Die Vorsehung

Anthony Hopkins ist ein gern gesehener Gast im US-amerikanischen Thrillerkino. Auch in DIE VORSEHUNG schlüpft er einmal mehr in die Rolle eines unheilvollen Zeitgenossen, der sich diesmal jedoch auf der Seite der Guten aufhalten darf. Als Medium gelingt ihm durch bloßes Handauflagen ein Blick in die Seele seiner Mitmenschen. Klingt ganz schön kurios. Wie sehr, das lest Ihr in meiner Kritik.
Die Vorsehung

Der Plot

Eine Serie von bizarren Morden hält den FBI-Veteranen Joe Merriwether (Jeffrey Dean Morgan) und seine ambitionierte Partnerin Katherine Cowles (Abbie Cornish) auf Trab. Am Ende ihrer Weisheit angekommen, bitten sie den einsiedlerischen Psychoanalytiker Dr. Clancy (Anthony Hopkins) um Hilfe und hoffen, dessen intuitive Kräfte für sich nutzen zu können. Clancys aufrüttelnde Visionen führen zwar auf die Spur des Serienkillers (Colin Farrell), doch er muss einsehen, dass all seine übernatürlichen Begabungen kaum ausreichen, um den Mörder zu stoppen. Denn dieser hat eine tödliche Mission.

Kritik

Oscar-Preisträger Anthony Hopkins (1992 für „Das Schweigen der Lämmer“) gehört zu den ganz Großen Hollywoods und hat trotzdem ein Problem. Seine paralysierende Darbietung des hochintellektuellen Kannibalen Dr. Hannibal Lecter brandmarkte den Charaktermimen als mysteriösen Thriller-Charakter, der Filme wie „Das perfekte Verbrechen“, „The Rite – Das Ritual“ oder jetzt eben „Die Vorsehung“ mit einer Anwesenheit beglückte, die allenfalls als Abwandlungen seiner „Das Schweigen der Lämmer“-Performance durchgingen. Verwunderlich ist das keineswegs. Hopkins funktioniert vortrefflich in seiner wiederkehrenden Rolle. Den 78-jährigen umgibt eine Aura des Makaber-Mysteriösen. Ein Blick, eine Geste genügen, um sein Gegenüber anschließend mit Worten gefangen zu nehmen. Und vermutlich wäre auch kein anderer Darsteller in der Lage, der im Grunde so hanebüchenen Geschichte, die der brasilianische und hierzulande bislang weitestgehend unbekannte Regisseur Afonso Poyart („2 Coelhos“) dem Publikum mit „Die Vorsehung“ serviert, etwas Bodenhaftung abzugewinnen. Das Konzept des im Original „Solace“ betitelten Films hat mit handelsüblicher Thrillerkost nämlich absolut nichts zu tun. Stattdessen fischt das Skript von Sean Bailey („Push, Nevada“) und Ted Griffin („Kiss & Kill“) in abgehobenen Mystery-Gewässern, die den Film zwar nie langweilig werden lassen, vom Zuschauer allerdings erwarten, dass man den Anspruch auf Logik für rund eineinhalb Stunden völlig über Bord wirft.

Die Vorsehung

Die Geschichte muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Auf der Suche nach einem Killer, dessen Blutspur die Polizei seit mehreren Wochen verfolgt, setzen sich die Cops mit einem Mann in Verbindung, der mit seinen Fähigkeiten wohl am ehesten noch in einen Horrorfilm passen würde. Doch der von Anthony Hopkins durchaus fesselnd verkörperte Dr. Clancy hat eine Gabe, die von seinem Umfeld nicht unbedingt als besonders herausragend angesehen wird: Durch bloßes Handauflegen kann er in die Vergangenheit seiner Mitmenschen sehen und ihre finstersten Geheimnisse entschlüsseln. Das ist dann auch bereits das Konzept, an dem sich insbesondere Liebhaber des klassischen Thrillerkinos stören werden, denn für einen Film aus dem Mysterysegment ist „Die Vorsehung“ äußerst konventionell inszeniert. Manchmal möchte man glatt meinen, der Regisseur verkauft seinem Publikum diese absurde Prämisse als Realität. Wenn sich die Flashbacks Dr. Clancys schließlich in bester Werbeclipästhetik wie Fremdkörper in die Szenerie zu integrieren versuchen, sind vom Zuschauer starke Nerven gefordert. „Die Vorsehung“ klammert sich so stark an den Alleinunterhaltungswert seiner Geschichte, dass es schwer fällt, das an dieser Stelle fehlgeschlagene Konzept durch andere Faktoren auszugleichen.

Als durch und durch gescheitert erweist sich im Nachhinein auch die Vermarktung. Wir erinnern uns an das Jahr 1995 und an David Finchers grandiosen Schachzug, die namhafte Besetzung seines „Sieben“-Killers bis zu dessen ersten Auftritts innerhalb des Films nicht der Öffentlichkeit preis zu geben. Kevin Spacey blieb vorab gar Presseterminen und Premieren fern; die Wirkungskraft seines Auftauchens in der Rolle des Serienmörders John Doe war legendär. Wenngleich einem Film wie „Die Vorsehung“ niemals der Stellenwert zuteil werden wird, wie einst „Sieben“ (auch wenn „Die Vorsehung“ ursprünglich als direkte Fortsetzung des Films geplant war), so hätte man sich bei der Verschlüsselung der Antagonistenrolle vorab gern ein wenig mehr Mühe geben dürfen. Während im Film der Eindruck entsteht, die Macher würden mit der Demaskierung ihres Killers, gespielt von Colin Farrell, einen Riesentwist abliefern, so erwecken Plakatdesign, sämtliche Trailer und die frühe Erwähnung Farrells im Vorspann den Eindruck, dass hier eine Hand nicht wusste, was die andere tut. Colin Farrell funktioniert ähnlich Anthony Hopkins zwar gut in der sehr extravaganten Rolle und legt genau das richtige Maß an Manie und Wahnsinn an den Tag, um einen solch abgedrehten, sich nahe an der Karikatur befindlichen Charakter zu verkörpern, doch vorab mit seinem Namen zu werben um sein Auftauchen anschließend als Überraschungsmoment zu inszenieren, geht vollends nach hinten los.

Colin Farrell

Es ist spannend zu beobachten, wie die einzelnen Elemente innerhalb der Filminszenierung hier ineinander greifen und sich teilweise ihrer Funktion berauben, während sie sich an anderer Stelle wiederum auszugleichen vermögen. Die Art und Weise, wie die Cops ihre unkonventionellen Ermittlungsmethoden hier vollziehen, ist zwar einerseits an den Haaren herbeigezogen, offenbart aber gerade dadurch ein hohes Entertainment-Potenzial. „Die Vorsehung“ ist trotz eines bis zum Finale recht gediegenen Grundtempos von einer starken Dynamik geprägt, die ab dem Auftauchen des Killers von steten Aktionen und Reaktionen lebt. Der Film besitzt eine enorme Kurzweil. Leider beißt sich dieses unverschämte Vergnügen mit dem Ziel des Killers, dessen selbstgewählter Auftragsgedanke an dieser Stelle zwar nicht verraten werden soll, der allerdings mit einer solch kalkulierten Vorschlaghammermoral daherkommt, dass man sich bisweilen in Genrebeiträgen der Marke „Das Gesetz der Rache“ wähnt. Auch die ruhigen Momente funktionieren daher nur bedingt: „Die Vorsehung“ lässt sich einfach am besten genießen, wenn man dem Szenario so wenig Realitätssinn wie möglich beimisst. Fast unfair ist das höchstens den Darstellern gegenüber, die allesamt einen guten Job machen.

Fazit: Den Unterhaltungswert kann man dem kruden Mysterythriller „Die Vorsehung“ wahrlich nicht absprechen. Doch das auf Biegen und Brechen mit Twists gespickte Unterfangen gerät aufgrund seiner nicht zu leugnenden Logiklöcher in Skript und Inszenierung nicht selten unfreiwillig komisch und greift auch stilistisch auf abgegriffene Symbolik zurück. Bodenständige Suspense-Liebhaber halten von diesem Film lieber Abstand, wer hingegen auf knackig-spannendes Entertainment steht, das durchaus Trash-Anleihen besitzt, der macht mit einem Ticketkauf für „Die Vorsehung“ absolut nichts verkehrt.

„Die Vorsehung“ ist ab dem 31. Dezember in den deutschen Kinos zu sehen.

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