Spider-Man: Far From Home

Nur wenige Monate nach dem MCU-Spektakel „Avengers: Endgame“ traut sich in SPIDER-MAN: FAR FROM HOME die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft noch einmal auf die große Leinwand und behauptet sich im Schatten des Über-Blockbusters bemerkenswert gut. Warum das so ist, das verraten wir in unserer Kritik – das Wissen zu „Endgame“ setzen wir übrigens voraus.

Der Plot

Seit den Ereignissen in „Avengers: Endgame“ hat sich das Leben von Peter „Spider-Man“ Parker (Tom Holland) für immer verändert. Er muss nicht nur hilflos mit ansehen, wie seine Tante May (Marisa Tomei) mit Happy (Jon Favreau) anbandelt und sein bester Freund Ned (Jacob Batalon) ebenfalls plötzlich auf Wolke Sieben schwebt. Es ist vor allem der Verlust seines Mentors und Freundes Tony Stark, der Peter vor neue Herausforderungen stellt. Die bevorstehende Klassenreise nach Europa kommt ihm da gerade recht. Vielleicht ja sogar, um endlich seiner Angebeteten MJ (Zendaya) zu gestehen, dass er mehr für sie empfindet, als nur Freundschaft. In der malerischen italienischen Stadt Venedig angekommen, schlägt die Stimmung jedoch schnell um. Ein riesiges Wassermonster attackiert die Stadt, dem sich der charismatische Quentin Beck alias Mysterio (Jake Gyllenhaal) mit vollem Körpereinsatz entgegenstellt. Nick Fury (Samuel L. Jackson) stellt ihn Peter als sein neuer Mentor vor. Doch die Bedrohung, der sich Spider-Man wider Willen ausgesetzt sieht, ist größer als gedacht…

Kritik

„Don’t Spoil the Endgame!“ war im Frühling dieses Jahres das Social-Media-Credo für alle popkultur- und kinoaffine Menschen, für die das Finale der 2008 begonnenen „Avengers“-Saga eines der Kinoereignisse des Jahres ist. Den Russo-Brothers höchstpersönlich zufolge dürfen wir mittlerweile munter verraten, wen es in „Endgame“ dahinrafft, daher setzen wir an dieser Stelle das Wissen um die Ereignisse des vergangenen Films voraus. Wer „Avengers: Endgame“ bislang also immer noch nicht gesehen hat, der möge an dieser Stelle am besten Wegklicken. Denn Regisseur Jon Watts, der bereits bei „Spider-Man: Homecoming“ die Strippen in der Hand hatte, setzt mit dem nunmehr 23. Film des Marvel Cinematic Universe (und dem eigentlich echten Abschluss der dritten Phase) direkt nach den Ereignissen aus „Endgame“ an. Tony Stark gibt es nicht mehr und der sogenannte „Blib“ – also der Moment, in dem sich die Weltbevölkerung mal eben um die Hälfte halbierte – hat überall seine Spuren hinterlassen. Das könnte nun alles wie ein halbherziger Nachklapp wirken, um den Zuschauer noch einmal daran zu erinnern, dass es nach „Avengers: Endgame“ auch wirklich weitergeht, schließlich war die Stimmung nach dem Abspann desselben Films ja doch ziemlich gedrückt. Aber Jon Watts denkt nicht daran, auf das pathetische Lebewohl einfach nur ein harmloses Roadmovie-Abenteuer folgen zu lassen. „Spider-Man: Far From Home“ ehrt noch einmal die Spätfolgen der „Endgame“-Ereignisse, nur um im selben Atemzug ein spaßiges High-School-Abenteuer und – viel wichtiger – einen politischen Rundumschlag abzuliefern, der auf einem der smartesten Drehbücher des kompletten MCU basiert. Schade, dass wir darüber gar nicht so viel verraten können. Wir wollen Euch ja nicht im Vorwege den Spaß verderben.

Peter Parker (Tom Holland) versucht, Nick Fury (Samuel L. Jackson) aus dem Weg zu gehen.

„Spider-Man: Far From Home“ macht es einem sehr leicht, ihn zu mögen. Selbst wenn sich einige der Entwicklungen innerhalb der hier abgefrühstückten 129 Minuten auf den ersten Blick wie schon zigfach präsentierte Genretropen anfühlen, unterfüttern die Drehbuchautoren Chris McKenna und Erik Sommers („Ant-Man and the Wasp“) all das gleichzeitig mit so viel Substanz, dass sich letztlich doch nie das Gefühl eines bloßen Neuaufgusses einstellt. Gleichzeitig ist es besonders schwer, „Far From Home“ schriftlich gerecht zu werden, denn die Stärken der Geschichte liegen hier mitunter so sehr im Detail, dass man erzählerische Richtungswechsel vorwegnehmen müsste, um näher darauf einzugehen. Aus diesem Grund widmen wir uns nun erst einmal den wichtigsten Qualitätsmerkmalen des Films, bevor wir im letzten Absatz unter Zuhilfenahme von Spoilern noch einmal darauf eingehen, was „Spider-Man: Far From Home“ zu einem so beeindruckenden, bisweilen politischen und das aktuelle Weltgeschehen voll und ganz verinnerlichten Film macht, der dem Zuschauer viel mehr zu bieten hat, als zwei Stunden lang banalen Superhelden-Krawall. Letzterer war ja ohnehin schon Teil eins nicht; Und auf diesem Kurs bleibt Jon Watts auch diesmal. Mehr noch als in „Homecoming“ rückt er hier den Handlungsstrang rund um Peters Klasse in den Fokus, die im Zuge einer Reise Europa durchquert. Von Venedig geht es nach Österreich, von dort nach Prag und irgendwie landet der Zuschauer im weiteren Verlauf auch noch in den Niederlanden und London. Den amourös-komödiantischen Verwicklungen in Peters Freundeskreis zuzuschauen, ruft direkt wieder jenes heimelige Gefühl des Superhelden-Understatements hervor, mit dem auch schon „Homecoming“ damals punkten konnte. Hier ist der Kampf zwischen Gut und Böse nur bedingt spannender als die erste große Liebe oder der Versuch, die Veröffentlichung eines peinlichen Fotos zu verhindern.

Während der neueste Schul-Gossip auch in „Spider-Man: Far From Home“ wieder für jede Menge absurde Situationen sorgt, ist es vor allem Peters innerer Kampf gegen die Leere und für seine Bestimmung, die den Film emotional erdet. Will Peter auch weiterhin „nur“ die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft sein, oder doch lieber in Tonys Fußstapfen treten? Jon Watts gelingt es gut, diesen tonalen Spagat zwischen kurzweilig-amüsanter High-School-Comedy und Coming-of-Age-Drama aufrecht zu erhalten. Erst als nach knapp 40 Minuten die Figur des bis dato unbekannten Mysterio auf der Bildfläche erscheint und sich für Peter eine neue Perspektive in seinem inneren Zwiespalt auftut, wirkt „Far From Home“ hie und da dramaturgisch holprig. Dabei ist es eigentlich nur konsequent wie die Drehbuchautoren unter der Verwendung von diversen Mini-Cliffhangern von einem Setpiece zum nächsten springen und damit auch den inneren Zustand ihres sprunghaften Helden perfekt einfangen. Immer wieder schwellen die verschiedenen Handlungsstränge so weit an, bis der Schauplatz kurz vor ihrem vermeintlichen Höhepunkt gewechselt wird. Da jeder einzelne eine ähnliche erzählerische Wichtigkeit hat, wirkt diese Art der Inszenierung methodisch schlüssig. Trotzdem muss man sich mit dieser Dramaturgie erst einmal anfreunden. Die allesamt erneut hervorragend aufgelegten Darsteller (während wir von Tom Holland bereits wussten, dass er seine Spider-Man-Rolle lebt, überrascht Jake Gyllenhaal in seiner seit „Nightcrawler“ wortwörtlich wahnsinnigsten Rolle) machen einem das allerdings leicht, während die CGI-satten Actionszenen zwar nicht zum Schlechtesten, aber auch nicht zum Besten gehören, was es diesbezüglich im MCU bislang zu sehen gab.

Achtung: Ab hier folgen Spoiler zu „Spider-Man: Far From Home“. Wer sich den Spaß am Film vorab nicht dadurch verderben möchte, springt einfach direkt zum spoilerfreien Fazit!

Während sich die Effekte von „Spider-Man: Far From Home“ also nicht als besonders spektakulär hervortun, wohnt dem Film auf erzählerischer Ebene eine ungeahnte Substanz inne. Das beginnt schon bei der Charakterzeichnung des sich vom Sympathieträger zum Widersacher entwickelnden Mysterio, der mithilfe von Drohnen- und Hologrammtechnik Katastrophen simuliert, um sich dann als strahlender Held („Ich möchte der größte Held aller Zeiten sein!“) auszugeben. Auf den ersten Blick mag die von einer negativen Begegnung mit Tony Stark gefütterte Allmachts-Fantasie eines Comicschurken austauschbar klingen. Ergänzt man sie allerdings um die Methoden, die Mysterio anwendet und berücksichtigt, wie lange er seine Pläne schon verfolgt, offenbaren sich plötzlich erschreckende Parallelen zu aktuellen weltpolitischen Ereignissen. In Wirklichkeit wird aus Mysterio nie dieser „größte Held aller Zeiten“. Also biegt er sich die Realität so zurecht, dass er unter den von ihm herbeigerufenen Umständen doch als ein solcher wahrgenommen wird. Darüber hinaus wendet er zu diesem Zwecke Techniken an, die die Realität ohne das Wissen Außenstehender verfälschen. Es ist fast schon zynisch, dass all das in einem Film stattfindet, der mithilfe von CGI-Technik selbst Dinge erschafft, die es so in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Ob Peter sich traut, seiner Angebeteten MJ (Zendaya) seine Gefühle zu gestehen?

Die Frage nach dem „Was ist real und was ist fake?“ zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Wenn der Schul-Schönling ein aus der Situation gerissenes Foto weiterzugeben droht, um Peter damit in Verruf zu bringen, ein spontan ausgedachter Superhelden-Name plötzlich in den Nachrichten auftaucht oder sich die Existenz Samuel L. Jacksons erst in der zweiten Post-Credit-Scene auflöst, zeigt sich, dass man in „Spider-Man: Far From Home“ eigentlich Niemandem trauen sollte. Diesen Umstand unterstreicht nicht nur die erste Post-Credit-Scene, die das Thema „Fake News“ endgültig in die Welt der Superhelden transportiert. Auch einige fast surreal inszenierte Actionsequenzen, die weniger auf standardisierte Trickeffekte als vielmehr auf die hervorragende Kameraarbeit Matthew J. Lloyd („Power Rangers“) sowie eine paralysierende Schnittarbeit setzen, machen dieser Thematik nochmal ordentlich Dampf und treiben das Tempo in die Höhe. Und tatsächlich weiß man am Ende von „Spider-Man: Far From Home“ nicht ganz sicher, ob all das gerade auch wirklich so passiert ist, wie wir es wahrgenommen haben. Sicher ist nur, dass der nächste Spidey-Film gar nicht schnell genug kommen kann.

Fazit: Zwischen High-School-Comedy, klassischer Superhelden-Action und Peter Parkers Versuch, sich selbst zu finden, steckt in „Spider-Man: Far From Home“ vor allem ein hochbrisanter politischer Kommentar darüber, wie es ist, in einer Zeit zu leben, in der sich die Manipulation der Medien und Fake News zur ultimativen Waffe entwickelt haben.

„Spider-Man: Far From Home“ ist ab dem 4. Juli bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Eine lesenswerte Kritik. Eine kleine Ergänzung: Mysterio erscheint nicht erst nach 40 Minuten auf der Bildfläche. Er wird ja direkt zu Beginn in der Szene mit Maria Hill und Fury in Mexiko eingeführt. Ich habe allerdings auf Reddit Kommentare gelesen, das es einige Vorstellungen/ Länder gab/gibt, wo diese Szene nicht gezeigt wurde.

    Inhaltlich: für mich war es ein Film, der mitunter die besten CGI-Sequenzen des gesamten MCU hatte. Gegenüber Black Panther und/oder Captain Marvel war das einfach nur unglaublich gut. Ich kann mich daher in diesem Punkt eher den Kritiken von Robert Hoffmann oder der Nerdfactory anschließen.

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