Burg Schreckenstein

Auch ohne Computer und Smartphone erleben die Jungs und Mädels in BURG SCHRECKENSTEIN spannende Abenteuer. Damit wirkt die dieser Tage in den Kinos startende Jugendbuchverfilmung fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Gut oder schlecht? Das verrate ich in meiner Kritik.
Burg Schreckenstein

Der Plot

Er soll aufs Internat. Die Nachricht trifft den elfjährigen Stephan (Maurizio Magno) wie ein Vorschlaghammer. Nicht nur, dass sich seine getrennt lebenden Eltern dauernd streiten, jetzt eröffnet ihm seine Mutter Melanie (Jana Pallaske) auch noch, dass sie ihn auf ein Internat in die alte Burg Schreckenstein stecken wollen. Sie hoffen, dass sich so Stephans Noten verbessern. Doch die Schreckensteiner Jungs entpuppen sich keinesfalls als Streber. Ottokar (Benedict Glöckle), Mücke (Caspar Krzysch), Strehlau (Eloi Christ) und Dampfwalze (Chieloka Nwokolo) nehmen Stephan nach anfänglichen Differenzen in ihren Rittergeheimbund auf und dann geht der Internatsspaß erst richtig los! Die Jungen von Burg Schreckenstein sind nämlich auf Kriegsfuß mit den Mädchen vom benachbarten Internat Rosenfels. Während Direktor Rex (Henning Baum) die Streiche-Fehde zwischen den beiden Internaten gelassen sieht und der Graf der Burg (Harald Schmidt) sowieso nur sein ambitioniertes Heißluftballon-Projekt im Kopf hat, ist die Schulleiterin von Rosenfels, Frau Dr. Horn (Sophie Rois), entsetzt über die Disziplinlosigkeit. Während ihre Mädchen, allen voran Bea (Nina Goceva), Inga (Mina Rueffer) und Alina (Paula Donath) einen Racheplan gegen die „Schreckies“ schmieden, basteln diese am nächsten Streich. Sie ahnen noch nicht, dass Jungs und Mädchen ausgerechnet zum Burgfest unter einem Dach leben müssen. Katastrophe…oder doch nicht?

Kritik

Oliver Hassenkamps Jugendbuchreihe „Burg Schreckenstein“ umfasste zwischen 1959 und 1988 siebenundzwanzig verschiedene Bände. Ein Witz im Vergleich zu Romanserien wie „Die drei ???“ oder „TKKG“, die ebenso wie ihr ritterliches Pendant auch vertont und als Hörspiel auf den Markt gebracht wurden. Gleichwohl entwickelte sich um die Abenteuer auf dem gar nicht so schaurigen Jungeninternat eine vorzeigbare Fanbase, die „Burg Schreckenstein“ zu einem kommerziellen Erfolg machte, der auch Literaturkritiker nur beipflichten konnten. Nach dem Tod des Autors wurden die Bücher Ende der Achtziger eingestellt; es folgten lediglich einige Hörbuch-Lesungen, mehrere, vom Buchkanon abweichende Computerspiele und nun die Verfilmung von „Vincent will Meer“-Regisseur Ralf Huettner, der die Eskapaden der einem geheimen Ritterbund angehörenden Teens in „Burg Schreckenstein“ zu einem zeitlosen, charmanten, aber für die aller kleinsten auch einen Tick zu gruseligen Abenteuer zusammenspinnt, das vor allem deshalb besticht, weil Smartphone und Computer hier überhaupt keine Rolle spielen. Damit wirkt „Burg Schreckenstein“ bisweilen aus der Zeit gefallen, doch dass das als großer Vorzug gewertet werden kann, bewiesen in den vergangenen Jahren bereits die ähnlich smarten „Rico, Oskar“-Filme.

Burg Schreckenstein

Wer nun aber glaubt, es bei „Burg Schreckenstein“ mit einem altbackenen Unterfangen zu tun zu haben, den belehrt Regisseur Ralf Huettner bereits in der Auftaktszene eines Besseren. In der nämlich erwachen coole Monster-Graffitis zum Leben, die den vom schulischen Alltag und der anklingenden Vernachlässigung seiner Eltern überforderten Protagonisten Stephan zu aktuellen Hip-Hop-Sounds die Straße entlang scheuchen, bis dieser schließlich die ganz und gar nicht coole Nachricht erhält, dass er schon bald aufs Internat muss. Allein in dieser Szene finden sich all die Vorzüge wieder, mit denen das Kinder- und Jugendabenteuer in seinen knackigen eineinhalb Stunden punkten kann. Während sich andere Filme, die vornehmlich an eine junge Zielgruppe gerichtet sind, darin abmühen, irgendeinen vermeintlich aktuellen Zeitgeist zu treffen, indem sie ihren heranwachsenden Protagonisten einen aufgesetzten Jugendslang in den Mund legen und Traditionen erfinden, die es überhaupt nicht gibt, ist Ralf Huettner ein genauer Beobachter, der seine Figuren, ihre Umstände und die Vor- und Nachteile genau kennt, die das Aufwachsen in der heutigen Zeit mit sich bringt. Faktoren, die den in seiner Entstehungszeit authentischen Handlungsverlauf im Vergleich zu heute unglaubwürdig machen könnten, werden gekonnt aus dem Weg geräumt, wenn etwa Handys in der Burg nicht genutzt werden dürfen, Kameradrohnen aber sehr wohl, was die Story einerseits im Hier und Jetzt verankert, es andererseits aber umgeht, dass man eineinhalb Stunden dabei zusieht, wie Pubertierende auf ihre Smartphone-Displays starren. So finden Regisseur Ralf Huettner und sein Drehbuchautor Christian Limmer („Hinter Kaifeck“) eine feine Balance zwischen altmodisch und brandaktuell, wodurch „Burg Schreckenstein“ einen ganz eigenen, mit anderen Filmreihen kaum vergleichbaren Ton trifft.

Die Probleme, denen sich Teenager auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden ausgesetzt sehen, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten glücklicherweise nicht geändert. So machen die Inszenatoren einen handfesten (und doch niedlich-unschuldigen) Krach zwischen Jungs und Mädchen zum Hauptkonflikt ihres Films, in dessen Verlauf beide Parteien erkennen, dass das andere Geschlecht vielleicht doch gar nicht so schlimm ist, wie man zuvor dachte. Die Ideen, mit denen die Jungs den Mädchen und schließlich die Mädchen den Jungs zusetzen, sind dabei derart kreativ, dass die Übertragbarkeit auf die Realität das ein oder andere Mal hinterfragt werden darf; wenn die Schreckensteiner in einer Nacht- und Nebelaktion im Computerraum des Mädcheninternats ein Dutzend Hühner aussetzen, sollte man einfach nicht näher überlegen, inwiefern das tatsächlich möglich ist, wenn ihnen doch nur ein Schlauchboot zur Überquerung des die beiden Anwesen trennenden Sees und der Einstieg über hoch gelegene Fenster möglich ist. Der körperbetonte Humor und jede Menge Slapstick gleichen kleine Holprigkeiten in der innerfilmischen Logik jedoch gekonnt wieder aus. Zumal sich die Zielgruppe an derartigen Beiläufigkeiten ohnehin kaum stören wird. Das Tempo ist hoch, der Schlagabtausch zwischen Mädchen und Jungs kernig und die Chemie zwischen den Figuren in jedem Moment glaubhaft. Und wird es dann doch mal schaurig, können die anschließenden emotionalen Szenen die vielleicht verschreckten Zuschauer rasch in Sicherheit wiegen.

Burg Schreckenstein

Aufgesetzt harmoniebefürftig erscheint „Burg Schreckenstein“ trotzdem nie. Sämtlichen Jungdarstellern sitzt der Schalk im Nacken, doch das Herz am rechten Fleck macht sie gleichsam zu hochsympathischen Identifikationsfiguren für jedes Alter. Die Verwicklungen innerhalb der Schreckensteiner-Clique gehen glaubhaft gesittet vonstatten; dass Stephan zunächst mit dem Ältesten der Crew seine Probleme hat, ist in diesem Alter ebenso normal, wie die kontinuierlich ansteigende Sympathie für ihn, wenn das Eis erst einmal gebrochen ist. Unter den Erwachsenen verwirrt lediglich die Besetzung von Talk-Legende Harald Schmidt als – im wahrsten Sinne des Wortes – guter Geist der Burg, der mit seinen Plänen, einen Heißluftballon steigen zu lassen, mehr inhaltliche Verwirrung stiftet, als dass seine Sidekick-Figur einen Mehrwert bieten würde. Dafür überzeugt Henning Baum („Der letzte Bulle“) als äußerst cooler Lehrer ebenso wie Sophie Rois („3“) als herrlich hysterische Heimleiterin. Auch Jana Pallaske („Fack ju Göhte 1 und 2“) hat als überforderte, aber doch aufopferungsvolle Mutter einen kurzen Gastauftritt, dessen Natürlichkeit die unaufgeregte Attitüde des Films unterstreicht. Die Stars in „Burg Schreckenstein“ bleiben allerdings die Nachwuchsschauspieler rund um Maurizio Magno („Kokowääh 2“), deren Chemie untereinander so selbstverständlich ist, als würde man hier gerade tatsächlich einer eingeschworenen Schulgemeinschaft zuschauen.

Fazit: Spannend, witzig und auf eine schöne Weise altmodisch: „Burg Schreckenstein“ trifft auch im Jahre 2016 den Nerv abenteuerlustiger Teens, die sich nach dem Kinobesuch nichts sehnlicher wünschen werden, als selbst auf einem solchen Internat zu wohnen.

„Burg Schreckenstein“ ist ab dem 20. Oktober bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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