David Lynch: The Art Life

In dem dokumentarischen Porträt DAVID LYNCH: THE ART LIFE nimmt uns ein Kamerateam hautnah mit ins Atelier des Regie-Altmeisters und ergründet die Vergangenheit des faszinierenden Filmemachers. Mehr dazu in meiner Kritik.

Darum geht’s

David Lynch nimmt uns mit auf eine Reise durch die entscheidenden Jahre seines Lebens. Angefangen mit seiner Erziehung in einer idyllischen amerikanischen Kleinstadt hin zu den dunklen Straßen Philadelphias, begleiten wir Lynch auf seiner Suche nach den Ereignissen, die zu seinem Werdegang als einer der rätselhaftesten Regisseure des zeitgenössischen Kinos beigetragen haben. „David Lynch: The Art Life“ durchdringt Lynchs frühe Kunst, Musik und Filme, beleuchtet die dunklen Ecken seiner einzigartigen Welt, und ermöglicht es den Zuschauern, den Mann und den Künstler besser zu verstehen.

Kritik

David Lynch ist so eine Art irrer Visionär. Psychoanalytiker wären wohl entweder glückselig oder hätten die Aufgabe ihres Lebens vor sich, würden sie versuchen, anhand seiner Filme Rückschlüsse auf seinen Charakter zu ziehen. Was geht in so einem Menschen vor, der mit Filmen wie „Mulholland Drive“, „Inland Empire“ oder der aktuell im Rahmen einer dritten Staffel fortgeführten „Twin Peaks“-Serie dem Term „Surrealismus“ eine ganz neue Bedeutung gegeben hat? Er schnitt Ohren ab („Blue Velvet“), ließ Menschen rückwärts sprechen und ein furchterregendes Monster hinter einem Parkplatz-Diner auftauchen, kreierte schrecklich entstellte Säuglingsmutanten („Eraserhead“) und ließ Menschen in der Traumfabrik langsam dem Wahnsinn verfallen – um nur einen Bruchteil prägnanter Schöpfungen seines Schaffens hier aufzuzählen. Lynch ist zweifelsohne aufregend. Schon allein deshalb lohnt sich auch das dokumentarische Porträt über seiner selbst, auch wenn „David Lynch: The Art Life“ auf den ersten Blick ziemlich enttäuscht. Denn wer sich Näheres über seine Filme oder TV-Arbeiten erhofft, erfährt in dieser Produktion nicht viel darüber. Kurz vor der Entstehung von „Eraserhead“ endet „David Lynch: The Art Life“ und wer bis hierhin durchgehalten hat, wird sich sodann nach einer Fortsetzung sehnen. Aber eben auch nur dann.

David Lynch mit seiner Tochter Lula.

Für Regisseur Jon Nguyen ist „David Lynch: The Art Life“ nicht die erste Arbeit, die sich mit dem Schaffen von David Lynch auseinandersetzt. Schon 2007 inszenierte er mit „Lynch“ einen Dokumentarfilm über ihn, widmete sich dort aber verstärkt seinem Wirken als Regisseur und seiner Bedeutung für die Filmlandschaft. Man möchte meinen, dass über diese schillernde Gestalt Hollywoods alles gesagt wäre; und gerade weil das vermutlich auch so ist, widmen sich Nguyen und seine Co-Regisseure Rick Barnes und Olivia Neergaard-Holm eben nicht (mehr) Lynchs Regiearbeiten, geschweige denn seinen Filmen direkt. Vielmehr betrachten sie – wie es der Titel schon ankündigt – seine Leidenschaft für die Malerei und den Skulpturenbau, indem sie den 71-jährigen US-Amerikaner bei seiner Arbeit im intimen Rahmen des eigenen Ateliers beobachten. Viele Szenen bleiben dabei unkommentiert. Manchmal vergehen rund fünf Minuten, die den Filmemacher beim Malen, Zeichnen oder Basteln zeigen, während zudem auf einen Off-Kommentator verzichtet wird. Wenn etwas gesagt wird, dann nimmt dies ausschließlich David Lynch selbst in die Hand – Gelegenheit für ihn, sich in einem möglichst spektakulären Licht zu präsentieren. Von einer objektiven Berichterstattung kann so natürlich keine Rede sein und bei mancher Anekdote fragt man sich schon, ob Lynch Realität und (Wunsch-)Traum nicht doch durcheinander bringt. Seinen Status als menschliches Rätsel behält Lynch so immerhin konsequent bei.

Während die Bilder betont nüchtern und alles andere als abwechslungsreich daherkommen, sind die Erzählungen David Lynchs durchaus interessant. Dabei konzentrieren sich die Macher vorwiegend auf all das, was passierte, bevor aus Lynch überhaupt erst ein Regisseur wurde. Es geht um die Schulzeit, die Familie, um diverse Umzüge von der einen Stadt in die nächste und dazwischen mogeln sich skurrile Geschichten und Gestalten, die nach und nach Rückschlüsse darauf geben, was Lynch später zu seiner Arbeit inspiriert haben könnte. In einer wichtigen Szene spricht der Filmemacher davon, nicht auf dieser, sondern in seiner eigenen Welt sein zu wollen. Setzt man die vielen Erzählungen in einen Kontext zu den abgehobenen, surrealistischen Bildern, mit deren Hilfe Lynch im Laufe seiner Jahre sämtliche Erfahrungen verarbeitet hat, scheint die Weiterentwicklung zum streitbaren Filmemacher daher nur konsequent, wodurch es Lynch letztlich möglich wurde, in seiner eigenen Welt zu leben. Andererseits weiß er aber auch ganz genau, womit er seine Zuschauer bekommt: Schaut man sich den betont lässig auftretenden und dennoch jedes Wort genau planenden Künstler an, so ist einem bewusst, dass nichts an diesem Porträt Zufall ist. Letztlich könnte auch dieser Film wieder nur Bestandteil einer einzigen großen Marketingmasche sein.

Das Werk „two friends“ von David Lynch.

Trotzdem hat auch dieser Film Momente der Wahrhaftigkeit. Als etwa durch eine Texteinblendung deutlich wird, dass Lynch gerade nicht mit seiner Enkelin, sondern mit seiner Tochter am Tisch sitzt und malt, während dieser Umstand im weiteren Verlauf des Films konsequent außen vor bleibt, wird einem gleichsam bewusst, dass man unabhängig von der Anzahl an Porträts und Dokumentationen nie alles über seine Person wissen wird. Jon Nguyen und seinem Team gelingt es, das Mysterium David Lynch aufrecht zu erhalten und eineinhalb Stunden Film mit Geschichten zu füllen, die trotzdem eine gewisse Faszination auf denjenigen ausüben, der ihnen aufmerksam zuhört. Unter diesen minimalistischen Bedingungen wünscht man sich direkt, es würde erst einmal weitergehen, denn „David Lynch: The Art Life“ endet ausgerechnet dort, wo es für die Filmliebhaber unter den Zuschauern spannend wird. Gleichsam ist diese Dokumentation aber auch sowas wie die Grundlage für alles, was jetzt noch kommen wird. Letztlich kann man sich anhand alledem, was in diesem Film erzählt wird, zusammenreimen, was die Inspiration für Projekte wie „Mullholland Drive“, „Eraserhead“ und Co. war. Und dass man über David Lynch nun wirklich mehr wissen muss als das, was man hier erfährt, ist gar nicht so selbstverständlich.

Fazit: „David Lynch: The Art Life“ ist keine Doku über den Filmemacher David Lynch, sondern über den Künstler hinter seinen Werken. Wie viel an den von ihm erzählten Geschichten dran ist, bleibt bis zuletzt offen. Eine gewisse Faszination für seine Person lässt sich jedoch nicht leugnen.

„David Lynch: The Art Life“ ist ab dem 31. August in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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