The Wailing – Die Besessenen

Na Hong-Jins düsterer Horrorthriller THE WAILING – DIE BESESSENEN blickt ausgiebig in menschliche Abgründe und holt aus diesen weit mehr heraus, als einen herkömmlichen Exorzismus-Plot. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Eine Reihe von bestialischen Übergriffen und grausamen Morden erschüttert ein kleines Dorf in Südkorea. Scheinbar ohne jeglichen Grund greifen sich Nachbarn in brutalster Weise an. Der Dorfpolizist Jong-goo (Kwak Do-Won) bemüht sich um Aufklärung, doch es gibt keine erkennbare Erklärung für die Welle an Gewalt. Umso schneller kochen die Gerüchte und Schuldzuweisungen hoch. Es heißt, ein japanischer Einsiedler, der seit kurzem in einer Hütte im Wald haust, stecke hinter der Mordserie. Die Lage droht zu eskalieren, als eine dämonische Macht von der Tochter des Polizisten Besitz ergreift. Um sie zu retten, setzt Jong-goo auf die Hilfe eines Schamanen und entfesselt dabei die wahre Macht des Bösen…

Kritik

Vor Kurzem warfen wir im Rahmen unserer Review zum Horrordrama „It Stains the Sands Red“ einen Blick auf die Historie des Zombiefilms. Einen ähnlichen Schlenker könnten wir diesmal auch machen, wenn wir uns vor der Besprechung von „The Wailing – Die Besessenen“ kurz damit auseinander setzen, wie es dem Subgenre des Exorzismusfilms in den vergangenen Monaten und Jahren ergangen ist. William Friedkins Klassiker „Der Exorzist“ war bis zum Start der aktuellen „Es“-Verfilmung immer noch der erfolgreichste Horrorfilm aller Zeiten und der Trend zu derartigen Austreibungsthrillern hielt sich konstant bis heute: Ob „Erlöse uns von dem Bösen“, „Der Exorzismus von Emily Rose“ oder „The Last Exorcism“ – das Angebot in diesem Segment ist riesig. Regisseur Na Hong-Jin („The Yellow Sea“) ergänzt es mit „The Wailing – Die Besessenen“ nun um ein einen weiteren, stimmungsvollen Beitrag und erzählt dabei keine klassische Horrorgeschichte, sondern macht aus seiner Arbeit eine Studie über Angst und Vorurteile, in der sich sogar die politischen Spannungen zwischen Japan und Korea widerspiegeln, die Na Hong-Jin leider nur am Rande und eher wie durch Zufall streift.

Eine unheimliche Frau bewirft einen harmlosen Police-Officer plötzlich mit Steinen.

In der Regel geben sich die Regisseure von Exorzismusfilmen viel Mühe, vor dem über das Opfer hereinbrechenden Grauen eine möglichst friedfertig-harmlose Szenerie zu etablieren. Es muss schließlich eine Fallhöhe geben, damit sich das Böse umso brachialer auf den Status Quo auswirkt. Im Falle von „The Wailing“ ist das ein wenig anders: Hier ahnt man bereits zu Beginn, dass in diesem südkoreanischen Dorf etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Na Hong-Jin macht es sich zwar ein wenig einfach, wenn es darum geht, das kleine Städtchen so unheimlich wie möglich erscheinen zu lassen (es regnet ständig, in die Innenräume der Häuser fällt kaum Tageslicht und von den nach und nach auftretenden Figuren gibt es keine Einzige, die auch nur im Ansatz sympathische Züge aufweisen würde), aber wie man es aus finsteren Thrillern der Marke „Sieben“ kennt, entsteht durch gut gemachte Düsternis im besten Fall ein ausnahmslos beklemmendes Gefühl. Genau das haben Hong-Jin und sein Kameramann Hong Kyung-Pyo („Snowpiercer“) perfekt drauf: Die ruhigen, fast statischen Bilder wirken wie paralysierend und geben dem Zuschauer genug Zeit, die Details zu erkunden. Je weiter die Geschichte voranschreitet, umso mehr beginnt das Publikum schließlich, in den Hintergründen nach Verweisen, Gestalten oder Hinweisen zu suchen; und manchmal schält sich aus dem Background schließlich auch der eine oder andere finstere Zeitgenosse heraus.

Mit Jumpscares oder anderweitiger Effekthascherei haben die Macher indes nichts am Hut. Der Grusel in „The Wailing“ entsteht in erster Linie aus der Situation heraus; etwa wenn sich eine Frau mit abgebrühter Selbstverständlichkeit immer näher an einen Polizeiermittler heranschleicht, um ihn grundlos mit Steinen zu bewerfen. Auch die Aufeinandertreffen zwischen den ahnungslosen Opfern und den ihnen auflauernden,zombieähnlichen Wesen bleiben trotz wohlplatzierter Gewaltspitzen weitgehend unspektakulär. Hong-Jin setzt nicht auf plötzlich auftauchende Fratzen oder ein betontes Anschwellen der Musik, um Gänsehaut beim Zuschauer zu generieren. Er hält lediglich unvermittelt drauf, nimmt die Kamera selbst in besonders unangenehmen Momenten nicht vom Geschehen und kreiert so ein viel größeres Unbehagen, als würde er lediglich auf billige Schockmomente setzen. Dieser Mut zum Draufhalten hat allerdings nicht nur positive Auswirkungen: Die äußerst üppigen 156 Minuten sind in erster Linie die Folge einer nahezu behäbigen Inszenierung, denn die Verantwortlichen halten sich nicht selten viel zu lange an einzelnen Szenen auf, deren Intensität sich auch dann nicht weiter steigert, wenn man viele Minuten verstreichen lässt. Aus „The Wailing“ ließen sich ganze Fragmente herausstreichen, ohne dass sie Auswirkungen auf Handlungsverlauf, Atmosphäre und Dynamik ausmachen hätten. Kurzum: Der Film ist leider viel zu lang.

Jong-goo (Kwak Do-Won) ermittelt in dem schwierigen Fall.

Einen Teil der Zeit investiert der auch für das Drehbuch verantwortliche Na Hong-Jin in die Figuren. Allen voran der noch am ehesten menschliche Züge aufweisende Dorfpolizist Jong-goo nimmt den ahnungslosen Zuschauer an die Hand und der Ermittlungen an. „The Wailing“ ist zwar durchgehend daran interessiert, was es mit den Anschlägen auf die Dorfbewohner auf sich hat, nutzt diese offene Frage aber vornehmlich, um sich an verschiedenen Vorurteilen abzuarbeiten; dass die Bewohner den erst kürzlich in die Stadt gezogenen Japaner (Jun Kunimura)  sofort als Schuldigen ausmachen, wird dabei zum Kernstück der Erzählung, woran sich schließlich auch die Emotionen aller Beteiligter hochschaukeln. Viel mehr als einen Appell daran, nicht nach Herkunft oder Äußerlichkeiten zu urteilen, kann der Regisseur zwar nicht in seinem Film unterbringen, auf der anderen Seite fasziniert es schon, wie clever die Geschichte konstruiert ist, sodass sich im Laufe der Zeit sämtliche Spekulationen für einen kurzen Moment als durchaus möglich erweisen. Aus einer Sache macht Jong-goo allerdings nie einen Hehl: Die Fäden laufen bei einem der gruseligsten Horrorfilmmädchen aller Zeiten zusammen, bei dem wir uns doch arg wundern, weshalb ihr bemitleidenswerter Vater Jong-goo nicht längst Reißaus vor ihr genommen hat. Denn auch der emotionalen Komponente räumen die Macher nur wenig Raum ein.

Fazit: „The Wailing – Die Besessenen“ ist ein visuell äußerst ansprechender, sehr düsterer Horrorthriller, der vornehmlich durch Spannung und Atmosphäre überzeugt und weniger mit interessanten Figuren.

„The Wailing – Die Besessenen“ ist ab dem 12. Oktober in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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