Mikro & Sprit

Michel Gondry fährt visuell auf Sparflamme. Doch weshalb sein minimalistisch inszenierter Coming-of-Age-Roadtrip MIKRO & SPRIT genau dadurch zu einem phänomenalen Statement gegen die emotionale Verrohtheit wird, verrate ich in meiner Kritik.Mikro & Sprit

Der Plot

Mitten im laufenden Schuljahr kommt ein Neuer in die Klasse – Théo (Théophile Baquet). Wie Daniel (Ange Dargent) ist auch er schnell ein Außenseiter in der Klasse: Daniel, introvertiert und immer vertieft in seine Zeichnungen, und Théo, der auf alles eine Antwort weiß und leidenschaftlich gerne tüftelt. Doch eins haben beide gemeinsam: Als die Sommerferien beginnen, will keiner die Zeit mit seiner Familie verbringen und zusammen schmieden sie einen Plan. Mit Hilfe eines Rasenmäher-Motors und einigen Brettern zimmern sie sich ein ebenso skurriles wie liebevoll gestaltetes und vor allem fahrbares Haus. Ein abenteuerlicher Roadtrip – mit maximal 20 km/h – über die französischen Landstraßen beginnt. Sie lernen neue Freunde kennen, liefern sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei und vor allem…machen das, was sie schon immer tun wollten: die Freiheit genießen, einen wundervollen Sommer lang!

Kritik

Der 53-jährige Regisseur Michel Gondry ist der Traumtänzer der französischen Filmindustrie. In seinen Werken verschmelzen die Grundfesten der Realität mit den absurdesten Szenerien, die sich andere Regisseure allenfalls für spektakuläre Traumsequenzen aufbewahren. Dabei lotet er immer auch die emotionale Beschaffenheit seiner Charaktere aus und nutzt die bisweilen äußerst abgehoben wirkenden Inszenierungsmethoden nicht selten zur Veranschaulichung derselben. In Sachen Ideenreichtum gibt es Niemanden, der dem Verantwortlichen solcher Indieperlen wie „Vergiss mein nicht“, „Science of Sleep“ oder „Der Schaum der Tage“ das Wasser reichen könnte. Und was all das heutzutage noch eine Spur besonderer macht: Pompöse Tricktechnik oder abgefahrene CGI-Orgien à la Hollywood sucht man in den verspielten Arthouse-Produktionen vergeblich. Alles, was Michel Gondry – im wahrsten Sinne des Wortes – auf die Leinwand zaubert, existierte am Set so tatsächlich und entstammt ebenfalls der scheinbar grenzenlosen Fantasie des Regisseurs, der für das Gelingen eines Films schon mal Autos aus Glas in Auftrag gibt, seine Darsteller mehrere Minuten lang unter Wasser agieren lässt oder sich für seine Kulissen einfach mal ganz neue Maßstäbe und Blickwinkel ausdenkt. Im Grunde gibt also ausgerechnet ein Franzose dem Begriff „Traumfabrik“ eine ganz neue Bedeutung – und genau dieser fügt er mit dem Coming-of-Age-Film „Mikro & Sprit“ einen weiteren Geniestreich hinzu, der zwar nicht zu Michel Gondrys abgefahrensten, wohl aber zu seinen besten Arbeiten gehört.

Ange Dargent

Inszenatorisch hält sich Michel Gondry in „Mikro & Sprit“ auffällig zurück. Das einzig Verschrobene in dieser durch und durch authentischen Außenseitergeschichte ist die Prämisse selbst: Zwei heranwachsende Schuljungen, der eine frühreif, der andere einen Tick zu klein gewachsen, beschließen aus einer Rebellion heraus ihre Elternhäuser zu verlassen, um sich mithilfe eines selbst gebauten, fahrenden Hauses (!) bis an die französische Küste durchzuschlagen. Gondry, der hier wie bei fast allen seiner Filme auch als Drehbuchautor fungiert, ordnet dieses Szenario nicht etwa so absurd ein, wie es dem Zuschauer auf den ersten Blick erscheinen mag. Stattdessen nimmt er die Situation so wie sie ist und stellt sich in einer Selbstverständlichkeit an die Seite seiner jungen Protagonisten, dass die Frage nach dem Ausgang der Geschichte die irrelevanteste von allen ist. Stattdessen ist „Mikro & Sprit“ vielmehr das zeitgeistige Portrait einer Jugend, wie sie in der heutigen Welt nach und nach ausstirbt. Mit ihrem Optimismus, dem Drang, etwas zu tun, anstatt nur tatenlos rumzusitzen und der Abenteuerlust, die Mikro und Sprit hinaus in die Ferne treibt (und sie gar auf alltägliche Luxusgegenstände wie das Smartphone verzichten lässt), wirken sie wie klassische Entdeckerfiguren in einer Zeit, in der es eigentlich nichts mehr zu entdecken gibt. Also setzt Gondry seine Geschichte an einem Scheideweg an: Jung genug, um noch nicht desillusioniert zu sein, aber alt genug, um bereits eine gewisse Weitsicht zu besitzen, schickt der Filmemacher seine beiden Hauptfiguren auf einen Selbstfindungstrip, der geerdet zwischen Melancholie und Leichtfüßigkeit hin und her schwankt.

Insofern ist es dann auch überhaupt kein Wunder, dass schon ziemlich bald keiner mehr Augen für die erwachsenen Darsteller (unter anderem die französische Star-Aktrice Audrey Tautou) besitzt. Stattdessen reißen die beiden Jungschauspieler Théophile Baquet („Krieg der Knöpfe“) und Ange Dargent das Zepter an sich, noch bevor sich überhaupt ausgiebig mit den Charakteren befasst wurde. In den Vordergrund spielen muss sich keiner von beiden. Stattdessen ist ihre Interaktion so ungekünstelt und lebensecht, dass man bei jedem Satz der Newcomer an ihren Lippen klebt. Während sich Théophile Baquet als Draufgänger versteht und seiner Rolle etwas Unnahbares verleiht, ist Ange Dargents Daniel alias Mikro auf den ersten Blick wesentlich introvertierter. Doch nicht nur sein Freund Sprit erkennt es schnell, auch dem Publikum bleibt die innere Stärke des daheim oft missverstandenen Außenseiters nicht verborgen. Das nicht immer ein und dieselbe Meinung teilende Duo ergänzt sich zu jeder Sekunde. Auf simple Allgemeinplätze zur Veranschaulichung dieser Entwicklung baut Michel Gondry dabei nicht. Überhaupt lässt sich nur wenig der sich auf der Leinwand abspielenden Szenen irgendwie an bereits Gesehenem messen. Die Ausgangslage des Roadtrips ist bekanntes Coming-of-Age-Material. Das was folgt, mit all seinen angenehmen wie unangenehmen Themen, vor allem aber das unvorhersehbare Finale hingegen ordnen sich nicht dem Bequemlichkeitsempfinden des Zuschauers unter.

Mikro & Sprit

Das Besondere an „Mikro & Sprit“: Hinter all dem hoffnungsvollen Idealismus der beiden Hauptfiguren steckt immer auch das Wissen darum, dass ebenjene Hoffnung vermutlich die einzig gute Idee ist, halbwegs glücklich durchs Leben zu kommen. Nicht umsonst sagt man, dass ausschließlich Betrunkene und Kinder die reine Wahrheit von sich geben; die niemals aufgesetzten Regungen von Mikro und Sprit entführen den von extremen Emotionen geprägten Zuschauer in eine Welt, in der ein gesagtes Wort noch als ein solches gilt. Insofern ist „Mikro & Sprit“ auch ein Film, in dem auf der Leinwand selbst wenig passiert. Nur selten scheint der spielerische Ideenreichtum Michel Gondrys durch – etwa, wenn er für eine Traumsequenz ein Flugzeug rückwärts fliegen lässt. Doch im Kern (und im Anbetracht unserer schnelllebigen, hektischen und nicht selten äußerst oberflächlichen Welt) ist Michel Gondrys Minimalismus hier fast noch beeindruckender, als die Bildgewalten, die er in den vergangenen Jahren auf die Leinwand zauberte. Leise ist das neue Laut – der richtige Film zur richtigen Zeit und ein hervorragender Beitrag zur weltlichen Entschleunigung.

Fazit: „Mikro & Sprit“ versinnbildlicht auf melancholisch-optimistische Weise den „Das Leben geht weiter“-Gedanken, ohne dabei zu verschweigen, dass man ja ohnehin keine andere Wahl hat. Dabei nimmt er seine jugendlichen Hauptdarsteller trotz frecher Attitüde genau so ernst, wie es sein muss, sodass trotz der absurden Prämisse außer Frage steht, dass die Geschehnisse im Film so tatsächlich möglich wären. Eine Tragikomödie, von der man gerade als realistisch denkender Erwachsener noch viel lernen kann.

„Mikro & Sprit“ ist ab dem 2. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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