen, relevanten Licht erscheinen. Man entwickelt zunächst kein Gefühl dafür, wie wichtig die Liebesbeziehung zwischen Sophias Magd Maria und ihrem Verlobten noch für die Handlung sein wird. Nach und nach ziehen sämtliche Taten der in „Tulpenfieber“ handelnden Figuren ihre Kreise und verknüpfen jeden Aspekt der Handlung mit einem jeweils anderen. Am Ende offenbart sich schließlich, dass auch die ein wenig vernachlässigte Tulpenspekulationsthematik ihren Platz im ohnehin verräterisch betitelten Film verdient; vor einem anderen Hintergrund besäße die hier erzählte Lovestory nur halb so viel Prägnanz und Wiedererkennungswert.

Unbeschwert & losgelassen: Jan van Loos und seine Sophia.

In der zweiten Hälfte von „Tulpenfieber“ verlagert sich der Schwerpunkt von Sophias und Jans geheimer Liaison schließlich auf einen riskanten Plan, in welchem Sophias Wunsch nach einem Kind und jener ihrer Magd, ihr ungewolltes Baby loszuwerden, miteinander arrangiert werden. Das klingt auf den ersten Blick arg konstruiert und ist in dem ansonsten äußerst tragisch intonierten Liebesfilm auch der Urheber einiger überraschend ausgiebigen Humorspitzen (Tom Hollander als bestechlicher Arzt Dr. Sorgh geht fast schon als humoristischer Sidekick durch), doch am Ende ändern die zwischenzeitlich eingestreuten Momente der Leichtigkeit nichts am tragischen Schicksal aller Beteiligter. Regisseur Justin Chadwick („Mandela: Der lange Weg zur Freiheit“) und seiner Crew gelingt es, eine Geschichte mit klarem Fokus zu inszenieren, ohne sich konsequent an jenen Elementen festzuklammern, die sich ausschließlich mit diesem auseinandersetzen. Im Klartext: „Tulpenfieber“ erzählt viel auf einmal und erweckt trotzdem nie den Eindruck, überladen oder ausgefranst zu wirken. Genau hier kommt schließlich wieder das Setting des Tulpenhandels ins Spiel, der sämtliche Schicksale in „Tulpenfieber“ miteinander verbindet. Verantwortlich dafür ist auch ein weiterer Star des Films: Mit welcher Leichtigkeit und Akribie Kameramann Eigil Bryld („Brügge sehen… und sterben?“) die üppig ausgestatteten Sets und die wunderschön kostümierten Darsteller einfängt, ist preisverdächtig und lässt einen manchmal sogar den einen oder anderen Gastauftritt übersehen, da man viel lieber in den Bildern im Gesamten schwelgt, anstatt sich auf so etwas Banales wie die Darsteller zu konzentrieren.

Fazit: Vor zwanzig Jahren hätte ein Film wie „Tulpenfieber“ sämtliche Filmpreise gewonnen, doch auch heute noch begeistert ein solch berauschend-üppig ausgestatteter Kostümfilm, der nicht nur optisch fasziniert, sondern auch eine Geschichte erzählt, die dank hervorragender Darsteller und schöner Drehbuchideen weit über das Standardrepertoire gängiger Hollywoodschmonzetten hinaus geht.

„Tulpenfieber“ ist ab dem 24. August in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

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