Booksmart

Wir haben die emotional überhöhten Figuren im Stile eines John Hughes, der wie nun auch Olivia Wilde verstand, dass die Pubertät für viele die lustigste und zugleich qualvollste Zeit des Lebens ist, selbst wenn die Qual manchmal auch nur aus „Meine beste Freundin kapiert gerade nicht, was ich ihr sagen will“ besteht. Wir haben den „Eine fette Party muss auch endlich sein, bevor wir aufs College gehen“-Antrieb aus „Superbad“ – wenngleich unter völlig anderen Vorzeichen. Wir haben die „Was mache ich als nächstes und wie kriege ich jetzt meinen Schwarm in meine Arme“-Sorgen aus … Dutzenden von Filmen. Und dennoch ist „Booksmart“ weniger formelgetreu als ein „Love, Simon“. Wilde mischt ihre Inspirationen frischer durch, sie lässt John-Hughes-Cliquen genauso hinter sich wie den Duktus, in dem er und viele ihn nachahmende Filmschaffende dramatischere Szenen anpacken. Wilde und ihr Kameramann Jason McCormick ersetzen die Bonbonfarben vieler Highschoolkomödien durch eine natürlichere, rauere Lichtsetzung, begleitet von einer sich freier bewegenden Kamera. Die Kamera in „Booksmart“ ist niemals auch nur ansatzweise so rau und wild beweglich wie in „Assassination Nation“, trotzdem ist auch Wildes Film im Zeitalter der Handykameras angelangt, passt seine kinematografische Sprache halt behutsam den Sehgewohnheiten seiner Kernzielgruppe an, statt mit „Assassination Nation“-esker, brachialer Gewalt.

Knistert es da etwa? Jared (Skyler Gisondo) und Molly.

Und auch die Inhalte der Dialoge in „Booksmart“ öffnen ein neues Kapitel in der Highschoolkomödie. Denn üblicherweise ist in diesen Filmen Sex etwas geradezu Rätselhaftes, Mystisches, das sich noch knapp außerhalb der Welt unserer Protagonisten befindet, oder Sex ist laut, grell, vulgär und zugleich der einzige, große Lebensinhalt als auch eine gigantische Lachnummer. Ausnahmen wie „The DUFF“ gibt es, doch auch in ihnen ist Sex mehr albern-glorifiziert denn alltäglich. In „Booksmart“ dagegen ist Sex weder verboten, noch dreckig, noch der heilige Gral, dem alle Jugendlichen entgegenfiebern: Er ist normaler Teil ihres Lebens – aber einer, in dem sie noch viele Erfahrungen zu sammeln haben, was sich in einigen Ungeschicklichkeiten und Wissenslücken äußert, die Wilde bevorzugt empathisch auslotet, statt sie unentwegt als tumben Gag aufzubereiten. Es ist eine moderne, längst überfällige Art und Weise, sich in Highschoolkomödien mit sexueller Begierde und sexuellen Akten auseinanderzusetzen. Die Zeiten der Ekel-Vulgärkomik rund um Sex nähern sich in Zeiten früher, drastischer Selbstaufklärung mittels Internetpornografie halt allmählich ihrem Ende – Gags des Naturells „Haha, igitt, Penis!“ oder „ROFL, Körperfunktionen!“ zünden beim modernen Teeniepublikum einfach nicht mehr. Die entspanntere, dennoch teils ratlose Perspektive von Amy und Molly ist im Heute einfach realistischer – und sie ist dennoch sehr humorvoll, da zwischen ihrem sexuellem Bücherwissen und ihrer sexuellen Lebenserfahrung immer wieder überraschend-komische Lücken klaffen. Genauso, wie Mollys sehr unterstützende, doch auch übereifrige Art, ihrer lesbischen Freundin Verständnis auszudrücken, und Amys vielschichtig-widersprüchliche Sicht auf Sex für kleine, feine Lacher sorgt – denn während sie über manche Dinge fast schon abgebrüht-offen sprechen kann, ist sie in anderen Aspekten noch kindlich-verschüchtert und ungelenk.

Wilde setzt dabei trotzdem durchweg auf einen freundlich-unterstützenden Tonfall, was offenbar manche, meist männliche Kollegen als mutlos sehen. Aber es ist einfach, als Typ eine wohlwollende Teeniekomödie zu sehen und zu sagen: „Wo sind hier das Drama und der Schmerz? Ein Film muss mir was bieten, ich brauche Aufregung!“ Die Amys und Mollys dieser Welt hingegen, die im Teeniekino entweder gar nicht existieren oder im Großteil der Fälle die Zielscheibe von Hohn und Spott sind, die werden sich wohl kaum „Booksmart“ anschauen und sehnsüchtig nach Darstellungen von Massenmobbing gieren und nach aufwändigen Streichen, denen die Hauptfiguren zum Opfer fallen. Dass wir zumeist einfach mal mit diesen Figuren lachen oder im Falle der Spurenelemente, in denen ihr Außenseitertum eben doch geschildert werden, nicht auf die billigsten, tumben Gags gehen, ist doch gerade so erfrischend und erfreulich. So hört Molly auf der Schultoilette ein Gespräch ab, wie Schulkameraden das populäre Spiel „Fuck, Marry, Kill“ spielen und jemand Molly nicht gerade schmeichelhaft beurteilt. So viele Filme hätten dieser Figur eine ach-so-lustige (soll heißen: übertrieben verletzende, aber filmisch als Gag behandelte) Ansprache über widerliche Dicke in den Mund gelegt. In „Booksmart“ dagegen erklärt diese Figur, dass Molly ja schon niedlich ist, aber ihr streberhafter, dauerernster Charakter sei halt ein Stimmungskiller. So erzielen Wilde und ihr Autorenteam dieselbe Wirkung – wir und Molly erkennen, wie sie auf ihrer Schule angesehen ist – doch wir trampeln nicht unnötig auf Oberflächlichkeiten herum. Und dadurch, dass diese und ähnliche Szenen eben nicht den offensichtlichsten Weg gehen, geraten sie überraschend und auch daher amüsant.

Dabei vermeidet „Booksmart“ es weislich, seinen Heldinnen Absolution zu erteilen. Auch Amy und Molly machen Fehler: Sie mögen liberal und aufgeklärt sein, trotzdem lassen sie sich zu vorschnellen Urteilen über ihre Mitschülerinnen und Mitschüler hinreißen. Dazu, eine Mitschülerin mit dem von ihr ungeliebten Spitznamen anzusprechen. Oder dazu, eine andere ausschließlich anhand ihres Auftretens auf dem Pausenhof einzuschätzen. Diese Doppelstandards von Amy und Molly werden sukzessive und zumeist in erhellend-pointierten Szenen als solche enthüllt, womit „Booksmart“ seinen lebensfrohen, freundlichen und trotzdem unmoralisierenden Tonfall beibehält – und wenn sich Fehlurteile mal dramatischer aufklären, dann schaffen es das Ensemble und eine zurückhaltende Bildsprache, sie nur als kurzen, zart-menschelnden Moment zwischen Bekannten darzustellen, denn als belehrenden Twist mit doppelt unterstrichener Ernsthaftigkeit.

School’s Out: Tanner (Nico Hiraga) lässt es nicht nur zum Schulabschluss krachen.

Generell ist der Cast herrlich, egal ob in den zentralen oder in nebensächlichen Rollen. Dever und Feldstein leben die Freundschaft ihrer Figuren geradezu, sie verkaufen die eingelebte (und teilweise eingefahrene) Dynamik von Amy und Molly, so dass ihre Insidergags nie aufgesetzt wirken und ihre unterschwellig brodelnde Meinungsverschiedenheit, wer denn nun klammert oder wer zu viel Distanz will, glaubwürdig und schrittweise ans Licht kommt – und eben nicht wie der in solchen Filmen gerne aufgesetzte Streit daherkommt. Der restliche Cast derweil meistert den diffizilen Spagat, dass wir ihn eingangs als die überspitzten Karikaturen kennenlernen, für den Molly und Amy den Rest ihrer Schule halten, dann aber immer wieder unerwartete Tiefen erkennen. Dieses charakterliche „Doppelleben“ wirkt nie bemüht oder an den Haaren herbeigezogen, was einerseits dem cleveren Skript zu verdanken ist, aber auch den Performances, bei denen sich rückblickend die später bemerkten Tiefen auch in früheren Szenen erkennen lassen.

So spielt Skyler Gisondo („Vacation – Wir sind die Griswolds“) den neureichen, übertrieben-stylischen Jared in seinen wenigen, tollen Szenen ähnlich wie Reza Brojerdi seinen Musti in „Abikalypse“, der als ungelenker, prahlender, herzlicher, aber harmloser Reicher, der sich seinen Wohlstand anmerken lassen will, immerhin den Vorteil hatte, die Hauptfigur des Films zu sein und seine Facetten ausführlicher zu beleuchten. Billie Lourd („Star Wars – Die letzten Jedi“) derweil ist eine wahre Szenendiebin: Als wäre ihre Gigi die räudigere, ständig unter Drogen stehende Schwester der schrillen Drama Queen Sharpay aus den „High School Musical“-Filmen, stiehlt sie mit trocken-komischer Darstellung einer grellen Irren jedem das Rampenlicht, der sich eine Szene mit ihr teilt – und es ist einfach köstlich. Auch Molly Gordon als überhaupt nichts mit ihren filmischen Vorgängerinnen gemeinsam habende „Schulschlampe“ und Diana Silvers als zynische, stets die Ellenbogen ausfahrende Hope vereinen ihre karikierte und ihre vermenschlichte Seite mühelos. Und auch die Erwachsenen in „Booksmart“ (unter anderem gespielt von Wildes Ehemann Jason Sudeikis und Jessica Williams) verstehen es, alberne Gags, genüsslich-nebensächliche Pointen und entspanntere Zwischentöne zu vereinen.

Extravaganter Freigeist und erfahrenes Partygirl Gigi (Billie Lourd).

Die Figuren in „Booksmart“ funktionieren nicht nur für sich stehend, auch die Interaktion zwischen den verschiedenen schulsozialen Gefügen ist völlig plausibel – und selbst wenn „Booksmart“ in einer überzeichneten Welt mit einer sehr wohlhabenden und extrem dauerengagierten Theater-AG und einer kurios agierenden Polizei spielt, ist die Skizze der Generation Z, die „Booksmart“ zeichnet, nah am Puls der Zeit. So nutzt Wilde in einer Gänsehaut erzeugenden Plansequenz das schleichende Auftauchen von gezückten, mitfilmenden Handys im unscharfen Bildhintergrund als visuelles Signal, dass aus einer Meinungsverschiedenheit bitterer, gefährlicher Ernst wird. Und dennoch widersteht Wilde der Versuchung, aus „Booksmart“ eine Lektion über spezielle Gefahren der sozialen Netzwerke zu formen – das wäre in diesem Film aufgesetzt, da sein erzählerischer Fokus und sein emotionaler Schwerpunkt woanders liegen. Die entschärfende Lösung folgt in „Booksmart“ daher wenige Minuten später auf einem gewitzten, dennoch das zuvor erreichte dramatische Momentum beachtenden Pfad. Diesen folgend, findet Wilde einen weiterhin sehr unterhaltsamen, trotzdem herzlich-nachdenklichen Ausklang für ihre musikalisch zeitgemäßen Druck aufweisende „Partymuffel stürzen sich aus Trotz in eine wilde Partynacht“-Komödie, womit sie sich ihren Status als unprätentiöses Loblied auf (Frauen-)Freundschaften und den „Wir müssen uns endlich durchsetzen, aber wollen auch Eskapismus haben“-Spirit der Generation Z redlich verdient. Auch wenn das der Großteil der Wikipedia-Editoren schwer nachvollziehen wird.

Fazit: „Booksmart“ ist eine erfrischende, moderne Highschool- und Coming-of-Age-Komödie mit liebenswerten Figuren, jeder Menge Dialogwitz und einem zeitgemäßen, positiven Weltbild, das durch eine flott erzählte, herzlich-ehrliche Geschichte vermittelt wird.

„Booksmart“ ist ab dem 14. November in den deutschen Kinos zu sehen.

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