Ein Lied für Nour

Seit 2002 wirbt RTL damit, die Castingshow „DSDS“ könne Leben verändern und Träume wahr werden lassen. Im Falle von Mohammed Assaf, der 2013 die arabische Version des Formats für sich entscheiden konnte, stimmt das dann auch tatsächlich mal. Das Biopic EIN LIED FÜR NOUR erzählt sein aufwühlendes Schicksal als Mischung aus Feel-Good-Movie und herbem Drama. Wie gelungen das ist, verrate ich in meiner Kritik.Ein Lied für Nou

Der Plot

Mohammed (Kais Attalah/Tawfeek Barhorn) ist bereits von Kindheit an leidenschaftlicher Musiker und mit einer außergewöhnlichen Stimme gesegnet. Gemeinsam mit seiner Schwester Nour (Hiba Attalah) stand er bereits in jungen Jahren auf Familienfeiern auf der Bühne. Während seiner Arbeit als Taxifahrer erfährt er, dass ein Vorsingen für die nächste Staffel der Castingshow „Arab Idol“ in Kairo stattfindet. Gegen alle Widrigkeiten versucht er an dem Casting teilzunehmen und damit nicht nur sein eigenes Leben maßgeblich zu verändern…

Kritik

Nach vierzehn Jahren ist der Ofen aus. Hierzulande wird der televisionäre Gesangswettbewerb „Deutschland sucht den Superstar“ schon lange nicht mehr für voll genommen. Dabei förderte die unter der Schirmherrschaft von Popmogul Dieter Bohlen stehende Talentsuche durchaus den einen oder anderen, sogenannten „Star“ zutage. Und aus einem Alexander Klaws, einem Mark Medlock oder einer Beatrice Egli ist dann letztendlich sogar was geworden (nicht zu vergessen die beiden Nicht-mehr-Turteltauben Pietro und Sarah Lombardi, ehemals Engels, die derzeit das Neo Magazine Royale mit ihren Schimpftiraden bereichern). Doch gerade in der Anfangsphase ließ sich tatsächlich noch damit werben, dass dem Gewinner oder der Gewinnerin so etwas wie eine Gesangskarriere winkt. Insofern wundert es auch nicht, dass es den im Gaza-Streifen aufgewachsene Mohammed Assaf Anfang 2013 in einer Reihe absolut irrer Zufälle schließlich zum Vorsingen des arabischen Pendants „Arab Idol“ verschlug; dort war das Format gerade erst zwei Jahre alt und als Sprungbrett hin zu einem besseren Leben durchaus noch ernst zu nehmen. Doch nicht nur der Weg hin zum Casting gestaltete sich für Assaf deutlich schwieriger als für unsereins; schließlich musste er sich vom besetzten Gaza-Streifen bis nach Kairo durchschlagen. Auch vor Ort wurde aus dem begnadeten Musiker schnell mehr als ein einfacher Kandidat. Wie es die Live-Aufnahmen am Ende von „Ein Lied für Nour“ beweisen, wurde Mohammed Assaf im Laufe seiner Teilnahme zu einem Grenzen sprengenden Friedensbotschafter, der mit diesem Film ein durchaus ansprechendes Denkmal erhält.

Schon als Kinder treten Mohammed und seine Freunde auf Hochzeiten und Familienfeiern auf.

Schon als Kinder treten Mohammed und seine Freunde auf Hochzeiten und Familienfeiern auf.

Man kommt einfach nicht umher, Parallelen zu Danny Boyles einstigem Oscar-Überflieger „Slumdog Millionär“ zu ziehen. Darin erzählt der „Steve Jobs“-Regisseur die unglaubliche Geschichte des Teenagers Jamal, der im Alter von 18 Jahren den Jackpot in der indischen Version von „Wer wird Millionär?“ gewinnt. In „Ein Lied für Nour“ sind die Zutaten ähnlich, denn auch der israelische Autorenfilmer Hany Abu-Assad („Paradise Now“) vermengt in seinem neuesten Projekt eine im Hier und Jetzt angesiedelte Abenteuergeschichte mit einem dramatischen Porträt, das genau nachzeichnet, weshalb es Hauptfigur Mohammed Assaf überhaupt bis nach Kairo verschlug. Worin sich die beiden Filme stark voneinander unterscheiden, ist der dramaturgische Aufbau. In „Slumdog Millionär“ wechseln sich das aktuelle Geschehen und die Rückblenden auf Jamals Vergangenheit ab. In „Ein Lied für Nour“ geht Hany Abu-Assad chronologisch vor; in der ersten Hälfte widmet er sich ganz der Kindheit und Jugend des heute 27-Jährigen. Eh die Handlung an dem Punkt einsteigt, in welchem Mohammed Assaf vom Casting in Kairo erfährt, vergeht also eine knappe Stunde. Genau dieser Aufbau ist es leider auch, durch den „Ein Lied für Nour“ weitaus weniger mitreißend gerät, als das Quizshow-Pendant von Danny Boyle – wenngleich die familiären Hintergründe Assafs gewiss tragisch anzusehen sind, gerät der Film erst zum Finale hin richtig mitreißend, da die Umstände um seine Castingshow-Teilnahme und die Reise nach Kairo das Herzstück eindeutig des Films sind.

„Ein Lied für Nour“ kann sich nicht so ganz entscheiden, ob er nun eine vor tragischem Kriegshintergrund stattfindende Coming-of-Age-Geschichte sein möchte, oder aber ein Ein-Mann-Abenteuerfilm. Regisseur und Autor Abu-Assad erzählt mit einem guten Blick für Details vom Aufwachsen zweier Geschwister, die sich gemeinsam mit Freunden regelmäßig in die Musik flüchten. Gewiss geraten manche Momente arg plakativ; wenn die toughe Nour (Hiba Attalah) ihren Bruder anfeuert, weiter an seine Träume zu glauben und die beiden Kinder einen wie von einem Abrisskalender stammenden Motivationssatz in die Leere des Gaza-Streifens hinaus posaunen, dann kann man sich trotz des Verweises darauf, dass das alles auf wahren Begebenheiten basiert, nicht so wirklich vorstellen, dass hier tatsächlich auf Tatsachen zurückgegriffen wurde. Insofern gewinnt „Ein Lied für Nour“ schnell an Märchen-Feeling. Erst recht mit dem Wissen darum, wie die Geschichte um Mohammed Assaf endet, bestätigt sich diese sehr weichgespülte Form des Geschichtenerzählens, die der Regisseur immer wieder laut durchbricht, wenn er (leider ebenfalls arg plakativ) Kriegsverwundete oder andere Indizien für die dort vorherrschenden Zustände sehr forciert in die Kamera rückt.

Mohammed und Nour wollen sich das Träumen nicht nehmen lassen...

Die jungen Sänger wollen sich das Träumen nicht nehmen lassen…

Weshalb die Geschichte um Mohammed Assaf allerdings sehr wohl erzählenswert ist, erfährt man spätestens in der zweiten Hälfte. Leider gerät hier auch einmal mehr der Erzählrhythmus des Films aus dem Gleichgewicht. Nimmt sich Hany Abu-Assad für die familiären Umstände seines Protagonisten noch genügend Zeit, hangelt es sich auf dem Weg Richtung Ziel nur noch von Station zu Station. Von der eigentlichen Reise vom Gaza-Streifen in Richtung Ägypten bekommt der Zuschauer lediglich eine der vielen Grenzkontrollen zu sehen. Auch seine vielen Auftritte bei „Arab Idol“ werden in „Ein Lied für Nour“ in einer einzelnen Bildmontage zusammengefasst. Besonders intensiv geraten dafür das aller erste Vorsingen sowie eine schicksalhafte Begegnung mit einem Mitkandidat, sowie der Moment, in welchem Mohammed realisiert, dass die Teilnahme an der Castingshow langsam auch politische Ausmaße annimmt. In all diesen Momenten könnte Hany Abu-Assad immer noch näher an die Figuren herantreten und die durchlebten Emotionen dadurch noch intensiver nachzeichnen. Zumal sein Hauptdarsteller Tawfeek Barhorn („ABCs of Death 2“) in seiner Mischung aus sensibler Naivität und hoffnungsvoller Rebellion sehr gut in seiner Rolle funktioniert. So bleibt „Ein Lied für Nour“ bis zuletzt ein zwar durchaus sehenswerter Film, aber auch einer, bei dem aufgrund der holprigen, dramaturgisch mitunter widersinnigen Inszenierung viel Potenzial auf der Strecke bleibt.

Fazit: „Ein Lied für Nour“ bereitet die absolut erzählenswerte, einzigartige Geschichte um den „Arab Idol“-Gewinner Mohammed Assaf ästhetisch und zum Ende hin mitreißend auf, doch dadurch dass Regisseur Hany Abu-Assad den erzählerischen Fokus (zu) lang auf dessen Kindheit legt, lässt der Film einen verdienten Wiedererkennungswert vermissen.

„Ein Lied für Nour“ ist ab dem 1. Dezember in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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