Florence Foster Jenkins

Jahr für Jahr wiederholt man sich, wenn man Meryl Streep einmal mehr für den Oscar in Erwägung zieht. Aber auch ihre sensationelle Performance in FLORENCE FOSTER JENKINS macht sie zur heißesten Anwärterin auf den Goldjungen. Dich ist das Biopic über die schlechteste Sängerin der Welt ausschließlich tolles Schauspielkino, oder kann der Film noch mehr? Ich verrate es in meiner Kritik.Florence Foster Jenkins

Der Plot

Florence Foster Jenkins (Meryl Streep) ist eine der exzentrischsten Persönlichkeit im New York der Vierzigerjahre. Geradezu zwanghaft verfolgt sie ihren Traum, eine umjubelte Opernsängerin zu werden. Die Stimme, die sie in ihrem Kopf hört, ist wunderschön – für alle anderen klingt sie einfach nur grauenhaft. Ihr „Ehemann” und Manager, St. Clair Bayfield (Hugh Grant), ein englischer Schauspieler von Adel, ist entschlossen, seine geliebte Florence vor der Wahrheit zu beschützen. Als Florence aber beschließt, ein öffentliches Konzert in der Carnegie Hall zu geben, muss sich St. Clair seiner größten Herausforderung stellen.

Kritik

Sie galt als „die schlechteste Sängerin der Welt“, doch mittlerweile ist die zwischen 1868 und 1944 in New York lebende Erbin Florence Foster Jenkins zum Symbol der „Lebe deine Träume!“-Philosophie geworden. Die Sopranistin traf weder im Studio, noch auf ihren zahlreichen Gesangsvorstellungen irgendeinen Ton und doch hielt sie selbst dann noch an ihrer Leidenschaft fest, als ihr Umfeld irgendwann mit der zuvor noch so ambitioniert vor ihr zurückgehaltenen Wahrheit herausrückte. Ein musikalischer Hochgenuss waren die Sangeskünste der stets in exzentrischen Kostümen gekleideten Diva also nie – und trotzdem verkauften sich ihre Platten hervorragend. Sogar ihre Konzerte wurden selbst dann noch besucht, als sich das nicht vorhandene Talent längst herumgesprochen hatte. Um welche Figur ließe sich also besser ein tragikomisches Portrait spinnen, als um Florence Foster Jenkins? Schon die im vergangenen Jahr veröffentlichte, französische Produktion „Madame Marguerite und die Kunst der schiefen Töne“ wurde von ihrem Schaffen inspiriert. Auch das New Yorker Broadway-Stück „Souvenir“ verhalf Jenkins lange nach ihrem Tod noch einmal zu nachwirkender Berühmtheit. Nun schickt sich Stephen Frears mit seinem simpel betitelten, emotionalen Biopic „Florence Foster Jenkins“ an, die Faszination der Figur zu ergründen. Der die leisen Töne perfekt beherrschende Regisseur, der mit „Philomena“ zuletzt schon einmal ein ebenso hoffnungsvolles wie tragisches Einzelschicksal verfilmte, begibt sich in seinem Portrait ganz nah an die ambivalente Figur der Florence und kreiert hieraus ein zwar weitestgehend überraschungsarmes, aber doch auch hochemotionales und mitreißendes Filmerlebnis, das das menschliche Gefühlsspektrum auf sämtlichen Ebenen bedient.

Meryl Streep verkörpert Florence Foster Jenkins mit gewohnter Hingabe und ihrer ganzen Liebe zur Figur.

Meryl Streep verkörpert Florence Foster Jenkins mit gewohnter Hingabe und ihrer ganzen Liebe zur Figur.

Es klingt nach einer Plattitüde und wir möchten uns an dieser Stelle fast schon für diesen Ausruf entschuldigen. Doch die Frage, was Meryl Streep („Into the Woods“) eigentlich nicht kann, darf im Anbetracht ihrer einmal mehr atemberaubenden Schauspielkünste einfach mal gestellt werden. Die Vita der 67-jährigen Hollywood-Ikone lässt nur einen Schluss zu: Kein aktiver Star besitzt bei der Auswahl seiner Rollen bessere Antennen als die bereits 19 (!) mal für den Oscar nominierte Streep, die den Goldjungen obendrein schon dreimal für sich verbuchen konnte. Auch für ihre Performance in „Florence Foster Jenkins“ wird sie bereits als heiße Academy-Award-Anwärterin gehandelt und wir möchten uns dem anschließen. Die Art, wie Streep diesem tragikomischen Biopic zu Grandezza, Menschlichkeit und Leidenschaft verhilft, ist im Filmgeschäft bis heute einmalig. Streep besitzt nicht bloß in den musikalischen Momenten jenen offensiven Mut, den es braucht, um die energiegeladene aber eben auch furchtbar schlechte Sängerin glaubhaft passioniert zu verkörpern. Gleichzeitig sorgt die Mimin mit ihrem sensiblen Spiel auch dafür, dass ihre Figur niemals der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Stephen Frears gelingt dabei der extrem schwierige Spagat, die Gesangsszenen bei all ihrer inne wohnenden Komik immer noch so realistisch und lebensnah zu gestalten, dass der Zuschauer beide Seiten des Publikums versteht; wer sich ein Grinsen nicht verkneifen kann, darf dies ohne schlechtes Gewissen tun; „Florence Foster Jenkins“ ist trotz der recht ernsten Grundgeschichte ein äußerst leichtfüßiger Film geworden. Doch in den stillen Momenten steckt in Florence Foster Jenkins so viel Zerbrechlichkeit, dass wir ihr trotz der nicht zu leugnender Gesangsschwächen jeden Ruhm dieser Welt gönnen. Ein Balanceakt aller erster Güte!

Im Gegensatz zu den diversen anderen Filmen, in denen Meryl Streep in den vergangenen Jahren mitspielte (wir erinnern nur an „Ricky – Wie Familie so ist“ oder „Im August in Osage County“), überstrahlt die Schauspielerin den Rest des Ensembles diesmal nicht ganz so sehr. Das liegt aber nicht an Streeps Leistung, sondern daran, dass sie in Hugh Grant („Codename U.N.C.L.E.“) und „Big Bang Theory“-Star Simon Helberg zwei absolut ebenbürtige Gegenspieler gefunden hat. Der sich zuletzt rar machende Grant triumphiert in seiner komplexen Rolle des aufopferungsvollen Ehemannes und Unterstützers, dessen Liebe zu Florence sich immer wieder subtil mit seinen männlichen Grundbedürfnissen nach körperlicher Liebe beißt. Dank der nuanciert-sensiblen Spielweise Grants gerät dieser Konflikt jedoch nie plakativ; dasselbe gilt für die Figur Helbergs, die dafür prädestiniert wäre, lediglich Stichwortgeber für einige Gags zu sein, um die dramaturgische Fallhöhe zwischen der Tragik in Florence Foster Jenkins‘ Figur und den so amüsanten Gesangsszenen noch weiter zu vergrößern. Doch Helberg versieht seinen Pianisten Cosmé McMoon mit einer ausgeglichenen Mischung aus naiver Verspieltheit und reifer Intelligenz. So wird er ganz nebenbei auch zur beobachtenden Identifikationsfigur für das Publikum, das in vielen Szenen nicht weiß, ob es lachen oder weinen soll. Helbergs Cosmic nimmt einem diese Entscheidung zwar nicht ab, ordnet das Geschehen aber auf einer sehr menschlichen Ebene ein. So ist „Florence Foster Jenkins“ keine One-Woman-Show, sondern grandioses Ensemblekino.

Hugh Grant meldet sich in der Rolle des Unterstützers St. Clair Bayfield mit einem Paukenschlag zurück!

Hugh Grant meldet sich in der Rolle des Unterstützers St. Clair Bayfield mit einem Paukenschlag zurück!

Der auf authentisches Kino vor der Kulisse vergangener Dekaden spezialisierte Stephen Frears ist mit „Florence Foster Jenkins“ natürlich voll in seinem Element. Kulissen, Ausstattung und Kostüme wirken wie direkt aus dem New York der Vierzigerjahre importiert und strotzen nur so vor Detailverliebtheit. Inhaltlich leidet der Film hier und da ein wenig darunter, dass Frears in seiner Zielstrebigkeit fast schon ein wenig zu ambitioniert ist. „Florence Foster Jenkins verzichtet vollkommen auf unnötige Handlungsschlenker und ist damit so stringent und ecken- und kantenlos, dass sich manch einer an dieser Form der Hochglanzproduktion stören könnte. Es gibt nahezu keine Reibungspunkte und auch der Überraschungseffekt bleibt weitestgehend außen vor, obwohl das Schicksal der Gesangsdiva nicht unbedingt zum Allgemeinwissen gehört. Trotzdem steckt „Florence Foster Jenkins“ von der ersten bis zur letzten Sekunde voller Leben, Herz und mitreißender Emotionalität, die es absolut verschmerzen lassen, dass man immer schon ein wenig weiß, wo genau die Reise hingeht. Es hindert uns nicht daran, die beeindruckende Persönlichkeit Florence Foster Jenkins mit all ihren exzentrischen Macken und ihrem großen Herz in unseres zu schließen.

Fazit: Stephen Frears gelingt mit „Florence Foster Jenkins“ eines der allumfassend berührendsten Filmerlebnisse des Jahres, bei dem die fehlende Innovation und der allzu reibungslose Storyablauf allenfalls im Ansatz stören.

„Florence Foster Jenkins“ ist ab dem 24. November in den deutschen Kinos zu sehen.

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