I Kill Giants

Das direkt im Heimkino erscheinende Fantasydrama I KILL GIANTS ist die Verfilmung des gleichnamigen Comics aus dem Jahr 2009. Doch obwohl diese Vorlage damit deutlich früher erschien als jene zu „Sieben Minuten nach Mitternacht“, schaut sich Anders Walters Regiearbeit lediglich wie einer sehr müder Abklatsch. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Riesen gibt es wirklich! Sie lauern in den Wäldern und sind durch und durch böse. Haben sie einmal ihre Deckung verlassen, machen sie in ihrer Zerstörungswut vor nichts und niemandem Halt. Das behauptet zumindest die 15-jährige, fantasievolle Barbara (Madison Wolfe), die ihre Heimatstadt vor der gigantischen Bedrohung schützen will. Ihre Mission: „Ich finde Riesen! Ich jage Riesen! Ich töte Riesen!“ Kein Wunder, dass die neue Schulpsychologin Mrs. Mollé diese Geschichte wenig überzeugend findet. Sie setzt alles daran, der cleveren jungen Eigenbrötlerin zu helfen und sie aus ihrer Reserve zu locken. Doch Barbara hält weiter an ihrem Vorhaben fest: Gemeinsam mit ihrer einzigen Freundin Sophia will sie die gigantische Bedrohung aufspüren und sich dem alles entscheidenden Kampf stellen.

Kritik

„I Kill Giants“ ist ein 2009 erschienener Comic des US-amerikanischen Autoren Joe Kelly, der unter anderem für die Comicgiganten Marvel und DC tätig war und ist. 2009: Das bedeutet, die Geschichte über eine Monster jagende Teenagerin erschien zwei Jahre vor Patrick Ness‘ Fantasydrama-Roman „A Monster Calls“, der vor zwei Jahren unter dem deutschen Titel „Sieben Minuten nach Mitternacht“ vom „Jurassic World 2“-Regisseur J.A. Bayona verfilmt wurde. Wenn sich einem von beiden Urhebern also rein zeitlich gesehen so etwas wie Plagiatismus vorwerfen ließe, ginge das nur in Richtung Ness; und trotzdem gehen wir bei unserer Besprechung der hierzulande nur im Heimkino erscheinenden Filmadaption von „I Kill Giants“ den umgekehrten Weg. Bei der Verfilmung war schließlich das Team rund um die „A Monster Calls“-Macher schneller, sodass sich „I Kill Giants“ den Vergleich mit ebenjenem Film, der für uns zu den besten aller Zeiten gehört, zwangsläufig gefallen lassen muss. Thematisch hängt das alles nämlich ziemlich deutlich zusammen: In beiden Filmen flüchten sich aus ihrem Alltagstrott gerissene Teenager in eine von einem oder mehreren Monstern bevölkerte Fantasiewelt, was am Ende in ein radikales Selbsteingeständnis mündet. Erst dann ist es den jungen Protagonisten möglich, ihre Situation zu akzeptieren und mit ihren Problemen abzuschließen. Im Falle von „Sieben Minuten nach Mitternacht“ funktionierte all das aufgrund seiner komplexen Aufbereitung eines noch viel komplexeren Themas ganz hervorragend; und da haben wir von den technischen Finessen des mehrfach preisgekrönten Films noch nicht einmal angefangen. „I Kill Giants“ dagegen lässt nicht nur Letzteres vermissen, auch erzählerisch bricht der Film mit dem Dampfhammer über sein Publikum herein.

Barbara (Madison Wolfe) wartet auf die Ankunft der Riesen.

Ein Ausnahmefilm ist nicht umsonst ein Ausnahmefilm: „Sieben Minuten nach Mitternacht“ daher als Maßstab für Teeniedramen (mit Fantasyeinschlag) anzusetzen, wäre schon ein wenig unfair. Gleichwohl sind sich Bayonas Magnum Opus und Anders Walters Langfilmdebüt auf so vielen Ebenen ähnlich, dass man vor allem mit Kenntnis von „A Monster Calls“ erkennt, wo die Stärken des einen und die Schwächen des anderen Films liegen. Zu Ersterem gehört in „I Kill Giants“ vor allem die Kulisse: Gedreht wurde vor allem an der schroffen Felsküste Irlands, die das Klischee vom „idyllischen Küstenstädtchen“, das vor allem Nicholas Sparks schon so oft befeuerte, gekonnt unterläuft. Die Hauptfigur Barbara wandelt hier vorwiegend durch tristes Grau in Grau. Selbst bei ihren Streifzügen durch die nahegelegenen Wälder mangelt es den Bildern an Farbe, sodass sich – unter regelmäßiger Zuhilfenahme unheilvollen Donnergrollens – schon bald eine bedrohliche Atmosphäre entwickelt. Das von Joe Kelly selbst verfasste Skript streut diffus Hinweise in sämtliche Richtungen, wenn er lange Zeit ausschließlich der jungen Protagonistin folgt, die sich penibel an die sich selbst auferlegten Regeln hält und den sogenannten Riesen Fallen stellt, um sie zu besänftigen. Steht den Bewohnern des Ortes also tatsächlich eine Monsterinvasion bevor, oder spielt sich all das nur in Barbaras Kopf ab? Wenn es darum geht, Unbehagen und Unsicherheit zu schüren, ist „I Kill Giants“ lange Zeit über wirklich gelungen.

Auch bei der Zeichnung der jungen Heldin geht man prinzipiell einen sogar mutigeren Weg, als Bayona bei „Sieben Minuten nach Mitternacht“: Die von „Conjuring 2“-Star Madison Wolfe verkörperte Barbara ist trotz der lange Zeit im Unklaren bleibenden, privaten Situation nämlich alles andere als das mitleiderregende Opfer, sondern ein bisweilen ganz schön anstrengendes Persönchen. Leider geht Wolfe in der Verkörperung ihrer Rolle so sehr auf, dass ihre besserwisserische Attitüde schnell ins Nervige kippt. Dass sich ihre Mitschülerinnen und Mitschüler schwertun, Kontakt zu der stets mit Hasenohren herumlaufenden Teenagerin aufzubauen, ist daher durchaus nachzuvollziehen. Auch der Vertrauenslehrerin Mrs. Mollé (souverän: Zoe Saldana, „Guardians of the Galaxy, Vol. 2“) tritt Barbara derart trotzig entgegen, dass man sich schon arg Mühe geben muss, das Interesse an ihrem Schicksal nicht völlig zu verlieren. Wolfe mimt den Part der selbstbestimmten Monsterjägerin zwar einprägsam und glaubhaft, doch es mangelt ihr (noch) sichtbar an Gespür, die darunter verborgene Verzweiflung herauszuarbeiten. Erst wenn das Finale für Aufklärung sorgt, bekommt man einen Eindruck von Barbaras verletzter Seele, doch die Art und Weise, wie sich Barbara psychisch entblößt, mündet in hemmungslosem Overacting.

Was steckt hinter den Monstern, vor denen Barbara die Bevölkerung ihres Städtchens zu warnen versucht?

Könnte man auch einem Film selbst so etwas wie „Overacting“ attestieren, ließe sich das auch im Hinblick auf die Inszenierung von „I Kill Giants“ behaupten, wenn es im finalen Drittel schließlich zum alles entscheidenden Showdown kommt. Abgesehen davon, dass der vermeintliche Twist für Kenner von „A Monster Calls“ zwangsläufig wie ein Abklatsch wirken muss, lässt Anders Walters für den Abschluss seines Films sämtliche zuvor noch anklingende Subtilität hinter sich und inszeniert unter Zuhilfenahme haarsträubend schlechter Effekte einen Kampf zwischen Mädchen und Riese, der so aussieht, als hätte man es hier mit einer frühen Rohfassung von „Pacific Rim“ oder dergleichen zu tun. Und nicht nur das. Das Ganze ist dann auch so schnell wieder vorbei, dass man sich um eine Auflösung des zuvor noch so dominanten Monster-Überbaus regelrecht betrogen fühlt. Am Ende hat natürlich auch „I Kill Giants“ eine ehrenwerte Message und ist in seiner Bebilderung eines tragischen Teeniekonflikts kreativ gedacht. Aber das liegengelassene Potenzial, gepaart mit der Tatsache, dass es einen sehr ähnlichen Film bereits in brillanter Formvollendung gibt, macht „I Kill Giants“ zu einem verzichtbaren Vertreter seines Genres.

Fazit: Die Vorlage von „I Kill Giants“ war zwar zuerst da, doch die Verfilmung schaut sich lediglich wie ein liebloser Abklatsch des Ausnahmedramas „Sieben Minuten nach Mitternacht“.

„I Kill Giants“ ist seit dem 26. Juli auf DVD und Blu-ray erhältlich.

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