Mängelexemplar

„Depressive sind doch einfach nur traurig!“ – Wie falsch diese Aussage ist, zeigt uns Regisseurin Laura Lackmann mit ihrem Regiedebüt MÄNGELEXEMPLAR und wird damit den einen oder anderen Kinozuschauer vor den Kopf stoßen. Mehr dazu in meiner Kritik.Mängelexemplar

Der Plot

Karo (Claudia Eisinger) hat kein Problem. Karo ist das Problem: Für ihre Chefin, ihren Freund und für einen Baumarktmitarbeiter, der Karo nach einem sonderbaren Wutausbruch in Gewahrsam nehmen muss. Und es stimmt, mit Karo stimmt was nicht. Sie ist ungeduldig, viel zu emotional und hat sich selbst nicht unter Kontrolle. Als Karo deswegen ihren Job verliert und selbst ihre beste Freundin nichts mehr von ihr wissen will, wird ihr klar, dass sich etwas ändern muss. Voller Übereifer stürzt sie sich in eine Therapie, will die Superpatientin sein und macht gerade deshalb alles falsch. Als daraufhin ihr Freund mit ihr Schluss macht wird es ernst. Von Panikattacken in die Depression getrieben muss sie feststellen, dass es nicht leicht ist, ein Problem zu lösen, wenn man es selber ist.

Kritik

Als sich Deutschlands größte Filmzeitschrift dieser Tage zu dem Fazit hinreißen ließ, mit der nervigen Heulsuse aus „Mängelexemplar“ möchte man doch eher keinen gemeinsamen Kinoabend verbringen, da ist dem zuständigen Redakteur im Moment seiner Bewertung wohl gar nicht bewusst gewesen, wie genau er damit den Nagel auf den Kopf trifft und trotzdem völlig irrt. Für den Kollegen ist dieser Umstand ein Grund, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Sarah Kuttner relativ weit unten auf der Bewertungsskala einzuordnen. Dass die Hauptfigur Karo mit ihrer nervenzerrenden Attitüde, ihrem unvorhersehbaren, emotionalen Wankelmut sowie Angststörungen und Panikattacken die Geduld der Zuschauer stark strapaziert, ist einzig und allein einer Tatsache geschuldet: Karo hat Depressionen. Und in der heutigen Welt will man mit einer Depressiven eben keinen gemeinsamen Kinoabend verbringen. Diese emotionale Störung ist schließlich einzig und allein dann en vogue, wenn sich ein berühmter VIP dazu bekennt, deshalb schon lange in psychotherapeutischer Behandlung zu sein. Dann, ja dann ist es für einen Moment vielleicht gar nicht so uncool, sich mit einer psychisch labilen Person abzugeben. Aber in Wirklichkeit hat dieses Krankheitsbild absolut nichts mit Glanz und Glamour zu tun, sondern ist nicht nur für den Patienten selbst, sondern auch für Außenstehende eine echte Belastungsprobe. Und genau diese fängt Langfilmdebütantin Laura Lackmann ungeschönt und manchmal eben auch durchaus nervig ein. Doch wer wirklich gewillt ist, sich ernsthaft mit Depressionen auseinander zu setzen, der muss es eben auch ertragen können, wenn sich der Film hier und da nicht sonderlich bequem anfühlt.

Mängelexemplar

Zugegeben: Protagonistin Karo ist tatsächlich Niemand, der es einem leicht macht. Im Gegenteil: Wenn die soeben gefeuerte Werbeagenturmitarbeiterin in einem Baumarkt stöbert und dabei so lange ein heulendes Kind provoziert, bis dieses irgendwann, noch lauter wimmernd, zu seiner Mutter rennt, dann kann man es als Zuschauer durchaus nachvollziehen, dass der Mitarbeiter vor Ort lieber die Polizei und Karos Freund anruft, anstatt sie einfach vor die Tür zu setzen. Zu Beginn von „Mängelexemplar“ dominiert ein Tonfall das Geschehen, der sich nicht ganz entscheiden kann, wo es mit dem Film eigentlich hingehen soll. Doch schon hier trifft das Skript von Laura Lackmann das Dilemma der jungen Frau auf den Kopf: In Karo sprudeln so viele vereinzelte Emotionen über, dass „Mängelexemplar“ aus einer Überforderung heraus fast zu scheitern droht. Wenn da nicht Claudia Eisinger wäre. Die aufstrebende Newcomerin, die zuletzt in „Sex & Crime“, „Heil“ und „Wir sind die Neuen“ zu sehen war, stemmt hingebungsvoll die Mammutaufgabe, der hier und da tatsächlich unausstehlichen Karo ein Profil zu geben, mit dem wir uns angesichts ihrer emotionalen Verfassung gern arrangieren. Dabei punktet Karo eben nicht mit bloßer Sympathie, sondern mit Echtheit. Ein Prädikat, das man heutzutage nur noch sehr selten verteilen darf und kann.

Mit dem emotionalen Spagat, den „Mängelexemplar“ fast schon zu einer eigenen Kunstform erhebt, setzt sich der Film aber auch durchaus in die Nesseln. Je weiter die Laufzeit voranschreitet, desto größer werden die Ausschläge in positiv wie negativ gestimmte Gefilde. Obwohl die Gefahr, der tragische und der komische Part könnten einander stören, nach und nach eigentlich immer größer werden müsste, ist es doch gerade die Anfangsphase und damit die vermeintlich simpler zu inszenierende, in welcher der erzählerische Fluss immer wieder ins Stocken gerät. Als reine Komödie, als welche „Mängelexemplar“ zu beginnen scheint, ist Laura Lackmanns Werk nicht annähernd so eindringlich, spannend und stimmig, denn als kantige Tragikomödie mit dramatischer Basis, zu der ihr Film schließlich wird. Dies liegt in erster Linie an einigen Pointen, die dem Film ihre Bodenständigkeit rauben, nur um Lacher zu generieren. Dabei hat „Mängelexemplar“ diese gar nicht nötig. Der Charakter der Karo bietet genug emotionale Fallhöhen, um komödiantische Szenen zu inszenieren, ohne dabei auf platte Gags zu setzen. Das fertige Projekt fängt solide an, steigert sich aber stetig – eine Entwicklung, die definitiv in die richtige Richtung geht.

Mängelexemplar

Um das Publikum nicht mit Karos Selbstfindungsphase allein zu lassen, finden sich innerhalb des Drehbuchs einzelne Stationen, die „Mängelexemplar“ nach und nach abhakt. Karos Leben ist voller Baustellen. Da ist das brach liegende Liebesleben, eine Unstimmigkeit innerhalb der Familie, der ihre Mutter vor einer Ewigkeit verlassene Vater (stark: Detlev Buck), den die junge Frau also nie hatte, ein Streit mit der Freundin und der verlorene Job. In der Masse an Problemen wundert es wenig, dass eine Person, gleich welchen Geschlechts, irgendwann nicht mehr in der Lage ist, aufrecht durchs Leben zu gehen. Die furchtbare, emotionale Verfassung Karos ist also keine bloße Behauptung, sondern ein nachvollziehbares Problem, in das sich der Zuschauer hineinversetzen kann. Wo es für Karo schließlich hingeht, löst das Drehbuch ohne Effekthascherei, aufdringliche Happy Ends und auch ohne immer den einfachsten Weg zu gehen. Das stimmt im Hinblick auf die Erzählung sowie den Blick auf die technische Ausstattung. Kameramann Stan Mende („Freier Fall“) passt sich mit seinen Bildern dem Gemütszustand der Protagonistin an; ist manchmal sehr nah am Geschehen und besinnt sich auf sanfte Farbgebung, während er ein anderes Mal Hektik walten lässt und die grellen Farben einen fast überfordern. Selbiges gilt für die Musik (Jan Weigel), die mehrmals zum direkten Kommentator wird.

Fazit: „Mängelexemplar“ ist ein unglaublich spannendes, wenngleich nicht einfach so zu konsumierendes Filmerlebnis, das Depressionen so einfängt, wie sie sind: unbequem. Kleiner Tipp: Wer der Meinung ist, Depressive seien doch „einfach nur traurig“, sollte sein Geld vielleicht lieber in einen anderen Film investieren.

„Mängelexemplar“ ist ab dem 12. Mai in den deutschen Kinos zu sehen.

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