Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen

In seinem auf wahren Ereignissen beruhenden Drama HIDDEN FIGURES – UNERKANNTE HELDINNEN erzählt „St. Vincent“-Regisseur Theodore Melfi von einem unbekannten Kapitel der US-amerikanischen Raumfahrergeschichte. Mehr dazu in meiner Kritik.
Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen

Der Plot

Katherine Johnson (Taraji P. Henson), Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monáe) arbeiten zu Beginn der Sechzigerjahre bei der NASA und sind an vorderster Front an einem der wichtigsten Ereignisse der jüngeren Zeitgeschichte beteiligt. Die brillanten Mathematikerinnen sind Teil jenes Teams, das dem ersten US- Astronauten John Glenn die Erdumrundung ermöglicht. Eine atemberaubende Leistung, die der amerikanischen Nation neues Selbstbewusstsein gibt, den Wettlauf ins All neu definiert und die Welt aufrüttelt. Dabei kämpft das visionäre Trio um die Überwindung der Geschlechter- und Rassengrenzen und ist eine Inspiration für kommende Generationen, an ihren großen Träumen festzuhalten.

Kritik

Überraschung! Trotz recht übersichtlicher PR-Kampagne und ohne allzu eindeutiger Star-Power hat das tragikomische Tatsachendrama „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ sein Budget von 25 Millionen US-Dollar schon wieder eingespielt, bevor der Film in weiten Teilen Europas und hierzulande überhaupt gestartet ist. Einer von vielen möglichen Gründen: Die Geschichte um drei Frauen, die im Hintergrund maßgeblich daran beteiligt waren, dass der erste US-Astronaut John Glenn sein Vorhaben der Erdumrundung tatsächlich durchziehen konnte, gehört zum erweiterten Kreis der Award-Favoriten (allein dreimal ist er für den Oscar nominiert). Bei den Golden Globes fand „Hidden Figures“ in den Kategorien „Beste Nebendarstellerin“ (Octavia Spencer) sowie „Bester Score“ (Hans Zimmer und Pharrell Williams) Erwähnung, musste sich allerdings von Viola Davis‘ Performance in Denzel Washingtons Drama „Fences“ sowie als einer von vielen Kandidaten von „La La Land“ geschlagen geben. Trotzdem hat der Film Aufmerksamkeit verdient, was gar nicht unbedingt daran liegt, dass in „Hidden Figures“ ausschließlich die Belange von drei (afroamerikanischen) Frauen im Mittelpunkt stehen, sondern auch daran, dass die rigorose Ablehnung einzelner Ethnien noch heute brandaktuell ist. Damit ist Theodore Melfis Beitrag Beitrag zum aktuellen Award-Geschehen bei aller Leichtfüßigkeit nicht weniger beklemmend – insbesondere aufgrund der schon zu damaliger Zeit vorherrschenden Selbstverständlichkeit darin, Schwarze von Weißen zu trennen; Melfi („St. Vincent“) ist einfach nur ein Meister darin, Amüsement mit einem Augenzwinkern aufzuwiegen.

Test

Die Frauen bei der NASA arbeiten zum damaligen Zeitpunkt meist im Hintergrund…

In einer der einprägsamsten Szenen von „Hidden Figures“ lässt das Skript von Allison Schroeder („Girls Club – Vorsicht bissig 2“) sowie Melfi selbst Hauptfigur Dorothy über das NASA-Gelände laufen, weil sich in ihrem Arbeitstrakt keine Toilette befindet. Selbst in der Kabine versucht die junge Frau, die dadurch verlorene Arbeitszeit aufzuholen, indem sie pinkelnd mit den wichtigen Unterlagen hantiert. Da das Ganze zudem auch noch bei heiterer Musik und im Stile einer durchaus amüsanten Bildmontage geschieht, besitzt diese groteske Szenerie definitiv etwas Komisches; gleichzeitig dauert es nicht lange, bis einem im Anbetracht der diesem Umstand zugrunde liegenden Tatsachen das Lachen im Halse stecken bleibt. Von derartigen Szenen gibt es in „Hidden Figures“ einige, denn Melfi inszeniert wie gewohnt mit leichter Hand. Eine reine Komödie ist der Film trotzdem nie, denn die Betonung der dem Rassismus innewohnenden Idiotie setzt schlicht weitaus interessantere und einprägsamere Akzente, als würde sich der Regisseur auf die ausschließliche Dramatik verlassen. „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ ist ein Auf und Ab an Emotionen und streift die unbequeme Rassendiskussion der damaligen Zeit immer wieder genau dann, wenn es notwendig wird, damit die Kernaussage des Films nicht aus dem Fokus gerät. Wer darin Beschwichtigung oder gar Verklärung sehen möchte, liegt ganz einfach falsch: Selbst die düstersten und schwermütigsten Zeiten und Menschheitskapitel können sich vereinzelt nicht davon lossagen, im Detail auch etwas Komisches zu besitzen – und sei es nur deshalb, um im richtigen Moment entlarvend zu sein.

Getragen wird „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ in erster Linie von seinen drei Hauptdarstellerinnen. Damit wird das Hollywood-Problem um die Dominanz männlicher weißer Hauptfiguren zwar nicht auf Anhieb unter den Teppich gekehrt, doch ein aussagekräftiges Statement setzt Regisseur Theodore Melfi trotzdem, denn tatsächlich ist in seinem Porträt in erster Linie all das relevant, womit die Frauen in Berührung kommen. Taraji P. Henson („Empire“), Octavia Spencer (demnächst auch in „Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“ zu sehen) und Janelle Monáe („Freunde mit gewissen Vorzügen“) spielen ihre vollkommen unterschiedlichen Rollen mit viel Fingerspitzengefühl und verhelfen dem Film gemeinsam zu einer toughen, aufbegehrenden aber auch immer wieder angenehm humorvollen Attitüde. „Hidden Figures“ ist Ensemblekino par excellence, in dem sich kein Darsteller in den Vordergrund drängt. Neben Kirsten Dunst („Midnight Special“) und Jim Parsons („Visions“) setzt auch Kevin Costner („Der mit dem Wolf tanzt“) unterschwellige Akzente. Seine Figur des Projektleiters Al Harrison fungiert vor allem als Beobachter, eh er sich schließlich von sich aus anschickt, die unter der Oberfläche permanent brodelnden Problemherde anzugehen. Costners Performance bleibt zurückhaltend, bis die oberflächliche Strenge seiner Person im entscheidenden Moment glaubhaft aufbricht. Mehr als im Hintergrund die Fäden ziehen, lässt Melfi Costners Figur allerdings nicht. Große Gesten wie das Abhängen des „For White Only“-Toilettenschildes sind vornehmlich symbolischer Natur.

Text

Die drei Frauen greifen aktiv ins Raumfahrtgeschehen ein…

Visuell bleibt „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ zwar weitestgehend unauffällig, akustisch sieht das hingegen ganz anders aus. Die Kollaboration aus Hans Zimmers („Batman v Superman: Dawn of Justice“) theatralischen Orchester-Kompositionen und der Mitarbeit von Pharrell Williams („Minions – Der Film“), der hier nach „Dope“ zum wiederholten Mal auch als Produzent auftaucht, ergibt eine wahrlich ungewöhnliche Mischung. Die den Film dominierende, emotionale Gegensätzlichkeit wird so auch auf musikalischer Ebene immer wieder betont. Kamerafrau Mandy Walker („Jane Got a Gun“) sorgt für schöne Kontraste zwischen der weltoffenen Atmosphäre der NASA-Gebäude sowie den beengten Lebensverhältnissen der Frauen. Theodore Melfi erzählt in genau richtigem Maße auch von den privaten Hintergründen der Protagonistinnen und macht sie so nahbar und ihre Beweggründe für jedwedes Handeln nachvollziehbar. Trotzdem bleibt sein Film in erster Linie die Erzählung von drei Karrierefrauen, einhergehend mit all den Widerständen, denen sie zu damaliger Zeit ausgesetzt waren. Dass das dann wiederum gelingt, ohne auf die Tränendrüse zu drücken (der rührendste Moment ist vermutlich ein Heiratsantrag an eine der Hauptfiguren), ist fast eine kleine Sensation.

Fazit: Mit einem feinen Fingerspitzengefühl für die Balance zwischen Tragik und Komik erzählt Theodore Melfi in einem Tatsachendrama „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ von drei Powerfrauen, die die US-amerikanische Raumfahrtgeschichte entscheidend geprägt haben.

„Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ ist ab dem 2. Februar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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