Das schweigende Klassenzimmer

Der durch „Der Staat gegen Fritz Bauer“ besten mit der Verfilmung deutscher Geschichte vertraute Regisseur Lars Kraume widmet sich in DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER einmal mehr hiesiger Historie und inszeniert eine starke Geschichte über Mut und Solidarität. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

1956: Bei einem Kinobesuch in Westberlin sehen die Abiturienten Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) in der Wochenschau dramatische Bilder vom Aufstand der Ungarn in Budapest. Zurück in Stalinstadt entsteht spontan die Idee im Unterricht eine solidarische Schweigeminute für die Opfer des Aufstands abzuhalten. Doch die Geste zieht viel weitere Kreise als erwartet: Während ihr Rektor (Florian Lukas) zwar zunächst versucht, das Ganze als Jugendlaune abzutun, geraten die Schüler in die politischen Mühlen der noch jungen DDR. Der Volksbildungsminister (Burghart Klaußner) verurteilt die Aktion als eindeutig konterrevolutionären Akt und verlangt von den Schülern innerhalb einer Woche den Rädelsführer zu benennen. Doch die Schüler halten zusammen und werden damit vor eine Entscheidung gestellt, die ihr Leben für immer verändert…

Kritik

Der in Italien geborene Regisseur Lars Kraume ist bereits seit 1996 aktiv im Filmgeschäft tätig und wurde bereits zwei Jahre nach seinem Debüt als Kurzfilmemacher für seine erste abendfüllende TV-Arbeit engagiert. Es folgten Arbeiten für Erfolgsformate wie „KDD – Kriminaldauerdienst“ oder das Krimi-Flaggschiff „Tatort“; auch für das vielbeachtete Fernsehexperiment „Terror – Das Urteil“ zeichnete Kraume verantwortlich. So richtig ins Gespräch brachte sich der Regisseur und Autor aber 2015, als sein Drama „Der Staat gegen Fritz Bauer“ nicht nur von den Kritikern mit Lob überhäuft wurde, sondern auch einen Durchmarsch beim Deutschen Filmpreis hinlegte. Die Verfilmung von Dietrich Garstkas auf wahren Ereignissen basierendem (Sach-)Buch „Das schweigende Klassenzimmer“ ist im Anbetracht ähnlicher Tonalität und Thematik nur naheliegend. Wie schon in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ geht es auch darin um eine in Kriegsumfeld spielende Geschichte von moralischer Diversität, in der Dinge eigentlich eindeutig sind, von den falschen Seiten allerdings nicht als solche aufgefasst werden. Am Ende steht ein Wort (beziehungsweise ein Schweigen) gegen das andere – und der Zuschauer weiß ganz genau, auf welcher Seite er sich befindet.

Theo (Leonard Scheicher) erhält von Rektor Schwarz (Florian Lukas) einen Tadel während des Fahnenappells.

Wie schon in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ blickt Lars Kraume, der auch das auf dem Buch basierende Skript verfasste, nicht einfältig auf das Geschehen. Ganz eindeutig positioniert er sich an der Seite seiner politisch engagierten Schüler, doch zu der verhängnisvollen Schweigeminute in Gedenken an die Opfer des Aufstandes von Ungarn gehören deutlich komplexere Gedankengänge. Das ist für den Zuschauer nicht immer bequem; wenn Kraume im späteren Verlauf der Geschichte auch die Sichtweisen der um Aufbereitung der eigenen Erlebnisse bemühten Väter und Mütter der des Verrats beschuldigten Kinder miteinbezieht, sind die (auch emotionalen) Dimensionen der Geschichte nur zu erahnen. Insofern ist „Das schweigende Klassenzimmer“ zwar fast schon als Kampf zwischen Gut und Böse zu verstehen (gerade wenn man die Performance des einmal mehr großartig unangenehmen Burkhart Klaußner als Volksbildungsminister Lange betrachtet, erhält das Böse sogar ein Gesicht), doch Kraume bemüht sich – mehr noch als das Buch – um die Ergründung noch so erschütternder Ideologien, ohne je in falsche Solidarität oder gar Verklärung abzudriften. Vielmehr geht es in „Das schweigende Klassenzimmer“ darum, die hier aufbereiteten Ereignisse als Spitze eines politischen Eisbergs zu begreifen und darum, zu ergründen, wie ebenjener überhaupt entstehen konnte.

Dass sich das Buch noch fokussierter mit der Schulklasse selbst befasst, liegt nicht zuletzt daran, dass der Autor Dietrich Garstka selbst dem besagten schweigenden Klassenzimmer angehörte. Insofern beziehen sich seine Schilderungen vorzugweise auf die von ihm direkt wahrgenommenen Erlebnisse. Lars Kraume dagegen kann den Blick erweitern und im Einzelnen Dinge schildern, die von Garstka damals zwangsläufig gar nicht wahrgenommen werden konnten. Was Kraume dagegen weniger gelingt, sind die vereinzelt eingestreuten, persönlichen Differenzen unter den Schülern. Immer mal wieder deutet er amouröse Bindungen zwischen den Hauptfiguren an oder platziert sogar eine halbherzige Eifersuchtsfehde. Während derartige Szenen dazu dienen sollen, den Figuren auch über das politische Engagement hinaus Profil und Privatleben zuzugestehen, bremsen sie das Geschehen in erster Linie aus und werden außerdem derart beiläufig vorgetragen, dass man sie auch einfach hätte weglassen können. Viel interessanter ist es ohnehin, mitanzusehen, wie die Schülerinnen und Schüler sukzessive die Zustände in der Welt entdecken und erkennen müssen, dass nicht alles so ist, wie man es ihnen weismachen möchte. Dazu gehört auch, die Naivität der Figuren wohlweislich zu berücksichtigen; „Das schweigende Klassenzimmer“ handelt nicht von einer Handvoll Teenagern, die einfach wesentlich schlauer sind als andere junge Erwachsene in ihrem Alter, sondern von Menschen, die einfach nur in einem Moment das richtige getan und erst in Nachhinein erkannt haben, was sie damit eigentlich angerichtet haben.

Volksbildungsminister Lange (Burghart Klaußner)

Dass all das funktioniert und sich die Gefühlszustände der Hauptfiguren auch auf den Zuschauer gut übertragen, liegt nicht zuletzt an dem hervorragenden Ensemble, in dem – im wahrsten Sinne des Wortes – die Newcomer die Hauptrolle spielen. Mit Ausnahme von Anna Lena Klenke, die bereits in der „Fack ju Göhte“-Reihe und „Rock My Heart“ besonders positiv auffiel, griffen die Verantwortlichen bei der Besetzung vor allem auf ganz neue, frische Gesichter zurück. Von Leonard Scheicher („Es war einmal Indianerland“) über Tom Gramenz („Am Himmel der Tag“) bis hin zu Isaiah Michalski („Hänsel & Gretel: Hexenjäger“) machen alle einen hervorragenden Job und stellen in ihrer charismatischen Verbissenheit selbst Großkaliber wie Burghart Klaußner („Elser“) oder Michael Gwisdek („Männerhort“) in den Schatten. „Das schweigende Klassenzimmer“ ist ganz klar ein Schauspielerfilm. Da ist es auch nur nebensächlich, dass Lars Kraume aus inszenatorischer Sicht nur wenig riskiert. Trotz der authentischen Ausstattung, die den Zuschauer direkt ins ehemalige Stalinstadt (heute Eisenhüttenstadt) der späten Fünfzigerjahre katapultiert, hält sich Kraumes Stammkameramann Jens Harant („Der Staat gegen Fritz Bauer“) mit Experimenten zurück. Im Fokus steht ganz alleine das Schicksal des aufbegehrenden Klassenzimmers und die sich daraus entwickelnden Konflikte – sowohl innerhalb der Klasse, als auch außerhalb. Allein das ist schon spannend genug.

Fazit: Substance Over Style: Inszenatorisch bewegt sich „Das schweigende Klassenzimmer“ auf dem soliden Niveau deutscher Geschichtsfilme, doch die starken Nachwuchsdarsteller veredeln den ohnehin viel wichtigeren Faktor: die mitreißende, inspirierende Story.

„Das schweigende Klassenzimmer“ ist ab dem 1. März in den deutschen Kinos zu sehen.

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