Dear Evan Hansen

Bei der Kritik scheint DEAR EVAN HANSEN bereits durchgefallen. Doch das Musical, basierend auf dem gleichnamigen Broadway-Hit, hat im Kern Qualitäten, denen die glitzernde Oberfläche bisweilen einen Strich durch die Rechnung macht. Welche das sind, das verraten wir in unserer Kritik.

OT: Dear Evan Hansen (USA 2021)

Der Plot

Denkst du auch oft: Ich bin einfach ganz allein? Briefe schreiben an sich selbst – mit dieser Aufgabe seiner Therapeutin soll der schüchterne Außenseiter Evan Hansen (Ben Platt) sich selbst vor Augen führen, wie gut sein Leben eigentlich ist. Doch als einer dieser Briefe in die Hände seines Mitschülers Connor (Colton Ryan) gerät, überschlagen sich die Ereignisse und Evan wird ganz unerwartet der Mittelpunkt von Connors Familie und seiner Mitschüler. Völlig überfordert wird Evan mitgerissen in einen Strudel emotional aufwühlender Ereignisse, die eine beängstigende Eigendynamik entwickeln und sein Leben für immer verändern. Und schließlich stellt er fest, dass niemand allein ist.

Kritik

In den USA ist „Dear Evan Hansen“ bereits ein Megahit. Zumindest das Musical, das wie so viele andere musikalische Erfolgsgeschichten seinen Siegeszug am Broadway begann. Viele dieser himmelhoch gelobten Stücke wurden später zu Filmen. Und so auch die Story um einen schwer an Depressionen leidenden Teenager, der aufgrund eines Missverständnisses in den Mittelpunkt einer Internetbewegung rückt, die im Deutschen den Titel #Dubistnichtallein trägt. Es geht hierbei (unter anderem) darum, auf psychische Krankheiten aufmerksam zu machen und daran zu appellieren, enger zusammenzurücken, um Einsamkeit und dem Gefühl des Verlorenseins vorzubeugen; eben darauf zu verweisen, dass man „nicht allein“ ist, wenn man Hilfe braucht. Angereichert mit ohrwurmtauglichen Popsongs und -Balladen aus der Feder der erfolgsverwöhnten Songschreiber Benj Pasek und Justin Paul („La La Land“, „Greatest Showman“) entspinnt sich ein zielgruppengerechter Appell an ein friedlicheres Miteinander. Nun stellt sich die Frage: Weshalb fiel die von Stephen Chbosky („Vielleicht lieber morgen“) inszenierte Filmversion des Stoffes bei den Kritikerinnen und Kritikern radikal durch? Die Antwort darauf ist leicht auszumachen. Weshalb die Diskrepanz zwischen Presse- und Publikumsmeinung (auf dem Online-Filmbewertungsportal Rotten Tomatoes erhält der Film derzeit eine Kritiker:innenwertung von 22 %, während das Publikum „Dear Evan Hansen“ mit satten 88 % deutlich wohler gesonnen ist) ist allerdings genauso leicht zu erklären.

Larry Mora (Danny Pino), Cynthia (Amy Adams) und Zoe Murphy (Kaitlyn Dever) glauben zunächst an das, was Evan ihnen erzählt.

Ein zentraler Aspekt der negativen Resonanz, die insbesondere von jenen Zuschauer:innen stammt, die auch die Broadwayfassung kennen und lieben, ist das Casting des Protagonisten. In „Dear Evan Hansen“ verkörpert „Pitch Perfect“-Star Ben Platt die Rolle des titelgebenden Teenagers; Und dieser ist nun mal bereits 28 Jahre alt. Auch wenn Evans genaues Alter im Film nie genannt wird, dürfte zwischen der Figur und dem diese darstellenden Schauspieler eine Altersdiskrepanz von mindestens zehn Jahren liegen. In der Broadwayfassung schlüpft in die Rolle des Evan Hansen derweil ein Darsteller im Teenageralter. Manch einem mag dieses Casting die Illusion rauben, hier tatsächlich einem heranwachsenden Schüler in seiner Selbstfindungsphase zuzuschauen. Nichtsdestotrotz liefert Ben Platt hier eine mehr als solide Leistung ab. Seine gleichermaßen gesundheits- aber auch charakterbedingte Zurückhaltung steht seinem Evan jederzeit ins Gesicht geschrieben, während er in den hin und wieder eingeschobenen Traumsequenzen aufblüht und hier auch sein großes gesangliches Talent unter Beweis stellt. Aus musikalischer Sicht ist Ben Platt für „Dear Evan Hansen“ ein Geschenk. Gerade weil dieser zwar eine hervorragende Stimme hat, ähnlich Emma Stone und Ryan Gosling in „La La Land“ aber immer noch unverfälscht genug singt, um eine Intimität zu seiner Figur aufzubauen. So hat man nie das Gefühl, hier gerade echten Profis bei ihrer Arbeit zuzusehen, sondern eine Geschichte über Außenseiter:innen und missverstandene Teenager:innen, die dem Genre getreu eben hin und wieder singen, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

„Aus musikalischer Sicht ist Ben Platt für ‚Dear Evan Hansen‘ ein Geschenk. Gerade weil dieser zwar eine hervorragende Stimme hat, ähnlich Emma Stone und Ryan Gosling in ‚La La Land‘ aber immer noch unverfälscht genug singt, um eine Intimität zu den Figuren aufzubauen.“

Das, was der Cast singt, geht erwartungsgemäß ins Ohr und folgt der Eingängigkeit eines „Greatest Showman“ mit seinen zeitgemäßen, radiotauglichen Beats deutlich mehr als den hie und da noch etwas weniger auf Gefälligkeit komponierten Stücken aus „La La Land“; mit einem den Charakter des Films textlich besonders stark hervorhebenden Ohrwurm im Mittelteil. In dem Hugh-Jackman-Vehikel hörte dieser Song auf den Titel „This is me“. Hier erfüllt die Powerballade „You will be found“ diesen Zweck und sorgt – ganz gleich, ob man vom Rest des Films nun mehr oder weniger berührt wird – definitiv für Gänsehaut. Um dieses musikalische Herzstück herum finden sich einige Nummern mit Charthitqualitäten, was allerdings auch bedeutet, dass weniger popmusikaffine Zuschauerinnen und Zuschauer hiervon möglicherweise weitaus weniger beeindruckt sind als all jene, die sich von solch einer Show bedingungslos mitreißen lassen können. Womit wir bei einem weiteren zentralen Punkt wären, der in den vielen negativen Kritiken besonders hervorgehoben wird: der Umgang mit dem Thema Depressionen unter Jugendlichen, insbesondere der damit einhergehende Suizid der Figur Connor sowie all das, was sich infolge eines simplen Schwindels ergibt. Darf man ein derartiges Thema als „Show“ verpacken?

Ben Platt wurde als Hauptdarsteller von „Dear Evan Hansen“ stark kritisiert.

Dem Irrglauben, man dürfe sich dem Thema Depression ausschließlich auf dramatischer, niederschmetternder Ebene nähern, um eine Verbindung zum Krankheitsbild aufzubauen, ist Drehbuchautor Steven Levenson („Masters of Sex“) nicht aufgesessen. An dieser Stelle ein kleiner Geheimtipp am Rande: Die deutsche tragisch-komödiantische TV-Serie „The Mopes“, in der Nora Tschirner eine personifizierte Depression spielt, beweist, dass man sich der Thematik sehr wohl auch mit positivem Grundton entgegenstellen kann, solange man das Krankheitsbild nicht verklärt. Dennoch ergibt sich hin und wieder eine tonale Schere zwischen dem Stoff, der einen bisweilen arg schlucken lässt, und den dargebotenen Gesangs- und Tanzperformances. Insbesondere die bereits angesprochene Ballade „You will be found“ erscheint auf den ersten Blick mehr wie ein aus Kalenderabreißsprüchen zusammengepuzzelter Mutmachsong als eine aufrichtige Abhandlung des Krankheitsbildes. Gleichwohl hat dieses Lied – und mit ihm auch die anderen – eine Eingängigkeit vorzuweisen, die in der Lage ist, bei ver(w)irrten Jugendlichen kurzzeitig die richtigen Knöpfe zu drücken, um ebenjene zu animieren, sich Hilfe zu suchen. Gerade hier bedarf es keiner Subtilität, sondern hoffnungsvollem Ansporn. Und so ist „You will be found“ nicht umsonst das Highlight von „Dear Evan Hansen“ – einfach, weil die Kreativen wissen, wie ihr Zielpublikum funktioniert. Der Möglichkeit, dass sich aber auch dieses davon irritiert zeigen könnte, dass die Verwicklungen der Geschichte lange Zeit über einer fragwürdigen Moral folgen (ein zu Lebzeiten alleingelassener, sich gegenüber seinen Mitmenschen stets asozial verhaltender Junge wird nach seinem Suizid gelobpreist, weil ein anderer Junge ihm lügend einen heldenhaften, freundlichen Charakter andichtet), wirkt das Skript allerdings einen Tick zu spät entgegen. Auch wenn der Verzicht auf ein Happy End – trotz der insgesamt durchscheinenden Feel-Good-Inszenierung – einen konsequenten Schlusspunkt setzt.

„Der Möglichkeit, dass sich aber auch dieses davon irritiert zeigen könnte, dass die Verwicklungen der Geschichte lange Zeit über einer fragwürdigen Moral folgen, wirkt das Skript einen Tick zu spät entgegen.“

Wie schon für seine bisherigen Filme „Vielleicht lieber morgen“ und „Wunder“ konnte Regisseur Stephen Chbosky auch für „Dear Evan Hansen“ einen Starcast aus Hollywoodstars und Newcomer:innen verpflichten. Selbst in winzigen Nebenrollen sind mit Julianne Moore („Still Alice – Mein Leben ohne gestern“), Amy Adams („American Hustle“) sowie den in ihrer Altersgruppe aufstrebenden Amandla Stenberg („The Hate U Give“) und Kaitlyn Dever („Booksmart“) große Namen zu sehen, die sich allesamt vollends in den Dienst des Films stellen. Vor allem Adams überrascht als Mutter eines verstorbenen Teenagers, indem sie in ihrer Verletzlichkeit größtmögliche Intimität zulässt, aber immer auch die Möglichkeit offenlässt, Evan Hansens Unwahrheiten von Anfang durchschaut zu haben, um sich im Schmerz bewusst gegen die Wahrheit zu sträuben. Vor allem dieses erzählerische Detail rückt an vielerlei Stellen die durchschimmernde Fragwürdigkeit des Plots gerade. Denn dann geht es hier längst nicht nur darum, Unbequemlichkeiten mithilfe von Lügen aus dem Weg zu schaffen, sondern auch darum, wie genau solche Ausreden dabei helfen können, sich vor der Realität zu verschließen. Und das ist ja ein Stückweit auch wieder ein passender Ansatz für die Auseinandersetzung mit Depressionen.

Fazit: „Dear Evan Hansen“ ist ein sich gezielt an eine Teenager-Zielgruppe richtendes Mutmach-Musical mit äußerst eingängigen Songs und einer klaren Message. Am Alter des Hauptdarstellers kann man sich stören, wenngleich Ben Platt dem aktiv entgegenwirkt. Und die bisweilen fragwürdige Moral des Stoffes unterläuft das Skript zumeist mithilfe von Details, vor allem aber rückt der Verzicht auf ein klassisches Happy End das etwas schiefe Bild zum Schluss wieder gerade.

„Dear Evan Hansen“ ist ab dem 28. Oktober 2021 in den deutschen Kinos zu sehen.

 

Achtung: Wir haben den Film in der englischen Originalfassung gesehen. Zur deutschen Synchronisation können wir daher keine Bewertung abgeben!

Ein Kommentar

  • Michael Füting

    Der Ansatz der Kritik gefällt mir: nicht immer undsolidarisch sein mit den Kollegen. Genau hinschauen, differenzieren und fair urteilen. SO kann man sich die Liebe zum Film erhalten…

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