Vor uns das Meer

Für sein dokumentarisches Abenteuerdrama VOR UNS DAS MEER lässt „Die Entdeckung der Unendlichkeit“-Regisseur James Marsh Hollywoodstar und Charakterdarsteller Colin Firth in See stechen und eine tragische Reise um die Welt und zu sich selbst erleben. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

1968 im englischen Teignmouth: Donald Crowhurst (Colin Firth) ist ein wohlsituierter Familienvater und Hobbysegler, der seiner Familie die Probleme in der Firma bislang verschweigen konnte. Um seine Geldsorgen loszuwerden, nimmt er eines Tages beim Sunday Times Golden Globe Race teil. um der schnellste Mensch zu werden, der allein und ohne Zwischenstopp die Welt umsegelt. Mit seinem unfertigen, selbst entworfenen Boot und im Glauben, sich das für so eine Reise notwendige Fachwissen während der Fahrt selbst anzueignen, sticht Crowhurst schließlich in See. Seine Frau Clare (Rachel Weisz) und die gemeinsamen Kinder lässt er an Land zurück und begibt sich Hals über Kopf in ein gefährliches Abenteuer, das Geschichte schreiben wird. Ob aufgrund eines Sieges oder durch seinen Tod, steht dabei allerdings noch in den Sternen…

Kritik

Heutzutage hat im Leben nur derjenige etwas erreicht, der mindestens eine Weltreise unternommen und dabei zu sich selbst gefunden hat – und im Idealfall noch, bevor er ein Studium begonnen oder das erste Mal so richtig Geld verdient hat. Wie viel das mit echter Abenteuerlust oder dem Verlangen, die Welt gesehen zu haben, bevor der Ernst des Lebens losgeht, zu tun hat, ist von Individuum zu Individuum unterschiedlich. Letztlich wachsen wir heutzutage in einer solch vernetzten Welt auf, dass zumindest echtes Entdeckertum kaum noch möglich ist; geschweige denn die Gefahr, in der Fremde verloren zu gehen. Nicht so Ende der Sechzigerjahre, als der Plan, ganz alleine die Welt zu umsegeln, noch mit richtigem Risiko behaftet war – erst recht, wenn man, wie der britische Geschäftsmann Donald Crowhurst, gerade einmal Amateurkenntnisse mitbringt, um diese Reise anzutreten. Abenteuerfilme, die sich ein Einzelschicksal herauspicken, betonen normalerweise, wie Jemand das schier Unmögliche doch noch möglich gemacht hat. Doch Donald Crowhurst ist kein Held und „Vor uns das Meer“ kein Märchen. Der Hobbysegler scheiterte an seinen großen Ambitionen, was James Marsh („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) in seinem Abenteuerdrama und Biopic ungeschönt einfängt; jedoch nicht, ohne der Situation hier und da einen Hauch wilder Romantik zuzugestehen.

Donald Crowhurst (Colin Firth) und seine Frau Clare (Rachel Weisz) genießen, zusammen mit ihren Kindern, ein Picknick am Strand.

James Marsh, dessen Steven-Hawking-Biopic 2015 für mehrere Oscars nominiert und einmal mit selbigem ausgezeichnet wurde (Bester Hauptdarsteller für Eddie Redmayne), hat sich nicht zuletzt durch seine Vergangenheit als Dokumentarfilmer auf die Nacherzählung echter Schicksale spezialisiert. „Vor uns das Meer“ reiht sich da perfekt ein und ist eine unaufgeregte Charakterstudie, die auf stilistische Überhöhung verzichtet und sich ganz auf eine realitätsgetreue Inszenierung konzentriert. Gerade im Hinblick darauf, dass der endgültige Verbleib des irgendwann auf offener See einfach verschwundenen Donald Crowhurst nie völlig geklärt wurde, ist die fernab jedweder Effekthascherei und Spekulation befindliche Machart des Films definitiv lobenswert, erweist sich hin und wieder aber auch ein wenig als Spannungsblocker. Zu Beginn zieht Marsh einen Großteil der erzählerischen Dynamik allerdings noch aus der charakterlichen Doppelbödigkeit seines einerseits träumerischen, andererseits durchaus egomanischen Protagonisten (die Idee, seine Familie über mehrere Monate lang im Stich zu lassen, um sich stattdessen als Abenteurer zu versuchen, ist durchaus als selbstsüchtig zu verstehen). Colin Firth („Kingsman: The Golden Circle“) versteht es, seinen Donald Crowhurst durch den größtmöglichen Kontrast zu einem spannenden Charakter zu machen und lässt es in seiner Herzensgüte zu jedem Moment erkennen, dass der Mann vor allem im Bestreben, seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen, die gefährliche Reise antritt.

Auch Donalds zurückgelassener Ehefrau und seinen beiden Kindern widmet das Skript von Scott Z. Burns („Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“) Zeit. Leider nicht allzu viel, denn viele spannende Aspekte abseits von Donalds Seeabenteuer reißt „Vor uns das Meer“ nur an. Dazu gehört vor allem ein Detail im Nebenhandlungsstrang rund um Crowhursts Gattin Clare, die von sensationsgeilen Journalisten belagert wird und ihnen regelmäßig – genau wie Donald selbst – Bericht über seinen Verbleib erstatten muss. So richtig zur Geltung kommt das allerdings erst, als er verschwunden ist und sich die vermeintliche Witwe in einer flammenden Rede an die gierige Presse wendet und ihr Mitschuld am Schicksal ihres Mannes gibt. Für sich genommen, ist das zwar eine starke Szene, doch so ganz ohne erzählerisches Fundament fehlt es ihr an der notwendigen Emotionalität. Zuvor war von den Journalisten – ganz gleich, wie sich das alles in der Realität abgespielt haben mag – schlicht und ergreifend kaum etwas zu sehen, geschweige denn der Druck auf das Ehepaar zu spüren. Auch die seelische Verfassung Crowhursts auf See bleibt unterbelichtet, wenn eine einzige optische Vision und ein zurückhaltender Off-Kommentar alleine repräsentieren sollen, dass der Segler nach und nach in einen solchen Wahnsinn abdriftet, dass er sich schließlich dazu entschließt (respektive entschließen könnte), Selbstmord zu begehen. So lobenswert der Verzicht auf Effekthascherei auch sein mag, so sehr fehlt es „Vor uns das Meer“ an der notwendigen Intensivität, die Atmosphäre auf dem Boot auch ohne eine solche greifbar zu machen.

Donald Crowhurst (Colin Firth) auf seinem Boot, nach mehreren Monaten auf dem offenen Meer.

Trotzdem kann man sich nach dem Sehen von „Vor uns das Meer“ gut ein Bild davon machen, was Donald Crowhurst gleichermaßen antrieb wie schließlich – im wahrsten Sinne des Wortes – zu Fall brachte (ob der Mann letztlich Suizid beging, oder ein Unfall ihn über Bord gehen ließ, ist bis heute nicht geklärt und wird auch im Film offen gelassen). Zwar mangelt es der Geschichte selbst ein wenig an Ecken und Kanten, doch inszenatorisch gelingt James Marsh ein einmal mehr authentischer wie technisch perfekt inszenierter Einblick in eine vergangene Dekade. Die technische Ausstattung, von der Kulisse („Vor uns das Meer“ wurde an Originalschauplätzen in Teignmouth sowie auf offener See vor Großbritannien und Malta gedreht) über Make-Up, Frisuren und Kostüme, bis hin zum Nachbau des damals tatsächlich verwendeten Schiffsmodells, atmet die Luft der späten Sechzigerjahre und lässt die Leinwandereignisse echt und unverfälscht wirken. Tatsächlich erhält man nach einer gewissen Zeit den Eindruck, als zweiter Passagier mit an Bord von Crowhursts Schiff zu sein. Dem mit verschiedenen Witterungs- und Landschaftsverhältnissen vertrauten Kameramann Eric Gautier („Into the Wild“) gelingt der Wechsel zwischen der beklemmenden Enge auf dem Boot sowie der menschenleeren Weite der offenen See hervorragend, während sich der kürzlich verstorbene Komponist Jóhann Jóhannsson  („Arrival“) der unaufgeregten Erzählung mit einem simplen pianolastigen Score anpasst. Das passt dazu, dass Colin Firth außerdem nur wenig spricht; ähnlich Robert Redford im Ein-Mann-Schiffsdrama „All is Lost“ steht ihm hier stets der innere Zwiespalt zwischen  halsbrecherischer Abenteuerlust und stummer Resignation ins Gesicht geschrieben. Ein waschechtes Himmelfahrtskommando!

Fazit: „Vor uns das Meer“ ist ein unaufgeregtes Abenteuerdrama über einen Mann, dessen Scheitern vorbestimmt war. Colin Firth erweckt diesen Mann zum Leben und kann erzählerische Defizite weitestgehend ausgleichen. Trotzdem überzeugt die stilsichere Inszenierung mehr, als die Geschichte selbst, die letztlich zu viel behauptet und zu wenig zeigt.

„Vor uns das Meer“ ist ab dem 29. März in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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