Im Zweifel glücklich

In seiner Tragikomödie IM ZWEIFEL GLÜCKLICH schickt Regisseur Mike White Hauptdarsteller Ben Stiller durch eine amtliche Midlife-Crisis und kommt dabei nicht so recht aus dem Quark. Für viele schöne Momente reicht es trotzdem – mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Eigentlich hat Brad (Ben Stiller) alles, um glücklich zu sein: Eine liebende Ehefrau (Jenna Fischer), eine erfüllende Arbeit und einen talentierten Sohn (Austin Abrams). Trotzdem beschleicht ihn ständig das Gefühl, nicht genug erreicht zu haben – im Gegensatz zu seinen früheren Studienfreunden, deren erfolgreiche Karrieren er neidisch aus der Ferne verfolgt. Als er mit seinem Sohn mögliche Colleges an der Ostküste besichtigt, ist eine Begegnung mit einem alten Freund unvermeidlich. Craig (Michael Sheen) ist inzwischen ein gefeierter Buchautor, wodurch Brad sein Mittelklassestatus umso schmerzhafter bewusst wird. Bis er bemerkt, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem erfolgreichem Leben und einem glücklichen.

Kritik

Man soll sich ja in der Regel nicht von ersten Eindrücken täuschen lassen – aber da Regisseur Mike White nun mal das Drehbuch zur Animationskatastrophe „Emoji – Der Film“ verantwortet hat und auch sein letztes Projekt „Pitch Perfect 3“ wahrlich keinen Anlass zur Begeisterung lieferte, hält sich die Euphorie anlässlich „Im Zweifel glücklich“ in engen Grenzen. Hierfür verfasste White ebenfalls das Skript und übernahm zu allem Überfluss auch noch die Regie, worin er außerdem weitaus weniger Erfahrung vorweisen kann, als in seiner Arbeit als Drehbuchautor. Nun steht die zeitlich zwischen „Emoji“ und „Pitch“ entstandene Tragikomödie mit Ben Stiller aber nun mal in den Startlöchern – und überrascht! Ist sie doch etwas ganz Anderes als das, worauf Whites letzte Arbeiten haben schließen lassen. Seine Geschichte über einen Mittvierziger in der Lebenskrise erinnert nämlich eher an frühere Projekte des gebürtigen Kaliforniers, als er noch so melancholische Geschichten erzählte wie in „Nix wie weg aus Orange County“.  „Im Zweifel glücklich“ fehlt es an emotionaler Mannigfaltigkeit und an einer Dynamik, die den Film auch abseits von Stillers Selbstmitleidseskapaden trägt. Aber er zeigt uns Ben Stiller („The Meyerowitz Stories“) in zurückhaltender Bestform und fördert viele kleine, smarte Beobachtungen über zwischenmenschliche Kommunikation zutage.

Brad (Ben Stiller) und sein Sohn Troy (Austin Abrams) machen seit Ewigkeiten wieder einmal etwas gemeinsam.

„Im Zweifel glücklich“ erzählt viel und gar nichts – viel insofern, als dass Brads geistiger Reifeprozess immerhin eine ganze Filmhandlung einnimmt und daher bis in die aller kleinsten Nuancen aufbereitet werden kann. Auf der anderen Seite geschieht diese Charakterstudie im Rahmen einer Geschichte, die per se vollkommen unspektakulär ist. Brad und sein Sohn Troy klappern auf einer Reise quer durchs Land verschiedene Eliteuniversitäten ab, knüpfen Bekanntschaften mit Einheimischen, sinnieren, schwelgen in Erinnerungen und unterhalten sich. Einem Woody Allen würde eine solch unaufgeregte und gleichermaßen redselige Inszenierung sicher gefallen; die Intensität seiner Dialoge erreicht White mit „Im Zweifel glücklich“ jedoch nie. Immer wieder kommt es zu Leerlauf, bisweilen wiederholen sich de Aussagen des in sich und seinen Gedanken gefangenen Brad, werden so aber auch zum Konzept. Mike White skizziert das Schicksal eines Mannes, dessen Gedanken permanente Kreise ziehen. Inwiefern der Zuschauer Brad dafür bemitleiden, sich mit ihm identifizieren, oder ihn gar als krasses Beispiel dafür ansehen soll, wie man es selbst am besten nicht macht, geht aus der Art der Inszenierung leider nicht hervor. So kann es bisweilen ganz schön anstrengend sein, Brad im ewigen Jammertal zuzusehen.

Eine Sache macht Mike White allerdings richtig: Die aus den verschiedenen Lebenswegen seiner ehemaligen Freunde und Klassenkameraden resultierenden Selbstzweifel sind keine bloße Behauptung, sondern werden im Laufe der 102 Minuten Laufzeit nachvollziehbar aufbereitet. Man muss sich als Zuschauer zwar ganz besonders in die Denkweise des melancholischen Protagonisten hineinbegeben (viele der geschilderten Ereignisse wirken für sich auf Außenstehende alles andere als tragisch), um in der Summe zu erkennen, wo Brads Gefühle herrühren; dann allerdings entspinnt sich auf der Leinwand eine umso intimere Erzählung darüber, was uns glücklich und, vor allem, was uns unglücklich macht. Um inszenatorisch nicht in Eintönigkeit zu verfallen, lässt White seine beiden Hauptfiguren diverse Stationen abklappern und schlägt zwischendurch auch immer mal wieder deutlich heitere Töne an. Dass hinter allzu hohen Erwartungen an sich selbst nämlich nicht bloß niederschmetternde Tragik steckt, sondern die Gründe hierfür durchaus komisch sein können, macht sich der Regisseur zunutze und verhilft „Im Zweifel glücklich“ somit zu einem emotional vielfältigen Gewand. Auch die augenscheinlich so perfekten Lebensentwürfe von Brads diversen Schulfreunden entlarvt der Film ziemlich schnell als Trugschluss. Schade ist nur, dass die Macher es verpassen, ihrem Brad diese offensichtliche Erkenntnis ebenfalls zuzugestehen.

Brad versucht, seinem Sohn auch gegen dessen Willen zu helfen.

Durch dieses Festhalten an Brads Depression verpasst „Im Zweifel glücklich“ den emotionalen Absprung von der niederschmetternden Bestandsaufnahme, hin zur vorsichtigen Selbsterkenntnis, dass all das vielleicht doch gar nicht so schlimm ist. Das ist vor allem deshalb so schade, weil White zwar bewusst aus Brads Perspektive heraus erzählt, er diesem aber (ebenfalls bewusst) seinen Sohn an die Seite gestellt hat. Troys nicht von der Hand zu weisenden Erfolge betonen zwar, wie stark Brad in seiner eigenen Welt aus Misserfolg, Missgunst und Selbstmitleid gefangen ist – sonst würde er diese letztlich honorieren –, wirken im Zusammenhang mit Brads Charakterzeichnung jedoch inkonsequent. White etabliert Brad bei aller Verzweiflung als smarten, um seine Stärken wissenden Kerl. Dass dieser nur halbherzig am Leben seines wohlgeratenen Sohnes teilnimmt und ihn im Zuge geistiger Umnachtung schon mal regelrecht in die Pfanne haut, unterstreicht die Verbissenheit seiner Figur auf extrem billige Weise. Da ist es Glückssache, dass Mike White Ben Stiller für die Hauptrolle gewinnen konnte. Er überspielt erzählerische Unebenheiten wie selbstverständlich und macht aus seinem Brad am Ende immer noch einen Charakter, den man bei aller anstrengenden Attitüde nicht verachtet.

Fazit: Ein Fazit zu „Im Zweifel glücklich“ fällt uns ebenso schwer, wie Ben Stiller in diesem Film das Glücklichsein. Einerseits gelingt Mike White mit seiner Tragikomödie eine sehenswerte Erzählung darüber, wie leicht es ist, sich selbst im Weg zu stehen. Andererseits fehlt es Skript und Inszenierung aber auch oft an Feinschliff, sodass der Film letztlich schwerfälliger daherkommt, als er müsste.

„Im Zweifel glücklich“ ist ab dem 29. März in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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