Wunder

Seit seiner fantastischen Performance im Oscaranwärter „Raum“ wird Nachwuchsdarsteller Jacob Tremblay munter herumgereicht. Auch in der Tragikomödie WUNDER spielt er die Hauptrolle – sein bisheriger Karrieretiefpunkt, was allerdings kaum an ihm liegt. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

August „Auggie“ Pullmann (Jacob Tremblay) ist zehn Jahre alt. Er ist witzig, klug und großzügig. Er hat humorvolle Eltern (Julia Roberts und Owen Wilson) und eine phantastische große Schwester. Doch Auggie ist Außenseiter: Ein seltener Gendefekt hat sein Gesicht entstellt. „Was immer Ihr Euch vorstellt – es ist schlimmer“, notiert er in sein Tagebuch. Bisher wurde er zuhause unterrichtet und versteckte sein Gesicht am liebsten unter einem Astronautenhelm, doch nun soll er eine reguläre Schulklasse besuchen. Nach anfänglicher Skepsis nimmt Auggie all seinen Mut zusammen und beschließt, sich den Abenteuern zu stellen, die das Leben für einen so außergewöhnlichen Jungen wie ihn bereithält…

Kritik

In seinem Entstehungsland den USA wurde die gefühlige Tragikomödie „Wunder“ zu einem unverhofften Sensationserfolg. Gerade einmal 20 Millionen Dollar musste das Studio für die Produktion der Romanverfilmung aufbringen. Am Ende spielte der Film mit über 231 Millionen über das Zehnfache wieder ein und ist in einigen Kinos sogar immer noch zu sehen. Das mag zum einen daran liegen, dass der dem Film zugrundeliegende Roman ein hunderttausendfach verkaufter Bestseller ist, zum anderen aber auch daran, dass ein Film wie „Wunder“ gerade perfekt in die nach Hoffnung und Liebe dürstenden Vereinigten Staaten passt; durchgeschüttelt vom ersten Regierungsjahr der Ära Trump. Hoffnung und Liebe – „Wunder“ trieft nur so davon und rückt für seine ehrenwerte Message, dass es nicht auf die äußeren, sondern auf die inneren Werte ankommt, einen entstellten Zehnjährigen in den Mittelpunkt, der nach Jahren der Isolation sein erstes Schuljahr an einer Elementary School zu überstehen hat. So altbekannt die Ausgangslage, so charmant hätte sie mit der richtigen Inszenierung werden können. Doch „Wunder“ entpuppt sich als moralinsaures, über alle Maßen oberflächliches Rührstück, das uns Protagonist Auggie letztlich als unausstehliches Kind präsentiert, das einfach nicht begreifen will, dass sich nach zehn wohlbehüteten Jahren in den eigenen vier Wänden nicht mehr alles nur um ihn dreht.

Isabel (Julia Roberts) und Nate (Owen Wilson) mit ihren Kindern und Freundin Miranda.

Auf den ersten Blick umgeht das Skript von Steven Chbosky („Die Schöne und das Biest“), Steve Conrad („Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“) und Jack Thorne („A Long Way Down“) clever die alleinige Fokussierung auf Hauptfigur Auggie, indem es die Ereignisse des ersten Schuljahres aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Neben Auggie selbst, erhalten auch seine Schwester Via (Izabela Vidovic), sein bester Kumpel Jack (Noah Jupe) und der Schulbully Julian (Bryce Gheisar) ihre eigenen Kapitel und lassen das Miteinander mit ihrem Bruder oder Klassenkamerad in facettenreichem Licht erscheinen. Hier und da erlaubt sich Regisseur Chbosky auch Spitzen in Richtung Auggies durchaus forderndem Verhalten; etwa dann, wenn Teenagerin Via noch nicht einmal einen Abend mit ihrer Mutter verbringen kann, ohne dass ihr Bruder den beiden Frauen einen Strich durch die Rechnung macht. Doch bei diesen Spitzen bleibt es, denn dass die Macher ihrer jungen Hauptfigur letztlich doch nicht allzu sehr zu Leibe rücken und sie der Einfachheit halber lieber in eine permanente Opferposition drängen, merkt man allein schon daran, wie Auggie selbst nachvollziehbares Verhalten seiner Umgebung immer wieder relativiert. Sogar seine Schwester, deren Probleme von ihren Eltern nicht einmal ansatzweise so ernst genommen werden, wie jene von Auggie, lässt Standpauke irgendwann Standpauke sein und stimmt ins allgemeine Mitleid mit ein. Dabei wäre es gerade spannend gewesen, der Sichtweise der Schwester – die sogar vom Kinoplakat wegretouchiert wurde – ein paar Minuten mehr Zeit zu gönnen und dem Zuschauer so das Gefühl zu geben, auch ihre Bedürfnisse wenigstens im Ansatz ernst zu nehmen.

Das mit dem ernst nehmen ist in „Wunder“ ohnehin eine Sache für sich. Der als schwer entstellt etablierte Auggie, unter dessen Maske Jacob Tremblay („Raum“) tatsächlich nicht als er selbst wiederzuerkennen ist, geht sogar auf der großen Leinwand kaum als körperlich missgebildet durch. Selbst mit dem Wissen, wie grausam Kinder schon bei den falschen Markenschuhen reagieren können, behandelt Auggies Umfeld den eigentlich recht selbstbewussten Kerl wie einen Aussätzigen, doch das an den Tag gelegte Verhalten steht in keinem Verhältnis zu seiner allenfalls ein wenig aufgedunsen wirkenden Visage. So muss man sich als Zuschauer schon angestrengt in die Szenerie hineindenken, um in den Geschmack authentischer Gefühlsregungen zu kommen, denn in erster Linie basiert in „Wunder“ viel auf Behauptung – und auf viel, viel Tearjerking, basierend auf den richtigen Streichern (Score: Marcelo Zarvos) im richtigen Moment. Und wenn auch das nicht hilft, hat man im Notfall ja immer noch den Familienhund, den man sterben lassen kann, um Auggies Familie wieder ganz eng zusammen zu führen, was im Anbetracht der letzten zehn Minuten aber immerhin noch einigermaßen glaubhaft ist.

Auggie Pullman (Jacob Tremblay) und seine Schulkameradin Charlotte (Elle McKinnon).

Da in „Wunder“ ohnehin nichts so verläuft, wie es im normalen Leben verlaufen müsste, sind die Macher natürlich frei in der Inszenierung. Auf übertriebenes Drama folgt im nächsten Moment die konstruierte Versöhnung; und natürlich bekommt hinten raus auch noch der unangenehmste Zeitgenosse entweder sein Fett weg, oder die verdiente Läuterung zu spüren. Insofern ist „Wunder“ vor allem eines: entsetzlich vorhersehbar und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner mit dem nach Harmonie dürstenden Publikum abgestimmt. Zu dieser Intention passt auch die Besetzung perfekt. Mit Everybody’s Darling Julia Roberts („Money Monster“) und Schwiegermutters Liebling Owen Wilson („Zoolander No. 2“) könnten die Eltern von Auggie nicht ecken- und kantenloser besetzt sein. Leider gibt das Skript den zweifelsfrei starken Schauspielern nicht die Gelegenheit, immerhin einen Hauch Eigenständigkeit aus ihren Rollen herauszuholen. Stattdessen erfüllen sie voll und ganz das Klischee der verständnisvollen Eltern. Jacob Tremblay lässt sich aus der schwachen Skriptvorlage ebenfalls keinen Strick drehen. Der für sein Alter einen Tick zu weise erscheinende Auggie ist ihm wie auf den Leib geschrieben. Am meisten springt einem jedoch Izabela Vidovic („Homefront“) ins Auge. Die „The Fosters“-Darstellerin hat zweifelsfrei die interessanteste Rolle und lässt sich nicht bloß auf die Rolle der mitfühlenden Schwester reduzieren. Stattdessen macht sich zwischendrin immer wieder deutlich, dass sie die Einzige scheint, die ihrem Bruder mehr zutraut, als bloß das Opfer von Lästereien zu sein. Schade, dass der Film an dieser Stelle einfach nicht weiterdenkt.

Fazit: Die Geschichte „Ein unausstehlicher Junge lernt, dass sich die ganze Welt nicht nur um ihn dreht“ wird in Stephen Chboskys Tragikomödie „Wunder“ als entsetzlich gefühlsduseliges Rührstück aufbereitet, das erschreckend routiniert die Knöpfe der nah am Wasser gebauten Zuschauer zu drücken weiß, damit in regelmäßigen Abständen Tränen fließen.

„Wunder“ ist ab dem 25. Januar bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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