Victoria – Männer & andere Missgeschicke

Diese Frau ist Expertin auf dem Gebiet der Überraschungserfolge: Nach „Birnenkuchen mit Lavendel“ verfeinert die französische Schauspielerin Verginie Efira nun auch die gar nicht so klischeehafte Tragikomödie VICTORIA – MÄNNER & ANDERE MISSGESCHICKE mit ihrem umwerfenden Charme. Der Film wird es trotzdem schwer haben, Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Victoria (Virginie Efira) ist Anwältin in Paris, Ende 30, alleinerziehend, hat ein lockeres Sex-Leben und ist charmant-egozentrisch. Bei einer Hochzeit trifft sie ihren guten Freund Vincent (Melvil Poupaud) sowie Samuel (Vincent Lacoste), einen Klein-Dealer, den sie vor einiger Zeit verteidigt hat. Tags darauf steht Vincent unter Anklage wegen versuchtem Mord an seiner Freundin. Einziger Zeuge ist der Dalmatiner des Opfers. Widerwillig übernimmt Vitoria seine Verteidigung. Als sie dann auch noch Sam als Au Pair Boy einstellt, nimmt das Chaos in Victorias Leben seinen Lauf.

Kritik

Es ist ein ungünstiger Titel, unter welchem der deutsche Verleih Alamode Film den französischen Cannes-Beitrag „Victoria“ hierzulande in die Kinos entlässt. Der Untertitel „Männer & andere Missgeschicke“ deutet an, dass wir es hier vermutlich mit einer weiteren von diversen Romantic Comedies zu tun bekommen, weshalb es auch so überhaupt nicht ins Bild passt, dass die erst zweite Spielfilmarbeit von Regisseurin Justine Triet („Der Präsident und meine Kinder“) ihre Weltpremiere tatsächlich an der Côte d’Azur feierte. Hier eröffnete „Victoria – Männer & andere Missgeschicke“ 2016 die Sektion „Semaine internationale de la critique“ und avancierte im Heimatland anschließend zu einem überraschenden Publikumshit, der darüber hinaus für fünf César-Awards nominiert wurde. Unter anderem in den Kategorien „Bester Film“ und „Beste Hauptdarstellerin“. Dass sich der Erfolg hierzulande wiederholen wird, ist allerdings fraglich. Der Zuschauer bekommt mit „Victoria“ zwar deutlich mehr geboten, als eine konventionelle RomCom, doch gerade weil die Geschichte mehr als tragikomisches Porträt einer schwer greifbaren, es ihrem Umfeld mitunter wirklich nicht leicht machenden Frau zu verstehen ist, wäre es nicht verwunderlich, wenn sogleich nicht alle mit dieser warm würden. Auch wenn das wirklich schade wäre.

In Sam (Vincent Lacoste) findet Victoria (Virginie Efira) einen nützlichen Untermieter.

„Victoria – Männer & andere Missgeschicke“ steht und fällt in erster Linie mit der hinreißenden Performance von Virginie Efira („Mein ziemlich kleiner Freund“). Schon in dem Überraschungserfolg „Birnenkuchen mit Lavendel“ aus dem vergangenen Jahr, der sich hierzulande zu einem echten Sleeperhit in den Programmkinos mauserte, verband die umwerfende Aktrice eine unterkühlte Attitüde mit der Faszination ihrer Natürlichkeit. Das Ergebnis: Efira ist eine Expertin darin, Gegensätze harmonisch unter einen Hut zu bringen und trotzdem zu betonen, wie komplex ihre Figur dadurch erst wird. Das ist in „Victoria“ nun nicht anders, auch wenn es nicht nur das Skript hier und da auf die Spitze treibt, wenn es darum geht, die Widersprüchlichkeit ihres Charakters zu betonen; es ist sogleich eine große Herausforderung für die Schauspielerin. Je krasser die charakteristischen Merkmale innerhalb einer einzelnen Figur, desto schwieriger wird es, die Glaubwürdigkeit zu wahren. Virginie Efira gelingt das nahezu spielerisch. In einem Moment ist sie noch die verführerische Femme Fatale, im nächsten die kühle Realistin in Vorbereitung auf den kommenden Gerichtsprozess. Die Randnotiz, dass ihre Victoria sowohl eine Wahrsagerin, als auch einen Psychoanalytiker besucht, um den Problemen in ihrem Leben auf den Grund zu gehen, trägt da weniger zur Handlung bei, als dass es vielmehr symbolischen Wert hat. Bei dieser Frau ist eben mit allem zu rechnen.

Bei der Zeichnung der Hauptfigur beweist Drehbuchautorin und Regisseurin Justine Triet entsprechend Fingerspitzengefühl. Sogar die Tatsache, dass Virginie Efira mit ihrer Performance mühelos alle anderen an die Wand spielt, passt irgendwie dazu, wie stark ihre Figur das Geschehen beeinflusst. Paroli bietet ihr einzig und allein ihr Mandant Vincent, den Melvil Poupaud („By the Sea“) als charismatischen aber auch schwer durchschaubaren Zeitgenossen anlegt, bei dem man nie so recht weiß, ob er seine Frau nun hat wirklich ermorden wollen, oder ob er lediglich einer bösen Intrige aufgesetzt ist. Vincent Lacoste („Saint Amour – Drei gute Jahrgänge“) hält sich dagegen zurück, beweist, dass stille Wasser tief sind und schwärmt sichtbar, jedoch nicht aufdringlich für seine Arbeitgeberin, bei der es nur konsequent ist, dass diese in vollem Arbeitseifer nichts davon realisiert. Ebenfalls eine tragende Rolle spielt auch Laurent Poitrenaux („Mikro & Sprit“) als Victorias Ex-Mann David. Dieser verarbeitet die Trennung von seiner Frau, indem er von Victorias Leben inspirierte Online-Geschichten verfasst, die mit wachsender Leserschaft auch Verlage auf sich aufmerksam machen. Der Gerichtsprozess um Victorias Versuch, diese Geschichten zu verbieten, verwebt Justine Triet leider nur leidlich passend mit dem Rest der Geschichte. Per se spannend, kann dieser Subplot zwar die Faszination für die Hauptfigur noch mehr veranschaulichen, doch es fehlt den Machern schlicht an Zeit, um hier das Optimum an Emotionen herauszuholen. So wird David zu einer Randnotiz, die eigentlich mehr verdient hätte. Andererseits erneut ziemlich konsequent – gegen Victorias Präsenz kommt in ihrem gleichnamigen Film ja ohnehin keiner an.

Vor Gericht gibt Victoria für ihre Mandanten alles!

Überhaupt ist „Victoria – Männer & andere Missgeschicke“ ganz schön voll gepackt. Justine Triet erzählt auf der einen Seite vom porösen Gefühlsleben ihrer Protagonistin (so richtig Fahrt kommt in die Handlung vor allem dann, als Victoria für ein paar Monate ihren Job verliert) und widmet sich auf der anderen Seite ein wenig zu ausführlich dem Mordprozess. Mit der Idee, einen Hund als Zeugen zu vernehmen, generiert die Filmemacherin noch am ehesten Lacher, wenngleich die sich schwer in ein Genre einordnen lassende Produktion nie vollständig zur Komödie wird. Wird es betont lustig, tendiert „Victoria“ in Richtung Albernheiten. Da ist es direkt viel Spannender, sich ganz dem emotionalen Wandel der Hauptfigur hinzugeben und sich von dieser um den Finger wickeln zu lassen. Damit könnte es der Film, der in Frankreich sämtliche Erwartungen übertraf, seinem Publikum schwer machen. Der Witz an „Victoria“ liegt in erster Linie im Entdecken der Widersprüche, in der Eskalation einfachster Szenarien, während sich die Dramatik häufig in exakt denselben Momenten entdecken lässt. Dafür braucht man Durchhaltevermögen, Muße und auch ein wenig Zugang zu Menschen, die sich nicht direkt in eine Schublade stecken lassen wollen. Doch keiner machte es dem Publikum je so leicht, einmal über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. „Victoria – Männer & andere Missgeschicke“ hat daher nicht bloß viele Zuschauer verdient, sondern auch einen anderen Titel!

Fazit: Bei „Victoria – Männer & andere Missgeschicke“ sollte man sich auf gar keinen Fall von dem konventionellen Untertitel abschrecken lassen. Gemeinsam mit der umwerfenden Virginie Efira gelingt Regisseurin Justine Triet das überraschend tiefgründige Charakterporträt einer widersprüchlichen, jedoch nicht minder aufregenden Frau, das in den entscheidenden Momenten zwischen Komik und Tragik wechselt.

„Victoria – Männer & andere Missgeschicke“ ist ab dem 4. Mai in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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