Die Taschendiebin

Nach Filmen wie „Oldboy“ und „Stoker“ geht es auch in Chan-wook Parks neuestem Film DIE TASCHENDIEBIN einmal mehr um Rache sowie die Frage nach Schuld und Unschuld. Dabei herausgekommen ist ein atemberaubendes Stück asiatischer Kinogeschichte. Mehr dazu in meiner Kritik.Die Taschendiebin

Der Plot

Korea in den 1930er Jahren. Die schöne, aber unnahbare Lady Hideko (Min-hee Kim) lebt mit ihrem dominanten Onkel Kouzuki (Jin-woong Jo) und ihrem ererbten Vermögen in einem abgelegenen Anwesen, dessen Herzstück eine hingebungsvoll gepflegte und bewachte Bibliothek ist. Kouzuki sammelt und verkauft Bücher voll schonungsloser Erotik, die Hideko zahlungskräftigen Herren vorlesen muss, um so den Preis der Bücher in die Höhe zu treiben. Eines Tages kommt ein neues Dienstmädchen, die junge und naive Sookee (Tae-ri Kim), ins Haus von Lady Hideko. Doch das Mädchen hat ein Geheimnis: Sookee ist eine Taschendiebin und Betrügerin, engagiert, um Hideko dem gerissenen Grafen Fujiwara (Jung-woo Ha) in die Hände zu spielen, der sie nach der Hochzeit um ihr Vermögen bringen will. Doch zwischen den beiden jungen Frauen entwickelt sich etwas Unerwartetes: ein ganz eigenes Begehren, eine ungeahnte Zuneigung, die die Karten der Macht neu verteilt.

Kritik

Chan-wook Parks „Oldboy“ gehört trotz seines Daseins als nicht-amerikanischer Film zu den populärsten Mindfuck-Filmen der Gegenwart. Als Spike Lee dem spektakulären Twistride zehn Jahre nach seiner Entstehung einem Remake unterzog, löste er bei den Zuschauern trotz Starbesetzung mit Namen wie Josh Brolin oder Samuel L. Jackson nicht einmal mehr gemischte Gefühle aus. Die Wiederauflage ging bei den Fans des Originals gnadenlos unter. Kein Wunder: „Oldboy“ aus dem Jahr 2013 ist zwar ein an die Sehgewohnheiten des westlichen Publikums weitgehend angepasster Thriller, doch nicht nur das fiebrige Flair und die unberechenbare Atmosphäre konnte Lee kopieren. Vor allem lässt sich die erstmal aus dem Sack gelassene Katze nicht so leicht wieder hineinstecken. Ergo: Wer um die beispiellose Auflösung des Films weiß, der lässt sich nur schwer ein zweites Mal überraschen. Reichlich desillusioniert von der Remake-Maschinerie Hollywoods stand Chan-wook Park der Neuauflage seines Films nicht einmal mehr als Berater zur Seite. Nach dem ersten (und einzigen) Ausflug in die Traumfabrik, den er mit „Stoker“ Ende 2012 vollzog, zieht es den gebürtigen Südkoreaner mit seiner losen Romanadaption „Die Taschendiebin“ nun wieder zurück in heimische Gefilde. Dabei orientiert er sich zwar vage an Sarah Waters‘ „Fingersmith“ (im deutschen unter dem Titel „Solange du lügst“ erschienen), doch letztlich steht sein visuell opulentes Verwirrspiel ganz für sich allein. Und gehört gleichsam zu den Höhepunkten in Parks Vita.

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Von links nach rechts: Jung-woo Ha, Tae-ri Kim, Min-hee Kim und Jin-woong Jo

„Die Taschendiebin“ ist nicht bloß einer der besten Filme Chan-wook Parks, er ist zugleich auch der, bei dem die Handschrift des Regisseurs am deutlichsten zur Geltung kommt. Sowohl inhaltlich – es geht einmal mehr um Begehren, Rache, Schuld und Unschuld – als auch visuell ist das im restlichen Teil der Welt als „The Handmaiden“ vermarktete Thrillerdrama vom Erzählstil und Ästhetikempfinden des 53-jährigen Filmemachers geprägt. Der hier wieder einmal auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnende Regieveteran verfrachtet die im Original im England des 19. Jahrhunderts spielende Geschichte ins Südkorea im Jahr 1930, lässt die Vorlage jedoch immer wieder hervor lugen. Etwa dann, wenn das spektakuläre Anwesen der Lady Hideko zu gleichen Teilen im englischen, als auch im koreanischen Stil erbaut wurde. Überhaupt vermischen sich in „Die Taschendiebin“ Bilder aus sämtlichen von Chan-wook Parks vorherigen Filmen zu einem großen Ganzen, wodurch sein neuestes Werk auch für Zuschauer jenseits des Produktionslandes überraschend zugänglich erscheint. Trotz seiner satten Lauflänge von knapp zweieinhalb Stunden und einer bisweilen recht behäbigen Erzählweise, sorgen inszenatorische Tricks und Kniffe, die Park mitunter direkt aus der Buchvorlage übernimmt, für den Eindruck eines sukzessive immer enger verwobenen Verwirrspieles, das sich die Art der Filmaufteilung und Erzählweise zugunsten des Überraschungseffektes zu eigen macht.

Park erzählt seine Geschichte in drei Teilen. Im ersten etabliert er das Szenario: Im Kern ein Heist-Movie, geht es in „Die Taschendiebin“ um ein gewitztes Gaunerpaar, das eine wohlhabende Lady in einer langwierigen Prozedur um ihr Hab und Gut bringen will, die Rechnung dabei allerdings ohne ihr Moralempfinden gemacht hat. Das zweite Kapitel, eingeleitet von einer 180-Grad-Kehrtwende, erzählt das Geschehen erneut, ergänzt sie aus der Sicht ebenjener Lady Hideko jedoch um wichtige Details und offenbart, dass es vielmehr um die Abhängigkeit der schon seit jungen Jahren abseits der Gesellschaft lebenden Lady geht und darum, sich aus den Fängen ihres dominanten Onkels zu befreien. Kurz vor dem Übergang von Kapitel zwei zu Kapitel drei wird jedoch auch diese Betrachtung noch einmal über den Haufen geworfen, eh im finalen Akt alles zusammen läuft, sich Charaktere in einem ganz neuen Licht präsentieren und auch der Erzählschwerpunkt erneut verlagert wird. Dabei ist „Die Taschendiebin“ weitaus zurückhaltender als man es aus ähnlich gelagerten Genrefilmen kennt; trotz einiger Turn-Arounds und Plottwists bleibt die Geschichte von Anfang an bodenständig und wirkt auch während der Pespektivwechsel nie um Effekthascherei bedacht. Stattdessen verhilft dieses sich erst nach und nach zusammen setzende Puzzlespiel zu anhaltendem Suspense; in „Die Taschendiebin“ erscheint einfach irgendwann alles möglich.

Die Taschendiebin

Graf Fujiwara (Jung-woo Ha) versucht, Lady Hideko (Min-hee Kim) zu betören…

Nun könnte man sich als Regisseur und Drehbuchautor hervorragend darauf ausruhen, sein Publikum allein mit der Erzählweise in dauerhafter Anspannung zu wissen. Chan-wook Park hingegen präsentiert seinen Zuschauern indes nicht nur atemberaubende Settings, geprägt von einer Schönheit, die von minimalistisch bis opulent reicht. Es ist vor allem seine Betrachtung des lesbischen Pärchens, dessen Zusammenfinden er hier so zaghaft, glaubwürdig, dabei jedoch nicht minder erotisch einfängt. Dass die von Min-hee Kim („Right Now, Wrong Then“) hier zu Beginn noch so unnahbar verkörperte Lady Hineko der zwischen naiv und leidenschaftlich changierenden, von Tae-ri Kim („Little Forest“) gespielten Sookee verfällt, bleibt zu jedem Zeitpunkt glaubwürdig – und entlädt sich in einigen ästhetisch gefilmten Sexszenen, deren explizite Darstellung an „Blau ist eine warme Farbe“ erinnert. Sex als alles umspannendes Leitthema in „Die Taschendiebin“ zu nennen, wäre zwar ein wenig zu hoch gegriffen, doch das erotische Knistern ist in dieser auch inhaltlich auf die körperliche Liebe ausgerichteten Romanadaption durchgehend sicht- und spürbar. An „Oldboy“ erinnernde Gewaltspitzen haben zu guter Letzt eine ähnlich intensive Wirkung. Weitaus stärker dazu bei, trägt allerdings die diabolische Präsenz Jin-woong Jos („Der Admiral“) – wir können uns nicht erinnern, wann wir das letzte Mal eine derart widerwärtige Figur im Kino gesehen haben.

Fazit: Chan-wook Parks „Die Taschendiebin“ ist ein komplex-verschachtelt erzähltes, hochspannendes und ebenso erotisches Verwirrspiel um Liebe, Begehren und das Entkommen aus gesellschaftlichen Zwängen. Trotz einiger Längen ist das betörend schön gefilmte Drama schon jetzt ein Highlight des Kinojahres 2017.

„Die Taschendiebin“ ist ab dem 5. Januar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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