Fack ju Göhte

Déja Vu: Bora Dagtekins rotzfreche Schulkomödie FACK JU GÖTHE entführt den Zuschauer zurück in die Schulzeit. Dass sich zwischen damals und heute für einige viel geändert hat, sollte da nicht nur zu einer Randnotiz werden, wenn man sich traut, für knappe zwei Stunden noch einmal die Schulbank zu drücken. Denn Elyas M’Barek mimt hier keinen gewöhnlichen Lehrer, sondern macht die Goethe-Gesamtschule in dieser modernen Pennäler-Komödie zu einem wahren Albtraum. Ob die Mischung aus Comedy und Systemkritik gelungen ist, lest Ihr in meiner heutigen Kritik.

Der Plot

Zeki Müller (Elyas M’Barek) hat gerade seine fünfjährige Haftstrafe abgesessen, da macht ihm seine einstige Liebschaft Charlie (Jana Pallaske) einen Strich durch die Rechnung. Eigentlich wollte Zeki mit dem geraubten Geld aus einem Überfall eine unbeschwerte Zukunft genießen, doch Charlie – nicht das hellste Köpfchen – hat die Beute auf dem Gelände der Goethe-Gesamtschule versteckt. Um an sein ergaunertes Vermögen zu gelangen, bewirbt sich Zeki für die Stelle als Hausmeister, landet jedoch beim Einstellungsgespräch für Aushilfslehrer und wird  prompt genommen. Durch einen unglücklichen Zufall, in den die unsichere aber süße Lehrerin Lisi Schnabelstedt (Karoline Herfurth) verwickelt ist, wird Zeki sogleich mit der Problemklasse der Gesamtschule konfrontiert. War die bislang eher dafür bekannt, ihre Lehrer in den Wahnsinn zu treiben, denn gute Noten abzuliefern, findet Zeki mit seinen unkonventionellen Unterrichtsmethoden nach und nach einen Zugang zu den Schülern und verliert sein eigentliches Ziel immer weiter aus den Augen…

Kritik

Bildungsreform 2013: Da wird mit Paintball-Gewehren geschossen, Schüler werden beleidigt und Streits mit Fäusten geklärt. Ja, man könnte sagen, auf den Schulhöfen hierzulande regiert das Chaos. Doch ein Mann stellt sich dem entgegen: Elyas M’Barek! Und zwar in seiner neuen Komödie „Fack ju Göhte“, einer herrlich abgedrehten Karikatur des heutigen Bildungswesens. Denn er ist es, der mit Farbkugelgeschossen dafür sorgt, dass seine Schülerinnen dem Unterricht beiwohnen und nur er kommt auf die Idee, mit seinen Zöglingen – Pardon – Untergebenen eine Schlägerei anzufangen, wenn diese wieder einmal nicht so wollen wie er.

Keine halben Sachen: Elyas M’Barek

Knappe zwei Stunden liefert das mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Ensemble um Regisseur Bora Dagtekin, Produzentin Lena Schömann und Schauspieler Elyas M’Barek ein Gagfeuerwerk ab, dass in deutschen Gefilden dieses Jahr seinesgleichen suchen dürfte. Schon für die preisgekrönte Serie „Türkisch für Anfänger“, einer Demaskierung der deutsch-türkischen Vorurteilsgesellschaft, bewies Dagtekin sein Fingerspitzengefühl für das penible Ausarbeiten menschlicher Eigenheiten. Während er sich hier noch vor allem mit denen türkischer Migranten befasste und diese liebevoll überspitzt, jedoch nie der Lächerlichkeit preisgebend aufs Korn nahm, widmet er sich in „Fack ju Göhte“ dem – simpel ausgedrückt – Asozialentum.

Dagtekin gelingt mit seiner modern inszenierten und bildstarken Schulkomödie ein Rundumschlag in sämtliche Richtungen des Schulwesens. Vor allem die Lehrerschaft, schon immer als faul, stets überfordert und nicht durchsetzungsfähig verschrien, bekommt in „Fack ju Göhte“ mit Nachdruck ihr Fett weg. Die Lehrer-Charaktere, allesamt angelegt als Karikaturen gängiger Paukertypen, werden dabei ausschließlich von prominenten Gaststars verkörpert. Darunter auch Uschi Glas, die bereits in der Ur-Form des Subgenres Schulkomödie, „Die Lümmel von der ersten Bank“, zu sehen war. In „Fack ju Göhte“ zeigt sie sich von ihrer selbstironischen Seite und mimt eine in Verzweiflung ertrinkende, mit allem überlastete Pädagogin, die sich von einem Burnout-Klinik-Aufenthalt zum nächsten rettet und auch nicht davor zurückscheut, dafür aus dem Sekretariatsfenster zu springen – ihren verhassten Schülern direkt vor die Füße. Wenn statt Blut anschließend lediglich Tinte über den Schulhof fließt, ganz so, als ströme es aus einer offenen Kopfwunde, wird klar, dass die Filmemacher sich der versteckten Theatralik ihrer Produktion überaus bewusst sind und diese mit Leib und Seele auskosten. Natürlich nicht, ohne dabei auch nur eine Pointe auszulassen.

Neben Uschi Glas, deren zwei kurze Auftritte zu den darstellerischen Highlights des Films zählen, sticht in den Nebenrollen vor allem Katja Riemann („Das Wochenende“) hervor, die sich nach ihrem misslungenen Auftritt in der NDR-Vorabendshow „Das!“ einen Gefallen damit getan hat, hier ebenso selbstironisch aufzutreten, wie es auch ihre geschätzte Kollegin tut. Als unausstehliche, im Kern jedoch hoffnungsvolle Schuldirektorin Gudrun zelebriert sie die Unfreundlichkeit, mit der sie ihren Schülern entgegentritt und kostet es bis zum letzten Tropfen aus, dass sie eine Rolle verkörpert, der man nur mit sehr viel gutem Willen und erst kurz vor Filmende annähernd sympathische Züge abringen kann. Wenn sich Gudrun mit den Worten „Yeah, Titel verteidigt!“ darüber freut, bei der Online-Lehrerbewertung erneut zur „unsympathischsten Lehrkraft des Jahres“ gewählt worden zu sein, kann man Katja Riemann für so viel Mut zur Selbstdemaskierung nur beglückwünschen.

Elyas M’Barek, der mit „Chroniken der Unterwelt – City of Bones“ und demnächst mit „Der Medicus“ gerade dabei ist, auch international Karriere zu machen (unabhängig davon, dass sein Auftritt in besagter Jugendroman-Verfilmung bis auf eine Einstellung gänzlich der Schere zum Opfer fiel), schlüpft in die Rolle des zunächst überdeutlich als Antihelden angelegten Ex-Häftlings Zeki. Mit seinem Proll-Gehabe scheint der durch einen Zufall an den Lehrerjob geratene Macho perfekt in die Gesellschaft der Klasse 10b zu passen, die mit dummdreisten Sprüchen und einem gefühlt einstelligen IQ die Nerven eines jeden engagierten Pädagogen überstrapaziert. M’Bareks Interaktion mit den zum Großteil unbekannten Jungdarstellern basiert an vielen Stellen auf Improvisation. Der ungezwungene Umgang miteinander entwickelt sich gerade in den temporeichen Dialogen zum großen Pluspunkt und lässt sämtliche Szenerien authentisch und nie gestellt wirken. Vor allem Caroline Herfurth („Wir sind die Nacht“) profitiert davon. Wie ihre Kollegen ebenfalls mit ihrem eigenen Image, in diesem Fall das des süßen Mädchens, kokettierend, mimt sie die Streberin Lisi Schnabelstedt, der es einfach nicht gelingen will, aus dem Schatten ihres Graue-Mäuschen-Daseins herauszutreten. Der 29-jährigen Schauspielerin nimmt man diese Rolle jederzeit ab., kann man sie äußerlich doch nur schwer dem Lehrerkollegium zuordnen. Aber je mehr Mut sie sich im Laufe der Filmhandlung antrainiert, desto deutlicher kristallisiert sich der selbstsichere Kern in Lisi heraus. Und desto schlagfertiger wird sie in ihren Auseinandersetzungen mit Zeki, dem sie anfangs noch mit viel Respekt gegenüber tritt, im Laufe der Zeit jedoch immer mehr ihre Trümpfe ausspielt, die vor allem in der Rhetorik liegen. 

Und dann wäre da natürlich noch die 10b. Die im Mittelpunkt der Story stehende Hauptschulklasse ist nicht weniger als ein Sammelsurium an mit allerhand Idiotie ausgestatteten Problemschülern. Driften die zu Anfang noch äußerst Cartoon-like inszenierten Späße wie das Beschmieren des Lehrerstuhls mit Klebstoff oder das Befüllen von Zekis Auto mit Unmengen von Federn leicht ins allzu Absurde ab, was der durchschimmernden Kritik am Schulsystem kurz die Glaubwürdigkeit raubt, gelingt Dagtekin ansonsten eine vortreffliche Zurschaustellung der heutigen Schülergeneration. Sonderlich böse springt der Regisseur mit den Figuren dabei gar nicht um. So gesteht er ihnen im Laufe der knapp zweistündigen Laufzeit sogar realistische Reifungen zu, ohne dem Publikum dabei mit dem Vorschlaghammer Anstand und Moral eintrichtern zu wollen. Dennoch ist „Fack ju Göhte“ eine überdeutliche Anprangerung der menschlichen Verdummung – und gegen die kann man nun mal bereits in der Schule etwas tun.

So wird es wahrscheinlich nicht lange dauern, bis es von Seiten derjenigen, die sich Bora Dagtekin wohl zum Vorbild seiner Hauptschüler-Figuren nahm, zu einem Aufschrei kommt. Zu offensichtlich macht sich der Regisseur in „Fack ju Göhte“ einfach über die Charaktere lustig, denen er nicht selten auch noch überdeutliche, sprachliche Defizite andichtete oder für die er gar auf vorurteilsbelastete Namen wie Chantal oder Jacqueline zurückgriff. Doch „Fack ju Göhte“ ist weit davon entfernt, mit Hilfe abgestandener Klischees ausschließlich den Finger in die Wunde der Heranwachsenden zu legen. Die Komödie überlässt nichts dem Zufall und ist bei weitem nicht nur auf den schnelllebigen Gag aus. Die Figuren, deren Umfeld und die amüsanten, aber doch ziemlich ehrlichen Dialoge sind detailverliebt ausgearbeitet und greifen so ineinander, dass gen Ende deutlich wird, dass sämtliche Faktoren ihren Teil zum schlechten Image des deutschen Schulsystems beitragen. Die in alle Richtungen schießende Schulsystemkritik gewinnt dadurch erst recht an Eindringlichkeit. Sucht sie sich doch keinen einzelnen Schuldigen aus und formt sich somit keinen beliebigen Antagonisten, gegen die Zeki, als Protagonist, ankämpfen könnte. Eine derartige Dramatik kündigt sich zu Beginn zwar an, verläuft durch das halbwegs offene Ende und die Kernaussage, dass alle an einem Strang ziehen müssen, um überhaupt irgendwas zu erreichen, jedoch schnell im Sande.

Fazit: „Fack ju Göhte“ vereint eine leichtfüßige Komödie mit bitterböser Systemkritik und triumphiert durch eine enorme Schlagzahl an frechen Gags und einen liebevolleren Umgang mit den Figuren, als man ihn auf den ersten Blick erkennt. Mit Ausnahme eines Gags über ein etwas fülligeres Mädchen, dem ihr Gewicht im Sportunterricht zum Verhängnis wird, bleibt Bora Dagtekin seinem Prinzip treu, seine Figuren nicht bloßzustellen und gibt dem Publikum dadurch Anlass, nicht über sie, sondern vor allem mit ihnen zu lachen. Die anfangs arg karikiert anmutenden und dem Publikum damit emotional fernbleibenden Figuren wachsen einem im Laufe der Zeit immer mehr ans Herz und offenbaren ihr ausgefeiltes Profil. Lediglich die Liebesgeschichte zwischen Zeki und Lisi behandelt der Regisseur derart beiläufig, dass er gut und gern auf sie hätte verzichten können.

„Fack ju Göhte“ ist ab dem 07. November deutschlandweit in den Kinos zu sehen.

Erschienen bei Quotenmeter.de