Männerherzen und die ganz, ganz große Liebe

Neuerdings versuchen sich immer mehr Regisseure am sogenannten Episodenfilm – einer Produktion, die verschiedene, voneinander weitestgehend unabhängige Handlungsstränge parallel erzählt, die im weitesten Sinne ineinander verwoben sind, allerdings nur indirekt miteinander zu tun haben. Beispiele der jüngsten Zeit sind die Romantikkomödie „Tatsächlich… Liebe“ von Richard Curtis und der erst kürzlich auf DVD erschiene „Happy New Year“, mit Halle Berry, Jessica Biel und Jon Bon Jovi in den Hauptrollen. Nun kann man Simon Verhoeven beim besten Willen nicht vorwerfen, ebenfalls auf den Zug aufzuspringen, da er mit MÄNNERHERZEN UND DIE GANZ, GANZ GROßE LIEBE nun bereits den zweiten Teil seiner 2009 erschienenen Liebeskomödie liefert, jedoch kann man ihm vorwerfen, in dieser herzerfrischenden Produktion alles richtig zu machen. Warum die Liebeserklärung an Berlin ein Paradebeispiel in Sachen „Episodenfilm“ ist, lest Ihr in meiner folgenden Kritik.   

Der Plot

Nachdem der ehemals erfolgreiche Musikproduzent Jerome (Til Schweiger) der Hektik Berlins entflohen ist, sucht er Trost und Wärme bei seinen Eltern auf dem Land. Dort verguckt er sich Hals über Kopf in die schöne Reiterin Helena (Mina Tander), die er eines Tages auf einem imposanten Schimmel über das Feld galoppieren sieht. Während er sich in der Annäherung an die Schöne versucht, besucht ihn plötzlich sein guter Freund und ehemaliger Schlagersänger Bruce Berger (Justus von Dohnányi), der es nicht schafft, mit neuer, moderner Hip Hop-Musik bei seinem Manager zu landen und so sein Image aufzupolieren. Nun sucht und findet er in Jerome einen Zuhörer und quartiert sich vorübergehend bei ihm und seinen Eltern ein, weswegen es schon bald zu Missverständnissen zwischen ihm und seiner Mutter kommt: ist Jerome vielleicht schwul? Immer noch in Berlin, aber auch weiterhin mit Jerome in Kontakt steht Günther (Christian Ulmen), der nun schon eine ganze Weile mit seiner Freundin Susanne (Nadja Uhl) zusammen ist und sich jetzt langsam aber sicher mit der Frage konfrontiert sieht, wie das denn eigentlich war, mit dem Sex und so. Und da wäre ja auch noch Susannes Ex-Mann Roland, der nach einer Gewaltattacke gegenüber Günther immer noch im Knast sitzt. Doch während Günther auf Erotikseiten im Internet rum surft, geht er nebenbei weiter seiner Arbeit als Beamter nach und trifft eines Tages wieder auf Phillipp (Maxim Mehmet), mit dem er einst aufgrund von Hygiene-Vorschriften in Phillipps Laden aneinandergeriet. Doch mittlerweile sind sich die beiden grün und der stolze Ladeninhaber ist auch bald stolzer Vater, denn seine Freundin Nina (Jana Pallaske) erwartet Zwillinge. Während sich die beiden auf das bevorstehende Elterndasein vorbereiten, sucht auch Niklas Trost bei Phillipp, denn nach einer gescheiterten Verlobung mit Freundin Laura (Liane Forestieri), offenbart die ihm eines Abends, dass sie eine Affäre mit dem gemeinsamen Paartherapeuten begonnen hat. Nun sehnt er sich zurück in die Arme seiner Kurzzeitbeziehung Maria Hellström (Inez Bjørg David), die mittlerweile eine gefeierte Schauspielerin ist und somit unerreichbar für ihn scheint.

„Verliebt sein ist das schönste Gefühl, das man haben kann!“

Kritik

„Männerherzen und die ganz, ganz große Liebe“ (oder kurz: „Männerherzen 2“) beginnt ohne Umschweife dort, wo der erste Teil aufgehört hat. Während sich nach dem Abspann des ersten Teils Til Schweiger („Keinohrhasen“, „Kokowääh“), in seiner Rolle des Machos Jerome, vor der Tür seiner Ex-Freundin wiederfindet, um sich mit ihr auszusprechen, so beginnt der zweite Teil exakt an dieser Stelle und löst somit auf, was der Zuschauer nach Teil eins noch nicht wusste: nämlich, wie seine Angebetete reagiert. Doch anstatt auf dieser Storyline aufzubauen, entschied sich Simon Verhoeven („Männerherzen“) dafür, diesen Handlungsstrang nicht weiterzuverfolgen, sondern Til Schweiger einen völlig neuen zu gönnen – eben, indem er ihn abblitzen lässt und er sich daraufhin eine Auszeit gönnt. Diese neue Geschichte steht Til Schweiger gut zu Gesicht, denn während er im ersten Teil noch den totalen Macho raushängen lassen durfte, allerdings hie und da einen eigentlich ganz sympathischen Kerl durchblitzen ließ, so beschränkte man sich nun darauf, eben diese sympathischen Charakterzüge in den Mittelpunkt der Story zu stellen. Man lässt ihn sich mehr oder weniger unglücklich verlieben, denn ausgerechnet sein neuer Schwarm Helena ist aktuell mit einem solchen Kerl verlobt, wie er in Teil eins noch einer war. Pasquale Aleardi („Wo ist Fred?“, „What a Man“), übernimmt nun also die Rolle des oberflächlichen Machos. Doch während er zunächst nur mehr oder weniger unangenehm ist, in Gegenwart seiner Verlobten Helena, die von der zierlichen Schauspielerin Mina Tander („Maria, ihm schmeckt’s nicht!“, „Zeiten ändern dich“) gespielt wird, allerdings einigermaßen handzahm erscheint, baut sich dieser schneller als gedacht zu einem regelrechten Bösewicht auf, der gar nicht so oberflächlich ist, wie es zunächst schien und gen Ende hin mit einer regelrechten 180-Grad-Wendung daherkommt. Das verwundert vielleicht ein wenig, doch gerade dieser Charakterwandel sorgt auch vorab bereits für viele Schmunzler und Pointen. Die Dreiecksgeschichte zwischen Jerome, Helena und Maurizio, wie Aleardi in seiner Rolle eines exzentrischen Schlagerstars heißt, birgt dennoch den verhältnismäßig geringsten Komik-Anteil mit sich und konzentriert sich mehr darauf, den Romantik-Part dieser Romantik-Komödie auszufüllen. Doch besonders die Szenen, in denen Verhoeven mit dem Macho-Image eines Til Schweiger spielt und selbigen auch ganz gern gerade hierdurch auflaufen lässt (Beispiel: Jerome sitzt auf einem winzigen Pony um seine Traumfrau zu beeindrucken, ist allerdings doch noch Schönling genug, um keine Kappe tragen zu wollen), haben ein hohes komisches Potential.

Während Verhoeven, der nicht nur auf dem Regiestuhl Platz nahm, sondern auch das Drehbuch schrieb, Til Schweiger zu einer bodenständigeren Figur machte, pickte er sich diesmal die Rolle des Florian David Fitz („Doctor’s Diary“, „Vincent will Meer“) heraus, um bei ihr komplett gegensätzlich vorzugehen. Er machte aus Niklas, dem im ersten Teil noch typischen Mittdreißiger mit Zukunftsängsten und langsam anklingender Midlifecrisis nun eine wahrlich nicht mehr so bodenständige Figur. Ebenso wie Jerome durch eine Frau entwurzelt – hier von der eigenen –  will er ein neues Leben beginnen und besinnt sich darauf, dass es eine Zeit gab, wo er glücklich war. Maria ist dem Zuschauer bereits aus dem ersten Teil bekannt und auch ihre Rolle wurde weiter entwickelt. Übte sie in „Männerherzen“ noch für ihre erste Filmrolle, so ist sie nun ein gefeierter Filmstar – und für Niklas somit unerreichbar. Doch Phillipps Rat, sich auf einem Internetportal anzumelden, bringt Niklas nur in Maßen Erfolg – anstatt Maria lernt er „nur“ den Vorsitzenden eines Maria-Fanclubs kennen. Zunächst mehr als angewidert zieht sich Niklas zurück, nur um wenig später zurückzukehren, in der Hoffnung, die Fanclubmitglieder könnten ihm helfen, Maria wiederzufinden. Fortan befindet sich Niklas im Schlepptau der Möchtegern-Groupies und wird fast selbst zu einem, denn irgendwie läuft einfach alles schief. Und gerade Letzteres nutzte Verhoeven, um in dieser Storyline das Tempo um ein Vielfaches anzuziehen und damit das des ganzen Films. Teilweise geht dies jedoch ein wenig schief, denn zwar birgt die plötzliche Wandlung vom halbwegs stereotypen Geschäftsmann zum äußerlich irren Stalker viele komischen Momente mit sich, doch leider scheint die Rolle des Niklas dadurch zum Großteil an Glaubwürdigkeit zu verlieren, auch wenn Florian David Fitz sich Mühe gibt, mit wirklich gelungenem Schauspiel seiner Rolle den notwendigen Ernst einzuverleiben. Eine derartige Charakterwandlung ist gewöhnungsbedürftig, insgesamt aber zu verschmerzen, da Fitz es in entscheidenden Momenten schafft, Niklas‘ Charakter aus Teil eins in Teil zwei hinüberzubringen.

Dass man in Punkto Komik allerdings auch auf Altbewährtes zurückgreift, zeigt die Rolle des Bruce Berger, der im ersten Teil der Komödie bereits die absurde Figur schlechthin war und im zweiten Teil nichts von seiner Crazyness einbüßt, trotzdem insgesamt tiefgründiger gezeichnet wurde. Man sieht nicht nur den verrückten Schlagersänger, sondern wird nach und nach Zeuge, des innerlichen Verfalls des Künstlers, der durch sein gespieltes Overacting und seine übertriebene Alltagsdramatisierung aber immer noch eine typische Kunstfigur ist, der man ohne weiteres auch einen eigenen Ableger, in Form eines eigenständigen Films mit ihm in der Hauptrolle zutrauet. Dafür ist sein ganzes Leben einfach viel zu absurd, um ihm nur eine Rolle von vielen zu gönnen. Damit hebt er sich wie bereits in Teil eins von den alltagsnah gezeichneten Mit-Protagonisten ab. Doch gerade hierdurch wird die leichte Deplatzierung des „neuen“ Niklas besonders deutlich: mit Bruce Berger hat man eine überdrehte Figur und einen verrückten Handlungsstrang – der tut dem Film gut und wirkt auflockernd unter den doch weitestgehend ernsten Alltagsproblemen. Mit Niklas nun einen zweiten wenig realistischen Handlungsstrang hinzuzunehmen ist fast zu viel des Guten, auch wenn Florian David Fitz durch seine bereits erwähnte grandiose Darstellung seine Rolle noch ins halbwegs Ernstzunehmende rettet.

Bei den übrigen Protagonisten blieb Verhoeven nun angenehm in der Spur des ersten Teils. Man entschied sich hier mehr für die Weiterentwicklung, als für eine Charakterwandlung und ließ Günther, Phillipp und Roland das bleiben, was sie sind. Ganz „normale“ Menschen mit Alltagsproblemen, die zu lösen allein schon komisch ist. Man setzt viel auf Situationskomik und damit auf klassische „Alltagscomedy“. Denn wie schon Teil eins eindrucksvoll demonstrierte, reicht das tägliche Leben aus, um den Zuschauer zum Schmunzeln zu bringen und vor allem, um sich mit den Rollen zu identifizieren.

Wotan Wilke Möhrings („Soul Kitchen“, „Homevideo“) Darstellung des aggressiven Rolands wurde leider sehr an den Rand der Geschichte gedrängt, doch die wenigen Momente mit ihm im Fokus zählen ganz klar zu den Highlights von „Männerherzen 2“. Er hat es immer noch nicht raus, seine Wutausbrüche unter Kontrolle zu halten und doch ist er in Gedanken ganz bei seinem Sohn, den wiederzusehen sein größter Wunsch ist. Möhring ist mit seinem absolut passenden Äußeren wie geschaffen für die Rolle. Kantig, groß und respekteinflößend. Doch bei keinem trifft der Spruch „Harte Schale, weicher Kern“ wohl so sehr zu, wie bei Roland. Denn eigentlich ist er im Kern ein Guter. Das in den wenigen Momenten so treffend darzustellen, ist Simon Verhoeven vortrefflich gelungen, sodass Roland zum Ende hin sogar noch eine Art „Happy End“ vergönnt ist.

Bleiben noch Günther und Phillipp übrig. Beide erhielten keinen wirklich „neuen Anstrich“, sondern bleiben ganz in ihrem alten „Trott“ – doch dies ist mehr sinnbildlich gemeint, denn man hat den Eindruck, als wären beide Filme sofort hintereinander gedreht worden, oder gar in einem Rutsch. Christian Ulmen („Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ „Jonas“) und Maxim Mehmet („Fleisch ist mein Gemüse“, „Unter Nachbarn“) sind mittlerweile einfach vollkommen mit ihren Rollen verschmolzen. Sie haben es drauf, dem Zuschauer zu vermitteln, dass sie die vollkommen verzweifelten, da heillos überforderten Männer mimen, in die jeder Mann (oder auch jede Frau) sich ein Stück weit hineinversetzen kann. Und durch die neuen Ausgangslagen – Nachwuchs bei Phillipp und das bevorstehende „erste“ Mal bei Günther – haben beide neue Aufgaben zu bewältigen.

Abschließend bleibt zu sagen, dass „Männerherzen und die ganz, ganz große Liebe“ dem Vorgänger in nichts nach steht. Nach wie vor sitzen die Pointen und die Gags zünden nahezu alle. Leider hätte Simon Verhoeven sich in Bezug auf seine liebgewonnenen Charakterköpfe (die laut eigener Aussage alle ein Stück weit ihn selbst repräsentieren) ein wenig mehr Bodenhaftung geben und besonders im Hinblick auf die Rolle von Florian David Fitz ein wenig ernsthafter bleiben können. Dadurch nimmt er dem Film ein wenig an Glaubwürdigkeit, wenn auch dieser Punkt sicher unter die Kategorie „Jammern auf hohem Niveau“ fällt. Alles in allem sei gesagt, dass auch der zweite Teil von „Männerherzen“ eine sehr gute Figur unter den in letzter Zeit erschienenen deutschen Komödien macht. Er punktet mit liebevollen Charakteren, einem eingängigen Soundtrack (Anspieltipp: Maroon 5 – „Just a Feeling“) und eindrucksvollen Aufnahmen von Berlin. Ein dritter Teil darf also gespannt erwartet werden.