Possessor

Unter vielen Filmfans gehörte Brandon Cronenbergs Sci-Fi-Horrorfilm POSSESSOR im vergangenen Jahr zu den besten überhaupt. Hierzulande lief der Film bereits auf dem Fantasy Filmfest. Nun erhält er in seiner ungekürzten Version einen regulären Kinostart. Und genau dort – auf der großen Leinwand – sollte er auch angesehen werden. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Possessor (CAN/UK 2020)

Der Plot

Der Firmenagentin Tasya Vos (Andrea Riseborough) ist es dank einer neuartigen Technologie möglich, mithilfe von Hirnimplantaten in die Körper anderer Menschen einzudringen. Im Auftrag ihrer Chefin Girder (Jennifer Jason Leigh) arbeitete sie als Serienkillerin, indem sie auf diese Weise fremde Menschen dazu bewegt, Morde zum Wohle des Konzerns zu begehen, für den die beiden Frauen tätig sind. Doch bei einem dieser längst zur Routine gewordenen Aufträge geht etwas schief und plötzlich findet sich Vos im Körper eines fremden Mannes (Christopher Abbott) wieder, dessen Identität ihre eigene auszulöschen droht…

Kritik

Als Brandon Cronenberg, Sohn des visionären und maßgeblich das Subgenre des Body Horros prägenden Regisseurs David Cronenberg vor rund neun Jahren sein Spielfilmdebüt „Antiviral“ vorlegte, hatte er sich die Resonanz auf seine bitterböse Dystopie, in der sich Menschen in einer nicht allzu weit entfernten Zukunft die Viren angesehener Persönlichkeiten injizieren lassen können, um ihren Idolen dadurch ein klein wenig näher zu kommen, wohl ein wenig anders vorgestellt. Die Zutaten für seinen Science-Fiction-Horrorfilm mit Körperhorror- und Splatteranleihen entsprachen in etwa jenen, die auch sein berühmter Vater in frühen Karrierejahren allzu oft anrührte, um mit Filmen wie „Die Fliege“, „Parasiten-Mörder“, „Videodrome“ oder „eXistenz“ (Meister-)Werke für die Ewigkeit zu kreieren. Bei manch einem Projekt hat es ein wenig gedauert, doch heute sind sich Kritiker:innen und das Publikum einig: Cronenberg gehört zu den wichtigsten Filmemachern seiner Zunft und hält nicht umsonst einen gewissen Legendenstatus inne. „Antiviral“ spaltete 2012 ebenfalls die Gemüter, doch bis heute ist die Rehabilitierung ausgeblieben. Brandon Cronenberg ist es nicht gelungen, in die großen Fußstapfen seines Vaters zu steigen; Vielleicht hat es auch deshalb ganze acht Jahre gedauert, bis er – mit Ausnahme einiger Musikvideos – mit seiner zweiten Regiearbeit nachlegte. Jahre, die rückblickend wie ein Anlauf wirken. Denn mit seinem Zweitwerk „Possessor“ begibt sich Brandon mit einem riesigen Satz qualitativ direkt an die Seite seines Vaters David. Auch deshalb, weil Cronenberg-Junior hierfür deutlich minimalistischer vorgeht als in seinem bisweilen zu viele Dinge auf einmal wollenden Debüt und dennoch nicht davor zurückscheut, einige derbe Gewaltspitzen zu zeigen, die dem Film einen gewissen Skandalstatus einbrachten und dafür sorgten, dass „Possessor“ hierzulande gar als „Possessor Uncut“ vermarktet werden kann.

Für die präzise Kameraarbeit von „Possessor“ zeichnete Karim Hussain verantwortlich, der u.a. auch „Hobo with a Shotgun“ fotografierte.

Damit hätten wir die im Vorfeld widersprüchlichen Angaben zur deutschsprachigen „Possessor“-Veröffentlichung eingeordnet: Ja, der mit unter anderem Andrea Riseborough („Mandy“), Jennifer Jason Leigh („Auslöschung“) und Christopher Abbott („Aufbruch zum Mond“) hochkarätig besetzte Film kommt hierzulande tatsächlich ungekürzt in die Kinos und nicht wie einigen frühen News zufolge in seiner R-Rated-Fassung, in der „Possessor“ schon in einigen US-Kinos zu sehen war. Seine FSK-Freigabe ab 18 Jahren hat sich der Film zwar redlich verdient, seinen Skandalstatus allerdings nur bedingt. In der wohl einprägsamsten Szene sieht man in Nahaufnahme, wie einem auf dem Boden liegenden Mann zunächst genüsslich ein Auge aus der Augenhöhle gepult und anschließend die Kauleiste demoliert wird. Ein unangenehmer Anblick, der durch die schmatzende Tonspur noch eine gute Spur derber daherkommt, als es die Szene ohnehin schon ist – nicht der einzige Moment, in dem sich David Cronenbergs Einfluss als Kreateur eines sämtliche Sinne bedienendes Schockerkinos ausmachen lässt. Gleichwohl ist „Possessor“ in seiner reinen Drastik nicht wesentlich expliziter als andere Filme seines Genres. Seinen Status als „Skandalfilm“ lässt sich vielmehr mit einem Detail im Schlussakkord erklären, wenn für einen weiteren ausufernden Akt der Gewalt ein (zumindest hierzulande) nach wie vor vorherrschendes Filmtabu gebrochen wird. Des Spoilers wegen wollen wir an dieser Stelle nicht weiter ins Detail gehen, weisen aber darauf hin, dass sich wohl genau an dieser Szene die Geister daran scheiden werden, was gezeigt werden darf und was nicht; Allzu drastisch geht es zwar auch hier nicht zu, vielmehr geht es um die Frage danach, wer oder was in einem (Horror-)Film als Opfer herhalten darf und ob diesbezüglich eine Grenze existiert.

„Seine FSK-Freigabe ab 18 Jahren hat sich der Film zwar redlich verdient, seinen Skandalstatus allerdings nur bedingt.“

Die Tatsache, dass sich die (zweifelsohne brillant inszenierten) Gewaltspitzen in „Possessor“ an einer Hand abzählen lassen, zeigt bereits: Brandon Cronenberg hatte mit seinem Film, für den er nicht nur den Posten als Regisseur, sondern auch als alleiniger Drehbuchautor übernahm, weitaus mehr im Sinn als einen banalen Splatterfilm. Die meiste Zeit über geht es in „Possessor“ nämlich sehr gemächlich voran. Und je weiter er in seiner Handlung voranschreitet, desto assoziativer wird er, bis sich Vergleiche mit Jonathan Glazers bejubeltem Science-Fiction-Drama „Under the Skin“ regelrecht aufdrängen. Gleichwohl ist „Possessor“, aller visuellen Ähnlichkeit zum Trotz, der inhaltlich geradlinigere Film. Dank seines bemerkenswert radikalen Einstiegs (der Film beginnt direkt mit einer Gewaltspitze) ist die Ausgangslage von Anfang an klar und im weiteren Verlauf erhält man als Zuschauer:in genügend Einblicke in die Welt der kühnen Protagonistin Tasya, die als futuristische Version einer Auftragskillerin die Unnahbarkeit in Person darstellt. Andrea Riseborough ist für diese Rolle wie geschaffen und legt ihre Performance derart präzise an, dass „Possessor“ vollständig ohne aufgesetzte Erklärdialoge auskommt. Das aussagekräftige Opening und die vielsagende Interaktion zwischen Tasya und ihrer Bossin Girder genügen, um die Situation einzuordnen. Im Großen und Ganzen ist die Prämisse von „Possessor“ überraschend minimalistisch. Erst wenn Brandon Cronenberg in der zweiten Filmhälfte die Erzählebene der Realität verlässt und einen wichtigen Teil der Handlung auf eine weitere Ebene verlegt, ist es einzig und allein die Inszenierung selbst, die dem Film zu mehr Komplexität verhilft.

Auf dieser edlen Veranstaltung wird die Situation schon bald eskalieren…

Dadurch gelingt es Brandon Cronenberg jedoch auch, seinen Film auch inhaltlich mit (mehr) Bedeutung aufzuladen. Er veranschaulicht – kurioserweise ähnlich des Pixar-Meisterwerks „Soul“ – bislang vorwiegend in der Theorie existente Räume, wodurch „Possessor“ ein Gefühl für das, im wahrsten Sinne des Wortes, Unvorstellbare, oder besser: Ungreifbare, aufkommen lässt. In diesem Fall geht es jedoch nicht etwa darum, wie eine Seele entsteht und was sie ausmacht. Stattdessen bebildert Cronenberg respektive sein Kameramann Karim Hussain („Hobo with a Shotgun“) einen Kampf verschiedener Persönlichkeiten, der sich im Inneren einer einzigen Figur abspielt. Hussains Bildgewalten gehen hierfür mal mehr, mal weniger abstrakt vor, schlussendlich wählt Cronenberg jedoch immer den direktesten Weg, um offene Fragen zu beantworten und so die Story voranzutreiben. Somit lässt sich „Possessor“ zwar in seiner Gesamtheit ganz unterschiedlich deuten, doch das, was er ganz ohne die entsprechende Interpretationsanstrengung zeigt, ist weitestgehend eindeutig. Eine Beobachtung, die leider ausgerechnet dem Ende nicht ausschließlich guttut, wenn Cronenberg mit seiner aller letzten Szene Erinnerungen an „Inception“ freikitzelt – im Verhältnis zum Rest wirkt das eher plump. Doch letztlich ist „Possessor“ weitaus weniger ein Film über das „Was“, sondern vielmehr über das „Wie“. Da trifft es sich gut, dass ebendieses „Wie“ ohnehin wesentlich stärker ist als das „Was“.

„Cronneberg veranschaulicht – kurioserweise ähnlich des Pixar-Meisterwerks „Soul“ – bislang vorwiegend in der Theorie existente Räume, wodurch „Possessor“ ein Gefühl für das, im wahrsten Sinne des Wortes, Unvorstellbare, oder besser: Ungreifbare, aufkommen lässt.“

Karim Hussain kreiert, zumeist auf Tasyas Augenhöhe, derart präzise Bilder und Übergänge, die Andrea Riseborough fast schwebend durch „Possessor“ gleiten lassen. Er nimmt sich viel Zeit, um neue Setpieces zu etablieren und setzt auf eine kalte, nicht minder faszinierende Atmosphäre. Im Score von Jim Williams („Raw“) bleiben zudem weniger jene Klänge im Gedächtnis, in denen seinen Kompositionen eine Melodie innewohnt. Stattdessen sind es vor allem die vereinzelten, dissonanten Tonabfolgen, die die Anspannung in „Possessor“ permanent oben halten. Es ist, als könnte in jeder Sekunde alles passieren. Und obwohl es die Prämisse des Films sogar hergeben würde, verzichtet Brandon Cronenberg auf die ultimative Eskalation und setzt stattdessen lieber auf mehrere kleinere. Das macht seine Geschichte nicht nur unberechenbarer, sondern zeigt auch, dass es nicht zwingend das große Getöse benötigt, um für Aufsehen zu sorgen. Das wusste auch schon sein Vater.

Fazit: „Possessor“ ist ein visuell starker und akustisch überragender Science-Fiction-Horrorfilm, der mit Ausnahme einiger heftiger Gewaltspitzen voll und ganz über seine unterkühlt-unberechenbare Atmosphäre funktioniert. Andrea Riseborough lässt sich in ihrer Performance ebenso wenig in die Karten schauen wie der Film selbst, der inhaltlich wie ein verquerer Hybrid aus Pixars „Soul“ und Jonathan Glazers „Under the Skin“ daherkommt. Nur eben in der FSK-18-Version.

„Possessor“ ist in der ungekürzten Fassung ab dem 1. Juli in den deutschen Kinos zu sehen.

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