Sky: Der Himmel in mir

Nach einem tragischen Zwischenfall begibt sich der deutsche Hollywoodexport Diane Kruger in SKY: DER HIMMEL IN MIR auf eine lange, beschwerliche Suche nach sich selbst. Weshalb es gerade ihr interessanter Charakter ist, der diesen Film besonders macht, erkläre ich in meiner Kritik.Sky: Der Himmel in mir

Der Plot

Romy (Diane Kruger) fühlt sich zum ersten Mal seit langer Zeit frei und offen für die Möglichkeiten, die vor ihr liegen. Während eines Urlaubs im Westen der USA hat sie Ihre Ehe nach einem heftigen Streit mit ihrem Mann beendet und beschlossen die Reise allein fortzusetzen. Sie trampt durch die sonnendurchtränkten Wüstenlandschaften Nevadas ins bunte, schrille Las Vegas. In einem Casino lernt sie den rauen, einzelgängerischen Ranger Diego kennen und verbringt eine leidenschaftliche Nacht mit ihm. Als sie eine Nachricht mit seiner Adresse erhält, begibt sie sich spontan auf den Weg zu ihm. In dem entlegenen Ort in der Wüste findet sie einen neuen Teil von sich selbst und etwas nachdem sie sich lange schon gesehnt hat.

Kritik

Wenn Frauen versuchen, zu sich selbst zu finden, dann kann das auf der Leinwand auf vielerlei Weise geschehen. Es kann komisch sein, wie in Judd Apatows Romantikkomödie „Dating Queen“, schlüpfrig wie in der Buchverfilmung „Feuchtgebiete“, oder aber schießwütig, wie im von Natalie Portman koproduzierten Rachewestern „Jane Got a Gun“. Da der Suche nach der eigenen Identität aber meist ein tragisches Ereignis vorausgeht, ist ein Großteil derartig gelagerter Produktionen im Dramagenre angesiedelt. So auch in „Sky: Der Himmel in mir“, inszeniert von „Barfuß auf Nacktschnecken“-Regisseurin Fabienne Berthaud. Die Filmemacherin, die für ihr neuestes Projekt auch das Drehbuch verfasste, erzählt darin die Geschichte einer Frau, die nach einem dramatischen Zwischenfall in ihrer Ehe allein durch die USA reißt und im Zuge dieses Trips auf die unterschiedlichsten Leute trifft. Mal zehrt sie stark von diesen Begegnungen, ein anderes Mal sind es nur beiläufige Ratschläge, die sie für ihr Leben mitnimmt, bis sie irgendwann auf einen Mann trifft, der sie langsam zur Ruhe kommen lässt. Das alles klingt stark nach Reese Witherspoons Oscar-nominierter Performance in „Der große Trip“. Doch anders als in Jean-Marc Vallées Wanderschaftssinnsuche scheint es „Sky“-Protagonistin Romy gar nicht so sehr darum zu gehen, an irgendein Ziel zu gelangen. Darüber hinaus ist die französisch-deutsche Koproduktion auf den ersten Blick noch um einiges unscheinbarer als der damalige Anwärter auf den Acadamy-Award 2015, obwohl es ihm sogar gelingt, schon nach den ersten zehn Minuten Erinnerungen an David Finchers Meisterwerk „Gone Girl“ wach werden zu lassen.

Sky: Der Himmel in mir

„Sky: Der Himmel in mir“ startet alles andere als verwegen-romantisch. Wenn Romy und ihr Ehemann, offensichtlich unzufrieden, ihres vermeintlichen Liebesurlaubs frönen, der mit wüsten Anschuldigungen in Richtung Romys nicht einsetzender Schwangerschaft endet, schlägt Fabienne Berthaud früh eine unberechenbare Richtung ein. Daher wollen wir an dieser Stelle auch gar nicht weiter darauf eingehen, wie die hübsche Frau mit dieser Schmach umgeht. Nur so viel: Bevor sich Romy überhaupt erst auf den alleinigen Trip durch die vereinigten Staaten begibt, muss sich der Zuschauer mit mehreren einprägsamen Wendungen begnügen, die es uns nicht immer ganz leicht machen, mit der von Diane Kruger (Ende Juni auch in „Väter und Töchter“ zu sehen) bärenstark verkörperten Figur zu sympathisieren. Romy ist über weite Strecken ein undurchsichtiger Charakter. Obwohl sich stets an der Grenze zum Selbstmitleid befindlich, fällt es trotzdem leicht, die Beweggründe ihres Handelns nachzuvollziehen. Ob man dieses gut heißt oder verurteilt, bleibt dem Zuschauer selbst überlassen. So lässt sich „Sky“ auch auf zwei unterschiedliche Weisen beäugen. Entweder wird man Zeuge einer Flucht, oder einer Rebellion. Aus beiden Perspektiven heraus entwickelt der Film einen individuellen Reiz.

Während sich andere Filme aus dem Selbstfindungssegment nur zu gern daran aufhalten, die psychische Entwicklung der Figur mithilfe bedeutungsschwangerer Monologe oder gar einem Voice-Over zu verdeutlichen, versteht Fabienne Berthaud ihren Film eher als Beobachtung des Moments. Böse Zungen könnten ihrer Geschichte eine gewisse Bedeutungslosigkeit vorwerfen. Einige Stationen, die Romy auf ihrer Reise durchläuft, bringen die Handlung auf den ersten Blick kaum voran. Erst später festigt sich die Erkenntnis, dass all die Eindrücke auf dieser Reise aus der jungen Frau eine neue, gefestigte Persönlichkeit kreieren, die vor den schwierigen Umständen ihres Lebens davonläuft, um sich in neue, ebenfalls nicht ganz einfache Abenteuer zu stürzen. Interessant ist dabei nicht das, was passiert. Sondern die Art, wie es passiert. Romy muss sich mit Todesfällen, dem Nachtleben von Las Vegas, neu geschlossenen (und wieder aufgelösten) Freundschaften, aber auch mit den Gegebenheiten des sozialen Abstiegs ins White-Trash-Milieu auseinandersetzen. Dabei inszeniert die Regisseurin einige dieser Stationen fast beiläufig, während sie diese nicht vorhandene Sentimentalität anderorts mit Füßen tritt. Die Geschichte wirkt besonders in den unverfälschten Momenten am stärksten nach; etwa wenn Romys neuer Freund die junge Frau mit dem Ziel ihrer Reise konfrontiert, oder er an der mexikanisch-amerikanischen Grenze Wasser für die Flüchtlinge bereitstellt. Doch nicht immer bleibt sich Berthaud dieser minimalistischen Erzählweise treu. Besonders das Finale krankt inszenatorisch daran, dass die Regisseurin ihren Film mit einer Message beendet, die man auch ohne ein derartig dramatisches Ende verstanden hätte.

Sky: Der Himmel in mir

Diane Kruger stemmt diese beeindruckende One-Woman-Show mit Bravour alleine und beweist sich einmal mehr in einer äußerlich unauffälligen Rolle mit viel Tiefgang. Selbst in der Interaktion mit weitaus exzentrischeren Figuren behält sich stets die Oberhand, ohne sich dabei unangenehm in den Vordergrund zu drängen. Eine weitere erwähnenswerte Leistung liefert Norman Reedus („Triple 9“) ab, der als nicht minder undurchsichtiger Cowboy wie das perfekte Gegenstück zu seiner neuen Freundin wirkt. Anfänglich schroff, erweist sich die betonte Zurückhaltung als fest im Charakter verankerte Vorsicht gegenüber allem Neuen, deren Hintergrund sich erst spät innerhalb des Films auflöst. Seine Figur mag nicht bei jedem auf Gegenliebe stoßen – und unterstreicht neben Diane Kruger hervorragend die Aussage, „Sky: Der Himmel in mir“ würde es sowieso nicht allen Recht machen wollen. Doch auch, wem das Verhalten der beiden Protagonisten so überhaupt nicht zusagt, der wird im Laufe des Films mit wunderschönen Kamerafahrten belohnt (Nathalie Durand), die vollkommen frei von Filtern oder anderen Bildeffekten ein Amerika auf die Leinwand zaubern, das sich wohl nur auf einem solchen Roadtrip erleben lässt. Entsprechend zurückhaltend präsentiert sich auch die Musik von François-Eudes Chanfrault („Jamie Marks is Dead“), dessen unauffälliger Klangteppich den Fokus nie von der eigentlichen Handlung nimmt. Ein wahrlich minimalistisches Filmerlebnis, aus dem wohl jeder das mitnimmt, nach dem er gerade sucht.

Fazit: Ob aufbrechende Rebellion einer starken Frau oder feige Flucht eines wehleidigen Opfers: Mit „Sky: Der Himmel in mir“ erzählt Fabienne Berthaud die ambivalente Geschichte einer interessanten Persönlichkeit, die mehr kann, als in wunderschönen Wüstenpanoramen zu schwelgen. Zwischen melancholisch und urkomisch balancierend, wird Hauptdarstellerin Diane Kruger dieses fordernden Projekts mühelos Herr und macht aus einer unnahbaren Frau eine solche, mit der wir schon bald selbst gern durch die USA reisen würden. Ein Geheimtipp!

„Sky: Der Himmel in mir“ ist ab dem 9. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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