Kartoffelsalat – Nicht fragen!

Schon der Nachsatz von KARTOFFELSALAT – NICHT FRAGEN! sagt aus, worauf Deutschlands erster YouTuber-Kinofilm hinaus will. Der Clash aus Zombiefilm und Komödie erweist sich als passionierter Fanservice, doch ist man kein Fan, ist man verloren. In meiner Kritik zum ebenso mutigen gelungenen Filmexperiment verrate ich mehr.
Kartoffelsalat

Der Plot

Leo Weiß (Freshtorge) hat ein schweres Leben an seiner Schule. Er ist der Klassenälteste, aber nicht der Beliebteste. Leo kämpft mit schlechten Noten und mangelnder Anerkennung. In der Hoffnung auf einen Neuanfang  beschließen seine Eltern, ihn auf eine neue Schule zu schicken. Dieser erweist sich aber als steinig, denn nur zwei Außenseiter bieten im Anschluss, während er sich Hals über Kopf in die extrem tussige „Perle“ verliebt. Als ein bedrohlicher Virus ausbricht, der aus Schülern fresssüchtige Infizierte macht, ergreift Leo die Initiative und beweist sich als Held. Von nun an startet eine waghalsige Rettungsaktion, in der Leo versucht, die nicht befallenen Schüler zu retten. Und möglicherweise ist es auch für die Infizierten nicht zu spät…

Kritik

‘„Kartoffelsalat“ ist kein Kritikerfilm – es ist ein Zielgruppenfilm!‘. Das gibt Regisseur Michael David Pate („Gefällt mir“) zu Beginn der Hamburger Pressevorführung an das anwesende Publikum weiter, das diesmal nicht bloß aus Journalisten, sondern auch aus einer ausgewählten Anzahl von Fans besteht, die die groteske Mischung aus Blödelkomödie und Zombiefilm als eine der ersten zu Gesicht bekommen. Mit dem Hinweis an die Kritiker nimmt Pate jenen zugleich auch den Wind aus den Segeln. Und machen wir uns nichts vor: Um seinen Ruf als Regisseur zu wahren, muss er das wohl auch, denn nur die wenigsten Kollegen können heutzutage noch unterscheiden, wenn es darum geht, Kunst von Kommerz zu trennen. Im Vorfeld wurde viel um Deutschlands ersten YouTuber-Film diskutiert. Angesichts der ohnehin stattfindenden Debatte, wie viel die Videos von Bibis Beauty Palace, Dagi Bee und Co. mit plumper Werbetreiberei zu tun haben, oder ob tatsächlich echte Leidenschaft hinter den zig Tutorials (Anleitungen, bevorzugt im Beautybereich), Hauls (Präsentation des letzten Einkaufs) oder Follow Me Arounds (Videotagebuch der Marke „Ein Tag im Leben von…“) steckt, dürfte ein Film, egal welche Macher dahinter stehen, Öl ins Feuer derjenigen gießen, für die die Videoplattform YouTube nicht mehr als die Möglichkeit darstellt, ohne den Hinweis auf Produktplatzierungen Werbung zu machen. Doch tatsächlich steckt hinter „Kartoffelsalat“ ein Konzept, das der Comedian Torge Oelrich alias Freshtorge (1.400.000 Abonnenten) bereits vor einem Jahr an seinen Freund und Kollegen Michael David Pate herantrug. Gemeinsam wurde bis zu den Dreharbeiten ein leinwandtaugliches Drehbuch gesponnen, sämtliche Haupt- und Nebenrollen wurden mit den deutschlandweit bekanntesten YouTube-Gesichtern besetzt und zu guter Letzt ließen Michael Pate und sein Bruder, Produzent Miguel Pate, ihre Kontakte spielen, um mit Wolfgang Bahro („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“), Otto Waalkes („Sieben Zwerge – Männer allein im Wald“), Katy Karrenbauer („Hinter Gittern“) oder Martin Schneider („Schillerstraße“) zusätzlich einige „echte“ Schauspieler von dem Projekt zu überzeugen. Das Ergebnis ist tatsächlich hauptsächlich Fanservice – aber einer, in dem sichtbare Passion steckt.

Kartoffelsalat

Betrachtet man die nackten Zahlen, so müsste aus „Kartoffelsalat“ eigentlich der Kinoerfolg des Jahres werden. Sogar das Presseheft wirbt damit, dass der erste Teaser zum Film, der Anfang Mai dieses Jahres erstmals über Social-Media-Plattformen verbreitet wurde, innerhalb von nur 48 Stunden deutlich mehr Views hatte, als die ersten drei Teaser von „Fack ju Göhte“ zusammen. Erklären lässt sich dieses Phänomen ganz einfach: Rechnet man die Reichweite aller in „Kartoffelsalat“ mitwirkenden YouTuber einmal zusammen, so ergibt sich ein Wert von 17 Millionen einzelner Fans. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass jeder einzelne von ihnen schlussendlich auch ein Kinoticket löst, aber eines ist gewiss: Die Zeichen stehen – zumindest auf dem Papier – auf Erfolg. Die Frage ist, was den potenziellen Besuchern schlussendlich geboten wird und genau an diesem Punkt werden sich die Geister vor allem deshalb scheiden, weil sich der in „Kartoffelsalat“ dargebotene Humor nicht bloß auf eine sehr ausgewählte Masse beschränkt, sondern weil gar zwei ganz unterschiedliche Sketch-Gattungen aufeinanderprallen. „Kartoffelsalat“ ist laut, brachial und lässt sich in seiner Gagbanalität bevorzugt mit den frühen Leinwandwerken eines Otto Waalkes vergleichen, der nicht umsonst als Ko-Produzent des Filmes fungiert. Mit der Betonung Michael Pates, man möchte mit der Produktion sowohl dem jungen, als auch dem älteren Semester etwas bieten, liegt der Regisseur goldrichtig, doch wenn man weder in die YouTuber-Zielgruppe gehört, noch mit den Kalauern Waalkes‘ groß geworden ist, muss man den Mehrwert von „Kartoffelsalat“ zwangsläufig infrage stellen. Der anvisierten Zielgruppe wird das gewiss überhaupt nichts ausmachen. Für sie ist der Film ein kunterbuntes Stelldichein solcher Internetberühmtheiten wie Joyce Ilg, Dagi Bee oder den Jungs von Y-Titty.

Im Vorfeld war unklar, wie sich solche YouTube-VIPs vor der Kamera machen würden, wenn es darum geht, in eine neue, fiktive Rolle zu schlüpfen. Immerhin sind Die Außenseiter, Simon Descue und Co. bekannt dafür, sich hervorragend selbst zu spielen, beziehungsweise lediglich in ihr eigenes YouTube-Ich zu schlüpfen. Nun gilt es jedoch, sich auf der großen Leinwand zu beweisen und das, was der Zuschauer dargeboten bekommt, ist tatsächlich sehenswert, wenn auch weit weg von auszeichnungswürdigem Qualitätskino. Bedenkt man jedoch den Hintergrund der Teilzeitakteure, so hätte das Projekt „Kartoffelsalat“ auch in einer absoluten Schauspieler-Vollkatastrophe enden können. Dass es das nicht tut, verdankt man in erster Linie dem Skript, denn jenes ist sehr darauf bedacht, den YouTubern möglichst wenig zusammenhängenden Text zuzuschreiben. Mit der Ausnahme von Torge Oelrich, der als einzige Hauptfigur auch den Großteil der Sprechzeit einnimmt (und dabei jene Comedy-Qualitäten beweist, die er auch auf seinem Kanal schon so gekonnt zur Schau stellt), haben Dagi Bee und ihre Kollegen lediglich bruchstückhaft ihre Dialoge vorzutragen. Das kommt „Kartoffelsalat“ nur zu Gute. Für die großen Lacher sorgen nämlich ganz andere. Deutschlands ältester Serienfiesling Wolfgang Bahro hat mit seinem Engagement als pervers angehauchter Bio-Lehrer die eindeutig beste Rolle inne, während Martin Schneider das qualitative Schlusslicht bildet; Nicht, weil der Comedian vor der Kamera schlecht agiert, sondern weil Pate Schneiders ewig gleiches Rollenmuster eines anstrengenden, hessischen Blödelbarden so penetrant in Szene setzt, dass selbst die wenigen Minuten seines Auftritts zu einer echten Geduldsprobe werden. Bei Otto Waalkes wiederum gibt es ein Wiedersehen in seiner Paraderolle des Harry Hirsch. Darüber hinaus ist er ganz in seinem Element, wenn es darum geht, einen verpeilten, aber liebenswürdigen Polizisten zu mimen, was dann auch tatsächlich das Komikzentrum der älteren Zuschauer bedienen wird.

Kartoffelsalat

Die eigentliche Handlung setzt sich aus Versatzstücken des Zombiefilms, mehr noch, der Zombiekomödie, beziehungsweise -Parodie zusammen. Dabei erreicht „Kartoffelsalat“ trotz seiner massiven Gagdichte jedoch nie im Ansatz die Qualität solcher Filme wie „Shaun of the Dead“ oder „Zombieland“, was allen voran damit zusammenhängt, dass es hier nicht um pointierten, treffsicheren (Wort-)Witz geht, sondern um weitestgehend einfach gestrickten Haudrauf-Humor. Das Tempo und die hohe Schlagzahl der sketchähnlichen Einschübe legen dabei ein fast schon schwindelerregendes Tempo vor. Viel Platz für ein Entfalten von dramaturgischer Atmosphäre gibt es da nicht und ist auch ganz sicher nicht gewollt. „Kartoffelsalat“ kratzt inhaltlich ebenso an der Oberfläche wie auf der technischen Seite, die aufgrund budgetbedingter Abstriche zwangsläufig gegeben ist. So muss sich das Publikum vor allem darauf einlassen, dass „Kartoffelsalat“ nicht wie Kino aussieht, sondern wie ein schmalbudgetiertes Fernsehprojekt daherkommt. Das ist deshalb okay, weil es den Fokus nicht vom Wesentlichen nimmt und die YouTuber dadurch ihre Nähe zum Zuschauer beibehalten. Cineasten und Filmliebhaber, die von ihrem Kinoprogramm einen gewissen Standard erwarten, sollten ihre Ansprüche vor ihrem Kinobesuch allerdings drastisch zurückschrauben oder werden – was vermutlich ohnehin die bessere Alternative ist – ohnehin kein Ticket für „Kartoffelsalat“ lösen.

Fazit: „Kartoffelsalat“ ist ein Film von YouTubern, für YouTuber. Torge Oehlrich hat das einzig Richtige getan und mit den Pate-Brüdern zwei Leute ins Boot geholt, die mit dem Underdog-Genrehighlight „Gefällt mir“ zuletzt schon bewiesen haben, dass leidenschaftliches Filmemachen inhaltliche wie technische Schwierigkeiten ausgleichen können. An „Kartoffelsalat“ werden sich nicht nur die Geister scheiden, es wird zwangsläufig zwei Lager geben, die den Film aus zwei völlig verschiedenen Blickwinkeln betrachten werden. Obwohl sich nicht ganz erschließt, weshalb die Macher das Szenario der Zombieepedemie gewählt haben, um ihrem Film eine Story zu geben, ist „Kartoffelsalat“ eine Ansammlung von Kalauern, an denen sowohl die Fans der Darsteller, sowie die Begleitpersonen des älteren Jahrgangs ihre Freude haben können. Wer sich weder der einen, noch der anderen Seite anschließen kann oder will, der sollte um „Kartoffelsalat“ einen großen Bogen machen, um im Nachhinein nicht über vergeudete Lebenszeit zu klagen. Doch so viel Fairness muss sein: Aufgrund von viel Selbstironie und einer sichtbar passionierten Herangehensweise dürfen sich alle Beteiligten vor allem deshalb auf die Schultern klopfen, weil dem Endprodukt die vorab befürchtete Berechnung abgeht. Es bleibt spannend, zu beobachten, wie der Film beim Publikum abschneidet.

„Kartoffelsalat – Nicht fragen!“ ist ab dem 23. Juli in den deutschen Kinos zu sehen.“

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