Die Kommune

Die Tragikomödie DIE KOMMUNE ist nach „Die Jagd“ und „Am grünen Rand der Welt“ der nächste Film des Dänen Thomas Vinterberg, der dafür bekannt ist, dass ihm seine Figuren sehr am Herzen liegen. Sein neuestes Werk kann nicht ganz an die Intensität seiner letzten Arbeiten anknüpfen. Weshalb sich ein Blick trotzdem lohnt, verrate ich in meiner Kritik.Die Kommune

Der Plot

Für Erik (Ulrich Thomsen) und Anna (Trine Dyrholm)beginnt alles wie ein Traum. Als Erik eine großzügige Villa in einem Kopenhagener Nobelviertel erbt, beschließt das Paar, sein konventionelles Familienleben hinter sich zu lassen, und gründet mit Freunden und Bekannten eine Kommune. Der Alltag der kunterbunten Hausgemeinschaft aus Paaren, Singles und Kindern ist geprägt von Freundschaft, Liebe undfröhlich-entspanntem Laissez-faire.Regelmäßige Partys, gemeinsame Essen undHausversammlungen an der großen Tafel stärken das Gemeinschaftsgefühl und bis auf kleinere Fehlbeträge in der Bierkasse scheint alles zu stimmen. Dochals Erik sich in die hübsche Studentin Emma (Helene Reingaard Neumann) verliebt und sie ins Haus aufnimmt, drohtdie von lässigem Miteinandergeprägte Stimmungzu kippen. Der Konflikt zwischen privaten Bedürfnissen und großen Idealen wird zu einer Zerreißprobe für die verlassene Anna und die gesamte Kommune.

Kritik

Bei den meisten Regisseuren kann man sich nach einiger Überlegung darauf einigen, welches Werk in seinem Oeuvre gemeinhin als das stärkste bezeichnet werden kann. Bei dem Dänen Thomas Vinterberg ist das nicht so leicht. Mit seinem Drama „Das Fest“ aus dem Jahre 1999 gehört er zu den Wegbereitern der Dogma-95-Bewegung, der auch Lars von Trier, Kristian Levring und Søren Kragh-Jacobsen angehören. Das im Jahre 1995 von diesen vier Regisseuren unterzeichnete Manifest beinhaltet zehn Vorgaben, die einer Produktion zugrunde liegen müssen, damit sie die Bezeichnung „Dogma-Film“ für sich verbuchen darf. Dazu zählen unter anderem das Verbot von Special Effects und Farbfiltern, das Untersagen der Benutzung künstlicher Beleuchtung sowie die Richtlinie, an Originalschauplätzen zu drehen. Mit ihrer Hilfe sollte eine größtmögliche Authentizität gewährleistet werden, mithilfe derer sich das Kino wieder auf seine Ursprünge besinnen sollte. Doch schon 2005 wurde diese Idee wieder fallen gelassen. Die Filmemacher bestimmen mittlerweile wieder nach eigenem Ermessen, unter welchen Voraussetzungen sie ihre Filme drehen wollen. Die Vorgaben für das Subgenre des Dogma-Films blieben hingegen bestehen.

Die Kommune

Doch es ist nicht zwingend „Das Fest“, der als die Sternstunde von Vinterbergs Karriere bezeichnet werden muss. Gleichwohl hat das Missbrauchs-Drama selbstredend einen Platz in den Annalen der Filmgeschichte sicher. Es ist vier Jahre her, seit der Filmemacher den thematisch ähnlich gelagerten „Die Jagd“ auf dem Filmfestival von Cannes vorstellte und dort mit zwei Preisen ausgezeichnet wurde. Ein knappes Jahr später erfolgte die Nominierung für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“, wo er sich jedoch von Paolo Sorrentinos Blendwerk „La Grande Bellezza“ geschlagen geben musste. Der mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle hochkarätig besetzte Film handelt von einem Mann, der unschuldig des Missbrauchs eines kleinen Mädchens angeklagt wird und sich fortan mit dem daraus resultierenden Unmut der Dorfgemeinschaft auseinandersetzen muss. „Die Jagd“ gehört in seinem Dasein als emotional vielschichtiges Thrillerdrama zum Thema Schuld, Sühne und Selbstjustiz zu einem der atmosphärischsten Filme der jüngeren Geschichte und hat das Genre im Kern damit ebenso nachhaltig beeinflusst, wie „Das Fest“ ein knappes Jahrzehnt zuvor. Seine im Wettbewerb um den Goldenen Bären der Berlinale 2016 vorgeführte Tragikomödie „Die Kommune“ fällt da rein thematisch schon mal aus dem Raster. Trotz einer erneut sehr akribischen Auseinandersetzung mit dem Seelenleben seiner Hauptfiguren kann die Geschichte um eine Gruppe vollkommen gegensätzlicher Mitbewohner nicht an die Intensität von Vinterbergs Sternstunden anknüpfen. Ein durchweg interessantes Seherlebnis ist „Die Kommune“ dennoch geworden.

Auf das Gröbste herunter gebrochen, lässt sich „Die Kommune“ in zwei Teile gliedern. Die erste Hälfte befasst sich mit der Entstehung der Wohngemeinschaft; Mitbewohner unterziehen sich eines Castings, Haushaltsregeln werden aufgestellt und mit der Zeit werden aus den zunächst nur sehr stereotyp umrissenen Charakteren echte Figuren. Dass sich das Skript von Tobias Lindholm (war zuletzt für Drehbuch und Regie von „A War“ verantwortlich und schrieb auch schon an „Die Jagd“ mit) und Thomas Vinterberg zu Beginn noch sehr auf eine holzschnittartige Ansammlung von Klischees bedient, wundert ein wenig. Fares Fares („Kind 44“) wird zum Weichei stilisiert, unter den Damen wird rigoros zwischen mütterlich fürsorgend und draufgängerisch freigeistig getrennt und eine todbringende Krankheit des kleinsten aller Bewohner, dessen immer wieder von sich gegebener Satz „Ich werde nur neun Jahre alt!“ wohl als Running Gag gedacht ist, hängt wie ein Damoklesschwert über der Szenerie. Gewiss werden damit Gegensätze forciert und die Stimmung erhält von Beginn an einen dynamischen Beigeschmack. Gleichwohl macht man es sich mit dieser Figurenkonstellation auch ein wenig zu einfach, sind Konflikte bei derart unterschiedlich gepolten Charakteren doch nahezu vorprogrammiert.

Die Kommune

Durchgehend den einfachsten Weg wählt Thomas Vinterberg dann aber doch nicht. In den ersten sechzig Minuten überzeugt doch gerade die Interaktion der Figuren, die auf allzu plakative Auseinandersetzungen verzichtet und es damit gleichsam auch nicht ganz ersichtlich macht, worauf „Die Kommune“ überhaupt hinaus will. Das ändert sich, als sich der Fokus auf das Ehepaar Erik und Anna konzentriert und eine als Affäre begonnene Liebschaft von Erik zu seiner Studentin Emma ernstere Züge annimmt. Wie Emma mit dieser Entscheidung kämpft, wie sie die Umstände zu ertragen versucht und der Redewendung „Gute Miene zum bösen Spiel machen“ eine ganz neue Bedeutung gibt, ist nicht nur ganz großes Schauspielkino seitens Trine Dyrholm („Who Am I – Kein System ist sicher“), die sich mit Haut und Haaren ihrer Rolle der gehörnten Ehefrau hingibt. Es verhilft dem Film selbst auch zu ebenjenen Stärken, mit denen zuletzt „Die Jagd“ aufzutrumpfen wusste. Wenn Emma nach Wochen des Zusammenreißens weinend in den Armen ihrer sehr reifen Tochter versinkt, gehört das zu den Höhepunkten des Films, ebenso wie ein Gespräch zwischen Erik und seiner Tochter, die versucht, ihn vom richtigen Umgang mit der Situation zu überzeugen.

Fazit: Der anfangs zunächst etwas hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibende „Die Kommune“ ist kein Film, in dem auf der Leinwand viel passiert. Stattdessen wird das Publikum Zeuge einer für alle Beteiligten unvorhersehbaren Situation, die hier und da ein wenig mit den Erwartungen des Zuschauers spielt und zum Ende hin mit voller emotionaler Wucht auf den Zuschauer niederprasselt. Ob es die melodramatischen Zwischentöne der symbolisch aufgeladenen Schlusssequenz unbedingt gebraucht hätte, daran werden sich die Geister scheiden. Doch für die elektrisierende Performance von Trine Dyrholm und die Intensität der zweiten Hälfte lohnt sich ein Ticket für „Die Kommune“ auf jeden Fall.

„Die Kommune“ ist ab dem 21. April in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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