Obendrüber da schneit es

Vor drei Jahren lief im ZDF der herzergreifende Weihnachtsfilm OBENDRÜBER DA SCHNEIT ES. Schon damals konnte ich vor Lob kaum an mich halten. Pünktlich zum Fest möchte ich mich der Tragikomödie, für dessen Gelingen die Band Coldplay eine nicht unwichtige Rolle spielt, noch einmal annehmen. Immerhin ist der Film mittlerweile auch auf DVD fürs Heimkino erhältlich und unbedingt einen Blick wert.

Der Plot

Weihnachten! Alle Jahre wieder sind die Erwartungen hoch. Und gerade deshalb wird aus einer kleinen Unzufriedenheit schnell tiefste Verzweiflung, und eine nicht abgeholte Gans wird zum Krisenauslöser. „Obendrüber da schneit es“ erzählt Freud und Leid eines 23. und 24. Dezembers, so wie sie von den Bewohnern eines Münchner Stadthauses erlebt werden. Im Mittelpunkt stehen die frisch getrennte Miriam (36), ihre Tochter Julchen (7) und der unbeholfene, junge Pfarrer Gregor (37). Miriam und Julchen werden ihre erste Bescherung ohne den Papa haben, denn der hat Miriam gerade erklärt, dass seine neue Freundin den Urlaub auf den Malediven schon gebucht hat. Die Weihnachtsgeschenke wird er vorher vorbeibringen. Miriam sucht verzweifelt den günstigsten Zeitpunkt, um ihrer Tochter diese unfrohe Botschaft zu überbringen, dabei ahnt Julchen längst, um was es geht. So schickt Jule am Abend des 23. ein Stoßgebet „ans Christkind, den Weihnachtsmann und den lieben Gott oder wer immer dafür zuständig ist: „Bitte sorg dafür, dass Weihnachten schön wird!“. Gregor kämpft derweil mit seiner ersten Predigt. Sein Vater, Vorgänger in seinem Pfarrberuf, hat ihm eine Aushilfsstelle besorgt. Und nun muss er seine erste Predigt ausgerechnet gleich in einem Weihnachtsgottesdienst halten. Gregor hat keine Ahnung, wie er das innerhalb von 24 Stunden bewerkstelligen soll, aber sein Erlebnis mit Miriam wird ihm schließlich dabei helfen. Hausmeister Eberling (67), der durch die Trauer um seine verstorbene Ehefrau zum alten Griesgram geworden ist, die seit 35 Jahren verheirateten Hennings (55 und 57), die durch eine vergessene Gans komplett aus ihrer Weihnachts-Routine und in eine späte Ehekrise geworfen werden, der alleinerziehende Michael, der Weihnachten seiner Tochter zuliebe cool angehen lassen will, die alte Rosa (82), die den Duft von Weihnachten liebt, und das junge Pärchen aus dem Erdgeschoss, das alles anders machen will – alle Hausbewohner werden schließlich eine unvergessene Weihnachtsbescherung erleben.

Kritik

Es gibt wohl keine Zeit, in der es uns so sehr nach Romantik, Schmalz und Liebe dürstet, wie die vor und um Weihnachten. Schmonzetten-liebende Fernsehzuschauer dürften somit derzeit bestens bedient sein. Immerhin schmeißen sämtliche Sender dieser Tage ihre Kerzenschein-überfrachteten Romanzen auf den televisionären Gabentisch. Kaum eine besitzt auch nur ansatzweise so etwas wie einen Wiedererkennungswert und hätte somit die Chance, zu einem modernen TV-Klassiker zu avancieren, auf den man sich jedes Jahr erneut freuen kann. Ausnahme: Die deutsche Interpretation der Steve Martin-Komödie „Ein Ticket für zwei“, die 2008 unter dem Titel „Zwei Weihnachtsmänner“ mit Bastian Pastewka und Christoph Maria Herbst verfilmt wurde. Schade: Dabei weiß doch jedes Kind, dass in nahezu jeder Lebenslage die Prämisse „Qualität vor Quantität“ gelten sollte und ein gelungener Weihnachtsfilm viel mehr Freude bereitet, als drei lieblos inszenierte Adventsfilmchen mit Herz-Schmerz-Garantie und wenig Charakter. Doch allen voran ist Weihnachten ja auch die Zeit der Wunder und ein ebensolches inszenierte in diesem Jahr Regisseurin Vivian Naefe, die mit ihrer Buchadaption von Astrid Rupperts Weihnachtsroman «Obendrüber da schneit es» ein in die Gegenwart verfrachtetes Märchen schuf.

Naefe verzichtet so ziemlich auf alles, womit weniger originelle (aber ihren Sinn und Zweck erfüllende) Weihnachtsfilme auftrumpfen wollen. Kitsch, der durch ins rechte Licht gerückte Kerzen und klassische Weihnachtslieder entsteht, eine zum Ende des Jahres gängige Moralpredigt, dauergrinsende Darsteller und Vorzeigefamilien: All das braucht die Regisseurin, die 2013 mit „Der Geschmack von Apfelkernen“ einen erneuten Ausflug ins Kino unternommen hat, nicht, um eine originelle und zu Herzen gehende Weihnachtsgeschichte zu erzählen.

Die Ausgangslage der Story ist ebenso simpel wie realitätsnah. Die Geschichten der verschiedenen Familien, die ähnlich eines Episodenfilms zunächst getrennt voneinander erzählt werden, umgibt eine allgegenwärtige, aber nicht anstrengende Melancholie. Dabei wurde gänzlich darauf verzichtet, die weitestgehend schwermütige, aber dabei nicht unweihnachtliche Stimmung aus bemühten Plotentwicklungen heraus aufzubauen. Vielmehr hat schlicht jede Figur in der Geschichte ihr eigenes Päckchen zu tragen, welches sie nicht versteckt, es jedoch auch nicht besonders hervorkehrt, um beim Zuschauer ebenjene Gefühlsregung hervorzurufen, die das Drehbuch gerade vorsieht. Dazu passt auch der zwanglose, meist aus Alltagssituationen und Dialogen heraus entstehende Humor, der – ohne den Holzhammer zu benötigen – immer genau in die jeweilige Szenerie passt. Genau diese Herangehensweise an die Story unterscheidet „Obendrüber da schneit es“ vom altbewährten Kitsch: Während Kitsch versucht, bewusst bestimmte Emotionen hervorzurufen, funktioniert der hier besprochene Streifen wesentlich subtiler und auf wahre Emotionen abzielend. Passend hierzu sind die vielen Hauptfiguren vielschichtig gezeichnet. Auch die Nebencharaktere besitzen eine klare Ausrichtung und sind dadurch nicht nur Staffage, sondern bewusst eingebaute und für die Storyentwicklung notwendige Figuren. So kommt es auch, dass die eigentlich als Haupt-Protagonisten angelegten Figuren der Miriam Kirsch und des Gregor Thaler nicht besonders hervorstechen, sondern sich in die Reihe der „zweitklassigen“ Hauptfiguren einreihen, wobei zweitklassig hier als „mit weniger Screentime gesegnet“ zu verstehen ist. Natürlich werden die Figuren Miriam und Gregor von den wohl derzeit namhaftesten Darstellern des Casts verkörpert, doch es drängt sich nie das Gefühl auf, dass den beiden eine herausragende Rolle zu Teil wird. Vielmehr sind sie Teil eines äußerst stimmigen Ensembles, welches in deutschen Weihnachtsfilmen wohl noch lange seinesgleichen suchen wird. Keine Figur macht den Anschein, hinter ihren Mit-Figuren zurückzubleiben und untereinander wirkt die Interaktion der einzelnen Darsteller überaus zwanglos, fast intuitiv.

Trotz der untypischen Geschichte, die zwar weihnachtlich, jedoch nicht übermäßig romantisch ist (wozu auch die Kulisse einer für Weihnachts-Verhältnisse nicht allzu üppig geschmückten Wohnung beiträgt), ist das Leitsymbol der Hoffnung allgegenwärtig. So führt die angenehme Mischung aus Hoffnung und Melancholie zu rundum unverfälschter Weihnachtsstimmung, gibt sich angenehm zurückhaltend und wirkt in jedem Moment intelligent durchdacht. Das beweist auch die Wahl des Soundtracks, der im Film eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Coldplays nicht unbedingt als Weihnachtslied angelegter Song „Fix You“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung, da er textlich genau das aussagt, was der Film vermitteln möchte. Während die (ins Deutsche übersetzte) Passage „Wenn du dein Bestes gibst, aber nicht erfolgreich bist, wenn du bekommst, was du willst aber nicht, was du brauchst, wenn du dich müde fühlst, aber nicht schlafen kannst, in Wiederholung stecken bleibst…“ zu Beginn noch den alle Darsteller umspannenden Schwermut zusammenfasst, stellt der Refrain mit seinen Worten „Lichter werden dich nach Hause führen, deine Knochen werden Feuer fangen und ich werde versuchen, dich zu heilen.“ die Hoffnung musikalisch dar und funktioniert daher besser, als es jeder Weihnachtssong à la „Stille Nacht, heilige Nacht“ tun könnte. Und das auch alleinstehend. Dies kehrte die Regisseurin besonders hervor, indem sie nicht davor zurückscheute, moderne Musik mit klassischer Weihnachtsmelodik zu kombinieren und Tradition und Moderne – auch offen ausgesprochen – zusammenzuführen. An dieser Stelle durfte sich der für die Musik zuständige Sebastian Pille („Der Klügere zieht aus“) offenbar austoben, immerhin ist „Obendrüber da schneit es“ nicht sein erster Streifen, in welchem Coldplay (und moderne Popmusik allgemein) eine nicht allzu untergeordnete Rolle spielen.

Das Drehbuch ist indes ebenso schlüssig und findet von vornherein ein angenehmes Tempo. Da es sich bei diesem Paradebeispiel für zu Herzen gehende Weihnachtsunterhaltung ursprünglich um einen Roman handelte, ist „Obendrüber da schneit es“ an vielerlei Stellen symbolträchtig gelungen. Sei es, dass die Türen in dem Münchner Wohnhaus ausschauen, als wären sie aus Lebkuchen oder auch der eine Apfel, der bei Miriam am Weihnachtsbaum hängt, was im Laufe der Geschichte mehrmals aufgegriffen wird. Auch die Kameraarbeit ist gelungen und besticht durch eine besonders ruhige und viele Details einfangende Handhabung. Dank des Verzichts auf Farbfilter oder wiederkehrende Muster, bleibt der Eindruck des Unverfälschten bis zum Schluss bestehen.

An Weihnachten hält man zusammen

Fazit: Das, was sämtliche Verantwortliche von „Obendrüber da schneit es“ mit dieser beeindruckenden Produktion abgeliefert haben, ist schlicht einer der schönsten Weihnachtsfilme der letzten Jahre. Alles, woran herzlose Produktionen kränkeln, die das ewig gleiche Schema immer wieder aufs Neue erzählen wollen, sucht man hier vergebens. Es offenbart sich eine Weihnachtsgeschichte, die auf ehrliche Art und Weise Gefühle anspricht, die Melancholie als ein Hoffnung freisetzendes Stilmittel nutzt und mit einem durch und durch stimmigen Ensemble und jeder Menge Überraschungen derart zu unterhalten weiß, dass es fast ein Jammer ist, dass es der Streifen wohl nur zu Weihnachten ins Fernsehprogramm schafft – andere Filme haben das Privileg, nicht von einer Jahreszeit abhängig zu sein.

„Obendrüber da schneit es“ ist auf DVD erhältlich.